15. August 2012

Vor Madonnas Geburtstag und dem Urteil gegen Pussy Riot Von wegen Meinungsfreiheit

Ein russisch-deutscher Frontbericht

Wieder gelandet in der Heimat. Am Flughafen begrüßt mich der neue „Spiegel“-Titel: „Putins Russland auf dem Weg in die lupenreine Diktatur.“ Hoppla, von dort komme ich ja gerade zurück!?

Tatsächlich hat sich viel getan in dem Land. Präsident Putin bekämpft nun doch die Korruption, den Hauptgrund mancher verbreiteten Unzufriedenheit. Die Miliz auf der Straße heißt nun Polizei. Und die entsprechenden Beamten kassieren nicht mehr selbst die Strafgebühren oder den Führerschein an Ort und Stelle ein. Oder eben nicht – gegen eine persönliche Aufmerksamkeit. Vielmehr überwachen sie sich nun mit Kameras und ausführlicher Dokumentation gegenseitig, und Buße erfolgt wie in unserer lupenreinen Demokratie zeitverzögert postalisch. In Anbetracht des eher südländischen Fahrverhaltens russischer Automobilisten eine wie ich finde recht gute Maßnahme.

In den letzten Jahren bereits haben Putin und Medwedew auch den Sozialstaat mit Kranken- und Rentenversicherungen nach europäischem Vorbild ausgebaut. Das war weniger gut. Die geringe Flattax-Einkommensteuer von 13 Prozent konnte immerhin beibehalten werden. Dennoch wird in Russland immer noch nichts Nennenswertes produziert. Ob Autos, Mode, Elektronikwaren und vielfach sogar Lebensmittel – konsumiert werden Importgüter. Die riesigen Öl- und Gasvorkommen machen es möglich. Doch wie lange noch? Was, wenn die Weltmarktpreise in der Krise zusammenbrechen?

Dann sieht der heute schuldenfreie russische Bär plötzlich aus wie eine schwerbeladene griechische Landschildkröte. Doch solche Nebensächlichkeiten interessieren den gemeinen deutschen Journalisten im Kampfeinsatz nicht. Für ihn geht es um mehr: Das hohe Gut der Meinungsfreiheit sei von der neuen russischen Diktatur fürchterlich bedroht! Oder in zwei Worten: Pussy Riot!

Das ist der ausdrucksvolle Name einer feministischen Punk-Combo, bestehend aus etwa zehn jungen Damen, die seit Jahren keiner geregelten Arbeit nachgehen. Von wem sie wofür finanziert wurden und werden, darüber gibt es nur Spekulationen.

Am 21. Februar war die Truppe in die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau eingedrungen, dem zentralen Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche, vergleichbar mit dem Petersdom für Katholiken. Dort im allerheiligsten Bereich, dessen Zutritt nur höchsten Priestern gestattet ist, schrien sie mit über den Kopf gezogenen Mützen maskiert vor den anwesenden Gläubigen nette Menschenrechtsparolen wie: „Die Kirche ist die Scheiße Gottes!“ Nun sitzen drei von ihnen in Untersuchungshaft, angeklagt wegen grober Verletzung der öffentlichen Ordnung. Übermorgen wird das Urteil erwartet.

Die westlichen Qualitätsjournalisten verwandelten das unangemeldete und ungestattete „Konzert“ vor dem Altar in ein „Punk-Gebet in der Kirche“. Und das jugendliche Feminat zu Ikonen der politischen Opposition. Auch Pop-Oma Madonna, die morgen ihren 54. Geburtstag feiert, nutzte ihren Auftritt in Moskau, um die Russen in einer zehnminütigen Politrede innerhalb eines 80 minütigen, mit zweieinhalb Stunden Verspätung begonnenen Konzerts zu ermahnen. Klar, dass auch die junge deutsche Musikergarde gerne mit einstimmte: Udo Jürgens (77), Udo Lindenberg (66), Marius Müller-Westernhagen (63) und Peter Maffay (62) fordern „Freiheit für“ den „Fotzen-Aufstand“. Und die Evangelische Kirche in Deutschland „hofft“ in Person ihres Auslandsbischofs Martin Schindehütte „auf einen Freispruch“ für das „Punk-Gebet“.

Dabei hätten sich die Damen bei entsprechendem Verhalten auch in Deutschland strafbar gemacht. Sie haben das Eigentum des Hausherrn, also der russisch-orthodoxen Kirche, mutwillig missachtet und wohl mindestens Hausfriedensbruch nach Paragraph 123 im Strafgesetzbuch begangen. Strafmaß dafür wäre hierzulande bis zu einem Jahr Freiheitsentzug. Womöglich griffe aber auch Paragraph 124 bezüglich schwerem Hausfriedensbruch, da der „Auftritt“ von Musikerinnen, Tänzerinnen und Kameraleuten aus einer Gruppe von mehr als zehn Personen heraus geplant und begangen wurde. Dann betrüge das Strafmaß womöglich bis zu zwei Jahren. In Deutschland.

Doch dazu bedürfte es eines betroffenen Klägers. Und zumindest die Evangelische Kirche würde eher nicht über Lustigkeiten klagen, die in ihren Räumlichkeiten ohnehin Gang und Gäbe sind. Ganz zu Schweigen von einer Achtung vor dem Unberührbaren und Heiligen, die in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Jedenfalls in Bezug auf die traditionellen Religionen. Anders sieht das bei dem an ihrer Statt eingesetzten zivilreligiösen Ersatz aus. Einem ökosozialistischen Gleichheits- und Betroffenheitskult, der sich einer gnadenlosen Schleifung der das Individuum vor dem Staat noch schützenden Institutionen – Familie, Religion, Tradition, Nation – verschieben hat und dessen heiligster Kern gemäß den Worten Joschka Fischers nur der Holocaust sein kann. Lästereien dagegen müssen nicht einmal in Synagogen oder auf dem zentralen Mahnmal in Berlin begangen werden, um weit höher geahndet zu werden, als von den Anhängern Pussy Riots nun in Russland befürchtet. Ein gewisser Horst Mahler weiß davon ein Knastliedchen zu trällern. Er ist „wegen Volksverhetzung“ – also allzu phantasievollen und meinungsfreudigen Lästereien gegen das Allerallerheiligste – zu zwölf Jahre Haft verurteilt. Ein „Spiegel“-Titel über „Deutschland auf dem Weg in die lupenreine Diktatur“ ist derweil nicht geplant.

Geht es unserer herrschenden und meinungsbildenden Klasse also womöglich weniger um Meinungsfreiheit und Rechtstaatlichkeit als vielmehr um Begleitschutz in einem internationalen Kulturkampf als Nebenkriegsschauplatz von allerlei politischen und ökonomischen Gefechten? Dafür spräche die weitgehende Einigkeit im Ziel, die Rolle der traditionellen Religionen immer stärker zurückzudrängen und diese durch den zivilreligiösen Ersatz auszutauschen. Einem „Ersatz“, der dem Einzelnen dann allerdings keinen Halt mehr gegen den allmächtigen Staat gewährt, ihn vielmehr vollends schutzlos dem großen Bruder Leviathan ausliefert. 

Pussy Riot „demonstrierte“ folgerichtig auch nicht nur pauschal gegen Putin und die orthodoxe Kirche, sondern auch für „Demokratie“ und die „Homosexuellenbewegung“. Ohne Schwulenehe soll schon morgen kein Staat mehr der Europäischen Union beitreten dürfen. Und übermorgen wird dann weltweit gesäubert. Die Schwulen sind dabei nur die Schachfiguren. Die wenigsten von ihnen wollen überhaupt „heiraten“. Das eigentliche Ziel ist die Infragestellung der traditionellen Ehe.

Die Feinde unserer Frontorgane grüßen denn auch in schöner Regelmäßigkeit abwechselnd vom „Spiegel“-Cover: Die modernen Teufel heißen Wladimir Putin, Mahmud Ahmadinedschad und Papst Benedikt XVI. Vielleicht muss man Recep Tayyip Erdogan dazuzählen. Es sind jene letzten Widerständler, die sich der haltelosen Hegemonie und der schönen neuen einen Welt – tatsächlich einem heraufziehenden Weltstaatsmonstrum – noch widersetzen.

Währenddessen verlaufen die Fronten quer. Madonna wurde von ihren Fans in Moskau dennoch bejubelt. Wie zuvor Papst Benedikt in Deutschland trotz aller Pressehetze. Doch die Truppen sind ungleich verteilt. In Russland habe ich in persönlichen Gesprächen überraschend viel Verständnis und teilweise tiefgreifende Kenntnisse der weltweiten ökonomischen Krise kennengelernt. Doch als ich einmal nebenbei erzählte, dass unser Außenminister nicht mit einer Frau an seiner Seite die Länder bereist, war das Erstaunen groß. Das wusste man nicht. Die erste Idee war dann: „Sicherlich eine lustige PR-Aktion der Deutschen.“ Nein, meinte ich, das ist kein Gag, sondern in Deutschland völlig normal. Das haben die Finanzexperten nicht verstehen können. Ich habe, um Erklärung bemüht, beispielhaft von den zahlreichen Christopher Street Days mit Hunderttausenden Besuchern berichtet und von schwulen und lesbischen Pfarrern in der hiesigen evangelischen Kirche. Ein Gesprächspartner meinte nach einer Minute Schweigen tief betroffen: „Das ist ja gegen das Leben. Wo soll das enden?“ Ich sagte, auch diese Frage wird in Deutschland kaum einer nur im Ansatz verstehen...

Die jeweiligen Medien und Staatsschulen haben gute Arbeit geleistet, die Menschen denken teilweise anders. Und die Politiker sprechen anders. Wo wäre ein deutscher Abgeordneter oder gar Minister, der sich wie der stellvertretende russische Regierungschef Dmitri Rogosin eine freie Meinungsäußerung über eine engagierte Verkünderin der neuen Zivilreligion wie die folgende gönnen würde: „Madonna, zieh das Kreuz aus und endlich eine Unterhose an!“

Nein, hierzulande vergreifen sich die Mutigen lieber im Rudel an einer schüchternen Ruderin. Ach ja, über Political Correctness – und nebenbei über verbotene Glühbirnen – haben wir uns in Russland auch unterhalten. Meine Gesprächspartner waren ziemlich schockiert. Und meinten: „Ihr seid offenbar weit vorangeschritten auf dem Weg in die Diktatur!“


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