11. Januar 2012

TV Wulff als Grenzdebiler bei der Domina

Medien lassen alle Hemmungen fallen

„Was sollen wir denn machen, wenn Wulff seinen Platz nicht räumen will?“ fragte Fritz Pleitgen am Montag bei Plasberg. „Wollen wir ihn wegekeln?“ Genau für diese Strategie scheint man sich inzwischen entschieden zu haben.

Es war der übliche Schauprozess, der am Dienstagabend im ZDF stattfand. Fünf Gäste hatte Markus Lanz in seine Talkrunde gebeten: Heiner Lauterbach, Heide Simonis, Mathias Richling, Michael Spreng und ein Unternehmer, der die Gunst der Stunde zu nutzen wusste, dass inzwischen auch gänzlich Unbekannten mit Wulff-Bashing ein Auftritt in den Medien sicher ist. Ein Verteidiger Christian Wulffs war wohlweislich nicht dabei. Die (laut Umfragen) Hälfte der Bevölkerung, die nicht der Ansicht ist, dass Wulff zurücktreten solle, blieb einmal mehr außen vor. Und während Heiner Lauterbach die unrühmliche Rolle der Medien in dieser Kontroverse zunächst zu thematisieren versuchte, hatte er damit keine Chance. Die Runde wollte nicht kontrovers diskutieren, sondern sich einmal mehr aus der Sicherheit der Meute heraus auf den Einzelnen einschießen. Das steigerte sich von Minute zu Minute, bis das Gespräch erwartungsgemäß entgleiste.

Früh hatte der Kabarettist Mathias Richling einen ersten Vorstoß unternommen, indem er argumentierte, es gebe ja zwei Gründe, weshalb ein Bundespräsident zurücktreten müsse: wenn er sich eine Straftat zuschulden kommen lasse und wenn er grenzdebil würde. Da ersteres auszuschließen sei, solle man sich vielleicht überlegen, ob bei Christian Wulff nicht letzeres in Frage komme ...? Wir waren mittlerweile auf der Ebene offener Beleidigungen angelangt, so wie es bei derartigen Kampagnen – man denke an den „irren Hetzer“ Martin Hohmann und Eva Herman, die entweder „braun oder doof“ sei – immer der Fall ist. Niemand schritt ein, nicht Michael Spreng, nicht Heide Simonis und schon gar nicht der Moderator. Niemand stellte die Frage, ob diese öffentliche Hinrichtung nicht jedes Maß an Würde und Respekt verloren hatte. Auch Heiner Lauterbach war mit seinem zögerlichen Versuch einer Medienkritik still geworden. Richling merkte, dass er einen Freibrief für alles hatte.

Und so kam es zur zweiten, noch übleren Entgleisung. Im Gespräch waren sich wieder einmal alle Jäger gerade einig geworden, dass nicht sie selbst für ihre Attacken verantwortlich waren, sondern ihre Beute, die all diese Attacken auf sich zog. Wulff wurde zum „Masochisten“ erklärt, der sich offenbar nach Prügeln sehne, weil er partout nicht zurücktreten wolle. Flugs entwarf Richling das Bild eines Bundespräsidenten, der abends vor einer Domina herumkroch und dabei vielleicht deutlich wuchs – „ich meine innerlich“, fügte Richling hämisch hinzu, um das von ihm erzeugte Bild eines Bundespräsidenten, bei dem sadistische Spiele eine Erektion erzeugten, bei den Zuschauern der Sendung zu verstärken. Wo es „alle gegen einen“ heißt, gibt es für Bösartigkeiten keine Grenzen mehr. Auch hier protestierte niemand, keiner verlangte Mäßigung und eine Rückkehr zur Sachlichkeit. Nicht Heide Simonis und nicht Michael Spreng.

Es ist bemerkenswert, wie im Rausch der Jagd sämtliche moralischen Maßstäbe verloren gehen. Man hatte sich in den Medien ohnehin darauf geeinigt, dass Wulff für jegliche Entgleisung, jegliche Unfairness selbst die Verantwortung trug. Journalisten und andere Medienmenschen erscheinen in diesem Weltbild nicht mehr als Verantwortliche für ihre eigenen Entgleisungen; sie sind reine Getriebene der von ihnen eröffneten Jagd. Dabei zeigen sie sich von dem Thema und ihren eigenen Ansprüchen immer wieder komplett überfordert. Natürlich kann man Witze mit Sexualität und Dominas machen – ich selbst bin in dieser Hinsicht mit Büchern wie „Das Kamasutra am Arbeitsplatz“ kein Kind von Traurigkeit. Aber ein Mensch, der noch klar denken kann, vermischt nicht die Ebenen, mixt nicht den Dominawitz mit ach so hehr geäußerter Kritik über die zwingend notwendige Unfehlbarkeit eines Bundespräsidenten. Moralisierer ohne Moral sind unglaubwürdig. Es geht, um mit Fritz Pleitgen zu sprechen, Wulffs Gegnern tatsächlich nur noch ums Wegekeln. Welche obszöne Phantasie kommt als nächstes? Wulff als Pädophiler oder als KZ-Aufseher? Früher kritisierten Journalisten die Blogger- und Forenszene wegen des dort in der Tat oft unterirdischen Niveaus als Jauchegrube des Internets, aus der die Gülle hochgeschossen komme. Heute baden die Figuren unserer Mainstreammedien in dieser Gülle. Ab und zu rufen sie dabei einander zu: „Iiiiih, du hast ja Dreck hinterm Ohr!“

An einer Stelle allerdings ging großes Raunen durch das von derlei Geschmacklosigkeiten abgestumpfte Publikum: als Michael Spreng erwähnte, dass ein Bundespräsident auch nach der Beendigung seiner Amtszeit jedes Jahr knapp 200.000 Euro Pension erhalte. Eine Million in fünf Jahren für reines Nichtstun. Unsummen an Steuergeldern für die reine Repräsentation des Staates. Einmal mehr merkten die Menschen, dass sie unter die Räuber gefallen waren. Für diesen Skandal allerdings ist nicht Christian Wulff verantwortlich. Die finanzielle Last wird auch nicht kleiner sondern größer, wenn unsere Medien jeden Bundespräsidenten (erst Köhler, dann Wulff) derartigen Zumutungen aussetzen, dass er schließlich geradezu flüchten muss. Ob das Amt des Bundespräsidenten wirklich noch notwendig ist, wäre eine wesentlich sinnvollere Debatte. Aber sie wird nicht geführt. Natürlich nicht: Es passen keine Dominawitze hinein.

Links:

Eva Herman: Wulff-Krise oder Medien-Desaster

Helmut Mathies: Warum ich mich als Gauck-Fan vor Christian Wulff stelle

Ulrich Schmid: Ein deutsches Trauerspiel


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