23. Mai 2013

Sozialdemokratie und Nationalsozialismus Heil Dir, Lassalle!

Ein Beitrag gegen das „Vergessen und Verdrängen“

Nun „komme ich zu den Sozialdemokraten. Da finden wir die große Masse des braven, strebsamen, fleißigen deutschen Volkes, die ich so in mein Herz geschlossen habe, die ich liebe, mit der ich mich eins fühle, verwachsen bis in die letzten Fasern. Diese große, ungeheure Masse des Volkes, sie ist eigentlich das Volk selbst.“ Dieses Lob auf die Sozialdemokraten war nicht als Wahlempfehlung gedacht. Dem stand entgegen, dass derjenige, welcher dieses Lob aussprach, meinte, die Sozialdemokraten hätten falsche Führer. Dafür machte er „die törichten Rechtspolitiker“ verantwortlich, die es abgelehnt hätten, die Bruderhand gegenüber den Sozialdemokraten auszustrecken, um sich ihnen als Führer anzubieten, anstatt sie als Knechte zu behandeln. Deshalb hätten sich diese „besten deutschen Menschen“ unter falsche Führung begeben müssen, was aber nicht ihre Schuld gewesen sei.

SPD-Sympathisant Hitler

In der Tat ist diese nicht singulär dastehende Aussage nicht nur privat geäußerte Hochschätzung geblieben. Vielmehr ging es Adolf Hitler, der das Lob auf die Sozialdemokraten äußerte, nach Ausschaltung ihrer „falschen Führer“ entschieden um die Integration des sozialdemokratischen Arbeiters als Grundlage seiner langfristig angelegten Machtausübung. Deren Kern war seine „Arbeiterpartei“, womit Hitler eine Konzeption aufgriff, die erstmals mit dem am 23. Mai 1863 von Lassalle gegründeten „Arbeiterverein“ verwirklicht wurde und sich vor der endgültigen Firmierung als „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ in der von 1875 bis 1890 gebrauchten Bezeichnung „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ niedergeschlagen hatte. Die Integration ist Hitler durch seine sozialpolitischen Maßnahmen, die großteils von der sozialdemokratisch regierte Bürokratie ausgearbeitet, aber nicht umgesetzt waren, derart weitgehend gelungen, dass es schließlich sogar „so etwas wie eine Affinität sozialdemokratischer Arbeiter zu Hitler“ (so der „Spiegel“-Redakteur Höhne) gab, „die auch umgekehrt zutraf“. Die „falschen Führer“ mussten sich denn auch bereits 1935 im Exil eingestehen, wie den Berichten der Sopade (Exil-SPD) zu entnehmen ist, „dass die Arbeiter stark vom Hitlerismus besessen“ seien. Selbst unter standhaften SPD-Genossen beobachteten sie „Zustimmung, ja oftmals Begeisterung gegenüber der Person Hitlers“, dessen „Kraft und ehrlichen Willen“ sie fast nie anzweifelten. 

Diese besondere Beziehung zwischen deutschem Arbeiter und Führer bereitete oppositionellen Kreisen, etwa der Militäropposition, die bekanntlich „rechts von Hitler“ anzusiedeln ist (so Sebastian Haffner), erhebliche Probleme, zum Widerstand zu schreiten. Denn offensichtlich schien ja das Regime eine feste Verankerung im Volk und insbesondere in der Arbeiterschaft zu haben. Diese Verankerung war deshalb möglich, weil ehemalige Kommunisten und auch radikale SPDler lediglich „proletarisch“ durch „deutsch“ ersetzen mussten, um sich schon als Nationalsozialisten verstehen zu können. Ein Konservativer oder Liberaler, der zum überzeugten Nationalsozialisten wurde, musste da schon einiges mehr an Anschauungselementen ersetzen, denn letztlich war die NSDAP die „pangermanische Sozialdemokratie“, welche Josef Reimer, wohl „der Mann, der Hitler die Ideen gab“, in seinem Werk von 1905 konzipiert hatte. Diese Wandlung vom Sozialdemokraten, zumindest von einer diesem nahestehenden Person, eben zum Nationalsozialisten hatte ja Hitler selbst vollzogen. Dafür steht, neben anderen Bezeugungen (Ernst Toller, Konrad Heiden), die Hitler seinerzeit durchaus wahltaktisch nicht passende Aussage des SPD-Vizepräsidenten des Bayerischen Landtages, Erhard Auer (1874-1945), in der „Münchner Post“ vom 24. März 1923. Danach „galt seiner politischen Überzeugung nach in den Kreisen der Propagandaabteilung“ Hitler „als Mehrheitssozialdemokrat und gab sich auch als solcher aus, wie so viele war er aber nie politisch oder gewerkschaftlich organisiert“. Jedenfalls „wurde er im Februar 1919 zum Vertrauensmann des Demobilisierungsbataillons des 2. Infanterie-Regiments gewählt, der seine Aufträge und auch Schulungen von der Propagandaabteilung der Mehrheitssozialdemokraten erhielt. Hitlers damalige Annäherung an die regierende SPD ist durch verschiedene Quellen, auch Zeitungsberichte, belegt“ (so der Ausstellungskatalog des Stadtmuseums München, „Hauptstadt der Bewegung“, 1993). Hitler selbst soll sich vor Esser, als dieser wegen seiner SPD-Vergangenheit kritisiert wurde, gestellt haben: „Jeder war einmal Sozialdemokrat.“ Auch Sepp Dietrich, der spätere Kommandant der „Leibstandarte-SS Adolf Hitler“, meinte, dass sie, die Nationalsozialisten, alle einmal Sozialdemokraten gewesen seien.

Sozialdemokratische Elemente der NS-Ideologie

Diese Konversion vom Sozi zum Na(so)zi, wurde – bewertet man die Angelegenheit entsprechend der bundesdeutschen „Bewältigung“ ideengeschichtlich (ideologisch) – durch die innerhalb der SPD eher verdrängte Tradition von Ferdinand Lassalle (1825-1864) sehr erleichtert, an welche die SPD explizit erst wieder im Zusammenhang mit dem Godesberger Programm von 1959 anknüpfen sollte, um damit ihre Abkehr vom (totalitären) Marxismus zu belegen. Lassalle, „seinem ganzen Wesen nach ein revolutionärer Diktator“ (Gilg), Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der als erfolgreicher Agitator bei seinen Anhängern kultische Verehrung genoss („Heil Dir, Lassalle!“), hat sich für die deutsche Geschichte als äußerst verhängnisvoll erwiesen. Es ist ihm gelungen, den Liberalismus, historisch notwendiges Gegengewicht zum tradierten monarchischen Konservatismus, durch Abspaltung der liberal ausgerichteten Handwerker und Zuführung derselben zum Sozialismus entschieden zu schwächen. Daher konnte es in Deutschland nicht gelingen, die konstitutionelle Monarchie in eine parlamentarische umzuwandeln, wie sie in Großbritannien existierte, wo sich die Labour Party erst 1893/1900 gegründet hat und erst danach den Liberalismus verdrängen konnte.

Demokratie als Diktatur(vorbereitung)

Die Freiheitsidee des Liberalismus hat Lassalle kollektivistisch gewendet, indem er die Freiheit auf das Kollektiv Volk bezog, gleichzeitig dem Individuum aber Rechte absprach. Wäre der Sozialismus erreicht, dessen Ziel die Aufhebung der entfremdenden Besonderheiten darstelle, würde sich das Anliegen des Liberalismus als bloß theoretisches darstellen. Unter Demokratie verstand Lassalle dementsprechend die Verwirklichung der Freiheit durch ein die Trennung von Staat und Gesellschaft aufhebendes System, in dem die individuellen Partikularismen verschwinden, so dass jeder mit jedem übereinstimmt und somit frei ist, wobei Grundrechte überflüssig würden. Lassalle nahm damit den zentralen Glaubenssatz des Faschismus vorweg, wonach Fortschritt Organisation bedeutet, mit der die Individualrechte zunehmend ihre Bedeutung verlieren würden und im politischen Führertum „aufgehoben“ wären.

Hauptzweck der Demokratie, für die Lassalle nachhaltig mit der Forderung des allgemeinen Wahlrechts eintrat, war es, einen Führer als „großen Mann“ an die Macht zu bringen, der durch die „Diktatur der Einsicht“, „nicht durch die Krankheit des individuellen Meinens und Nörgelns, die große gewaltige Übergangsarbeit der Gesellschaft“ bewerkstelligen würde. Im Arbeiterstand fand Lassalle die größte Diktaturbereitschaft, was die politische Ausrichtung auf die Arbeiter durch Gründung eines „Arbeitervereins“, das heißt einer Arbeiterpartei, entsprach. Dieser (im Zweifel: seiner) Diktatur hat Lassalle mindestens die Machtfülle der Monarchie zugedacht, von der sie sich allerdings durch die Berufung auf den Volkswillen unterscheiden würde. Als Repräsentant einer großen geschichtlichen Entwicklung war der Diktator zur rücksichtslosesten Bekämpfung seiner politischen Gegner berechtigt: „Zwischen ihm und ihnen gibt es keine Brücke, keine gemeinsame Plattform, sondern nur den Kampf bis zur Vernichtung“ (Ramm). Die Liquidierung der politischen Gegner sollte durch „freie“ Revolutionstribunale nach dem Vorbild der Französischen Revolution erfolgen. Die als notwendig angesehene Revolution bezeichnete Lassalle mitleidlos als „Schirokkowind“, als „göttlichen Atem der Geschichte und des menschlichen Fortschritts“, der „mit Recht eine ganze Welt der Existenzen als bloßen Dünger auf den Haufen seines Wachstums“ werfe. „Mit Lassalles Demokratiebegriff zeichnen sich die Möglichkeiten ab, an denen die Demokratie im 20. Jahrhundert scheiterte. Der Nationalsozialismus benutzte die Demokratie der Weimarer Republik zu eben den gleichen Zwecken, wie sie Lassalle seiner Demokratievorstellung unterschob. Es mag als Ironie der Geschichte erscheinen oder als List der Vernunft, dass der Lassallesche Demokratiebegriff in der deutschen Sozialdemokratie als Hinwendung zum Staat interpretiert wurde, dass die Sozialdemokratie aufgrund eben dieser Haltung die totalitäre Tendenz des ursprünglichen Lassalleschen Begriffs – in der nationalsozialistischen Ideologie – bekämpfte“ (Ebeling). Dementsprechend ist das Verhältnis von SPD und NSDAP als ein innersozialistisch-häretisches einzustufen. Mit ihrer Lassallschen Vergangenheit konnte jedenfalls die SPD nach 1933 die nationalsozialistischen Konzentrationslager für politische Gegner kaum überzeugend kritisieren.

Sozialistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg

Für Lassalle stellte sich das Problem, dass die Arbeiterschaft nur in einigen fortschrittlichen Staaten die Demokratie, also die sozialistische Diktatur, errichten würde und sich dabei das Problem der internationalen Verteidigung und Durchsetzung des Fortschritts gegenüber reaktionären Staaten und Völkern ergab. Dies erforderte dann einen starken Staat zum Schutz gegen fremde Angriffe und zur Durchführung von fortschrittlichen Eroberungskriegen. Diese Prämissen führten dann notwendigerweise zur Annahme eines Eroberungs- und Assimilationsrechts der fortschrittlichen Staaten, das bei Angehörigen „verschiedener Rasse das Aussterben“ in Kauf zu nehmen bereit war. Sozialismus kann sich demnach weltweit nur durch die Vorherrschaft einer Nation verwirklichen. Zur Ausübung dieser den Sozialismus verwirklichenden Weltherrschaft hielt der Sozialdemokrat Lassalle die Deutschen deshalb für besonders geeignet, weil die deutsche Kultur am meisten im Geistigen wurzeln und ihr die spezifischen nationalen Charakteristika fehlen würden. Die Vorstellung des sozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskriegs zugunsten der Deutschen findet sich auch bei Friedrich Engels, dem der SPD-Vorsitzende Willy Brandt zugestand, „ein großer Deutscher“ zu sein. Engels rief zweimal zum Vernichtungskrieg gegen die Slawen auf und äußerte sich auch mal so:  „Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt.“ Die Befürwortung des „entschiedenen Terrorismus gegen diese slawischen Völker“ durch Engels bereitete sogar der Sowjetorthodoxie Probleme, die sie damit hinwegrelativierte (was beim Internationalsozialismus auch bundesdeutsch gestattet ist), dass sich die Erforschung der nationalen Frage noch im Anfangsstadium befunden habe: „Man kann die Forderung nach Ausrottung von ‚Völkerabfällen’ nicht damit bagatellisieren, dass man behauptet, damals habe sich die marxistische Forschung der nationalen Frage noch im Anfangsstadium befunden“ (so zu Recht Wolfram Wette). Vielleicht ist aber die NS-Kriegsführung im slawischen Bereich damit zu erklären, dass die SPD ihre Theoretiker nie richtig bewältigt hatte, auch nicht durch wohlfeile Pazifismus-Bekenntnisse. 

Sozialistischer Antisemitismus

Der Sozialismus hat deshalb eine zentral gegen das Judentum gerichtete Tendenz, weil das, was der Sozialismus revolutionär überwinden will, nämlich der Kapitalismus, von den sozialistischen Klassikern, die in dem auf den Parteiideologen Karl Kautsky zurückgehenden „Stammbaum der Sozialdemokratie“ aufgeführt sind, wie letztlich durch Karl Marx höchstselbst, auf das Judentum zurückgeführt wurde. Silberner hat die Arten des sozialistischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts zusammengefasst: „Manche Sozialisten befürworteten besondere antijüdische Maßnahmen, angefangen von einem wirtschaftlichen Numerus clausus (Fourier) bis zu Entziehung der Staatsbürgerschaft (Picard). Andere waren für die Ausweisung aller Juden (Alhaiza), rechtfertigten Pogrome (Duchêne) oder riefen nach totaler Vernichtung (Dühring). Wieder andere sahen im Juden den ewigen Ausbeuter der Nichtjuden (Toussenel) und in der jüdischen Rasse den unversöhnlichen Feind der arischen (Tridon, Regnard) und ließen keinen Zweifel daran bestehen, dass sie antijüdische Maßnahmen wünschten, ohne sie aber ausdrücklich zu formulieren.“ Dementsprechend galt der Antisemitismus in der Sozialdemokratie als „revolutionäres Ferment“ und erst im Streit um Eugen Dühring, den radikalsten sozialistischen Antisemiten Deutschlands, wurde der Anti-Antisemitismus sozialdemokratischer Programmpunkt. Trotzdem musste der Parteiführer August Bebel einräumen, dass der Antisemitismus der „Sozialismus des dummen Kerls“ sei, also nicht dessen Nationalismus, Konservatismus oder gar Liberalismus,  und „dumm“ deshalb, weil der Kerl nicht verstand, dass es nicht gegen den individuellen Juden gehen konnte, der doch auch unter dem Kapitalismus leide, sondern dieser insgesamt zu überwinden wäre. Trotzdem blieb es gewissermaßen orthodoxe Lehre der Sozialdemokratie, wie dem einschlägigen Buch des Chefideologen Karl Kautsky zu entnehmen ist, dass das Judentum mit dem Ende des Kapitalismus, also mit der Ankunft des Sozialismus, verschwinden würde. Wobei dies, wie Kautsky 1914 beteuerte, „keineswegs einen tragischen Prozess, wie etwa das Aussterben der Indianer oder Tasmanier“ darstellen würde. Aber: „Je eher es (das Judentum) verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und die Juden selbst.“ Kautsky stellte sich allerdings nicht die Frage, was dann passieren müsste, wenn sich seine Einschätzung nicht bewahrheiten sollte: Wäre dann nicht revolutionär „nachzuhelfen“, damit sich dann all das Schöne und Gute verwirklicht, für das Sozialismus steht? Und könnte man dies nicht dadurch erreichen, dass man die „Problematik des Judentums“, die – so zumindest die Annahme von einigen der klassischen Sozialisten – rassenbedingt Träger des Kapitalismus wären, direkt angeht, um den Advent des Sozialismus zu sichern? Der Nationalsozialismus sollte da eine eindeutige Antwort geben. Auch hier bereitet die sozialistische Tradition Probleme, einen entschiedenen Protest gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus ausdrücken zu können.

Sozialistische Menschenvernichtung

Die Eugenik (Rassenhygiene) war von etwa 1900 bis in die 1930er Jahre, als man sich dem Vergessen hinzugeben begann, das zentrale politische Anliegen der Sozialdemokratie. Und dies war von der zentralen Erwägung getragen, dass im (angehenden) Sozialismus der Staat die Selektionsmechanismen übernehmen müsse, die Darwin als natürliche Vorgänge beschrieben hatte. Ansonsten drohten gerade die geforderten sozialpolitischen Maßnahmen in eine Degeneration der menschlichen Rasse überzuleiten. Deshalb müsse zum Zwecke der künstlichen Befruchtung das Zellplasma sozialisiert werden (so H. Brewer), um jedem Individuum das Recht zu geben, bester Abstammung zu sein (Julian Huxley). Selbstverständlich musste es dann als a-sozial angesehen werden, Eheschließungen als Privatangelegenheit anzusehen. Denn es komme die Zeit, in der die Gesellschaft die Erzeugung eines Schwächlings als Verbrechen gegen sich selbst ansehen werde (Harald Laski). Das Verbandsorgan der sozialdemokratischen „Lebensreformer“ erklärte noch im Januar 1933: „Während man einen Tierzüchter, der auch die minderwertigen Exemplare sich fortpflanzen lasse“, „mindestens für sehr dumm halten“ würde, sei es im Falle der menschlichen Gesellschaft „wirklich höchste Zeit“, der „Überwucherung der minderwertigen Elemente“ endlich mit rassenhygienischen Mitteln Einhalt zu gebieten. Das Recht auf Leben wurde von diesen Sozialdemokraten als ein „bedingtes“ formuliert, da die Natur keine Sündenvergebung kenne. Soweit der Mensch die naturgesetzlichen Bedingungen nicht erfülle, müsse er unter den Folgen seiner Fehler leiden. Es wird zwar dann ausdrücklich betont, dass diese natürliche Selektion keinesfalls – was wohl naheliegend wäre – politisch durch „Vernichtung von Menschenleben“ nachgeahmt werden dürfe; statt dessen wurde für eine Verhinderung der Fortpflanzung erblich „Minderwertiger“ durch eugenische Maßnahmen bis hin zur Zwangssterilisation plädiert, eine Forderung, die im sozialdemokratischen Musterstaat Schweden aufgrund entsprechender 1934 und 1941 (man beachte die Jahreszahlen) erfolgter Gesetzgebung in Höhe von 62.888 Eingriffen zwischen 1935 und  1975 umgesetzt wurde, also keine bloße Theorie blieb.

Es dürfte klar sein, dass vom gedanklichen Ansatz her der sozialistische Sozialdarwinismus zum Zwecke der Menschenveredelung die staatliche Tötung gebietet, auch wenn die entsprechenden sozialdemokratischen Theoretiker davor zurückschreckten, ähnlich wie sie auch nicht die Konsequenzen der Revolutionsrhetorik ziehen wollten, sondern sich des typischen Abwartens befleißigten, dem bekanntlich vorgeworfen werden konnte, zu den Methoden der „Faschisten“ greifen zu müssen, wenn es denn konsequent wäre. Die Tötung von Staats wegen wurde dann gedanklich auf die sozialistische Zukunftsgesellschaft verschoben, wie schon der Labour-Futurologe H. G. Wells meinte, dass im sozialistischen Zukunftsstaat das Recht Unheilbarer und von Alkoholikern nur unter der Bedingung akzeptiert würde, dass sie sich nicht fortpflanzten, weil andernfalls die (sozialdemokratische Zukunfts-) Gesellschaft nicht vor Tötung zurückschrecken würde. Wohl noch für das vorliegende bürgerliche Zeitalter wurde neben der Zwangsabtreibung „von Amts wegen bei Idioten, um den biologischen Abfall jeder Generation auf ein Mindestmaß zu reduzieren“ die Euthanasie von der entschiedenen SPD-Sozialhygienikerin Oda Olberg befürwortet. Wohl eher aufgrund des erforderlichen, aber noch nicht eingetretenen Mentalitätswechsels wurde die Euthanasie auch beim maßgeblichen Arzt der österreichischen Sozialdemokraten, Julius Tandler, wieder mehr auf die sozialistische Zukunftsgesellschaft verschoben: „Welchen Aufwand übrigens die Staaten für vollkommen lebensunwertes Leben leisten müssen, ist zum Beispiel daraus zu ersehen, dass die 30.000 Vollidioten Deutschlands diesen Staat zwei Milliarden Friedensmark kosten. Bei der Kenntnis solcher Zahlen gewinnt das Problem der Vernichtung lebensunwerten Lebens im Interesse der Erhaltung lebenswerten Lebens an Aktualität und Bedeutung. Gewiss, es sind ethische, es sind humanitäre oder fälschlich humanitäre Gründe, welche dagegen sprechen, aber schließlich und endlich wird auch die Idee, dass man lebensunwertes Leben opfern müsse, um lebenswertes zu erhalten, immer mehr und mehr ins Volksbewusstsein dringen. Denn heute vernichten wir vielfach lebenswertes Leben, um lebensunwertes zu erhalten.“

Für die Nationalsozialisten begann mit der „Machtergreifung“ ihres Führers die sozialistische Zukunftsgesellschaft, und es galt umzusetzen, was von sozialdemokratischen Theoretikern in diesem Fall vorausgesagt worden war.

Ausblick: Hitlers Vermächtnis für die Sozialdemokratie

Hitler ist bekanntlich gescheitert, wobei bemerkenswert ist, worauf er selbst sein Scheitern zurückgeführt hat: „Wir haben die linken Klassenkämpfer liquidiert, aber leider haben wir dabei vergessen, auch den Schlag gegen rechts zu führen. Das ist unsere große Unterlassungssünde.“ Der – bei bundesdeutscher Bewertung – rechtsextreme Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 hatte Hitler klar gemacht, dass seine Prämisse, er habe von der politischen Rechten wegen ihrer Feigheit, Schwäche und Energielosigkeit nichts zu befürchten, anscheinend nicht ganz zutreffend gewesen war. Der von Hitler vernachlässigte „Schlag gegen rechts“ wird als „Kampf gegen rechts“ als wesentlicher Programmpunkt der Sozialdemokratie bundesdeutsch fortgeführt. Damit wird deutlich, dass nicht nur Hitler vom traditionellen sozialistischen Ideenvorrat profitiert hat, sondern dies nunmehr auch umgekehrt zutrifft. 

Vor dieser Erkenntnis immunisiert sich die Sozialdemokratie damit, dass für „die SPD auch die Meinungen, die nicht davor zurückschrecken, den Sozialismus in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, zur Grauzone demokratiebedrohender Mentalitäten“ gehören (Hubo). Dagegen sind natürlich Meinungen, die den Nationalsozialismus auf den Nationalliberalismus und den Konservativismus zurückführen, SPD-gefällig demokratiekonform und dies, obwohl doch unverkennbar ist, dass es ein „ideologisches Kontinuum“ gibt und gegeben hat, „das von liberalen und sozialistischen bis zu neokonservativen und faschistischen Vorstellungen reicht“ (Vogt), wobei sich – entgegen bundesdeutscher Bewältigungsprämissen – insbesondere „die Übergänge zwischen sozialistischen und faschistischen Ideologien“ als „fließend“ darstellten. Dementsprechend kann die Zusage von SPD-Bundeskanzler Schröder, nicht der Verlockung des Vergessens und Verdrängens erliegen zu wollen, nur zur Einbeziehung der Sozialdemokratie in die Vergangenheitsbewältigung führen: Welchen Beitrag hat sie zur Entstehung des Nationalsozialismus geleistet? Besteht weiterhin die Gefahr, dass aus ihrem Sympathisantenkreis ein neuer Adolf Hitler hervorgehen könnte? Und wäre es nicht wirklich an der Zeit, den auch von den Nationalsozialisten propagierten „Sozialismus“ endgültig zu verabschieden und ihn nicht weiter mit Zusätzen wie „demokratisch“ oder „freiheitlich“ zu relativieren?

Ein bisschen Selbstkritik und weniger Selbstgerechtigkeit wäre der Sozialdemokratie zu ihrem 150. Geburtstag also durchaus zu wünschen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. April erschienenen Mai-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 132


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