19. Februar 2012

Von den Lügenwörtern Die Wahrheit der Sprache als Bedingung von Recht und Freiheit

Soziale Pflichtversicherung – 3 Wörter, 3 Lügen

Friedrich August von Hayek hat das Wieselwort bekannt gemacht. Einem anderen Wort vorangestellt saugt es dessen Inhalt aus und lässt die leere Hülle zurück. So macht es das Wiesel mit dem Ei. Das bekannteste Wieselwort ist „sozial“. Der Gerechtigkeit vorangestellt, entleert es diese ihres Inhalts. Soziale Gerechtigkeit ist etwas völlig anderes als Gerechtigkeit, klingt aber schön. Wieselwörter sind also gefährlich. Sie zerstören die Sprache. Konfuzius soll gesagt haben: „Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen keine guten Werke zustande. Kommen keine guten Werke zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht. Gedeihen Kunst und Moral nicht, so trifft die Justiz nicht. Trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten. Das ist es, worauf es ankommt.“

Auch aus George Orwells Meisterwerk 1984 kennt man die Sprache als Bedingung für Recht und Justiz. Dabei ist Neusprech nicht nur ein Werkzeug der Herrschenden zur Zerstörung des allgemeinen Rechtsgefühls, sondern gleichzeitig ein Werkzeug der Kontrolle der Berherrschten. In seinem Aufsatz "Politics and the English Language" aus dem Jahr 1946 hat Orwell seine Gedanken dazu auch außerhalb der Romanform zu Papier gebracht.

Dabei kann man die Bedeutung des Rechts gar nicht hoch genug schätzen. Erst das Recht – in bewusster Unterscheidung zum fehlbaren Gesetz – ermöglicht Freiheit. Denn Freiheit ist Abwesenheit von ungerechtfertigt ausgeübtem Zwang. Das Recht trennt Freiheit von Unfreiheit, indem es den rechtmäßigen vom unrechtmäßigen Zwang unterscheidet.

Die Wahrung der Freiheit braucht also einen Begriff von Recht, während das Recht wiederum eine Sprache mit zutreffenden Begriffen voraussetzt. Begriffe wiederum vermitteln Vorstellungen von der Wirklichkeit. Bewahren wir also die Sprache und retten sie vor der Verwahrlosung. Dazu sind die sprachlichen Missstände zu benennen, wie Hayek es mit den Wieselwörtern vorgemacht hat. Doch Wieselwörter sind nicht der einzige Auswuchs verdrehter Sprache. Auch mit anderen Wörtern kann ein Zerrbild von der Wirklichkeit vermittelt werden.

So gibt es auch die Lügenwörter. Lügenwörter sind Wörter, die im allgemeinen Sprachgebrauch eine erfolgreiche Umdeutung erfahren haben. Dazu werden positiv besetzte Wörter für Sachverhalte verwendet, die negativ sind – oder umgekehrt. Lügenwörter vermitteln daher eine falsche Vorstellung einer andersartigen Wirklichkeit. Wir finden Lügenwörter im politischen Bereich, also natürlicherweise dort, wo sie gebraucht werden. Prominentes Beispiel sind die so genannten Sozialversicherungen: Gesetzliche Rentenversicherung, gesetzliche Krankenversicherung, gesetzliche Unfallversicherung und, jüngste der vier, die soziale Pflegeversicherung. Zusammengefasst sprechen viele von den sozialen Pflichtversicherungen. Jener Begriff der sozialen Pflichtversicherung ist aus drei Wörtern zusammengesetzt, wobei jedes einzelne ein Lügenwort ist.

Erstens liegt keine Pflicht vor. Die Pflicht ist das Ergebnis der Verpflichtung. Verpflichten kann man nur sich selbst. Das Einzahlen in die gesetzliche Rente oder die gesetzliche Krankenkasse ist jedoch kein Ergebnis eigener Verpflichtung, sondern Ergebnis gesetzlichen Zwangs. Denn Zwang ist die Verpflichtung Dritter gegen ihren Willen. Jemand anders hat bestimmt, dass man zu leisten habe. Richtigerweise muss man von Zwang, nicht Pflicht sprechen. Parallel handelt es sich auch nicht um eine Wehrpflicht oder Schulpflicht, sondern um Wehrzwang und Schulzwang.

Dieser Zwang ist zweitens nicht sozial. Denn auch Sozialität ist ein Ergebnis wechselseitigen, freiwilligen Handelns. Zwang, nicht einmal der gerechtfertigte, kann per definitionem nicht sozial sein, denn er ersetzt immer den Willen des gezwungenen Menschen mit dem des zwingenden Menschen. Die kollektiv erzwungene Mitgliedschaft in einem Zwangssystem missachtet den Willen des gezwungenen Menschen. Dabei stammt das Wort sozial aus dem Lateinischen und meinte als „socialis“ ursprünglich, „gemeinsam“, „mit anderen lebend“, und ist verwandt mit dem heute im Sprachgebrauch noch existierenden Sozius als Bundesgenosse. „Socialis“ soll auch von „sequi“, folgen, abstammen. In allen ursprünglichen Bedeutungen kommt die Willensfreiheit zum Ausdruck. Was ist ein Folgender, der nicht aus eigenem Antrieb folgt, was ein Bundesgenosse, der nur widerwillig den Bund geschlossen hat?

Drittens ist eine Versicherung etwas völlig anderes. In den frühen Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit versicherten sich die Menschen ihres gegenseitigen Beistands. Man versicherte sich und einander. Hierin kommt aktives Tun, beruhend auf aktiver eigener Entscheidung und eigenem Willen zum Ausdruck. Daneben besteht die Essenz der Versicherung im Aufbau eines gemeinsamen Kapitalstocks, aus dem eventuelle Schäden bezahlt werden. Die großen Vermögensmassen echter Versicherungsunternehmen belegen das. Wie lächerlich sind dagegen die Umlagesysteme, die von der Hand in den Mund leben, gerade so über die Runden kommen, nicht Vermögen aufbauen, sondern umverteilen, indem sie mit der einen Hand ausgeben, was sie mit der anderen einziehen? Sie sind keine Versicherungen, sie sind nicht einmal Zahlstellen, denn auch zum Bezahlen einer Schuld gehört die Freiwilligkeit. Sie sind nicht mehr als große Einzugsstellen, an die Gelder entrichtet werden. Und so wie sie keine Versicherungen sind, so anders ist ihre Verlässlichkeit im Ernstfall zu beurteilen. Alle großen Versicherer überlegen, wie sie mit der dauerhaften Währungskrise umzugehen haben, um die Ansprüche ihrer Kunden zukünftig befriedigen zu können. Die Umlageeinzugsstellen machen dagegen weiter wie bisher. Da sie keine Kunden haben, können sie diese auch nicht verlieren. Wem keine Gelder anvertraut worden sind, der muss sich auch nicht kümmern.

Reden wir also zukünftig nicht von der sozialen Pflichtversicherung, sondern von den asozialen Zwangsumlagesystemen. Machen wir die Lügenwörter offensichtlich, derer wir uns meist gedankenlos bedienen. Der erste Schritt ist, sich die Vielzahl der falschen, von uns nicht hinterfragten und trotzdem benutzen Begriffe bewusst zu machen. Das erfordert ein aktives Nachdenken über unsere Sprache. In zweiter Linie bedeutet das, andere für die Lügenwörter zu sensibilisieren. Drittens erfordert es, eigene Begriffe zu finden und zu benutzen, wo die Vorstellung von der Wirklichkeit mit positiv aufgeladenen Begriffen entstellt wird. Viertens ist zu verteidigen, was von klarer und wahrer Sprache noch übrig ist. Geben wir nicht unsere Begriffe von Freiheit, Liberalismus und Marktwirtschaft auf. Sie müssen selbstlos und argumentativ verteidigt werden. Das ist im ersten Moment vielleicht mühsam und teuer. Denn anders als bei der Verteidigung unseres Eigentums haben wir keinen kurzfristigen Nutzen davon, wenn uns Augenrollen und Unverständnis entgegenschlagen. Doch langfristig bewahrt es unsere Sprache und damit Recht und Freiheit. Und genau das unterscheidet den Freiheitsfreund von seinen Gegnern. Wenn wir sparen, so haben wir uns gegen den Konsum und für die Kapitalbildung entschieden. Wenn wir für wahre und klare Sprache eintreten, dann entscheiden wir uns mit dem Herzen für Recht und Freiheit.


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