Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Krisenauslöser: Das Teilreservesystem der Banken

von Andreas Tögel

Gute Ökonomen, schlechte Ökonomen

18. April 2011

Der gute Ökonom unterscheidet sich dadurch vom schlechten, dass er seinen Blick nicht nur auf die kurzfristigen Folgen wirtschaftpolitischer Handlungen richtet, sondern auch deren langfristigen und nicht intendierten Konsequenzen bedenkt.

Ein Beispiel: Man schreibt das Jahr 1998, als 155 Wirtschaftsprofessoren vor der Einführung des Euro zu diesem Zeitpunkt warnen. Sie sehen schon damals die gegenwärtig eintretenden, langfristigen Ergebnisse dieses einmaligen Experiments heraufziehen. Ihnen ist zu jener Zeit schon klar, dass die Stabilität der Gemeinschaftswährung – bei Abwesenheit rigoroser Sanktionen im Falle mangelnder Haushaltsdisziplin einzelner Mitgliederstaaten – nicht gewährleistet ist. Denn wenn zur selben Zeit eine Reihe von Staaten – darunter auch Schwergewichte der Union – die Konvergenzkriterien verletzen, wird keine Mehrheit für die Durchsetzung von Sanktionen zustande gebracht. Exakt diese Prognose hat gehalten. Die EU steckt in der selbst gestellten Schuldenfalle.

Unserer Tage sind es 189 Wirtschaftswissenschaftler, die einen Aufruf gegen die Ausweitung und Perpetuierung des „Euro-Rettungsschirms“ unterschreiben und die Installation einer EU-weiten Umverteilungsmaschinerie zugunsten vertragsbrüchiger Mitgliedstaaten und zu Lasten ordentlich wirtschaftender Mitglieder kritisieren. Sie warnen davor, dass durch das dauerhafte Aufspannen des „Rettungsschirms“ einer fahrlässigen Schuldenpolitik einzelner Mitgliedsstaaten Vorschub geleistet würde. In der Tat ist nicht einzusehen, weshalb im Wahlkampf stehende Regierungen ihre Wiederwahl durch die Verordnung eines unpopulären Austeritätskurses gefährden sollten, wenn doch jederzeit Bürgen und Zahler jenseits der nationalen Grenzen bereitstehen.

Die eingangs zitierten 155 Wirtschaftsfachleute hatten anno 1998 recht. Die 189 Mahner von heute, die ihre Warnungen von überheblichen politischen Eliten ebenfalls ignoriert sehen, werden wohl auch recht behalten. Unter den nunmehr herrschenden, mit Blick auf die Währungsstabilität geradezu autodestruktiven Bedingungen, ist die Frage nicht ob, sondern wann der Euro kollabieren wird. Der schlechte Ökonom sieht nur die kurzfristige „Rettung“ von ein paar minder bedeutsamen Volkswirtschaften. Der gute dagegen erblickt darin den Anfang vom Ende der Union.

Was „immer schon“ da war, wird gemeinhin nicht hinterfragt. Eisenbahnen beispielsweise, befinden sich in öffentlichen Händen und sind daher naturgemäß defizitär. Sozialversicherungen sind staatlich organisiert und generieren folglich notorisch steigenden Geldbedarf – etwas anderes ist undenkbar. Die „Tyrannei des Status quo“ wird dadurch deutlich, dass niemals ernsthafte Diskussionen darüber geführt werden, ob das tatsächlich so sein muss und ob nicht alternative – zweckmäßigere – Szenarien denkbar wären.

Ähnlich verhält es sich mit dem Geld, das vermeintlich „immer schon“ vom Staat produziert wurde – und zwar zu den von ihm festgelegten, mit Zahlkraftgesetzen bewehrten Bedingungen. Eine der Spezialitäten des heute herrschenden Geldmonopols ist das „Teilreservesystem“ (im Englischen „Fractional Reserve Banking“).

In der Zeit der stürmisch voranschreitenden Industrialisierung während des 19. Jahrhunderts wurde klar, dass die Verwirklichung großer, von den Regierungen vorangetriebener Projekte, wie etwa der Bau von Eisenbahnen, große Mengen an Kapital erfordern. Das führte einerseits zum Siegeszug der Kapitalgesellschaften mit auf die Einlagen der Gesellschafter beschränkten persönlichen Haftungen, was einen deutlichen Einfluss auf die Risikobereitschaft der Unternehmensführung mit sich brachte. Andererseits wurden bis dahin zur Investitionsfinanzierung real gebildete Eigenmittel zunehmend durch kreditfinanzierte Mittel ersetzt. Zwecks Vergrößerung des bereitzustellenden Kreditvolumens verfiel man zudem auf die bestechende Idee, den Banken zu gestatten, lediglich einen Teil ihrer Einlagen als Reserve zu halten (denn schließlich würden ja niemals alle Einleger gleichzeitig wieder an ihr Geld wollen). Bis zu diesem Zeitpunkt konnten die Banken nur jene Mittel verleihen, die ihr von den Einlegern zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Das Teilreservesystem aber ermöglicht es – abhängig vom vorgeschriebenen Mindestreservesatz – einen Hebel zu bilden. Bei einem Reservesatz von 10 Prozent kann für eine bestehende Einlage von 100 Euro ein Kreditvolumen von 900 Euro vergeben werden. Man schafft damit, wie Josef Schumpeter es formuliert, buchstäblich „Kaufkraft aus dem Nichts“. Es liegt auf der Hand, dass ein derartiges System inhärent instabil ist und anstatt den Aufbau realer Werte mittels Sparens einen durch wachsende Verschuldung zunehmenden Konsumismus fördert.

Da die Geldproduktion im eigentlichen Sinn den Zentralbanken als monopolistischen Geldproduzenten zukommt und die Geschäftsbanken – gestützt auf das Privileg der Teilreservehaltung – Giralgeld schöpfen, haben wir es, wie es der Volkswirt Gregor Hochreiter vom Wiener Institut für Wertewirtschaft formuliert, mit einem „doppelten Teilreservebankensystem“ zu tun. Nur ein jeweils kleiner Teil der Passiva wird nunmehr mit realen Werten (wie etwa Gold oder Immobilen) besichert. „Der überwiegende Teil der Aktiva besteht aus (…) Forderungen auf zukünftiges Einkommen.“

Dass ein derartiges System tendenziell den Verschuldungsgrad – privater wie öffentlicher Haushalte – erhöht, ist offensichtlich. Das Verleihen real vorhandener Ersparnisse (L. Mises bezeichnet diese als „Sachkredite“) geht zudem mit einer kritischen Bewertung der Bonität von Schuldnern einher. Kredit (vom lateinischen „credere“ – glauben – abgeleitet) erhält demnach nur, wer entsprechende Sicherheiten vorweisen kann. Die Vergabe von aus dem Nichts geschaffenen „Zirkulationskrediten“ dagegen, geht – von der hohen Politik ausdrücklich gewünscht – verhältnismäßig unbekümmert von der Hand.

Der als Auslöser der aktuellen Krise in den USA vergebene „Subprimekredit“ ist ein typisches Kind des Teilreservesystems. Die auf ihr dramatisches Finale zutreibende weltweite (Staats-)Schuldenkrise wäre daher der goldrichtige Zeitpunkt, die Grundlagen des gegenwärtig herrschenden Schuldgeldsystems einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

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