08. August 2013

Interview mit Hans-Hermann Hoppe Die logische Schönheit des Libertarismus

Demokratische Staatsregierungen fördern Gleichmacherei, Relativismus und Hässlichkeit

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Vorbemerkung: Dieses am 15. Juli 2013 vom brasilianischen Philosophie-Magazin „Dicta & Contradicta“ durchgeführte Interview mit dem Ökonomen und Soziologen Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe wurde 2. August von der Webseite des Mises-Institute, Alabama, veröffentlicht. ef-online veröffentlicht hier mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Dr. Hoppe eine deutsche Übersetzung des Gesprächs.

Frage: Würde der Wechsel von einer etatistischen zu einer libertären Gesellschaft die Entstehung hochentwickelter Kultur unterstützen oder verhindern?

Hoppe: Eine libertäre Gesellschaft wäre sehr viel erfolgreicher und wohlhabender und dies würde sicher sowohl einer niedrigen als auch einer hohen Kultur helfen. Aber eine freie Gesellschaft – eine Gesellschaft ohne Steuern und Steuersubventionen und ohne sogenannte „geistige Eigentumsrechte“ – würde eine ganz andere Kultur hervorbringen, mit einer ganz anderen Zusammenstellung von Produkten, Produzenten, Stars und Misserfolgen.

Frage: Sie erkennen einen kausalen Zusammenhang zwischen der Regierungsform einer Gesellschaft und ihren moralischen Werten und ihrer sozialen Entwicklung. Sehen Sie einen ähnlichen Zusammenhang zwischen der Regierungsform und ästhetischen Standards und der Qualität von Kunst und Unterhaltung?

Hoppe: Ja, das tue ich. Demokratische Staatsregierungen fördern Gleichmacherei und Relativismus. Bezogen auf die menschlichen Wechselbeziehungen führt dies zur Untergrabung und letztendlich zum Verschwinden der Vorstellung von ewigen und universellen Rechtsprinzipien. Das Recht wird durch Gesetzgebung verdrängt und verschüttet. Bezogen auf die Künste und ästhetische Beurteilung führt Demokratie zur Zerstörung und letztendlich zum Verschwinden der Idee der Schönheit und universellen Standards von Schönheit. Die Schönheit wird durch die sogenannte „moderne Kunst“ verdrängt und verschüttet.

Frage: Vorausgesetzt, dass libertäre Gesellschaften Andersdenkende für jede mögliche Auffassung unbehindert ausweisen könnten, gäbe es dann mehr oder weniger freie intellektuelle Diskussionen in einer libertären Welt im Gegensatz zu unserer? Und im Gegensatz zu einer Welt bestehend aus traditionellen Monarchien?

Hoppe: Privateigentum berechtigt den Eigentümer zur Diskriminierung, andere von seinem Eigentum auszuschließen oder zu ihm einzuladen und die Bedingungen zum Eintritt und für die Aufnahme zu bestimmen. Sowohl Aufnahme und Ausschluss haben damit verbundene Kosten und Nutzen für den Eigentümer, die er gegeneinander abwägt wenn er seine Entscheidung trifft. Auf jeden Fall ist die Entscheidung des Eigentümers durch seine Sorge um sein Eigentum und durch Vernunft beeinflusst. Sein Denken kann sich als richtig erweisen und er erreicht sein Ziel oder es kann sich als falsch erweisen, aber in jedem Fall ist die Entscheidung des Eigentümers durchdacht.

Der Gründer und Entwickler einer privaten Gemeinde würde dann wahrscheinlich nicht aufgrund reiner Meinungsverschiedenheiten diskriminieren und ausschließen. Oder falls er dies täte, würde er wahrscheinlich nicht mehr als die Anhänger eines Gurus anziehen. Normalerweise basiert Diskriminierung auf Unterschieden im Verhalten, Ausdruck und Erscheinung bei dem was Menschen machen und wie sie in der Öffentlichkeit auftreten, auf Sprache, Religion, Volkszugehörigkeit, Gewohnheiten, sozialer Klasse und so weiter. Der Eigentümer diskriminiert, um einen hohen Grad an Homogenität im Verhalten seiner Gemeinde zu erreichen und damit innergesellschaftliche Spannungen und Konflikte zu vermeiden oder zu reduzieren – im Wirtschaftsjargon: Um Transaktionskosten zu reduzieren; und dies macht er in der Erwartung, dass seine Entscheidung für sein Eigentum und seine Gemeinde gut sein werden.

Auf jeden Fall gäbe es in einer libertären Welt viel mehr Diskriminierung als in der gegenwärtigen staatlichen Welt, welche durch unzählige Antidiskriminierungsgesetze und, konsequenterweise, allgegenwärtige erzwungene Integration charakterisiert ist. Insbesondere, unabhängig davon welche anderen Kriterien sonst zur Aufnahme oder zum Ausschluss genutzt werden, würde in einer libertären Welt kein privater Besitzer einer Gemeinschaft kommunistische oder sozialistische Aktivisten auf seinem Eigentum tolerieren – und diese nicht benachteiligen – wollen. Als Feinde eben jener Institution auf der die Gemeinschaft beruht, würden sie ausgeschlossen oder ausgestoßen werden – aber sie blieben natürlich frei, ihre eigene kommunistische Gemeinschaft, Kibbutzim oder sonstiges „Lifestyle-Experiment“ zu errichten, das ihnen einfällt.

Zusammengefasst und um Ihre Frage letztendlich zu beantworten wäre eine libertäre Welt durch eine weit größere Vielfalt von verschiedenen aber intern relativ homogenenen Gemeinschaften charakterisiert, und konsequenterweise würde der Umfang, die Verschiedenheit und Lebendigkeit der intellektuellen Diskussion mit größter Wahrscheinlichkeit alles was gegenwärtig oder jederzeit in der Vergangenheit erlebt wurde weit übertreffen.

Frage: Haben politisch und ethisch libertäre Positionen irgendeine Beziehung zu bestimmten ästhetischen und künstlerischen Beurteilungen? Wäre es widersprüchlich für einen Libertären, Liebhaber zum Beispiel des sowjetischen Realismus zu sein?

Hoppe: Aus rein logischer Sicht ist Libertarismus mit jedem ästhetischen und künstlerischen Stil oder dessen Beurteilung kompatibel. Ich bin nicht der erste, der zum Beispiel bemerkt hat, dass die künstlerische Arbeit der berühmten Libertären Ayn Rand eine auffallende stilistische Ähnlichkeit mit dem sozialistischen Realismus aufweist. Ebenso habe ich es für möglich gehalten, dass man ein „perfekter“ Libertärer sein und niemals jemandes Person oder Eigentum angreifen, und dennoch ein allseits nutzloser, unangenehmer oder sogar mieser Geselle sein könne.

Psychologisch jedoch liegen die Dinge anders. Hier, im Bereich der Psychologie, spüren wir, dass ein Leben als friedlicher Rumtreiber oder als Liebhaber von sozialistischem Realismus mit dem Leben eines selbstbewussten Libertären irgendwie inkompatibel ist und im Widerspruch steht. Wenn wir solches Verhalten oder diesen Geschmack in einem erklärten Libertären wiedererkennen, verursacht dies bei uns emotionalen oder ästhetischen Schmerz und Dissonanz. Und das zu Recht, glaube ich. Weil die menschliche Erfahrung durch das integrierte Ganze dreier Fähigkeiten charakterisiert ist: Das Erkennen von Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit. Wir können zwischen Wahr und Unwahr unterscheiden, wir können Richtig von Falsch unterscheiden und wir können zwischen dem Schönen (und Vollkommenheit) und dem Hässlichen (dem Unvollkommenen) unterscheiden – und wir können über diese drei Vorstellungen reden und nachdenken. Ein ganzheitliches und vollständiges menschliches Leben sollte darum nicht nur wahrhaftig und gerecht sein, sondern es sollte auch ein gutes Leben sein. Vielleicht nicht wunderschön und perfekt, aber ein Leben, das nach Schönheit und Perfektion strebt. Ein vorbildliches, moralisch und ästhetisch erhebendes Leben. Das ist es, woran es dem friedlichen Rumtreiber und dem Liebhaber des sozialistischen Realismus fehlt.

Frage: Anders herum, sollte Kunst eine Rolle bei der Gestaltung politischer und philosophischer Ideen spielen? Kann dies auf eine Weise getan werden, die nicht Propaganda für eine bestimmte Ideologie ist? 

Hoppe: Der Zweck der bildenden Kunst und der Musik ist die Schaffung von Schönheit in all ihren Erscheinungsformen. Sie hat keine weitere philosophische Bedeutung. Jedoch haben schöne Kunst und Musik und Libertarismus eine wichtige Gemeinsamkeit. Libertarismus ist auch wunderschön. Nicht ästhetisch natürlich, aber logischerweise als eine einfache und elegante Gesellschaftstheorie.

Bezogen auf die ganz oder teilweise diskursiven – erzählenden – Künste, ja, sie können als Mittel für die Förderung politischer und philosophischer Ideen dienen. Sie können dies Propaganda nennen. Aber diese Ideen können wahr und gut sein oder falsch und böse. Und obwohl ich kein kunstsinniger Mensch bin, hätte ich lieber mehr Künstler, die die wahren und guten Ideen von Privateigentum und Kapitalismus propagieren, wie Ayn Rand zum Beispiel, und weniger Künstler, die die falschen und bösen Ideen des Gemeinschaftseigentums und des Sozialismus propagandieren, so wie, sagen wir, Bertolt Brecht. Aber eine philosophische Agenda für die Kunst zu machen ist auch nicht notwendig – man kann auch eine Geschichte um ihrer selbst willen erzählen. Auch ist ein philosophisches Ziel nicht ausreichend um Kunst zu machen. Um Kunst zu machen, muss eine Erzählung vor allem durch Wahrhaftigkeit (im weitesten Sinne des Wortes) geprägt sein, durch Verständlichkeit, logische Kohärenz, die Beherrschung der Sprache, Ausdruck und Stil, und ein Gefühl der Menschlichkeit und der menschlichen Gerechtigkeit: der Handlungsmacht und des Bewussten und des Unbewussten im Leben, von Recht und Unrecht, und Gut und Böse. 

Frage: Haben die von den Intellektuellen diskutierten Ideen irgendwelche praktischen Auswirkungen auf die Geschichte der menschlichen Gesellschaft?

Hoppe: Ich bin kein Fan von J. M. Keynes. Aber er hatte Recht als er sagte, dass „die Vorstellungen von Ökonomen und politischen Philosophen, sowohl wenn sie richtig und wenn sie falsch sind, mehr Macht haben als allgemein angenommen. Tatsächlich wird die Welt von wenig anderem beherrscht. Praktische Menschen, die von sich selbst glauben, sie wären von jeglichem intellektuellen Einfluss völlig frei, sind meist Sklaven eines verstorbenen Ökonomen“. Tatsächlich ist Keynes eben jener verstorbene Ökonom, der falsche Ideen verkündet hat, unter dem die praktischen Menschen von heute geistig versklavt sind. 

Frage: Ist das akademische Leben in seinem aktuellen Zustand eine gesunde Umgebung für einen Intellektuellen? Kann er als Intellektueller auch irgendwo anders überleben?

Hoppe: Das hängt vom Intellektuellen ab. Das akademische Leben kann für jemanden, der politisch korrekte linke Platitüden ausspeit, über Jahre hinweg sehr bequem sein. Andererseits, für einen Austro-Libertären – und noch mehr für einen kulturell konservativen Austro-Libertären – ist akademisches Leben schwierig und häufig unerträglich. Mit Ausdauer und etwas Glück kann man es schaffen und überleben, aber wenn man sich nicht verkauft oder zumindest den Mund hält, sollte man bereit sein, einen Preis zu zahlen. 

Heutzutage kann man Dank des Internet dennoch als Intellektueller auch außerhalb des offiziellen akademischen Umfeldes überleben. Mit minimalen Einstiegskosten ist der Wettbewerb heftig aber die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Ermunternd ist, dass es heute schon ziemlich viele austro-libertäre Intellektuelle gibt, die über diesen Weg schon Prominenz errungen und Geld verdient haben.

Frage: Wenn Sie eine Meinung in den Köpfen aller Menschen in der heutigen Gesellschaft durch Zauberei ändern könnten, welche wäre das und warum? 

Hoppe: Hier stimme ich meinem wichtigsten Lehrer, Mentor und Meister Murray Rothbard zu. Ich würde nur wollen, dass die Menschen die Dinge so erkennen wie sie wirklich sind. Ich würde wollen, dass sie Steuern als Raub verstehen, Politiker als Diebe und den gesamten Staatsapparat und die Bürokratie als Schutzgelderpressung, als eine mafiöse Firma, nur viel größer und gefährlicher. Kurz: Ich würde wollen, dass sie den Staat hassen. Wenn jeder dies glauben und machen würde, dann, wie É. de la Boétie gezeigt hat, würde die ganze Macht des Staates nahezu sofort verschwinden.

Frage: Welchen positiven Einfluss hatte Habermas auf Ihre Ansichten? Gab es von ihm auch negative Einflüsse? 

Hoppe: Habermas war mein wichtigster Philosophielehrer und Doktorvater während meines Studiums an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main von 1968 bis 1974. Durch seine Seminare lernte ich die britische und amerikanische analytische Philosophie kennen. Ich las K. Popper, P. Feyerabend, L. Wittgenstein, G. Ryle, J. L. Austin, J. Searle, W.v.O. Quine, H. Putnam, N. Chomsky, J. Piaget. Ich entdeckte Paul Lorenzen und die Erlanger Schule und die Arbeit von K. O. Apel. Ich glaube immer noch, dass dies eine ziemlich gute intellektuelle Schulung war.

Persönlich bedauere ich nichts. Was den Einfluss von Habermas auf Deutschland und die deutsche öffentliche Meinung betrifft, war dies jedoch eine vollständige Katastrophe, zumindest vom libertären Standpunkt. Habermas ist heute Deutschlands meistgefeierter öffentlicher Intellektueller und der Hohepriester der „Polical Correctness“: Der Sozialdemokratie und des Wohlfahrtsstaats, des Multikulturalismus, der Antidiskriminierung (positiven Diskriminierung) und politischer Zentralisation gewürzt mit, insbesondere für den deutschen Verbrauch, einer starken Dosis „antifaschistischer“ Rhetorik und „Kollektivschuld“-Hetze. 

Frage: Lohnt es sich, Literatur zu lesen? Welches ist ihr literarisches Lieblingsbuch?

Hoppe: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Persönlich habe ich nie viel Literatur gelesen. Wenn ich etwas „Leichteres“ lesen möchte, lese ich normalerweise Geschichte, einschließlich historische Romane, Biografien oder literarische und kulturelle Kritik à la H. L. Mencken oder Tom Wolfe.

Information:

Dieses Interview wurde am 2.8.2013 auf der Webseite des Mises Institutes veröffentlicht und für ef-online von Robert Grözinger übersetzt.

Internet:

The Logical Beauty of Libertarianism


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