27. Juli 2013

NSA-Affäre Der Staat verliert die Contenance

Ein „souveränes Individuum“ läutet das neue Zeitalter der „Internet-Reformation“ ein

Dossierbild

Vor 16 Jahren prognostizierten die Autoren James Dale Davidson und William Rees-Mogg das baldige Auftreten des „souveränen Individuums“. Mit Hilfe des Internets würde dieses neue Wesen Macht auf Kosten des Nationalstaates erlangen. In Edward Snowden sehen wir womöglich eines der ersten Exemplare dieser Art. Jedenfalls eines der prominentesten.

Vergessen wir die Enthüllungen über Schnüffelvorgänge und -praktiken der Regierungen, die intelligente, wohlinformierte Zeitgenossen ohnehin zumindest schon geahnt haben. Snowden hat etwas anderes erreicht. Nämlich, dass der Welthegemon kurzzeitig ganz unsouverän seine Maske fallen ließ und für eine unfreiwillige Zwischenlandung des Präsidenten eines angeblich „souveränen“ Landes sorgte, weil sich an Bord seines Flugzeugs gerüchteweise der abtünnige NSA-Mitarbeiter befunden haben soll. Gleichzeitig wurden dadurch mehrere westeuropäische Staaten als willige Satrapen Washingtons entlarvt. Und allesamt standen sie vor aller Welt als Blödhammel da, weil der Gesuchte immer noch in Moskau saß.

Natürlich wäre Snowden, allein auf sich gestellt, noch weniger „souverän“ als Evo Morales. Aber er bediente sich geschickt der realpolitischen Lage und floh in genau die zwei Länder, die groß, stark und bewaffnet genug sind, um seinem Heimatland noch paroli zu bieten: China und Russland. Zugleich hält er selbst vermutlich noch Munition der in unserer Zeit stärksten Waffe nach der Atombombe und dem Zentralbankgeld: Information. Sie ist eine Waffe, über die bis vor kurzem die Regierungen eine weit größere Verfügungsmacht hatte als das Individuum. Nun nicht mehr so sehr. Das allein erklärt das unsouveräne Verhalten des Establishments in diesem und den ähnlich gelagertern Fällen Assange und Manning.

Allmählich begreifen auch die Lakei-Medien, was hier wirklich abläuft. Und dass es zunehmend in ihrem Interesse ist, diese Erkenntnisse mit ihren Konsumenten zu teilen. Im „Daily Telegraph“ schrieb vor kurzem die amerikanische Schriftstellerin und Dramatikern Bonnie Greer, was ihr an den Äußerungen Snowdens aufgefallen ist. In den Sätzen Snowdens: „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die solche Dinge tut“ und „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird“ seien die Schlüsselworte „Ich möchte nicht“ und „alles was ich tue und sage“. Dies seien die Worte einer neuen Spezies – „a new breed“ – diese sei „apolitisch, vielleicht sogar post-politisch, sie tun was sie tun, weil sie auf ihre Weise und in ihrer eigenen Zeit zu ihren eigenen Schlussfolgerungen gelangt sind.“ Greer nennt diese Spezies „Libertarian Millennial“ – die Libertären der Jahrtausendwende, wohl absichtlich mit dem Begriffsbeigeschmack des Religiös-Berufenen, ein die Endzeit – des Zentralstaates? – Deutender, Verkündender. Greer verwendet also lediglich ein anderes Wort für das „souveräne Individuum“ von Davidson und Rees-Mogg.

Selbst „Spiegel Online“ sieht sich genötigt, zugeben zu müssen, dass die ach so lieben linksgewirkten US-„Demokraten“ in der NSA-Affäre genauso gespalten sind wie die bös-rechten „Republikaner“. So berichtete die Plattform ziemlich wahrheitsgetreu kürzlich, dass die Initiative des republikanischen „Rebellen“ Justin Amash, die Macht der NSA zu kappen, an den Stimmen von Demokraten und Republikanern gescheitert ist – allerdings nur ganz knapp. Mit anderen Worten – die in der Hamburger Redaktion selbstverständlich noch nicht zu denken gewagt werden: In der US-Politik findet ein Paradigmenwechsel statt. Statt links gegen rechts heißt es in Zukunft freiheitlich-libertär, im Sinne des Amash-Ziehvaters Ron Paul, gegen etatistisch-autoritär. Dazu passt einfach, dass ausgerechnet jetzt das Wohlfahrtsstaatsmodell Detroit seinen endgültigen Bankrott erklärt hat.

Die Flucht Snowdens erinnert den Autor dieser Zeilen ein wenig an die „Entführung“ Martin Luthers durch den Kurfürsten Sachsens, der ihn dadurch vor dem damaligen Welthegemon – dem Papst nämlich – in Sicherheit brachte. Wohlgemerkt: Snowden ist nicht der neue Luther. Aber eventuell ist Wladimir Putin der neue Friedrich der Weise. Die Reihe weiterer Parallelen ist bemerkenswert: Auch damals sorgte eine neue Informationstechnologie – die Druckmaschine – und eine relativ neue Waffe – das Schießpulver – für eine völlige Neuordnung der Machtverhältnisse und –strukturen. Auch damals war der Hegemon hoch verschuldet. Das heißt, die wahren Mächtigen waren die Banken. Auch der Papst versuchte, wie die Vertreter der heutigen Klima-Zivilreligion, mittels eines Ablasshandels das schlechte Gewissen der Bürger für sich profitabel zu versilbern. Er war außerdem in einem langen Krieg mit dem islamischen Nahen Osten verwickelt. Erst wenige Jahrzehnte zuvor war die Dualität Papst-Gegenpapst endgültig aufgehoben worden, so wie heute erst vor wenigen Jahrzehnten die Rivalität zweier verwandter Staatsideologien – Sozialdemokratie und Kommunismus – durch den Zusammenbruch der einen eingeebnet wurde.

Natürlich, Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Und so scheint Anthony Wile von der libertären Webseite „Daily Bell“, die leider vor kurzem ihren Betrieb eingestellt hat, recht zu haben mit seiner Grundthese, dass wir im Zeitalter der „Internet-Reformation“ leben.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Überwachung

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige