08. April 2013

Tatort-Saarbrücken: „Eine Handvoll Paradies“ Finnisches Meisterstück

Kriminaltango zu hoch für die Filmkritik

Ein Hoch auf den Tatort Saarbrücken! Die gestern Abend ausgestrahlte zweite Episode mit dem kultverdächtigen Kommissar Jens Stellbrink alias Devid Striesow wurde wie bereits die erste Folge vom finnischen Regisseur Hannu Salonen grandios in Szene gesetzt. Gut, dass die Medien vorab über dieses außergewöhnliche Stück Tatort informierten.

Kürzlich hatte uns in eigentümlich frei 130 (März-Ausgabe) Autor Martin Johannes Grannenfeld die passende Lesehilfe mitgegeben: „Wo das Wort ‚umstritten’ steht, lese ich ‚könnte interessant sein’.“ – „Insbesondere in Literatur- und Kunstkritiken“ – man darf hinzufügen: sowie in Film- und Fernsehkritiken – seien schlicht die Wörter „frech“ und „unkonventionell“ fast unbesehen zu ersetzen durch „brav“ und „bieder“, die Wörter „unverantwortlich“ und „gefährlich“ hingegen durch „frech“ und „unkonventionell“.

Kritiken gilt es also – so wie wir es von den Nachrichten ja auch gewohnt sind – mit umgekehrten Vorzeichen zu lesen. Die Vorabgutachten über den Tatort gestern Abend waren denn auch so vernichtend wie der Film brillant. Die Meinung war so linientreu-einheitlich wie einst über Eva Herman, also macht heute die „Bild“ auch gleich noch eine Kampagne gegen „den schlechtesten Tatort aller Zeiten“ daraus. Striesow auf dem Roller, voll Autobahn, geht gar nicht.

Schuld ist ausgerechnet ein Ausländer! „Alle wissen, dass der finnische Regisseur Salonen es nicht kann“, weiß „Bild“. Dass das vorliegende Werk bereits die neunte „Tatort“-Regiearbeit (zuvor unter anderem: „Tango für Borwoski“) des wieder einmal herrlich schrägen Finnen war, verschweigt das Blatt, von dem alle wissen, dass es können kann.

Auch „Spiegel“-Filmkritiker Christian Buß kann es. Er hatte bereits am Freitag auf den Online-Seiten des Hamburger Magazins vor dem Film gewarnt – und gleich erklärt, was am Film so unverantwortlich und gefährlich ist. Er spielt nämlich im – oder besser mit dem – Rockermilieu. Und das geht seit den bei Rockers zuhause ganz real im Rechtsstaat BRD üblichen Razzien nun einmal auch gar nicht. Ein lustiger Rocker ist wie ein lustiger Nazi, ein Ding der politisch korrekten Unsagbarkeit.

Buß bringt es fertig, dass nicht nur die Essenz seiner „Kritik“, sondern gleich jeder einzelne Satz darin mit Gewinn gegen den Strich zu lesen ist. Natürlich ist der schräge Streifen „unrealistisch“, aber Buß vermutet das Unrealistische just dort, nämlich in der Rockersprache, wo der Film gerade authentisch ist. Wenn der Oberrocker „Mutti“ genannt wird und ein drogenabhängiger Mitläufer das Heroin in seinen „Pullermann“ spritzt, glaubt Buß nur „einen komödiantischer Reiz darin“ zu erkennen, „betont machistische Milieus spielerisch in ihr Gegenteil zu verkehren“. Dass gerade die schweren Jungs tatsächlich so reden könnten, kommt den „Spiegel“-Leichtmatrosen nicht in den Sinn.

„Unverbindlich, flach, ja infantil“, so Buß, sei „dieser Krimi“ und ist doch nur seine Kritik. „Brillant“ dagegen sei im letzten Jahr der Rostocker „Polizeiruf“ im selben Milieu gewesen. Damals hatte offenbar, wie ef vermutete, der Gleichstellungsbeauftragte des Senders das Drehbuch geschrieben. Er hatte das neue Feindbild Rocker so ungewollt grotesk ins Böse übersteigert gezeichnet, wie sich auch unser humorbefreiter „Spiegel“-Autor die pösen Prüder vorstellt.

ef hatte nach der Ausstrahlung des Propagandafilms aus Nordost überlegt, was die Pappnasen von „Bild“ und „Spiegel“ wirklich an diesem Milieu stören könnte: „Ach ja, bei Rockers zuhause gelten ganz besondere Codes von Moral, Anstand, Treue, Ehrgefühl, Heimat, Aufrichtigkeit, Männlichkeit. Aber sie gelten!“

Bei jedem Massenmörder (sofern kein „Rechter“) und jedem Kinderschänder vermeidet die deutsche Fernsehkritik eine „Vorverurteilung“ und sucht nach der schweren Kindheit. Beim gemeingefährlichen Rocker nicht. „Streicheltherapie“ und „Therapeutenwitz“ wittert hier der zuständige Volkspädagoge vom „Spiegel“. Die „harten Jungs“, so Buß, seien ja „ganz weich“ gezeichnet. Und nicht mal das stimmt bei näherem Hinsehen, treibt doch Salonen das verordnete Rockerzerrbild in seiner herrlichen Roadmovie-Klamotte genau damit plötzlich auf die Spitze, dass sich die überdrehten Jungs auf den Harleys am Ende in eine Meute brutalster Sadisten verwandeln. Alle. Ausnahmslos. Klar.

Aufgehalten nur von dem Mann des Gesetzes mit orangefarbenen Socken auf der Vespa.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige