02. März 2011

Popstar Guttenberg und die Wutbürger Die linken Medien fürchten das Aufkommen einer konservativen Apo

Die Angst um die Pfründe des Establishments könnte berechtigt sein

Für die Wortkombination „Guttenberg“ und „Popstar“ zeigt die Suchmaschine Google gerade 224.000 Ergebnisse an. Stündlich werden es mehr. Die jüngste Medienkampagne gegen den Freiherrn lief seit Tagen heiß, da entdeckten ihre Macher erschreckt, dass man es beim Gejagten offenbar mit eben jenem „Phänomen Popstar“ zu tun habe: Je mehr sie Schmutz nachgossen, desto beliebter wurde der verdammte Drecksack. So etwas, erklärten man sich und uns von ARD bis „Zeit“ sowie von „Spiegel“ bis ZDF, sei bislang lediglich bei Popstars bekannt, die „sich daneben benehmen und dadurch nur noch beliebter werden“.

Nun ist Karl-Theodor zu Guttenberg am Ende wie geplant zurückgetreten, doch das „Phänomen“ steht immer noch. Der „Spiegel“ ist ratlos: „Viele Bürger scheinen bereit, Guttenberg jeden Fehler zu verzeihen. Sie folgen ihm, wenn man so will, blind.“

Es existiert ein zweiter Schlüsselbegriff, der im Zusammenhang mit Karl-Theodor zu Guttenberg die Runde macht: „Wutbürger“. Sie sind wieder da. „Gestern Wutbürger, heute Guttbürger“, titelt die „Rheinische Post“ neckisch. Der „Stern“ verweist ins Internet: „Da ist zum einen die Gruppe ‚Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg’, die inzwischen 357.000 Mitglieder hat. Und die Gruppe ‚Wir wollen Guttenberg zurück’, die in weniger als 24 Stunden 358.000 Mitglieder einsammelte.“

„Stern“-Journalist Carsten Heidböhmer ist entsetzt: „Der einzig saubere Mensch ist für die Unterstützer ausgerechnet der schummelnde Ex-Doktor, der nun einer Hetzkampagne zum Opfer gefallen sei. Und auch die Drahtzieher stehen fest: Immer wieder wittern Diskutanten eine ‚linke Verschwörung’. Wahlweise ist Guttenberg auch Opfer der ‚deutschen Neidkultur’. Immer wieder sind es die Medien, denen die User eine ‚infame Treibjagd’ vorwerfen. Angesichts des überhitzten Debattenklimas ist ein vernünftiger politischer Diskurs nicht möglich.“

Ein vernünftiger politischer Diskurs über die linke Verschwörung, die deutsche Neidkultur und die infame Treibjagd? Das wäre etwas, das aber die angesprochenen Medien gerade nicht im Angebot haben. Selbstkritik wird von ihnen stets verlangt, aber nie geboten. Medienkritik sei „völlig unangebracht“. Und damit kommen wir zum Kern der Revolte, die über den Popstar hinausreichen könnte.

Denn vieles am „Phänomen Guttenberg“ klingt seltsam vertraut. Hatte nicht das ZDF bereits vor drei Jahren nach dem Tribunal Kerners gegen Eva Herman einen bis dahin nicht gekannten Sturm der Entrüstung entgegennehmen müssen? Hatten nicht auch damals Hunderttausende im Internet mobil gemacht? Gingen im Mainzer Sender damals nicht die empörten Zuschriften bereits waschkörbeweise ein? Und wie war das vor einem halben Jahr nach der anfänglichen Treibjagd von Politik und Medien gegen Thilo Sarrazin? Da wurden die Wutbürger entdeckt. Sie nötigten die Medien zur widerwilligen Mäßigung. Der „Spiegel“ sprach vom „Popstar Sarrazin“ und setzte dessen Konterfei brav wie „Bravo“ auf die Titelseite.

Eva Herman, Thilo Sarrazin und Karl-Theodor zu Guttenberg – unterschiedlicher können drei Menschen gar nicht sein. Das sollen also die Popstars sein? Oder geht es doch um mehr?

Gemeinsam haben Herman, Sarrazin und Guttenberg, dass sie verfolgt wurden von der Medienmeute. Und dass das Volk aufschrie, war doch die Hetze manchem Menschen mit intaktem Sinn für Maß und Anstand kaum mehr erträglich. Was aber, wenn es den aufschreienden Wutbürgern weniger um die Personen und also diese „Stars“ als vielmehr um deren gemeinsame konservative Anliegen geht? Was, wenn der Aufschrei mehr den Tätern in den Verlagen und Sendeanstalten gilt als den Opfern?

Dann wäre sie wirklich da, die „konservative Apo“ gegen das Establishment, von der uns im Zusammenhang mit dem „Phänomen Guttenberg“ der „Stern“ plötzlich warnt: „Ein solcher Vorgang ist einmalig in der deutschen Demokratie-Geschichte: Ein Politiker tritt wegen eigenen Fehlverhaltens zurück – und die Menschen wollen sich damit nicht abfinden. Und organisieren sich. Mehr als 40 Jahre, nachdem eine von Studenten angeführte außerparlamentarische Opposition das Land durcheinanderwirbelte, scheint sich die Geschichte unter anderen Vorzeichen zu wiederholen. In den vergangenen zwei Wochen ist im Netz eine Bewegung entstanden, die sich zunehmend von dem Wertesystem des Politikbetriebs in Berlin abkoppelt. So wie sich in den Jahren um 1968 viele Menschen nicht mehr von den im Parlament vertretenen Parteien repräsentiert fühlten, macht sich auch jetzt eine tiefe Kluft zwischen der politischen Klasse und vielen Menschen bemerkbar.“

Der „Stern“ ergänzt: „Die Sympathisanten des Freiherrn bringen zum Ausdruck, wie sehr sie die politische Klasse der Berliner Republik verabscheuen.“ Und auch dem „Spiegel“ sind die „Guttbürger“ nicht geheuer: „Den Zorn dieser Wähler werden die Parteien noch zu spüren bekommen – vielleicht schon bei der nächsten Wahl, vielleicht aber auch erst in ein paar Jahren, wenn sich die erste Populisten-Partei gründet. Es braut sich etwas zusammen und es ist nichts Gutes, so viel steht fest.“

Ja, es braut sich etwas zusammen: eine deutsche Tea-Party. Und nein, es ist was Gutes!


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