André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Megatrend „Gated Communities“: Private Sezession

von André F. Lichtschlag

„Wir wohnen in Disneyland, und das ist auch gut so!“

Zehn Jahre ist es her, da sorgte ein deutscher Ökonomieprofessor aus Las Vegas mit einer Buchneuerscheinung für Aufsehen. Das Werk von Hans-Hermann Hoppe, „Demokratie: Der Gott, der keiner ist“, erschien zuerst auf Englisch, später auf Deutsch, Italienisch, Koreanisch, Spanisch und Polnisch. Hoppe blickt in eine Zukunft nach dem weltweiten Zerfall der Demokratie, gekennzeichnet durch kleine und kleinste Einheiten privat organisierter Gesellschaften – ein Modell Hunderttausender voneinander abgegrenzter, privat organisierter Mikrostädte.

Inzwischen sind wir weit vorangeschritten auf dem Weg in diese Zukunft. Nicht in Deutschland, natürlich nicht. Aber fast überall sonst. Der Staat als Produzent von Sicherheit versagt. Die städtische Kriminalität wächst weltweit. Öffentliche Straßen sehen aus wie öffentliche Toiletten. Doch wo Probleme entstehen, treten Anbieter auf den Markt und bieten Lösungen feil, in diesem Fall privat organisierte und überwachte Städte. Hier sorgen nicht mehr gewählte und zuweilen korrupte Politiker für Misswirtschaft und allgemeinen Zerfall, sondern private Anbieter für Aufbau, Sauberkeit, Lebenskomfort und größtmögliche Sicherheit. Haus- und Wohnungstüren werden inmitten dieser „Gated Communities“ meist gar nicht mehr verriegelt, die Kinder spielen draußen und ohne jegliche Gefahr.

In Süd- und Mittelamerika entstanden die ersten großen Privatstädte am Rande der siechenden Gewaltmetropolen in den 1970er Jahren. Und es werden jeden Tag mehr, die wegziehen aus der öffentlich-rechtlichen Graffiti- und Gefahrenzone in die privat garantierte Behaglichkeit. Auch in den USA, in Teilen Afrikas, Australiens und Asiens ist der Trend schon älter. Neu sind die Gated Communities in Europa. Insbesondere in den „europäischen Tigerstaaten“ Polen, Russland und Türkei drängt die wachsende Mittel- und Oberschicht in immer neue Supersauberstädte.

Die „Deutsche Welle“ berichtet, dass im Moskauer Umland ganze Siedlungen aus dem Boden gestampft wurden „mit so wohlklingenden Namen“ wie „Moskauer Venedig“ oder „Villa Italia“. 400 Kunstdörfer seien um die russische Hauptstadt bereits entstanden: „Finnland, Italien, Frankreich, England – fast jedes Land hat seine Premium-Kopie à la Disneyland abbekommen. In Russland liebt man Ethno-Flair.“ Den Weg hinein beschreibt die „Deutsche Welle“ so: „Eine Schranke versperrt die Einfahrt nach Belgien. Dahinter warten ein riesiger künstlicher See, eine Windmühle und 89 großzügige Landsitze für diejenigen, die zum Überqueren dieser innerrussischen Grenze befugt sind.“

Das Internetmagazin „Telepolis“ hat sich in der Nähe von Warschau umgeschaut. Im Großraum um die polnische Hauptstadt gebe es bereits über 200 überwachte und von der Außenwelt abgeschottete Wohnsiedlungen. Dort heißen sie „Grüne Abgeschiedenheit“, „Waldwiese“, „Grünes Städtchen“, „Sonniger Abhang“ oder „Birkenwäldchen“. Auch „Telepolis“ beschreibt den Einlass: „Vor der mit einem Schlagbaum gesicherten Einfahrt zu der malerisch an der Peripherie Warschaus gelegenen umzäunten Siedlung befindet sich ein Wärterhäuschen. Hier muss man sich ausweisen, während der Wärter eine Liste mit den an diesem Tag zu erwartenden Besuchern durchforstet. Schließlich bekommt man eine Plakette, die unbedingt innerhalb des Geländes sichtbar zu tragen ist.“ Es gebe inzwischen „Hunderte von Security-Unternehmen, die sich mit der Sicherung, mit Patrouillieren, Videoüberwachen oder einfach Abschrecken befassen.“ Eine Adresse in einer Gated Community gelte „als ein neues Statussymbol“. Eine der schönsten Siedlungen sei Marina Mokotów mit einer Fläche von 32 Hektar und 22 Wohneinheiten, die 5.000 Menschen Platz bieten. Mokotów verfügt über einen künstlichen See, eigene Einkaufsmöglichkeiten und reichlich Grünflächen.

Zuletzt berichtete der „Spiegel“ aus dem boomenden Istanbul. Über tausend Gated Communities gebe es am Bosporus bereits, Tendenz ebenfalls stark steigend. Das Konzept: „Hochmoderne Wohnungen, je nach Preislage mit Gemeinschaftspool, Tiefgarage und Fitnesscenter. Bewacht von einem 24-stündigen Sicherheitsdienst. Selbst Besucher können nur mit Anmeldung hinein. Für viele Türken – besonders junge Familien – ein Traum.“ Auch in Istanbul tragen die Siedlungen wohlklingende Namen aus dem alten Europa und sind beispielsweise im Venedig-Stil erbaut. Ein Angestellter fährt den Besucher mit dem Motorboot über den Kanal. Der „Spiegel“ tritt ein: „Wir flanieren an einem riesigen Teich mit Wasserfall, umrahmt von gepflegten Pools. Uns begegnen ein Dutzend Angestellter, die unentwegt putzen, reparieren und kontrollieren. Für das Natur-Gefühl stolzieren Enten und ein Pfau über die Wiese. Die Wohnungen sind praktisch geschnitten, eine kostet zwischen 120.000 und 350.000 Euro. Das ist der Preis für die Exklusivität. Doch den nehmen die Bewohner gern in Kauf, um sich abzugrenzen.“ Eine Besucherin schwärmt: „Hier wohnen Ärzte, Anwälte und erfolgreiche Selbständige – alles gebildete Leute.“ Jede türkische Tageszeitung sei inzwischen „angefüllt mit Werbung für die Gated Communities – die Superlative gehen dabei niemals aus. Die eine hat ein Mega-Shoppingcenter, die nächste lockt mit Freizeitpark und Privatschule.“

Professor Hoppe sagte in seinem Buch auch kulturelle Abgrenzung voraus. Religiöse Gemeinschaften oder Kulturkonservative zum Beispiel würden eigene Siedlungen gründen und etwa „schwulen Lebensstil nicht dulden“ wollen. Und umgekehrt würde natürlich dasselbe gelten. Viele regten sich über solch steile Thesen auf. Doch auch hier meldet die Wirklichkeit längst Vollzug. In den USA entstanden Privatstädte für Golffreunde oder ausschließlich für Rentner. In Florida wird derzeit mit Ave Maria eine rein katholische Siedlung mit angeschlossener privater Universität erbaut. Und aus Istanbul berichtet der „Spiegel“: „Wer hineinziehen darf und wer draußen bleibt, darüber entscheidet je nach Gated Community nicht bloß das Einkommen. Ebenso wichtig ist, ob man zur Gemeinschaft passt. So gibt es seit ein paar Jahren Villenparks für strenggläubige, neureiche Muslime, in denen man lieber keine geschiedenen Frauen sieht. Wo zwar jeder einen Privatpool hat, in dem aber niemand schwimmt. In anderen, betont westlichen Anlagen dagegen werden Kopftuchträgerinnen mit abfälligen Blicken gestraft. Die Gesinnungen sind verschieden, doch der Wunsch ist derselbe: unter sich zu sein.“

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Oktober erscheinenden November-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 127

16. Oktober 2012

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