08. August 2012

Der „Fall Drygalla“ Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen!

Ist man erstmal falsch liiert, wird in Deutschland deliriert

Sehr unterhaltsam ist die Art und Weise der Verhandlung des „Falles Drygalla“ in der öffentlichkeitswirksam überspannten Diskussion in Politik und Irgendwasmitmedien. Die Beziehung der 23-jährigen Sportlerin Nadja Drygalla zum – mutmaßlich ehemaligen, darüber wird derzeit noch in bester Akte-X-Tradition („I want to believe!“) und mit Hilfe psychoanalytisch-spekulativer und semantisch höchst tiefenscharfer Aufschlüsselungen rechtsextremistischer Webseitentexte zum Thema gebrütet – NPD-Mann Michael Fischer läßt den Latte Macchiato in manchen Redaktionsstübchen und Abgeordnetenbüros ein wenig aufschäumen. Und verleitet einige zeitgenössische Meistergeister zu Äußerungen, die bestenfalls ein Stipendium zur Wiederholung der Grundschule wert sind. Geschenkt aus Mitleid.

Einer der wenigen, die zur Beantwortung der Frage, ob eine junge Frau wirklich sämtliche Details ihres Privatlebens dem Reichsministerium für psychische und politische Hygiene offenlegen muss, mehr als eine Gehirnzelle zu Rate zogen, war Thomas de Maizière. „Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?“, so der Verteidigungsminister. „Müssen wir von Sportlerinnen und Sportlern verlangen, dass sie offenbaren, mit wem sie befreundet sind, was die denken? Wo ist da die Grenze? Ich stelle diese Fragen, um einmal deutlich zu machen, dass es Grenzen der Überprüfung auch für die Rolle von Sportlern gibt.“

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering fand etwas besonnenere, sich wohltuend vom üblichen „Herr Lehrer, ich weiß was!“-Kindergeburtstagsgekreische abhebende Worte, als er forderte, der Ruderverband hätte hinter seinem Schützling stehen sollen: „Dann kann man sie nicht aus London nach Hause schicken und diesem Mediensturm überlassen, sondern dann muss man auch sagen: Nach unserer Auffassung ist ihr nichts vorzuwerfen.“ Auch noch Rücksicht auf eine 23 Jahre junge Frau nehmen, wo man sich an ihr doch so wunderbar ungehemmt und im Bewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen und wieder einmal unter den moralischen Rettungsschirm schlüpfen zu können, schadlos halten kann? Was erwartet Sellering eigentlich? Dass die Leute gelangweilt abwinken, wenn jemand auf dem Oktoberfest „Freibier!“ ruft?

Günther Lachmann wiederum stellte in einem Artikel auf „Welt“ Online („Rätselhafte Ungereimtheiten in der Affäre Drygalla“) eine höchst berechtigte Frage: Warum rollten sich die massenmedialen Zehennägel erst während der Olympischen Spiele auf, obwohl Drygallas Beziehung zu Fischer doch schon lange bekannt war? Warum Michel und Micheline erst jetzt einen rechtsdrehenden Hundekeks hinwerfen? Vielleicht müssen im Hintergrund ja wieder einige Entscheidungen in Sachen währungspolitischer Notbeatmung getroffen werden, die den Souverän dazu verleiten könnten, nicht nur von Sportlern ein deutliches „Demokratiebekenntnis“ zu fordern? Gibt es eventuell auch im Bundestag Verbindungen zu extremistischen Überbauten?

Bevor ich das Lustigste vergesse: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, forderte Reue von Drygalla und bezog sich dabei auf einen Bibelvers, Hesekiel 33,12: „Wenn ein Gottloser von seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll‘s ihm nicht schaden, dass er gottlos gewesen ist.“ Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es dem verlorenen Schaf auch wirklich ernst damit ist. Die Umkehr müsse „tatsächlich errungen und ernstgemeint sein“, so Schneider, und weiter: „Frau Drygalla hat ein Recht auf Umkehr, und in Sippenhaft für ihren Freund darf sie schon gar nicht genommen werden.“

Gehen wir das Ganze mal streng logisch an. Wenn Drygalla für die politischen Ansichten ihres Freundes nicht in Sippenhaft genommen werden darf, warum ist dann eine hart errungene, aufrichtige „Umkehr“ nötig? Von was? Hat sie doch bisher kein rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet, sondern sich im Gegenteil deutlich davon distanziert; angeblich soll auch die Beziehung zu Fischer unter dessen NPD-, also geschredderter Verfassungsschutznähe gelitten haben.

Herr Schneider sollte sich aber nicht vorschnell abschreiben – es hat schon viele Menschen gegeben, die trotz fortgeschrittenen Alters das Abitur nachgeholt oder sogar studiert haben. Denn siehe Krauss (45, 12): „Wenn ein Alogiker von seiner Alogik umkehrt, so soll's ihm nicht schaden, dass er alogisch gewesen ist.“ Allerdings erfordert eine Abkehr von der Alogik hartes, ernst gemeintes zerebrales Ringen, der Logiklose muss es wirklich wollen. Und in Sippenhaft mit der „BILD“ („Nazi-Skandal bei Olympia!“) darf er schon gar nicht genommen werden. Prösterchen!

Links

„Ministerium erwägt Extremismusklausel für Sportler“

„Rätselhafte Ungereimtheiten in der Affäre Drygalla“

„Präses Schneider fordert Reue von Nadja Drygalla“


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