29. Mai 2013

Terrorismus Zweierlei Schablonen

Der Exzess der Revolution

Es ist nicht dasselbe, wenn zwei das Gleiche tun. Bekanntermaßen macht schon seit längerem die Tat den Nazi, neuerdings aber macht auch erst der Täter den Terror. Als etwa der Amokläufer Nordine Amrani in Lüttich zuschlug, war die Aufregung in deutschen Medien genau so lange groß, bis sich herausgestellt hatte, dass der sechsfache Mörder weder „World of Warcraft“ gespielt noch von rechten Verschwörungsforen oder Sarrazin und Broder inspiriert worden war. Nie und nirgendwo wurde in Deutschland über den Prozess gegen Mann aus Nordafrika berichtet.

Ein Muster, das inzwischen als allgemeingültig gelten darf. Die Wahrnehmung von Terror in den deutschen Leitmedien folgt zuverlässig klaren Abläufen, Erklärungsversuche, warum der jeweilige Urheber eines Anschlages so gehandelt hat, wie er handelte, halten sich nie bei Einzelheiten auf, sondern verläuft entlang immer gleicher Präferenzen, die mittlerweile beinahe einen Platz in den Grundgesetzen der Mediendynamik beanspruchen darf.

Der Vergleich zwischen linksextremistischen oder islamistisch motivierten Tätern auf der einen und rechtsextremistisch motivierten auf der anderen Seite bringt es an den Tag. Geht es um rechtsextremistische Täter, werden die stets als ideologisch geschulte Mörder beschrieben, die kalt und mit Bedacht aus rassistischen oder fremdenfeindlichen Motiven morden. Anders Breivik wie die Mitglieder der NSU haben, so das Erklärungsmuster, die die ihren Taten zugrundeliegende Ideologie richtig verstanden und entsprechend gehandelt. Ihre mörderischen, menschenverachtenden Taten sind im Grunde konsequenter Ausfluss ihrer mörderischen, menschenverachtenden Ideologie.

Auf der anderen Seite dagegen stehen Täter, die aus einem falschen Islamverständnis oder wegen der von ihnen missbrauchten Lehren von Marx, Engels, Mao, Lenin, Stalin und Trotzki heraus morden. Sie wollen durchaus das Richtige, wenden aber eben die falschen Mittel an. Angefangen von der RAF, die nicht nur Manager und Repräsentanten des Systems tötete, sondern als Kollateralschaden eben auch tote Fahrer, Passanten und Sicherheitsleute in Kauf nahm, bis zu den randalierenden Jugendlichen in Frankreich und Schweden gilt der Grundsatz: Gut gedacht, aber falsch gemacht.

Kein neues Phänomen. In der Geschichte ist es Stalin selbst, dem die Ehre zuteil wird, nicht als getreuer Umsetzer seiner ideologischen Vorgaben zur Errichtung des Himmelreiches auf Erden durch Abschaffung der Ausbeutung beschuldigt, sondern trotz mehrerer Millionen Toter als eine Art permanent übertreibender Querschläger des Kommunismus entschuldigt zu werden. Gute Sache, falsch gemacht gilt dabei nicht nur für ihn, auch Mao, Ulbricht und die ganze übrige Ahnengalerie der Menschheitsbefreier wird nicht der konsequenten Umsetzung ihrer Ideen unter Zuhilfenahme von Gewalt, Unterdrückung und Mord beschuldigt. Sondern wegen angeblich voluntaristischer Übertreibungen dabei. 

„Ja, so ist das mit revolutionären Zeiten“, hat Jakob Augstein jüngst in anderem Zusammenhang geschrieben: „Eine Revolution ohne Exzesse gibt es nicht“.

Guter Terror steht so im Gegensatz etwa zum Terror von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, deren Morde ihre Begründung nicht in Übertreibungen, sondern in einem menschenverachtenden Weltbild finden. Die Morde der drei Entwurzelten, von ziellosem Hass erfüllten und zu keiner theoretischen Erklärung des eigenen Tuns fähigen Thüringer ist nicht anders als der Terror der Sauerland-Gruppe, der Amranis und Abedolajos. Aber er wird medial anders behandelt: Hier der „Mordfeldzug“ (Bild). Dort die Gegenwehr von Ausgegrenzten, die quasi von ihrer Umwelt gezwungen werden, weil die ihnen keine Chancengleichheit gewährt und keine Aufstiegsmöglichkeiten zugestanden werden. 

Die Toten sind beide Male tot, doch das Bemühen geht stets dahin, offenkundige Parallelen eben nicht zu sehen. Rechtsextremisten sind so ständig in „Netzwerken" verbunden, alle anderen jedoch werden, selbst wenn sie in Gruppen auftreten, als Einzeltäter geschildert. Schnell sind hier auch Vokabeln wie „wahnsinnig“ oder „durchgedreht“ zur Hand, selbst wenn ihr Handeln - wie kürzlich in London - vor dem Hintergrund ihrer Ziele genauso rational erscheinen müsste wie das von Anders Breivik oder der NSU, deren Irrsinn unter demselben Luftabschluss zustande gekommen ist.

Noch schneller erlahmt nur die mediale Begleitung. Vermeintlich aus einer konsequenten Umsetzung ihrer Ideologie handelnde rechtsextremistische Täter nach Schablone 1 bekommen über Monate oder sogar Jahre Aufmerksamkeit. Täter nach Schablone 2 aber sind manchmal binnen Wochen, oft aber auch schon binnen Tagen kein Thema mehr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.

Internet

Politplatschquatsch


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