02. März 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Die globale Geschenkwirtschaft

ef-Beitrag von Gérard Bökenkamp aus dem aktuellen Heft

Herr Müller hört ein Geräusch in seinem Haus, steigt die Treppe von seinem Schlafzimmer hinab und geht durch die Diele ins Wohnzimmer. Dort erwischt er einen Einbrecher, der gerade einen neuen Flachbildfernseher und eine HiFi-Anlage installiert. Herr Müller ruft entsetzt: „Was machen Sie da? Ich will das nicht haben, nehmen Sie das sofort wieder mit!“ Der Einbrecher, offensichtlich asiatischer Herkunft, zieht daraufhin eine Waffe und bedroht Herrn Müller: „Bleiben Sie stehen und bewegen Sie sich nicht! Und wagen Sie es ja nicht, den Fernseher und die Anlage anzufassen! Ich gehe jetzt raus und hole noch die neue Waschmaschine sowie den modernsten Staubsauger, den es derzeit auf dem Markt gibt. Und ich bringe gleich noch etwas Kinderspielzeug. Wenn Sie versuchen mich aufzuhalten, werde ich Gewalt anwenden! Morgen nacht komme ich wieder und bringe die übrigen Haushaltsgeräte neuester Bauart, damit wird Hausarbeit zur reinsten Freude…“ Herr Müller zeigt sich entschlossen: „Ich warne Sie, wenn Sie morgen wiederkommen, wird mein Haus eine Festung sein. Ich werde Stacheldraht um das Haus legen und den Garten verminen.“ Der Showdown beginnt. Wird der Einbrecher es schaffen, Herrn Müller gegen dessen Willen mit neuen Produkten auszustatten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten? Oder wird Herr Müller das verhindern können? Welch eine Dramatik – das bekannte Szenario eines drohenden Handelskrieges.

Wem diese Geschichte surreal vorkommt, der hat recht. Dass man Gewalt anwendet, um jemandem etwas wegzunehmen, erscheint noch irgendwie plausibel. Dass man gegen ihn vorgeht, um ihm etwas zu schenken, ist eigentlich absurd. Genauso wie die Vorstellung, dass sich jemand mit aller Kraft dagegen wehrt, etwas geschenkt zu bekommen. Die Zahl krimineller Jugendlicher, die ihre Mitschüler zwingen, von ihnen Handys und Markenjacken anzunehmen, dürfte nicht allzu groß sein. Die Zahl derjenigen, die sich dagegen wehren, ebenfalls nicht. Sogenannte Handelskriege funktionieren aber genau nach diesem Prinzip: Jeder möchte möglichst viel in ein Land liefern und möglichst wenig zurückgeliefert bekommen. Je größer die Differenz, umso größer der Exportüberschuss.

Und sie sind noch stolz darauf

Wenn man einem anderen etwas liefert und dafür etwas als gleichwertig Empfundenes zurückbekommt, dann ist das ein Tausch. Wenn man etwas liefert, um in Zukunft vom anderen etwas zurückzuerhalten, dann ist das ein Kredit. Wenn man etwas liefert, um nie etwas Gleichwertiges dafür zurückzuerhalten, dann ist das ein Geschenk. Der moderne Merkantilismus ist, wenn man es überspitzt ausdrücken will, eine globale Form der Geschenkwirtschaft. Ganze Volkswirtschaften produzieren, um in anderen Teilen der Welt den Lebensstandard zu erhöhen, ohne etwas Adäquates dafür im Tausch zu erhalten. Und sie sind noch mächtig stolz darauf. Denn der Exportüberschuss wird zum Gradmesser des wirtschaftlichen Erfolges erhoben.

Schon das Reden vom Währungs- oder Handelskrieg lässt vermuten, dass es dieselbe Qualität haben könnte, ein Land mit Konsumgütern zu beliefern wie es mit Granaten zu beschießen. Diese Beziehung hinkt ganz offensichtlich. Krieg ist ein Raubzug, ein Handelskrieg ist genau das Gegenteil, nämlich eine Form von groß angelegter Geschenkverteilung. Raubzüge funktionierten nach folgendem Prinzip: Eine Regierung entsendete zum Beispiel ein Schiff mit Kanonen und bemächtigte sich der wertvollen Güter eines anderen Landes wie Gold, andere Edelmetalle, Rohstoffe usw. Wenn man keine Chance hatte, diese Beute mit einem Handstreich zu holen, dann gab es zwei Möglichkeiten: Man bot ein eigenes einheimisches Produkt zum Tausch an und handelte damit. Oder man errichtete eine Herrschaft, versklavte die Einwohner und ließ sie Zwangsarbeit verrichten. Diese beiden Ansätze sind natürlich von unterschiedlicher moralischer Qualität, aber von der Interessenlage her sind beide durchaus nachvollziehbar. In einem Fall geht es darum, möglichst viel zu bekommen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Im anderen Fall darum, wenigstens nicht mehr tauschen zu müssen als unbedingt notwendig, um an die gewünschten Güter zu kommen. Beide Male wird sich darum bemüht, möglichst viel zu bekommen und möglichst wenig zu geben. Beim modernen Handelskrieg aber geht es den „Gegnern“ darum, möglichst viel zu geben und möglichst wenig zu bekommen. Das Motto lautet hier: „Märkte erobern!“ Das heißt, möglichst viele Güter in ein bestimmtes Gebiet liefern zu können. Wenn man viele Güter in das fremde Land einführen kann und nur wenige Güter wieder aufnehmen muss, dann hat man in dieser Logik „gewonnen“.  Der „Erfolg“ in einem Handelskrieg ist also das genaue Gegenteil eines militärischen Sieges in einem Krieg im herkömmlichen Sinn.

Wenn man früher die Bevölkerung eines anderen Landes oder eine bestimmte Bevölkerungsgruppe innerhalb des eigenen Landes dazu bringen wollte, für andere zu produzieren und damit den Lebensstandard dieser anderen zu erhöhen, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen in Form von Gütern und Dienstleistungen zu geben, so nannte man das „Kolonialismus“ oder „Feudalismus“ oder schlicht „Sklaverei“. Auf jeden Fall mussten jene, die ohne Gegengabe die Leistungen eines Landes oder eines Bevölkerungsteils genießen wollten, erhebliche militärische Vorkehrungen treffen, um Aufstände niederzuschlagen und Rebellionen im Keim zu ersticken. Generationen von nationalistischen oder befreiungssozialistischen Führern der Dritten Welt haben unter der ideologischen Federführung des Maoismus dieser Praxis den Krieg erklärt – oder haben zumindest vorgegeben, dies zu tun. Es ist einer der berüchtigten Treppenwitze der Geschichte, dass ausgerechnet die chinesischen Kommunisten durch ihre Währungs- und Handelspolitik einen Zustand geschaffen haben, welcher der alten Kolonialökonomie zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit der tragikomischen Komponente, dass die Kolonialisierten dafür kämpfen, kolonialisiert zu sein, und die Kolonialisierer sich darüber aufregen und mit Zöllen und diplomatischen Offensiven dagegen zur Wehr setzen wollen. Die US-amerikanische Regierung kritisiert, dass die Chinesen durch Devisenbewirtschaftung und Preiskontrollen ihre Preise niedrig halten, einen Güterstrom von den USA nach China verhindern und dass sich die US-Dollar in Billionenhöhe bei den Chinesen aufstapeln.

Das Bild des Außerirdischen

Güterströme, die von der Peripherie in ein Zentrum fließen, ohne dass entsprechende Gegenströme zu erkennen sind, deuten in der Geschichte meist auf ein koloniales Abhängigkeitsverhältnis hin. Würde ein Außerirdischer von Ferne auf die Erde blicken und die Warenströme betrachten, dann würde er feststellen, dass eine enorme Zahl fleißiger chinesischer Hände zu niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten und relativ harten Bedingungen Konsumgüter herstellen und in die USA versenden. Dann ließe dieser Außerirdische seinen Blick über den Pazifik gleiten auf das gegenüberliegende Festland und würde dort erkennen, wie wohlgenährte US-Amerikaner die chinesischen Güter als billige Wal-Mart-Produkte erwerben und diese mit Papierscheinen bezahlen. Diese Scheine werden von einer Behörde der amerikanischen Regierung bedruckt und können von derselben fast beliebig vermehrt werden. Die Beobachtungen unseres Außerirdischen würden kaum zu der Erkenntnis führen, dass die Chinesen in diesem Verhältnis den starken Part einnehmen. Er würde eher auf eine Feudalbeziehung schließen, bei der er in den US-Amerikanern das Zentrum und in China die abhängige Peripherie vermuten würde. Der US-Zentralbank würde er die Rolle einer Kolonialbehörde zuschreiben, die Berechtigungsscheine auf die Früchte der Arbeitskraft der chinesischen Arbeiter ausgibt. Er würde wenige grundsätzliche Unterschiede erkennen zwischen dem Verhältnis der USA zu China heute und dem Verhältnis Italiens zu Ägypten im Zeitalter des Römischen Reiches, als es Ägyptens Aufgabe war, Rom mit genügend Getreide zu versorgen, mit dem der städtische Plebs ruhiggestellt werden und Stimmen gekauft werden konnten. Er würde sich vermutlich etwas wundern, wenn er erfahren würde, welchen Respekt die chinesische Führung genießt und welche Verheißung ihrer Wirtschaftspolitik zugeschrieben wird, die genau diesen Zustand herbeigeführt hat.

Die Chinaeuphorie hat Medien und Menschen so trunken gemacht, dass man nicht mehr sieht, was die Volksrepublik nach wie vor ist: eine kommunistische Diktatur, die gewisse Marktöffnungen durchgeführt hat und einen primitiven Merkantilismus betreibt, der konzeptionell weit hinter das Niveau der Merkantilisten des 18. Jahrhunderts zurückfällt. Sicher, die Chinesen sind ein fleißiges und intelligentes Volk. Wenn die Marktwirtschaft weitere Fortschritte macht, kann China eine blühende Zukunft vor sich haben. Kurz- und mittelfristig allerdings werden große Illusionen platzen. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Position der Chinesen wird gemeinhin gewaltig überschätzt. So wird zuweilen das Szenario beschworen, die Chinesen könnten die USA mit ihren Dollarreserven erpressen. Sie verfügten mit ihren zwei Billionen Dollarreserven über eine „finanzielle Atombombe“, schreibt etwa der Philosoph und Finanzwissenschaftler Daniel Eckert in seinem Buch „Weltkrieg der Währungen“. Die finanzatomare Drohung der Chinesen hat aber die Qualität einer Erpressung, die da lautet: „Stehenbleiben und Hände hoch, sonst erschieße ich mich!“ Denn würden die Chinesen tatsächlich ihre Dollars auf den Markt werfen, könnten sie sich damit allenfalls noch die Chinesische Mauer tapezieren. Die chinesische Exportwirtschaft, die ganz auf das geldpolitisch bedingte Ungleichgewicht ausgelegt ist, würde schneller kollabieren als der gelernte Pekinger Mao Tse Tung sagen kann. Die chinesischen Kommunisten müssten den fleißigen chinesischen Arbeitern und Sparern dann erklären, dass diese die letzten zehn Jahre für umsonst gearbeitet haben, um die US-amerikanischen Konsumwünsche zu erfüllen.

China als Tante-Emma-Laden der USA

Chinas auf die USA ausgerichtete Exportwirtschaft gleicht einem Tante-Emma-Laden, dessen bester Kunde dadurch bezahlt, dass er, wann immer er etwas einkaufen möchte, eine Geldnote auf ein Kopiergerät legt und mit der Kopie die Dinge des täglichen Bedarfs bei Tante Emma einkauft. Tante Emma sammelt die Papierscheine brav in einer kleinen Kasse unter ihrem Bett und freut sich über die „guten Geschäfte“. Eines Tages will sich Emma zur Ruhe setzen und mit den bunten Scheinen einen schönen Lebensabend machen. Als sich unsere Tante dann ein kleines Häuschen kaufen will, erlebt sie ihr blaues Wunder, denn für ihre Scheine will man ihr nichts geben. Sie stellt plötzlich fest, dass sie gelinkt wurde. Sie muss wohl noch einmal zehn Jahre arbeiten, bevor sie in den verdienten Ruhestand gehen kann. Genau so könnte es bald vielen chinesischen Arbeitern ergehen, die dank Ein-Kind-Politik im Alter vor allem auf ihre Ersparnisse angewiesen sind. Ihre Rücklagen beruhen im Wesentlichen auf den Schulden der amerikanischen Regierung und den in die chinesische Landeswährung umgetauschten Zentralbank-Dollars. Ob das alles für China ein gutes Geschäft war, hängt davon ab, ob die US-Amerikaner willens und in der Lage sind, ihre Schulden bei den Chinesen zu bezahlen. Das heißt davon, dass die USA einerseits die Staatsanleihen bedienen und andererseits die US-Dollars in Zukunft in Güter und Dienstleistungen umtauschen. Und davon, ob andere in der Welt bereit sind, dies zu tun. Die Zahl derjenigen allerdings, die auf die langfristige Zahlungsfähigkeit und -willigkeit der USA eine Wette eingehen würden, ist in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen.

Das wissen auch die Chinesen, ihre Führung ist nicht so naiv wie unsere liebe Tante Emma. Die Volksrepublik ist sich durchaus bewusst, dass ihr mit den Papierfetzen ziemlicher Mist angedreht wird. Sie ist deshalb so clever, möglichst schnell loszuspurten und ihre kopierten Scheine anderen anzudrehen, indem sie Land, Rohstoffe und Gold kauft und damit die Preise in die Höhe treibt. Ganz gleicht das den Verlust zwar nicht aus, aber einen Teil holt China damit wieder rein. Andere werden dadurch am Auslöffeln der Suppe beteiligt, die nun für Rohstoffe wesentlich mehr bezahlen müssen. Deshalb hat unsere schlaue chinesische Tante auch kein Interesse daran, dass der Bluff bald auffliegt. Auf jeden Fall nicht, solange sie noch auf den vielen bunten kopierten Scheinen in ihrer Kasse sitzt. Niemand hat weniger ein Interesse daran, den Dollar im Zeitraffer verdampfen zu lassen als die chinesische Führung und alle anderen, die noch reichlich mit der US-Währung eingedeckt sind. Staaten, Banken, Anleger und Sparer sitzen auf Geld und  Schuldscheinen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das halten, was sie versprochen haben. Jetzt wollen sie diese Geldreserven möglichst diskret und ohne eine Panik auszulösen oder auch nur zu viel Aufmerksamkeit zu erregen wieder loswerden. Sie setzen dabei auf den Ökonomen vertrauten „Cantillon-Effekt“, der besagt: Wer das miese Geld als erster hat, der wird reich, wer es als letzter in den Händen hält, hat verloren.

Eine ähnliche Form merkantilistischer Geschenkwirtschaft, wie sie sich zwischen den USA und China herausgebildet hat, ist auch in der Eurozone erkennbar. Deutschland verhält sich zu einer Reihe anderer EU-Staaten wie China zu den USA. Fast in jedem Pro-Euro-Artikel findet sich der Hinweis auf die tollen Exportchancen, die der Euro für Deutschland eröffnete. So warf der „Spiegel“ kürzlich Hans-Olaf Henkel vor, mit seiner […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 110.


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