06. Dezember 2013

TU Berlin Meinungsverbot

Wenn Linke gegen die Bekämpfung von Antisemitismus agieren

Dass linke Extremisten ihn mit den unsäglichsten Mitteln zum Schweigen bringen wollen ist keine neue Erfahrung für den Soziologieprofessor Gerhard Amendt, den ehemaligen Leiter des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen. Seit er verstärkt über die Probleme und Anliegen auch von Männern spricht, wird er von Radikalen unter Beschuss genommen. So musste er schon auf dem Männerkongress 2010 auf Anraten der Kriminalpolizei nur mit Leibwächtern erscheinen. Das wiederholte sich, als die Universität Düsseldorf, das Klinische Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Düsseldorf, die Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf sowie die geschlechterpolitische Initiative AGENS den Männerkongress 2012 zum Thema der elterlichen Trennung aus Sicht der Väter und ihrer Kinder veranstalteten und Amendt als Redner eingeladen war. Auch diesmal wurde die Universität Düsseldorf von Kriminalpolizei und Staatsschutz verständigt, weil auf Websites wie „Macker Massaker“ die Parole „Männerkongress unmöglich machen!“ ausgegeben wurde und man gewaltsame Übergriffe befürchtete. 

Immerhin aber war die Universität Düsseldorf nicht gewillt, sich durch derlei Attacken einschüchtern zu lassen und führte den Kongress durch. Weniger Rückgrat zeigte vor einigen Tagen die Fachschaft der Technischen Universität Berlin, die in Zusammenarbeit mit der Fakultät Wirtschaft und Management eine Veranstaltung mit Kurzvorträgen und einer Podiumsdiskussion angekündigt hatte. Das Thema lautete: „Zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei – brauchen wir eine gesetzliche Frauenquote?“ Eingeladen waren: Thomas Sattelberger, ehemaliger Vorstand der Deutschen Telekom, Erik Marquardt, Mitglied des Kuratoriums der TU Berlin, Dr. Florian Schilling, Partner bei Board Consultions International, sowie Johannes Schneider, Redakteur des Tagesspiegels – und eben Professor Dr. Gerhard Amendt. 

Wenige Tage vor der Veranstaltung wurde Amendt kurzfristig von der Fachschaft der TU-Berlin ausgeladen. Der Grund dafür: zunehmende interne und externe Proteste und Bedrohungsszenarien, die teilweise anonym über das Internet erfolgten. Zu den Feinden der Meinungsfreiheit gehörte eine „Linke Liste“, die auf ihrem Blog am 19. November 2013 eine bemerkenswerte Begründung lieferte: Amendt „unterstelle“ dem Feminismus eine argumentative Nähe zu antisemitischen und rassistischen Diskursen – eine Nähe, die ausgerechnet die „Linke Liste“ offenbar lieber unter den Teppich kehren möchte. 

Amendt ist als jüdischer Wissenschaftler für das Problemfeld Antisemitismus in der Tat sensibilisiert. Auch um die Verstrickungen der feministischen Ideologie mit antisemitischer Rhetorik macht er in seinen Veröffentlichungen, etwa bei haGalil, dem größten jüdischen Online-Magazin in deutscher Sprache, keinen Hehl. „Für viele Feministinnen waren die Juden an allem schuld“ erklärt er auch in seinem aktuell erschienenen Buch „Von Höllenhunden und Himmelswesen. Plädoyer für eine neue Geschlechterdebatte“. Im feministischen Weltbild habe ein grausamer Gott wie Jahwe „der männlichen Welt insgesamt ein Beispiel gesetzt, indem er Männer lehrte, Macht über andere, insbesondere über Frauen, ausüben (...) Die Theologin Christa Mulack macht die hebräische Bibel für die Schaffung einer Mentalität verantwortlich, 'die dazu führte, dass westdeutsche Männer jährlich eine Viertelmillion Töchter, Mädchen, ja sogar sechs Monate alte Babies vergewaltigen und missbrauchen.' Der Mechanismus, mit dem die Welt hier erklärt wird, ist eine Kopie der nationalsozialistischen Propaganda. Das geschieht nicht nur der Tendenz nach, sondern entspricht dem Wesen. In den 1970er Jahren richtete er sich vor allem gegen die Juden. Ihnen wurde vorgeworfen, einem archaisch verwurzelten Patriarchat verhaftet zu sein, und unter anderem auch, den sexuellen Missbrauch von Kindern zu legitimieren (...). Dass Jüdinnen Feministinnen sein konnten, war unvorstellbar.“ 

Umgekehrt galt: „Wenn die Unterdrückung aller Frauen durch die Menschheitsgeschichte hindurch auf dem jüdischen Monotheismus beruhte, dann konnten Frauen keine Antisemiten sein. Allenfalls konnten sie Widerständler gegen ihre historischen Unterdrücker sein. So oder ähnlich haben die Nationalsozialisten die Auslöschung der Juden beschrieben: eben als Selbstverteidigung.“ Damit problematisierte Amendt nicht lediglich eine pikante historische Fußnote längst vergangener Jahrzehnte. Das eigentliche Problem, erklärt er, liegt darin, wie sehr die feministische Ideologie von ihrer Denkweise her für Ideologien wie den Antisemitismus offen ist. Da es im Wesen des Feminismus liege, „die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, sind die Voraussetzungen für Vorurteile und damit auch für den Antisemitismus gelegt. Allerdings hat der Feminismus seine Feinde je nach Bedarf gewählt. Wer zum Feind auserkoren ist, ist letztlich einerlei, Hauptsache ist, dass einer Gruppe ursächlich nachgesagt werden kann, dass sie für das eigene Leid verantwortlich ist. Und dass mit diesem Vorurteil die eigene Gruppe zusammengehalten werden kann. So sind es einmal die Juden, dann die Männer und dann die Muslime.“ 

Dies alles sind keine neuen Erkenntnisse und auch keine Einzelmeinung Professor Amendts. In den neunziger Jahren wurde dieses Problem noch intensiv diskutiert und diese Debatte in dem Buch „Der feministische Sündenfall? Antisemitische Vorurteile in der Frauenbewegung“, herausgegeben 1998 von Charlotte Kohn-Ley und Ilse Korotin zusammengefasst. Im Jahr 2013 scheint der Feminismus so unhinterfragbar Staatsreligion geworden zu sein, dass selbst seine antisemitischen Aspekte, wenn es nach einigen Linken geht, nicht mehr kritisiert werden dürfen. Warum dieses Tabu herangezogen wird, um einem Gast in einer Diskussion über die Frauenquote das Wort zu verweigern, bleibt absonderlich. 

Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass ein jüdischer Wissenschaftler auf Druck radikaler Linker von einer deutschen Universität ein Sprechverbot erhielt. „Jude Martin van Creveld von der Uni Trier entfernt“ berichtete am 26. Oktober 2011 André Lichtschlag auf ef-online. Der anerkannte israelische Militärhistoriker hatte als Gastprofessor eine Vortragsreihe abhalten sollen – wogegen linke Studentengruppen protestierten, weil dieser Professor „frauenfeindlich, militaristisch, antiisraelisch, vulgärwissenschaftlich und methodisch primitiv“ sei. Die Leitung der Uni Trier knickte bedenkenlos ein und lud Professor van Creveld wieder aus. 

Nun wiederholt sich ein ähnlich schäbiges Spiel an der TU Berlin. Die wegen Amendts Einladung angefeindete Fachschaft übte sich auf Facebook in der gewünschten Selbstgeißelung. „Was haben wir falsch gemacht?“ heißt es dort. „Wir bedanken uns für die Kritik und haben daraus gelernt.“ Die Rednerauswahl sei nicht fehlerfrei verlaufen. „Diese gestaltete sich jedoch nicht nach persönlichem Geschmack, sondern nach Diskussionspotential. Wir wissen, dass Prof. Amendt sehr kontroverse Ansichten vertritt und teilen diese nicht – doch lag unser anfänglicher Ansatz darin, dass ein breites Rednerspektrum den Diskussionsabend bereichern kann. Wir haben jedoch unterschätzt wie extrem diese Meinung ist. (...) Dass viele Menschen die Einladung eines solchen Herrn als Beleidigung aufnehmen könnten, war uns nicht bewusst. Dort haben Weitsicht und Feingefühl unsererseits gefehlt. Darüber haben wir noch einmal viel diskutiert und unseren Ansatz überdacht. Wir sehen ein, dass es falsch war, einem Redner mit solch radikalen Einstellungen eine Bühne zu bieten, und haben Prof. Amendt daher ausgeladen.“ 

Professor Amendt reagierte auf seine Ausladung mit einem offenen Brief an die Fachschaft, über den er mit kollegialem Gruß auch den Präsidenten der TU Berlin, Professor Jörg Steinbach, in Kenntnis setzte. In diesem Brief an die Fachschaft heißt es: „Meine Ausladung (...) ist als respektvoller Versuch angelegt, mein Einverständnis dafür zu erlangen, dass meine Grundrechte auf freie Meinungsäußerung und Wissenschaftsfreiheit suspendiert wurden. Allerdings steht es nicht meinem Belieben, so etwas hinzunehmen, so wenig es in Ihrem steht, sich dem inneruniversitären Druck, den anonymen Drohungen aus dem Internet wie Teilen der Berliner Szene zu unterwerfen, die Beschneidung von Freiheitsrechten immer dann fordern, wenn Geschlechterbeziehungen jenseits von Platituden und Feindbildern erörtert werden sollen. Bedauerlicherweise beugt sich auch die Leitung der TU diesem Druck, statt dem Verhalten des Rektorats der Heinrich-Heine-Universität von 2008 und 2010 zu folgen, der unerschrocken zweimal Randallierwillige und Diskussionsverweigerer mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen in die Schranken des Rechtsstaates verwiesen hat. Und es dürfte abermals die Berliner Gleichstellungsbürokratie sein, die diesmal ein Drohszenarium vor Ort ausgebreitet hat. Nochmals: Weder darf ich Ihnen die Verletzung meiner Grundrechte  nachsehen, noch haben Sie oder die Universität ein Recht, solche Verletzungen hinzunehmen.“ 

Darauf folgen einige Ausführungen darüber, inwiefern einige hanebüchene Vorwürfe, die Amendt gemacht wurden, schlicht unzutreffend sind. So sei es „nicht nachvollziehbar, warum meine Quotenkritik zurückgewiesen wird. Kritisiere ich doch, dass die Quote Frauen ausnahmslos neuerlich dem traditionsreichen Verdacht aussetzt, dass sie es außerhalb der Familie allein nicht schaffen, sondern ein fördernder Ehemann oder staatliche Hilfe vonnöten seien, damit sie es schaffen.“ Seinen Kritikern sei offenbar entgangen, dass sich etwa in Wien Medizinstudentinnen „bereits gegen staatliche Bevorzugung wehren, weil sie keine Frau Dr. med. quote von Staatswegen werden wollten.“ 

Amendts offener Brief schließt mit dem Fazit: „Völlig unverständlich ist mir, wie angehende Akademiker sich von ‚Meinungen‘ beleidigt fühlen können. Die Universität beruht gerade darauf, dass selbstverständlich Erscheinendes auf unhinterfragte Voraussetzungen reflektiert wird. Wer das nicht als privilegierte Chance für neue Erfahrungen erlebt, sondern sich davon beleidigt fühlt, der verkennt das Wesen der kritischen Analyse. Der sollte die Universität verlassen, denn anders wird er seine festgefahrenen Ansichten vor dem Einbruch fremder Perspektiven nicht schützen können. Sie hoffen in Ihrer Email, dass ich 'Ihre Lage nachvollziehen' kann. Gewiss, aber ich messe Sie an Ihrem politischen Verhalten. So mutig Ihr Unterfangen anfangs war, so haben Sie vergessen, dass Grundrechte wieder im Alltag auch kämpferisch bestätigt werden müssen. (...) Es ist ein bedrückendes Symptom, dass alle Welt dieser Tage über die Frauenquote spricht, dass aber ausgerechnet an der TU Berlin, Genderforscher und Frauenbeauftragte eine von Studenten initiierte Debatte abwürgen, ohne dass die Universität sich geschlossen gegen die Verletzung der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit stellt?“ 

Nach diesem Briefwechsel kam es, wie es wohl kommen musste: Die Veranstaltung platzte. Zunächst sagte auch der studentische Diskussionsteilnehmer Erik Marquardt, Geschäftsführer bei der Grünen Jugend, überraschend ab, indem er Amendt vorwarf, ein „übermäßiges Geltungsbedürfnis (...) auf dem Rücken der Opfer von Rassismus, Sexismus und häuslicher Gewalt“ auszuleben. Offenbar in Solidarität mit dem angefeindeten Soziologieprofessor sagte schließlich auch der bekannte Schriftsteller Bernhard Lassahn ab, ebenfalls ein Kritiker der Frauenquote, des weiteren Dr. Florian Schilling. Eine Vortragsreihe und Podiumsdiskussion mit nur noch zwei verbliebenen Teilnehmern wäre endgültig zum Witz geworden. Wie die TU Berlin damit umgehen wird, dass ein jüdischer Wissenschaftler an einer deutschen Uni auch wegen seiner Kritik an antisemitischen Diskursen nach linksradikalem Druck ein Sprechverbot erhält, wird abzuwarten sein. 

Links

Der offene Brief von Professor Gerhard Amendt im Volltext

Professor Amendt auf haGalil: Frauen und NS: Feminismus und Antisemitismus

Rezension zu Professor Amendts „Von Höllenhunden und Himmelswesen“

André F. Lichtschlag: Jude Martin van Creveld von der Uni Trier entfernt


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