17. Januar 2012

Wulff Immer mehr Journalisten zeigen Einsicht

Spiegel-Online & Co. zunehmend stärker in der Kritik

„Es ist mir unheimlich“, postete dieser Tage der CDU-Abgeordnete Ruprecht Polenz auf Facebook zur Wulff-Debatte, „dass seit über vier Wochen praktisch alle deutschen Medien und nahezu alle Journalisten im Gleichschritt marschieren.“ Seine Meinung ist keine Einzelstimme. Polenz vertritt damit inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung. So beklagten in einer am Donnerstag veröffentlichten repräsentativen Emnid-Umfrage 53 Prozent der Befragten einen unfairen Umgang mit Christian Wulff. Unter der Altersgruppe der Jüngeren (bis 29 Jahre) sind es sogar 63 Prozent. Unter Befragten aller Altersgruppen wollten nur 33 Prozent Wulff eine „zweite Chance“ verwehren. Es ist also mittlerweile nur noch ein Drittel und nicht, wie immer wieder behauptet wird, die Hälfte aller Deutschen für Wulffs Rücktritt.

Die Medien beschlossen fast durchgehend, diese Emnid-Umfrage totzuschweigen, und berichteten lieber über das ZDF-Politbarometer, dem zufolge eine Mehrheit den Bundespräsidenten für „beschädigt“ hält. „Beschädigt“ ist aber etwas anderes als „für das Amt untragbar“. Und nach der unrühmlichen Rolle der Medien wurde beim Politbarometer lieber erst gar nicht gefragt. Aufgefallen ist sie einem Großteil der Bevölkerung trotzdem: „FAZ“, „Welt“ und Co. müssen inzwischen lange Artikel schreiben, in denen sie ihre Einheitsmeinung zu rechtfertigen versuchen.

Die Emnid-Umfrageergebnisse sind umso bemerkenswerter, als die deutschen Medien noch nie zuvor ein derart massives Kesseltreiben gegen einen deutschen Politiker betrieben hatten. Versorgt wurde man fast ausschließlich mit Informationen und Argumenten, die gegen Wulff sprachen. Und nicht nur die Presse schien sich wieder einmal selbst gleichgeschaltet zu haben. Auch das Fernsehen bot die denkbar schwersten Geschütze auf: In mindestens einer Talkshow pro Tag traten reihenweise Menschen auf, die den Bundespräsidenten mit Vorwürfen überzogen und dabei immer wieder so taten, als handele es sich bei Spekulationen um erwiesene Tatsachen. Sonntag: „Frühschoppen“ und „Jauch“. Montag: „Hart aber fair“. Dienstag: „Lanz“. Mittwoch: „Lanz“. Donnerstag: „Lanz“, „Illner“ und „Beckmann“. Wenn Sandra Maischberger und Anne Will nicht noch in Winterpause gewesen wären, hätte es auch dort vermutlich Prügel gehagelt. Als sich gestern allerdings auch der „Presseclub“ mit dem Thema beschäftigte, kam Jörg Schönenborn schon in der Einleitung nicht mehr umhin anzusprechen, dass der Großteil der Bevölkerung von den Medien gar nicht mehr repräsentiert wird – allerdings nur um dieser Erkenntnis die dreiste Behauptung folgen zu lassen, man habe „wirklich mit der Lupe gesucht“ und trotzdem keinen Journalisten gefunden, der sich auf Wulffs Seite stellen wollte. Tatsächlich hatten hier auf eigentümlich frei etwa André Lichtschlag und Lion Edler schon mutig gegen die Medienphalanx Stellung bezogen, als sie noch einsame Rufer in der Wüste waren und gar nicht wissen konnten, dass sie für die vernachlässigte Mehrheit der deutschen Bevölkerung sprachen. Auch das Totschweigen abweichender Stimmen ist Bestandteil der Kampagne.

Man könnte über die manipulativen Taktiken der Medien in der Sache Wulff ein ebenso dickes Buch schreiben wie über vergleichbare Vorgänge zuvor. Da wird über Entlastendes kaum berichtet, belastende Indizien aber in Dauerschleife wiederholt. Bis in die tiefste Vergangenheit Wulffs wurde und wird gegraben, um etwas zu finden, was auch nur irgendwie anrüchig wirken könnte. Vorwürfe geraten in die Schlagzeilen, die Widerlegung dieser Vorwürfe geht in den meisten Artikeln unter. Viele Leser haben vermutlich noch gar nicht erfahren, dass sich diverse Vorwürfe längst erledigt haben. Etliche Journalisten hingegen versuchen eine Scheinrealität zu schaffen, die offenbar zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden soll: Nachdem zwei CDU-Hinterbänkler gegen Wulff Stellung bezogen hatten – wenn auch vielleicht nur, weil dies das garantierte Ticket für eine häufige Erwähnung in den Medien war – führte dies allen Ernstes zu Schlagzeilen wie: „Es wird einsam um Christian Wulff“. Tatsächlich steht die CDU-Spitze demonstrativ fest um Wulff zusammen. Daran änderten auch manipulative Fotos vom Neujahrsempfang auf Schloss Bellevue nichts, die am 13. Januar auf den Titelseiten etlicher Zeitungen prangten. Alle waren erkennbar in Momenten aufgenommen worden, als sich die Gruppe um den Bundespräsidenten und die Kanzlerin noch nicht aufgestellt hatte und Wulff sich etwas zur Seite wandte, offenbar um die Frage eines Gastes zu beantworten. Die Botschaft, die offenkundig vermittelt werden sollte: Wulff steht abseits. Diese und ähnliche Manipulationsversuche gerieten immerhin fast durchgehend dermaßen plump, dass sie fast rührend waren in ihrer Unbeholfenheit.

Wer immer es überhaupt noch wagte, Wulff öffentlich zu verteidigen, ob der Politiker Peter Hintze oder die Kabarettistin Désirée Nick, wurden in Artikeln wie Arno Franks „Oh Gott, Herr Pfarrer“ (natürlich auf Spiegel-Online) gleich mit unter Beschuss genommen und mit Verachtung gestraft. Auch mit solchen Mitteln sollte offenkundig ein Konformitätsdruck zur Einheitsmeinung hergestellt werden. Indes, dieser Plan ging nicht auf. Inzwischen haben die Proteste von Zuschauern und Lesern derart viele Journalisten erreicht, dass einige von ihnen die Courage fanden, diese Proteste aufzugreifen. „In der Affäre Wulff hat eine unerwartete Solidarisierung mit der Politik stattgefunden“ kam etwa Jakob Augstein schließlich nicht mehr umhin zu vermelden, „und es sind die Medien, die unter Rechtfertigungsdruck geraten.“

Diese Einsicht reifte in Augstein aufgrund des ausgesprochen kritischen Feedbacks, das einer seiner für die Wochenzeitung „Freitag“ online gestellten Artikel in der Kommentarspalte darunter erhalten hatte. „Mich wundert das“ entgegnete Augstein auf diese Kritik in einem irritierten Folgeartikel – so wie ihn die Kritik an den Medien in diesem Zusammenhang überhaupt wundere. „Ich bin verunsichert“ gibt Augstein zu und fragt hilflos, woher dieser Glaubwürdigkeitsverlust der Medien komme. Eigentümlich frei, wo die Gründe ausführlich ausgebreitet worden waren, scheint Augstein nicht zu lesen. Seine eingeschränkte Perspektive lässt ihn verwirrt zurück.

Andere Journalisten haben bereits kapiert, was Augstein noch Schwierigkeiten bereitet. Ihre Kommentare sollen in den folgenden Absätzen nach Art einer Presseschau überblickshalber dargestellt werden. Im Original lassen sich die meisten Artikel über die Linkliste am Ende dieses Beitrags finden.

So machte Stefan Niggemeier aus einer Beobachtung, die Werner Berger, einer seiner Leser, in der Kommentarspalte von Niggemeiers Blog geäußert hatte, einen eigenen Artikel. Darin stellte Niggemeier klar, dass die in vielen Schlagzeilen geäußerte Behauptung, Wulff habe versprochen, die Antworten auf 400 Fragen von Journalisten ins Internet zu stellen, schlicht falsch war.

Malte Lehming stellte für den „Tagesspiegel“ und die „Potsdamer Neuen Nachrichten“ zehn goldene Regeln zusammen, anhand derer man einen Skandal konstruieren und die Öffentlichkeit zur Manipulationsmasse machen kann. Lehmings Artikel ist so gelungen, dass er als einziger der hier zitierten Beiträge im Volltext wiedergegeben werden müsste. Ein Link darauf findet sich deshalb in der untenstehenden Linkliste an erster Stelle.

In dem Artikel „Wulffs Hinrichtung“, veröffentlicht in der „Frankfurter Neuen Presse“, beklagt Michael Kluger den unterirdischen Stil der Hatz auf Christian Wulff: „Der Furor, mit dem an ihm und auch dem Amt gesägt wird, ist von einer Gnadenlosigkeit, Verbissenheit und Brutalität, für die es hierzulande kein Vorbild gibt. In den Online-Medien überbieten sich hochtourige Glossisten, Kolumnisten und Dauerleitartikler an Häme und Gehässigkeit. Schneller, lauter, im Ton härter und zynischer bis zur Grenze der Beleidigung: Der Druck, im Internet stets die Avantgarde der Meinungsbildung zu sein, führt zu Exzessen von Wichtigtuern, anmaßenden Tugendwächtern und inquisitorischen Scharfrichtern. In Blogs und Foren assistieren Heerscharen von Wutbürgern, die mit maßlosen Ausbrüchen, Verdächtigungen und haltlosen Verschwörungstheorien ein virtuelles Fegefeuer anheizen. In endlosen Talk-Runden sitzen Kabarettisten, Schauspieler und vermeintliche Experten, die wohlfeile Verdammungsurteile in die Kameras schleudern. Welchen Schaden diese Affäre für die Zukunft anrichtet, ist noch nicht abzusehen. Die Hemmungslosigkeit als Debattenstil und Umgangsform ist für eine demokratische Gesellschaft, die auf Auskommen zielt, ein fataler, ja brandgefährlicher Irrtum.“ Warum Kluger allerdings explizit von den Online-Medien spricht, während die Presse nicht weniger stillos zu Werke geht und Wulff im Internet sehr viel mehr Verteidiger findet, erschließt sich einem unparteiischen Beobachter nicht.

Im Bonner „Generalanzeiger“ fordert Alexander Marinos „Abrüsten! Jetzt!“ Zwar bewege man sich mit Medienkritik immer auf dünnem Eis, aber er könne vor den zunehmend genervten Lesern nicht länger die Augen verschließen: „Tatsächlich überspannen einige der sogenannten Leitmedien den Bogen derart, dass aus der Wulff- mehr und mehr eine Journalismus-Affäre wird. Inzwischen reicht es Spiegel-Online etwa, eine läppische 400-Euro-Einladung auf dem Oktoberfest für die Familie Wulff zu einer riesigen neuen Enthüllung aufzupumpen. Diese Recherche im Klein-Klein wirkt vor allem: kleinkariert. Sie nährt den Verdacht, dass ganze Redaktionen regelrecht beleidigt sind, weil Wulff nicht zurücktritt. Vor lauter gekränkter Eitelkeit pusten und pusten sie heiße Luft in den Empörungsballon und merken nicht, wie sie sich selbst durch immer mehr Schaum vor dem Mund entstellen.“

Der Kommunikationsberater Hasso Mansfeld befindet im Interview mit evangelisch.de, durch die Skandalisierung einer verärgerten Mailbox-Nachricht werde inzwischen die ganze Republik mit einer Kontroverse zwischen Kai Diekmann und Christian Wulff terrorisiert. Mansfeld führt aus: „‚Spiegel-Online‘ versucht mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, aus einem Wettbewerbsverhältnis heraus, damit ‚Bild‘ nicht ‚Spiegel-Online‘ den Rang abläuft. Damit haben wir journalistische Prinzipien schon längst über Bord geworfen.“ Alles werde zur Schlagzeile gemacht und „auf die Nummer eins gesetzt, wenn man es nur irgendwie da rein quetschen kann“. Es sei der Sache unangemessen, wenn man nun in uralten Vorgängen und schiefen Formulierungen immer wieder nach winzigen Lässlichkeiten krame und hoffe, damit endlich den letzten Hieb ausführen zu können, der Wulff zu Fall bringe: „Da sitzen Heerscharen von Anwälten und sezieren jeden Punkt und jedes Komma, das Wulff in der Live-Sendung gemacht hat, überprüfen das juristisch und schauen nach Schwachpunkten. Da setzen wir Maßstäbe an, die nicht passen. Da sitzt ein Mensch und kein Gott.“ Wenn der Bayrische Rundfunk schließlich so weit gehe, einen kranken Mann zu interviewen (den Wulff-Biographen Karl Hugo Pruys), sei das „ein krasser Verstoß gegen den Pressekodex und die unterste Schublade, derer man sich bedienen kann“.

Schon zuvor hatte Mansfeld im Gespräch mit „Werben und Verkaufen“ erklärt, die öffentliche Wahrnehmung sei exakt in jenem Moment zugunsten Christian Wulffs gekippt, als Bettina Schausten den absurd hohen moralischen Maßstab als allgemeingültig dargestellt habe, wenn man bei Freunden übernachte, dort 150 Euro zu hinterlassen. In den Medien hingegen habe „sich alles aufgeschaukelt, bis eine regelrechte Hysterie entstanden ist. Sozusagen ein kollektiver Tunnelblick, der nur eines im Sinn hatte: DER MUSS jetzt zurücktreten. Dabei ist kurzfristig aus den Augen verloren worden, dass die Medien im Wesentlichen die Funktion haben, über Ereignisse zu berichten, und nicht die Ereignisse selber schaffen sollten, über die sie dann Bericht erstatten.“

In dem „Focus“-Artikel „Wenn aus Aufklärung eine Hetzjagd wird“ befindet Martina Fietz, es gehe den Medien mit der Durchleuchtung auch des letzten Winkels in Wulffs Biographie längst nicht mehr um Aufklärung, sondern schlicht darum, ihn aus seinem Amt zu vertreiben – was Fietz als „Machtanmaßung“ anprangert. Fietz argumentiert: „Wenn Wulff nicht alle an ihn gerichteten Fragen und die dazu notwendigen Antworten ins Internet stellen wollte, ist das durchaus nachvollziehbar. Vieles von dem, was man von ihm wissen wollte, betrifft tatsächlich einen sehr privaten Bereich. Das wussten viele im Berliner Medienbetrieb – nicht zuletzt übrigens durch das eine oder andere Telefonat im Hintergrund. Dazu gehörten unter anderem auch Fragen zur Pflege von Wulffs kranker Mutter. Muss die Öffentlichkeit tatsächlich mit solchen Details versorgt werden? Wohin führt uns die neue Form des investigativen Journalismus, wenn selbst ‚Spiegel‘-Verantwortliche etwa im Zusammenhang mit Wulffs Kredit aus Baden-Württemberg einräumen, eine gewisse zeitliche Übereinstimmung zwischen Kreditvergabe und dem Porsche-VW-Deal habe es gegeben, Indizien für einen Zusammenhang habe man aber nicht?“

Im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ erklärt der Publizist Günter Wallraff zu den Attacken auf Christian Wulff: „Man hat den Eindruck, ‚Bild‘ will ihn vernichten. Das ist keine Demontage. Das ist Vernichtungswille.“ Dabei dürfe man nicht vergessen, „dass Wulff von ‚Bild‘ in einer ganz besonderen Weise aufgebaut, hofiert, gehätschelt wurde“. Über Jahre sei die Zeitung Wulffs Hofberichterstatter gewesen. „Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland – da setzte zum ersten Mal eine kritische Berichterstattung ein“.

Der Wirtschaftsblogger Dirk Elsner sieht in den Forderungen nach mehr Transparenz „Scheinheiligkeit“ vorliegen: „Man kann nach beliebigen Antworten dem Diskursgegner (hier also Wulff) stets weiter Intransparenz und die Zurückhaltung von Antworten vorwerfen, weil jede Antwort Ansatzpunkte für neue Fragen ermöglicht. Vielleicht geht es sogar so weit, Wulff vorzuhalten, er sei nicht offen, weil er nicht offengelegt habe, ob er bei seinen freundschaftlich verbundenen Gastgebern die Eier hart oder weich serviert bekommen hat.“ Oft scheine die „Wulffsjagd“ lediglich persönlicher Profilierung zu dienen: „Ein gutes Beispiel dafür ist die hochgejazzte Empörung um die Wirksamkeit des Kredits der BW-Bank. Der Fall ist schon deswegen lächerlich, weil man sich sehr wohl auch heute noch in Bankverhandlungen auf das gesprochene Wort verlassen kann. Natürlich wird der Finanzierungsvertrag erst rechtswirksam, wenn er von beiden Seiten korrekt unterzeichnet ist. Aber einen Fehler Wulffs daraus zu machen wirkt genau so konstruiert, wie die abstruse Vorstellung von Sven Clausen in der ‚FTD‘, ein Bundespräsident müsse alle juristischen Feinheiten deutscher Gesetze kennen. Wenn jeder nur noch das sagen könnte, was juristisch absolut wasserdicht ist und am besten unter Zitat der jeweiligen Rechtsgrundlage, dann könnten wir alle nur schweigen oder über Anwälte kommunizieren. Nein, da sucht die ‚FTD‘ populistischen Beifall genau wie das ‚Handelsblatt‘, das herausgefunden haben will, dass Finanzinvestoren Wulff Fehlverhalten vorwerfen aus seiner Zeit als VW-Aufsichtsrat. Demnächst, so twitterte Wolfgang Unglaub, kommt raus, dass Wulffs Schwippschwappschwager 1974 ein kostenloses Bier in ‘Inges Kneipe’ angenommen haben soll. Und vielleicht entdeckt ein investigativer Rechercheur, dass sich Wulff bei Penny an der Kasse vorgedrängelt hat.“ Dieselbe fast schon neurotische Penetranz, die bei Wulff pseudoexemplarisch vorgeführt werde, vermisst Elsner bei komplexen Themen wie dem europäischen Rettungsfonds und dem Bankenrettungsfonds, bei denen die Medien keinerlei Interesse an einer kritischen Vertiefung erkennen ließen.

In der von Elsner kritisierten „Financial Times Deutschland“ („FTD“) zeigt sich Thomas Fricke immerhin einsichtig. In seiner Kolumne „Sinnlose Hatz“ nennt Fricke es „allmählich etwas gruselig, mit welchem Eifer seit Wochen sämtliche politische Intelligenz im Land darauf verwandt wird, sich darüber zu empören, welchen bitterarmen Chefredakteur der Bundespräsident mal angerufen und von der Meinungsfreiheit zu entbinden versucht hat. Mit steigender Bewerberliste. Was Mama früher gemacht hat. Und wer sich noch plötzlich daran erinnert, dass da mal was war.“ Fricke sieht in dieser „Affärenverfolgungsmaschine (...) eine Wucht, die Leit- und Herdentiere mitzieht – dann schreiben irgendwann alle dasselbe. Da würde Erich Honecker vor Neid erblassen.“ Bemerkenswert sei hier der eklatante Kontrast zur Harmlosigkeit des deutschen Journalismus, wenn es um wesentlich wichtigere Themen gehe – Fricke nennt mehrere Beispiele. Allerdings, so vermutet er, „werden die Leitmedienchefs sagen, dass das ja Quotenkiller wären. Da mag das Volk lieber Brot und Spiele, eine richtig gut inszenierte Bundespräsidentenaffäre mit Rotlichthauch zum Beispiel. Das ist unterhaltsamer, und das versteht jeder Chefredakteur.“

Selbstkritisch wird schließlich auch Josef Joffe im Berliner „Tagesspiegel“. Er führt aus: „Dass die Medien-Staatsanwälte mit immer leichterer Munition schießen und manchmal sich selber in den Fuß, zeigt, wie schwierig die Verurteilung ist. Kann man ihm die Lüge nicht nachweisen, kreidet man ihm die Umsonst-Übernachtungen an. Die BW-Porsche-Volkswagen-Nummer ist zu kompliziert, also stilisieren wir Wulff zum Leichtgewicht, der sein Amt nicht ausfüllt. Oder wir drängen ihn in die Enge und bemäkeln dann sein Krisenmanagement. Entweder ist er zu frech (‚ich bleibe!‘) oder zu fahrig (siehe seinen Mailbox-Monolog). Wenn uns gar nichts mehr einfällt, sagen wir, dass die Diskussion, die wir selber angezettelt haben, ‚unwürdig‘ ist.“

All diese Lernfortschritte, die Journalisten durch das kritische Feedback der Mediennutzer machen, bleiben allerdings insbesondere auf den Seiten der „Welt“ und von „Spiegel-Online“ aus. In der „Welt“ sieht Johannes Wiedemann lediglich „eine Minderheit wütender Bürger“ am Werk, obwohl sich in den Redaktionen „die empörten Briefe, E-Mails und Anrufe gehäuft“ hatten. Von einer „Hetzkampagne“ und „Stimmungsmache“ sei immer wieder die Rede. Selbstverständlich hat Wiedemann sofort einen Kommunikationswissenschaftler an der Hand, der allen Ernstes die These vertritt, diese Leute wollten sich lediglich ihr Bild einer heilen Welt nicht zerstören lassen. Vorwürfe von Medienwissenschaftlern wie Norbert Bolz („Meutebildungen“) lässt Wiedemann von diesem Forscher zurückweisen.

Noch mehr ins Kontor schlagen bei den Wulff-Jägern aber anscheinend die zunehmend mahnenden Artikel ihrer Kollegen – etwa von Marc Brost auf den Seiten der „Zeit“. Brost schreibt über das Dauerfeuer seiner Kollegen: „Je weniger sie zutage fördern, desto verzweifelter und wütender wirkt es.“ Die Medien neigten dazu, „das Maß zu verlieren, immer weiterzumachen und einfach nicht stoppen zu können, selbst wenn es nichts Neues – oder besser: nichts Wichtiges – mehr zu sagen gibt. Eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten ist es, Sachverhalte auch moralisch zu bewerten. Aber wer bewertet eigentlich die Moral der Journalisten?“ Leider trügen auch die Medien zur Volksverdummung bei: „Vieles, was gerade abläuft, kennt man als Methoden des Boulevards, neu ist ihre Anwendung bei Politikern, und neu ist auch, dass seriöse Medien dabei mitmachen. Vielleicht sollten wir Journalisten auch ein wenig besser aufeinander aufpassen.“ Die Übersicht, welche Themen wichtig sind und welche nicht, gehe ebenso sehr verloren, wie sich die Frage stelle, wann aus einer Recherche eine Kampagne werde: „Die Verunsicherung vieler Medien darüber, was bei den Lesern oder Zuschauern (noch) zieht, führt dazu, dass Journalisten häufig das schreiben, was andere Journalisten schreiben. Herdentrieb nennt man das.“

Diese Erkenntnis ist für die eifrigsten Wulff-Jäger schwer zu verdauen. So verwundert es nicht, dass mit Georg Diez gerade ein Spiegel-Online-Autor den zitierten „Zeit“-Artikel als „unverständlich“ bezeichnet und der „moralischen Wochenschrift“ vorwirft, bei ihr würden „Journalistenkollegen in einem Leitartikel dafür verprügelt, dass sie ihren Job machen“. Nein, lieber Georg Diez, möchte man spontan entgegnen, wenn Sie das, was Sie und viele Ihrer Kollegen hier an Unanständigem betreiben, ernsthaft als „ihren Job machen“ bezeichnen, müssen Sie noch vieles über journalistische Ethik lernen – oder Ihr Leben lang bei Spiegel-Online bleiben, dann können Sie sich die Mühe sparen. Womit man einmal auf demselben polemischen Niveau geantwortet hätte, das in vielen Beiträgen gegen Wulff gang und gäbe ist.

Das Fazit bleibt: In erster Linie durch den im Internet geäußerten Widerstand ist es den Bürgern gelungen, in die fast schon totalitäre Einheitsmeinung in der Kampagne gegen den Bundespräsidenten erkennbare Risse zu sprengen. Einer der nächsten Schritte müsste es sein, diese totalitäre Haltung aufzubrechen, wenn sie unsichtbar bleibt – etwa wenn die Medien Anliegen ignorieren, die den Bürgern am Herzen liegen. Als beispielsweise AGENS-Vorstand Eckhard Kuhla letzte Woche Heise-Online ein Interview zum Thema Männerdiskriminierung und Feminismuskritik gab, führte das binnen weniger Tage zu knapp 1.000 weit überwiegend zustimmenden Leserkommentaren. So etwas gab es noch bei keinem anderen Artikel auf Heise-Online, entsprechend fassungslos war der zuständige Redakteur. Die genannte Zahl ist hochgradig bedeutsam. Jakob Augstein etwa erwähnt schon die 330 Leserkommentare unter seinem Anti-Wulff-Artikel stolz auf der Titelseite des „Freitag“. Und in der Sarrazin-Debatte werden die ebenfalls rund 1.000 Leserkommentare unter einem sarrazinkritischen „Zeit“-Artikel als Umschlagspunkt der Debatte zu Sarrazins Gunsten bewertet (nachzulesen in Marc Poledniks und Karin Rieppels „Gefallene Sterne. Aufstieg und Absturz in der Medienwelt“, Klett-Cotta 2011).

Die Zeit ist gekommen, wo die Bürger dank des Internets auch Themen in die klassischen Medien drücken werden, die diese nur allzu gerne totschweigen möchten. Davon, dass die Medien „Dialog und Aufklärung“ wünschten, wie Georg Diez es formulierte, ist beispielsweise in der Geschlechterdebatte nichts zu spüren. Stattdessen lässt Spiegel-Online über Sybille Berg mitteilen, „wenn ihr euch benachteiligt fühlt, liebe heulende Maskulinisten, liebe besorgte Forscher und Experten – dann strengt euch doch an, statt Socken voll zu onanieren“. Es ist exakt dieser Verfall des journalistischen Niveaus, den Medien wie Spiegel-Online eben nicht nur in der Wulff-Debatte pflegen und den eine Mehrheit der Bevölkerung schlicht abstoßend findet.

Links:

Malte Lehming: Wie ein Skandal gemacht wird

Emnid: Mehrheit der Deutschen hält Wulff-Berichterstattung für unfair

Jakob Augstein: Der Wulff und die bösen Medien

Stefan Niggemeier: Wulffs „400 Fragen, 400 Antworten“

Michael Kluger: Wulffs Hinrichtung

Alexander Marinos: Die Wulff-Affäre in den Medien: Abrüsten! Jetzt!

evangelisch.de: Wulff und die Medien: „Da muss mal einer sagen: Halt!“

Hasso Mansfeld: „Wulff sollte Schausten einen Orden verleihen“

Martina Fietz: Wenn aus Aufklärung eine Hetzjagd wird

Matthias Thieme: Lebenslänglich für Wulff

Dirk Elsner: Eristische Dialektik auf Schloss Wulffenstein?

Thomas Fricke: Sinnlose Hatz

Josef Joffe: Was macht die Welt?

Johannes Wiedemann: Lasst endlich den Wulff in Ruhe!

Marc Brost: Eine Machtprobe

Georg Diez: Merkel wiegt Deutschland in den Schlaf

Reinhard Jellen: „Männer werden mittlerweile auf sehr vielen Gebieten diskriminiert“


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