18. Februar 2013

Erzähl mir was vom Pferd Hühott, es grüßt der Marktinfarkt

Was pfeift so spät durch Kopf und Kind? Kein Schwein, kein Pferd – es ist der Wind!

War ja wieder klar. Die Märkte! Profitmaximierung statt Verantwortungsbewusstsein, Nachhaltigkeit und Ethik! Nur so konnte es passieren, dass billiges Pferdefleisch statt echten Rinds in die Regale gelangte. Man, wie oft muss ich‘s euch noch sagen: It‘s free-market economy, stupid! Ich tippe diesen Kommentar übrigens auf einer Kaffeemaschine Typ „Bellissimo“. Mir blieb leider nichts anderes übrig, da ja kein Computer mehr funktioniert. Wieso? Weil Unternehmer nach der Maxime wirtschaften: „Ich bin doch nicht blöd!“ und, lässt man sie einfach ihrer misanthropischen Wirtschaftsphilosophie folgen, statt jährlich Milliarden von Dollar in die Entwicklung leistungsfähigerer Mikroprozessoren zu stecken, lieber Schaltkreise aus Sandpapier mit Uhu auf Bierdeckel kleben. Wurde auch bekannt als „Bierdeckelskandal“: Von wegen Silizium-Wafer. Folge: Statt echter Vier- oder Achtkernprozessoren gelangten Millionen von – im herstellungstechnischen Sinne – buchstäblich unterbelichteten Rechenknechten in den Handel, mit denen man noch nicht mal einfache Schreibarbeiten erledigen kann. Aber selbst wenn sie funktionierten: den fertigen Artikel per E-Mail an die Redaktion schicken? Völlig unmöglich.

Denn auch Marktteilnehmer im Sektor Kommunikationstechnologie arbeiten so schlampig und unter markttypischer Verwendung nur der billigsten, unzuverlässigsten Materialien und der hudeligsten Arbeitsprozesse, dass die entsprechenden Produkte unentwegt kaputtgehen. Nichts geht mehr. Aus die Maus. Ständig nur Ärger. Egal, wo man hinschaut: Staubsauger, Waschmaschinen, Mikrowellen, Kühl- und Gefrierschränke, Herde und Haartrockner, Radios, Fernseher, DVD- und Festplattenrekorder, Uhren und Wecker, USB-Sticks, Blu-Ray-Brenner, Grafik- und Soundkarten, W-LAN-Router, Verbindungskabel aller Art, Laptops, Gartengeräte, Bohrmaschinen, elektrische Zahnbürsten und Mundduschen, Telefone, Satellitenschüsseln, ach, sogar der einfache Gartengrill: alles Scheiße. Aus den Tiefen der Geschichte dringt ein höhnisches Lachen ans moderne Ohr: Selbst in steinzeitlichen Höhlen war man schon weiter, stupid!

Und erst das Essen. Lieber nicht darüber sprechen, es dreht sich einem sonst nur der Magen um. Denn auch im Supermarkt stolpern wache Augen über dasselbe herzzereißende Elend: statt Qualität nur mieseste Produkte, wo man auch hinschaut. Joghurts und Quarkspeisen, Milch, Brot-, Back- und Knabberwaren aller Art, Naschkram, Gewürze, Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch, Grillsaucen, Senf und Ketchup, Tüten- und Dosensuppen, Hygieneartikel von A bis Z, Zahnpasta und -seide, Mundwässerchen, Duschgel, Gesichtscreme, Haar- und Körperpflegeprodukte: Alles ist vergiftet. Über 80 Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich von Tag zu Tag kranker, der Gesundheitszustand der Nation verschlechtert sich dramatisch. Habt ihr was anderes erwartet, ihr Dummbeutel? Das ist eben der Markt. Wie oft muss ich euch das eigentlich noch sagen?

So sehen es übrigens auch äthiopische Kinder. Sie verscheuchen mit einer Handbewegung lachend Fliegen von ihrer Nase, spielen mit klappernden Knochen glücklich Fußball und sind heilfroh, in einer gesünderen, gerechteren, sichereren Welt leben zu dürfen, weit weg von den Elendsvierteln, Krankheitspfuhlen und Todeszonen, die der Markt und seine antizivilisatorischen Mechanismen, das Unternehmertum in seiner ganzen Menschenverachtung und Kulturfeindschaft in fernen Ländern hinterließ. Wieher!


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