26. April 2011

Interview mit Monika Ebeling "Diese Frauen versuchen mit allen Mitteln, ihre Pfründe zu wahren"

Goslarer Hexenjagd auf männerfreundliche Gleichstellungsbeauftragte

Die Goslarer Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling ist unter Beschuss geraten. Ihr Vergehen: Sie ist die erste Frau in diesem Amt, die sich nicht ausschließlich den Anliegen von Frauen und Mädchen, sondern auch den Problemen von Jungen und Männern widmet. Das hat ihr jetzt einen Abberufungsantrag der Goslarer Linken eingehandelt. Diese Partei hat im Stadtrat zwar nicht die Mehrheit, aber es ist anzunehmen, dass die Mehrheit der anderen Parteien diesem Antrag folgen wird. Sogar ein Bündnis zwischen der CDU und der Linken steht in dieser Hinsicht zu befürchten.

Weil Monika Ebeling als einzelne Rebellin gut und gerne der Schneeball sein könnte, der eine Lawine auslöst, mit der das gesamte bisherige System der einseitigen Gleichstellungspolitik abgeräumt wird, erregt dieser Fall inzwischen weit über die Goslarer Stadtgrenzen hinaus Aufsehen. Die bundesweite Unterstützung für Monika Ebeling in Blogs, Internet-Foren, sozialen Netzwerken wie Facebook und vielen anderen Feldern wächst rapide.

Grund genug für eigentümlich frei, Monika Ebeling um ein Interview zu bitten, das sie uns gerne gewährte.


ef: Frau Ebeling, darf eine Geschlechterpolitik für Menschen, also für Frauen und Männer sein, oder muss Geschlechterpolitik zwangsläufig jungen- und männerfeindlich sein? Um diese Frage geht es derzeit in Goslar.

Monika Ebeling: Die dortige Gleichstellungsbeauftragte steht für eine moderne Gleichstellungspolitik des Miteinanders von Männer und Frauen. Eine Gleichstellungsbeauftragte, die die zunehmenden Probleme männlicher Jugendlicher nicht als tollen Erfolg einer einseitigen Geschlechterpolitik feiert, sondern erkennt, dass hier Handlungsbedarf besteht. Genau diese eine Gleichstellungsbeauftragte ist nun Ziel einer beispiellosen Hexenjagd in Goslar.

ef: Wie kommt eine Gleichstellungsbeauftragte – noch dazu der SPD – überhaupt auf die Idee, sich statt ausschließlich für Frauen auch für Männer einzusetzen?

Monika Ebeling: Ich sehe da einfach einen Bedarf. Männer haben auch Gleichstellungsbedürfnisse. Außerdem fühle ich mich mit der Linie der Bundesregierung d´accord. Auch wenn dieser neue Ansatz der Gleichstellungsarbeit noch nicht überall im Land praktiziert wird, ist die Richtung doch schon seit Jahren so eingeschlagen worden. Bereits 2006 formulierte Frau Welskop-Defa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung im Bundesministerium, die Zeit der männerblinden Gleichstellungspolitik sei vorbei. In einer Veranstaltung sagte sie auch, Männer sollten Gleichstellungsbeauftragte sein können und Frauen könnten nicht allein bestimmen, was Gleichstellung sei. Das hört sich doch gut an, oder?

ef: Aus welchen Gründen wird jetzt Ihre Entlassung aus Ihrem Amt gefordert?

Monika Ebeling: Ach, wissen Sie, darüber ist in einem Verwaltungsausschuss mal gesprochen worden, aber der ist nicht öffentlich. Im Antrag heißt es, die Begründung der Linken erfolgt mündlich, also in der Ratssitzung. Ich habe den Fraktionsvorsitzenden der Linken gebeten, den Antrag zurückzunehmen. Da müssen wir uns wohl überraschen lassen. Sie können Herrn Wolthmann ja selbst fragen.

ef: Ist dies das erste Mal, dass jemand fordert, dass Sie Ihr Amt niederlegen?

Monika Ebeling: Ich bekomme mehr Zuspruch als Widerrede. Mich sprechen Goslarer Bürgerinnen und Bürger auf offener Strasse an: "Machen Sie weiter so, das gefällt mir. Endlich jemand, der es mit der Gleichstellung ernst meint." Die Grünen waren die ersten, die ihre Zweifel kundtaten. Wen wundert das? Die Fraktionsvorsitzende fühlte sich durch mich brüskiert, wollte aus meinem Email-Info-Verteiler gestrichen werden. Sie ärgerte sich per Pressemitteilung in der „Goslarschen Zeitung“ darüber, dass man in Goslar nun einen "Männerbeauftragten" hätte. Stimmt ja auch irgendwie, denn eine Gleichstellungsbeauftragte ist aus meiner Sicht eine Person, die Frauen- und Männerpolitik im Blick haben muss. Wie soll sie sonst Gleichstellung betreiben? Ungewollt hat mir diese Frau ein Kompliment gemacht.

ef: Ist es vorstellbar, dass die aktuell gegen Sie vorgebrachten Vorwürfe nur einen Vorwand darstellen und die eigentlichen Gründe andere sind?

Monika Ebeling: Ja, das sehe ich auch so. Da geht es um persönliche Eitelkeiten und um politisches Gezicke. Und es geht wie immer in der Politik auch um Macht. Ich biete als Person und mit meinem Amt eine Projektionsfläche. Meinen Job mache ich wohl gut, sonst würden die konservativ feministischen Frauen nicht so aufheulen.

ef: Wer entscheidet darüber, ob Sie Gleichstellungsbeauftragte bleiben oder nicht?

Monika Ebeling: Dafür ist lediglich eine einfache Mehrheit im Rat erforderlich. SPD und FDP stellen die Mehrheit.

ef: In seinen Artikel in der „Goslarschen Zeitung“ über den Fall bezieht der Journalist Heinz-Georg Breuer deutlich gegen Sie Stellung. Und nachdem Sie von zahlreichen Lesern seiner Artikel Unterstützung erhielten, wurden die kompletten Kommentarspalten gelöscht. Warum positioniert sich die „Goslarsche Zeitung“ dermaßen einseitig?

Monika Ebeling: Da fragen Sie eigentlich die falsche Person. Ich kann nur vermuten. Aber der Stil ist bereits während des Abwahlverfahrens von Oberbürgermeister a.D. Henning Binnewies vor kurzem auch so gewesen. Darüber habe nicht nur ich mich beschwert, viele Leserbriefschreiber fanden die „Goslarsche“ einseitig und gegen den OB stimmungsmachend. Ich glaube, Herr Breuer ist auf dieser Welle noch ein bisschen weitergeschwommen und hat sich dann gewundert, was aus der Republik da so zurückkommt. Das hat nicht nur den Redakteur überrascht. Und gerade darin liegt die Chance. In Goslar hat keiner geahnt, dass das Interesse an der Goslarer Gleichstellungsarbeit so groß ist.

ef: Wie kommt es Ihrer Einschätzung nach überhaupt dazu, dass Männer gegen eine Frau agitieren, die sich für Männer und deren Probleme einsetzt?

Monika Ebeling: Es entspricht dem Mainstream, sich für Frauen einzusetzen. Denken Sie mal an die Reaktionen auf kritische Aussagen unserer Bundesfamilienministerin Schröder. Mir gefällt die Frau. Vielleicht gibt es aber auch Männer, die Frauen nicht gegen sich aufbringen wollen. Im Internet spricht man da von "lila Pudeln". Sie sehen ja an meiner Situation, wie heftig Frauen agieren und wie fein ihre Netze gesponnen sein können. Tragen Männer da vielleicht auch Altlasten und Wunden mit sich herum, die sie zusammenzucken lassen?

ef: Keine der Parteien, die Sie abschießen möchten (Linke und Grüne), hat im Goslarer Stadtrat auch nur entfernt eine Mehrheit. Um Sie aus dem Amt zu kegeln, müssten die Linke und die CDU miteinander paktieren. Muss man das ernsthaft befürchten? Wenn es gegen die SPD geht, verkünden die Unionsparteien gerne lautstark, jegliche Zusammenarbeit mit der Linkspartei sei des Teufels...

Monika Ebeling: Ja, da laufen vielleicht dann alle Parteien der Linken hinterher. Als ich berufen wurde, waren sich alle einig. Jeder Fraktionsvorsitzende hat artig gesagt, wie sehr man sich freue, in mir die geeignete Kandidatin gefunden zu haben. Wäre ich ein Chamäleon, dann könnte ich vielleicht allen Freude bereiten. Bin ich aber nicht! Eine Gleichstellungsbeauftragte ist weisungsfrei und kann eigene Pressearbeit machen. Was hat sich der Gesetzgeber dabei wohl gedacht? Ich habe einen gesetzeskonformen Prozess initiiert, der bei weitem überschreitet, was die Kommunalpolitiker ahnen konnten. Man könnte das auch als Gewinn für Goslar verbuchen. Die Kommunalpolitik in Goslar ist wohl noch nicht so weit, das zu erkennen.

ef: Die Bundesregierung, insbesondere Frauenministerin Kristina Schröder (CDU), hat unlängst verkündet, Männer und Jungen in die Gleichstellungsarbeit mit aufzunehmen und die Zeiten der männerblinden Gleichstellungspolitik hinter sich zu lassen. Hat sich das noch nicht bis nach Goslar herumgesprochen?

Monika Ebeling: Das hat sich nicht nur in Goslar noch nicht rumgesprochen, sondern wird gerade von den bisher in der Gleichstellungsarbeit aktiven Menschen, überwiegend Frauen, weitestgehend ausgeblendet. Diese Frauen versuchen mit allen Mitteln, Frauenpolitik zu erhalten und ihre Pfründe zu wahren. Das ist auch eine Motivation der gegen mich agierenden Frauen aus Goslar. Sich für Männer und Jungen zu engagieren, sehen sie als einen persönlichen Angriff an. Einige haben Angst um ihren Arbeitsplatz, andere wollen ihr Gedankengut einfach nicht ändern. Vielleicht können sie es auch nicht, wenn sie bereits ideologisiert sind? Wir brauchen eine Demokratisierung der Gleichstellungspolitik.

ef: Fühlen Sie sich von Ihrer eigenen Partei, der SPD, ausreichend unterstützt?

Monika Ebeling: Wenn Sie auf mein Gefühl ansprechen, dann würde ich sagen: Nein. Die SPD in Goslar hat gerade eine Zerreißprobe im Hinblick auf die Abwahl des eigenen Oberbürgermeisters hinter sich. Wahrscheinlich wählt man den Weg des geringsten Widerstandes und wählt mich ab. Es würde auch zum Parteiprogramm passen: "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden ..." Aber auch die SPD ist lernfähig und wird sich einem von Wählern gewünschten Wandel der Gleichstellungspolitik nicht entziehen können.

ef: Wie können diejenigen Bürger Sie unterstützen, die von der Apartheid in der Geschlechterpolitik die Nase voll haben und es gut finden, dass sich eine Gleichstellungsbeauftragte erstmals um die Probleme beider Geschlechter kümmert?

Monika Ebeling: Na, genauso wie es die Bürger in anderen Dingen tun. Die über dreißig Ratsleute wohnen alle in Goslar, und Goslar ist nicht so groß, als dass diese den Bürgern aus dem Weg gehen könnten. Sprechen Sie die Ratsleute an und sagen Sie ihnen Ihre Meinung! Ratssitzungen sind öffentlich. Jeder Bürger kann einen Bürgerantrag stellen und hat das Recht, in der Bürgerfragestunde ans Mikrofon zu treten und eine Frage zu stellen. Es gibt ja bereits auch bundesweit Reaktionen zur Sache, die hoffentlich die richtige Resonanz finden.

 

Offenlegung: Monika Ebeling ist Mitglied der geschlechterpolitischen Initiative AGENS ("Mann – Frau – MITeinander"), in deren Vorstand sich der Interviewer Arne Hoffmann befindet.

Internet:

Geschlechterdemokratie: Blog von Monika Ebeling

AGENS e.V.

Harzkreiskurier: Blog, das den Konflikt um Monika Ebeling aufmerksam verfolgt

Arne Hoffmanns Blog, in dem er ebenfalls über aktuelle Entwicklungen berichtet


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