09. Januar 2012

Kampagne Warum Wulff gegen seine Jäger beste Chancen hat

Immer mehr Bürger wütend über die Methoden des Medienkartells

„Die Wulff-Affäre hat gute Aussichten, in die Geschichtsbücher einzugehen, als Wendepunkt der politischen Kultur in Deutschland“ schreibt der Medienblogger Ulrich Horn, vormals Redakteur der „WAZ“. Viele andere Beobachter sehen es ähnlich. Die meisten Journalisten selbst geben sich noch alle erdenkliche Mühe, die Vorstellung ihres Schmierentheaters so ungerührt weiterzuführen, als ob ihr Publikum nicht bereits scharenweise zum Ausgang flüchten würde. Aber es gelingt ihnen immer weniger, ihre wachsende Verunsicherung zu überspielen.

Grund für diese wachsende Verunsicherung gibt es allemal. Wie sich schon Ende letzter Woche in der Umfrage „ARD-Deutschlandtrend“ zeigte, sind inzwischen 57 Prozent der Bürger der Auffassung, „die Medien wollten Wulff fertigmachen“ – eine Zahl, die bezeichnenderweise in vielen Artikeln über andere Ergebnisse dieser Umfrage an keiner Stelle zu finden ist. Dem unbenommen warnte Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR, die Medien am 6. Januar, sich als Gewinner der Kampagne zu sehen. „Auf einer Tagung zum 50-jährigen Bestehen des Deutschlandfunks in Köln wies er darauf hin, dass sich in der Bevölkerung ein Solidarisierungseffekt mit Wulff abzeichne“ berichtete das Deutschlandradio. „Die Mehrheit nehme die Berichterstattung inzwischen als unfaire Hetzjagd wahr.“

Dieser Eindruck entsteht nicht von ungefähr. Auf Spiegel-Online konnte man die letzten Tage über der halben Redaktion bei einem schier endlosen Nervenzusammenbruch zusehen: Fast stündlich wurde ein neuer Artikel mit Wulff-Bashing online gestellt. Der Inhalt: Vermutungen, Spekulationen, Unterstellungen und längst bekanntes Geraune, das rhetorisch noch einmal aufpoliert und als neu präsentiert worden war. Die Positionierung dieses journalistischen Abfalls: immer am Kopf der Seite. Im Gebührenfernsehen ging es nicht anders zu. Wer sich etwa gestern auf Phoenix den „Internationalen Frühschoppen“ ansah, durfte genau den Schauprozess erleben, den jeder erwartet hatte, weil man ihn schon aus früheren Hetzjagden auf einzelne Politiker zur Genüge kannte: fünf Journalisten, ein und dieselbe Meinung. Angeführt wurde das Rudel vom „WAZ“-Chef Ulrich Reitz, der hämisch berichtete, seine Zeitung habe den Leserreaktionen doch allen gebührenden Platz gegeben: sechs Spalten gegen Wulff, eine Spalte für seine Verteidiger. Es musste erst ein empörter Zuschauer anrufen, der den Medienkadern die Leviten las, worauf sie alle dasaßen wie begossene Pudel.

Gar nicht erst eingeladen werden von den Öffentlich-rechtlichen ausländische Journalisten, die sich der Selbstgleichschaltung der deutschen Medien nicht anschließen möchten. „Heuchlerische und hysterische Hetzjagd“ betitelte etwa David Nauer seinen Artikel im Schweizer „Tages-Anzeiger“. „Zwar können ihm keine handfesten Verfehlungen nachgewiesen werden“, schrieb Nauer zutreffend über Wulff, „nichts ist strafrechtlich relevant, ja nicht einmal politisch ein Killer-Argument. Niemand glaubt im Ernst, Wulff sei korrupt oder er gefährde irgendwie die Pressefreiheit. Doch aus der Summe der Vorwürfe lässt sich bestens irgendeine ungefähre Empörung kleistern. Die deutschen Medien, und diesmal scheinen es wirklich alle Medien zu sein, haben sich auch auf Wulff eingeschossen. Ganz nach dem Motto: Der Präsident muss weg, egal wie. Dieses Spektakel ist selbstgerecht und heuchlerisch.“

Bei Günther Jauch ging das Spektakel weiter. Eine immerhin scherte aus der Runde der allgemeinen Verdammung aus – die Unternehmerin Angela Solaro. „Ich finde, es ist eine Pressekampagne“, stellte sie fest und merkte an: „Ich möchte in keinem Land leben, wo die ‚Bild‘-Zeitung mir vorsagt, was Recht und Moral ist.“ Das Publikum klatschte. Am nächsten Morgen wird Nils Minkmar in der „Frankfurter Allgemeinen“ in einem Kommentar zur Sendung schreiben: „Christian Wulff findet kaum noch Fürsprecher, es gibt in der von ihm geschaffenen Lage keine guten Argumente mehr. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen, seine eigene Einmannbewegung.“ Es wird offensichtlich: Die Journalisten nehmen nur noch ihre eigene Kaste wahr. Der Bürger ist ein Niemand, er ist unerheblich. Und natürlich will Minkmar mit seinen beschwörenden Worten auch eine selbsterfüllende Prophezeiung schaffen: Wenn die Leute tatsächlich glauben, dass sich kein Mensch mehr für Christian Wulff einsetzt, könnte der soziale Druck so groß werden, dass die vielen Empörten endlich ihre Klappe halten.

Die Regionalpresse trottet ihren Führern oft brav hinterher. Im „Wiesbadener Tagblatt“ etwa erwarten den Leser seit Tagen pro Ausgabe mehrere Artikel, die gegen Wulff tüchtig Stimmung schüren. Begleitet werden sie immer wieder von Leitartikeln Reinhard Breidenbachs, der sich dermaßen in seine Hetze hineinsteigert, dass manchem Leser das Frühstück gleich wieder hochkommen dürfte. „Hart aber fair“ setzt heute mit der nächsten Talkrunde nach und hat die Verurteilung bereits im Titel: „Der Pattex-Präsident“.

Einer der wenigen Journalisten, die aus der Meute ausscheren, ist Stefan Niggemeier. In der Kommentarspalte seines Beitrags über das mediale Perpetuum mobile erhält er fast durchgehend Zustimmung. Zugleich wird deutlich, wie ohnmächtig sich viele Leser gegenüber dieser kollektiv geführten Propagandaschlacht fühlen. „Was macht man damit?“ fragt eine Kommentatorin. „Sich mit Ekel und Abscheu vom politischen Journalismus verabschieden? Was bleibt?“ Und ein anderer merkt an: „Die Allianz ‚Bild‘/‚Spiegel‘/‚FAZ‘/‚Süddeutsche‘ macht mir Angst. Das ist fast schon ein Fall fürs Kartellamt.“

Die Bürger versuchen gegen diese Medienoligarchie so gut anzusteuern wie sie können. In einer wahren Flut von Blogbeiträgen zeigen sie, wie angewidert sie von dieser aktuellen Hetzkampagne sind. Etliche solcher Wortmeldungen hat der Blogger Steve Rückwardt in seinem (unten verlinkten) Artikel „Mediale Berichterstattung – Auflage vs. Themenpriorität“ zusammengetragen:

„Die Vorwürfe bleiben – trotz nun schon Monate dauernden Recherchen der führenden Recherchemagazine und Knallblätter – tatsächlich nichts weiter als eben das: Vorwürfe“, muss zum Beispiel Thomas Weiss feststellen. „Die Enthüllungsjournalisten der Republik stochern im Nebel, und – verdammt nochmal? – fördern einfach nichts Konkretes zu Tage.“

„Das Internet verändert die Spielregeln, und zwar grundlegend“, befindet Richard Gutjahr. „Das Netz rüttelt an den Grundfesten von Parteizentralen und Redaktionen, auf die sich beide Seiten bislang verlassen konnten. Absprachen, gegenseitige Abhängigkeiten, sanfte oder auch mal weniger sanfte Erpressung, das alles funktioniert in einer vernetzten Welt so nicht mehr. Blogger haben keinen Verleger, den man unter Druck setzen könnte. Eine über Twitter ausgeplauderte Indiskretion lässt sich nicht wieder einfangen. Die fein austarierte Machtbalance zwischen Politikern und Journalisten gerät aus den Fugen.“

Ulrich Horn weist darauf hin, wie leichtfertig zahllose Medien sich der bloßen Behauptung von Springer-Journalisten anschließen, Wulff habe eine kritische Berichterstattung über ihn unterdrücken wollen. Wulffs Gegendarstellung, er habe lediglich um einen Tag Aufschub gebeten, bis er von seinem Besuch in den Golfstaaten zurückgekehrt sei und sich selbst zur Sache äußern konnte, wurde in zahllosen Artikeln der „Qualitätsmedien“ als eine von den angeblich endlos vielen Lügen („wer weiß, was da noch alles kommt“) Christian Wulffs hingestellt. Kurz darauf stellte sich heraus, dass sich auf Diekmanns Mailbox tatsächlich eine Bitte um Aufschub befand. Selbstkritik der „Qualitätsmedien“ nach dieser Erkenntnis: null.

Ein anderer in diesem Zusammenhang häufig wiederkehrender Aspekt ist, wie lächerlich die Autoren den Vorwurf finden, Wulff hätte mit seinen empörten Anrufen bei Springer-Mitarbeitern die Pressefreiheit bedroht. Mit welchem empfindlichen Übel, fragen sich viele, hätte Wulff ernsthaft drohen können? Dass er Journalisten einer Zeitung, die ihn mit Dreck bewirft, nicht mehr zu sich einlädt? Jeder von uns würde dasselbe machen. Dass er strafrechtliche Schritte in die Wege leitet? Das kann Wulff mit Aussicht auf Erfolg nur tun, wenn er ernsthaft glaubt, dass hier tatsächlich eine strafrechtliche Handlung vorliegt – dann aber hat er nicht nur das Recht, sondern förmlich die Pflicht dazu. „Darf ein Präsident in diesem Land sauer sein auf boulevardesken Enthüllungsjournalismus und unappetitliche Schnüffelei in seinem Privatleben?“ fragt der Kabarettist Hape Kerkeling in einem von fast allen Medien verbissen totgeschwiegenen offenen Brief. „Darf er Mensch bleiben angesichts einer unmenschlichen und gnadenlosen Presse? An seiner Stelle hätte ich dem Kai nachts vor seiner Haustür aufgelauert und dem mal die Meinung gegeigt, was ich von so viel mangelnder Fairness und Gnadenlosigkeit halte.“ Nein, keiner der Journalisten, die jetzt reihenweise durchdrehen, fühlt sich ernsthaft in seiner Pressefreiheit bedroht. Sie sind fassungslos darüber, dass sich jemand plötzlich nicht mehr alles gefallen lassen will, dass er verärgert Kontra gibt. In einer Mediokratie wie unserer grenzt Wulffs Verhalten an Majestätsbeleidigung. Der einzige Grund für das Aufschreien vieler Journalisten liegt in massiv gekränktem Narzissmus.

Und wie bei allen Narzissten wird der Aufschrei zum Klageruf, sobald immer mehr Journalisten aufgeht, wie sich die Stimmung längst gegen sie gedreht hat. „Wir sind Opfer!“ beginnen die ersten Hetzer zu rufen. „Unsere Beute will einfach nicht krepieren!“ Besonders schön zu besichtigen ist dies wieder einmal auf Spiegel-Online. Der Präsident nehme sein Land in Geiselhaft, wehklagt dort Stefan Kuzmany, und fährt fort, zwar habe „niemand die Bürger gezwungen, ihr Hirn einzuschalten“, aber wenn man es einmal getan habe, dann wolle „man als Bürger diese Widersprüche geklärt haben“. Kuzmany teilt das Land also in zwei Hälften: Die Journalistenmeute, die er ernsthaft für „man als Bürger“ stehen lassen will und die „ihr Hirn eingeschaltet hat“, und all die vielen in Kuzmanys Augen offenbar hirnlosen Leser, die von dieser Hetzjagd seit Tagen genug haben. Noch selbstentlarvender fragt Kuzmany weiter: „Möchte man in einem Land ein Hirn besitzen, in dem sich dieses Hirn immer wieder mit demselben Thema, mit demselben Mann beschäftigen muss – einzig und allein aus dem Grund, weil der einen dazu zwingt?“ Der Präsident habe doch geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, und doch gebe es morgen schon wieder eine „Hart aber fair“-Sendung, in der es schon wieder um Wulff geht: „Man hält es im Kopf nicht aus. Das ist kein Vorwurf an Frank Plasberg, der kann ja auch nicht anders.“

Diese Zeilen sind eine derartige Offenbarung, dass man sie immer wieder lesen kann. Allzu sehr erinnert Kuzmanys Logik an das inbrünstige Flennen eines jeden Stalkers: „Ich bin doch nicht schuld daran, dass ich ständig meiner Nachbarin hinterhersteigen muss. Das Flittchen will es doch so! Wenn sie mich nur endlich in Ruhe lassen würde! Ich kann doch nicht anders.“ Das Hirn mag vorhanden sein, aber es fährt längst schon auf Autopilot. Zugegeben, in der Tat mag sich Kuzmany inzwischen aus gutem Grund wie in Geiselhaft fühlen: Nachdem sich insbesondere Spiegel-Online wochenlang auf Wulff eingeschossen hat, kann die Redaktion doch jetzt nicht einfach die Jagd beenden und vor ganz Deutschland zugeben, noch immer nichts Konkretes vorweisen zu können.

Zuviel Mitleid sollte man mit diesem Klüngel jedoch nicht haben, wie der Medienwissenschaftler Stephan Weichert auf meedia.de deutlich macht: „Man spürt an der teils flatterhaften, teils alarmistischen Politikberichterstattung der letzten Tage, wie sich die Medienmeute förmlich daran ergötzt, Gott zu spielen und darüber zu richten, ob der Bundespräsident im Amt bleiben darf. Diese Spirale der Entrüstung wird von der Eigendynamik und Meinungsfreudigkeit der Netzgemeinde noch beschleunigt – die Hauptstadtjournalisten haben sichtlich Angst, den Kürzeren zu ziehen und ihre Deutungshoheit an die Internet-Community zu verlieren.“ In Beiträgen wie denen von Stefan Kuzmany tropft der Angstschweiß bereits aus jeder Zeile. „Wenn aber Vorverurteilungen und Sensationsrummel wie dieser Tage die journalistische Sorgfaltspflicht und Besonnenheit überstrahlen“, urteilt Weichert, „ist es vorbei mit der Professionalität.“ Auch Heribert Prantl kommt in der „Süddeutschen Zeitung“ heute nicht mehr umhin anzumerken, dass Kritiker des Bundespräsidenten inzwischen „blühenden Unsinn“ verbreiten. Mit ihrer Verbissenheit, so Prantl, entzögen sich Wulffs Gegner ihre eigene Legitimität: „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, einen Rücktritt zu erzwingen. Und das Ausbleiben des heftig geforderten Rücktritts ist nicht etwa ein Angriff auf die Pressefreiheit.“

Ohne Zweifel, nicht zuletzt dank des gewachsenen Einflusses des Internets verläuft die Medienkampagne gegen Christian Wulff anders als frühere kollektive Kampagnen dieser Art. Wulff ist kein Jürgen Möllemann, der in einer Partei überleben musste, die ihre liberalen Grundsätze wie den der Meinungsfreiheit schnell über Bord warf, weil sie so sehr nach Wählern schielte und die Medien nicht zum Gegner haben wollte. Wohin diese Grundsatzlosigkeit die FDP geführt hat, erleben wir inzwischen. Wulff ist auch kein Bundestags-Hinterbänkler wie Martin Hohmann, den eine Parteichefin leichten Herzens opfern kann, bevor die gesamte Partei von sämtlichen Medien unter Beschuss genommen wird. Und Wulff ist auch keine Eva Herman, die selbst in den Medien zu Hause und von ihnen abhängig war, weshalb man sie mit dem allgemeinen Mobbing auch besonders gut fertigmachen konnte.

Da es hier bei eigentümlich frei so etwas wie kollektiven Meinungsdruck nicht gibt, habe ich allerdings keine Probleme damit zu erklären, dass ich eine Sache anders sehe als etwa Lion Edler und André Lichtschlag in ihren Beiträgen. Thilo Sarrazin sehe ich in dieser Reihe der Opfer eines kollektiven Medienbashings nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass ich in etlichen Dingen anderer Meinung als Sarrazin bin, sondern schlicht in der Faktenlage: Dasselbe Bündnis von „Spiegel“ und „Bild“, das Sarrazin mit tagelangen unkritischen Vorabdrucken massiv promotete, ist es, das sich jetzt auch wieder gegen den erklärten Sarrazin-Kritiker Wulff verbündet hat. Auf Deutschlandradio fragte unlängst Jürgen Liminski den Politikwissenschaftler Wichard Woyke, wie er sich denn die „kampagnenartigen seitenlangen Berichte ohne viel Neuigkeit“ in Blättern wie „Bild“ und „Welt“ erkläre. Woykes Antwort: „Vielleicht soll der Bundespräsident waidwund geschossen werden, dass er vielleicht doch geht, weil er für manche konservative Blätter eine zu fortschrittliche Politik – Stichwort Integration, Stichwort Islam – verfolgt.“ Dass gerade rechtspopulistische Blogs, die sich sonst brüsten, angeblich „Querdenker“ und „gegen den Mainstream“ zu sein, den Medien in Wahrheit einmal mehr blindlings hinterhertaumeln und sich munter am kollektiven Wulff-Bashing beteiligen, kann nun wirklich keiner übersehen. Motto: Jetzt bekommt der Bundespräsident eben, was er verdient, wenn er vor „denen“ den „Kniefall“ macht.

Also keine Rechtskeule bei Christian Wulff? Aber natürlich! Wenn Journalisten nicht mehr weiter wissen, wie sie ein Opfer endlich beseitigen können, wird grundsätzlich und immer die Rechtskeule ausgepackt. Es geht nicht ohne – und ob der Angefeindete tatsächlich dem rechten Rand zuzurechnen ist oder nicht, ist dabei so egal wie nur irgendwas. Dieser Moment scheint heute erreicht zu sein. So tönt etwa der unsägliche Reinhard Breidenbach im „Wiesbadener Tagblatt“ (und womöglich anderen Zeitungen im Verbund der Rhein-Main-Presse): Ein Opfer sei Wulff nicht. „Weder die Opposition, noch die öffentliche Debatte ist verantwortlich für einen Ausdruck wie ‚Stahlgewitter‘, der, wenn Wulff ihn tatsächlich zur Umschreibung seiner aktuellen Lage verwandte“ – also nicht einmal das scheint man wieder einmal zu wissen – „nur Fassungslosigkeit hinterlassen kann“. Auf derselben Seite heißt es in einem eigenen Absatz, der Ausdruck „Stahlgewitter“ sei mit Ernst Jünger verbunden, dem man deswegen „Gleichgültigkeit gegenüber der moralischen Problematik des Tötens und somit eine Verklärung oder Verherrlichung des Krieges“ vorwerfe. Was um alles in der Welt das mit Christian Wulff zu tun haben soll, weiß die dpa – die diesen Text auch an etliche andere Blätter auslieferte – alleine. Aber Ernst Jünger: Das zieht. Anscheinend ist „Stahlgewitter“ ein ähnlicher Ausdruck wie „Autobahn“. So etwas Böses sagt man einfach nicht. „Stahlgewitter – geht’s noch?“ ätzt dann auch Ulrich Reitz im Portal der „WAZ“.

Und doch können all die Breidenbachs, Reitze und Kuzmanys mit all ihren immer neuen Pseudo-Skandälchen nicht verhehlen, wie sehr sich die deutschen Journalisten gerade mit ihrem ebenso erbarmungs- wie schamlosen Jagdeifer einmal mehr selbst bloßgestellt haben. Ulrich Horn, der Medienblogger, mit dessen Sätzen ich diesen Artikel eröffnet habe, findet dazu die passenden Worte: „Man mag nicht glauben, dass seriöse Organe nicht bemerken, wie sie von Diekmann eingespannt werden. Die Bürger bemerken das schon. Das erstaunlichste Ergebnis dieser Affäre ist wohl, dass die Mehrheit der Menschen ganz andere Schlussfolgerungen zieht als die Medien. Während fast alle Blätter und Sender auf Wulff draufhauen, was das Zeug hält, und permanent seinen Rücktritt fordern, lässt sich die Mehrheit davon nicht beeindrucken. (...) Sie spürt, dass hier eine Kampagne gefahren und mit der Pressefreiheit Schindluder getrieben wird. (...) Ganz offensichtlich traut die Mehrheit den Journalisten und den Medien nicht über den Weg. Dieser Mangel an Glaubwürdigkeit dürfte ein Grund sein, warum die meisten Zeitungen an Ansehen und Auflage verlieren.“ Kurz gesagt: Die hetzende Meute ist auf ihrem eigenen Geifer zu Fall gekommen.

Links:

Ulrich Horn: Herr Diekmann übt die Metamorphose

David Nauer: Heuchlerische und hysterische Hetzjagd

Stefan Niggemeier: Perpetuum mobile

Stephan Weichert: Liebesentzug von Medien und Politikern

Thomas Weiss: Mensch Wulff

Richard Gutjahr: Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen

Steve Rückwardt: Mediale Berichterstattung – Auflage vs. Themenpriorität

Stefan Kuzmany: Paralyse im Gasometer


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