01. Dezember 2010

Aktuelle Meldung – Assange Interpol fahndet nach WikiLeaks-Gründer

Linkskonservativer Verschwörer oder libertärer Rebell?

(ef-DS) Die weltweite Schnitzeljagd auf Julian Assange ist eröffnet. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung US-amerikanischer Botschaftsdepeschen ist der WikiLeaks-Gründer nun per Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Nicht etwa aufgrund der jüngsten Enthüllungen – der Kongressabgeordnete Mike Rogers hatte sogar die Todesstrafe für einen WikiLeaks-Informanten gefordert – sondern wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs. In Schweden war deswegen bereits im August dieses Jahres Haftbefehl gegen Assange erlassen, dieser aber am Tag darauf wieder aufgehoben worden.

Am 21.08.2010 hatte der „Spiegel“ geschrieben: „Der Verdacht auf Vergewaltigung sei unbegründet, teilte die Ermittlungsbehörde mit. Die Stockholmer Justizsprecherin Eva Finné sagte: ‚Es gibt für mich keinen Grund zu dem Verdacht mehr, dass er eine Vergewaltigung begangen hat.’ Auslöser waren die Aussagen zweier Schwedinnen, die Assange Vergewaltigung sowie sexuelle Nötigung vorwarfen. Sie hatten berichtet, zunächst freiwillig Sex mit dem 39-jährigen Australier gehabt zu haben. Dabei sei er gewalttätig worden. Beide Frauen gingen zur Polizei, erstatteten aber keine Anzeige.“

Am 18. November wurde der Haftbefehl gegen Assange erneuert. Neue Erkenntnisse zum Vergewaltigungsvorwurf lagen nicht vor, aber die schwedische Staatsanwaltschaft gab an, sie müsse Assange zu den Vorwürfen noch einmal befragen, um die Vernehmungen abschließen zu können.

Assange selbst hält die Vorwürfe für ein Komplott und erhält mit dieser These Rückendeckung in Abertausenden von Web-Kommentaren weltweit. Es gibt allerdings auch Stimmen, die WikiLeaks als Instrument von Teilen der US-Regierung sehen. So meint der Ufologe und Koppverlag-Autor Andreas von Rétyi: „Es stellt sich bei den neuen Enthüllungen ernsthaft die Frage, wie schädlich die dadurch preisgegebenen Informationen für die USA tatsächlich sind. In den meisten Fällen nämlich entsprechen sie genau deren Kurs und unterstützen somit vielmehr deren künftige außenpolitische Pläne in vielerlei Hinsicht glänzend.“ Anhand zahlreicher Beispiele wie Iran, Pakistan und China führt Rétyi auf, dass die scheinbaren Enthüllungen den USA und hier vor allem der neokonservativen Agenda gut ins Konzept passe. Die nun veröffentlichten US-Depeschen in Bezug auf die Schurkenstaaten könnten den Zweck verfolgen, bei den eigentlichen Zielpersonen Angst zu schüren und den Wunsch zu wecken, sich den US-Interessen nicht so sehr entgegenzustellen. Verdächtig sei laut Rétyi auch, dass Assange die Vermutung eines Inside-Job im Falle 9/11 als Verschwörungstheorie abtue, die nur von den echten Verschwörungen ablenke.

Dass die jüngsten Enthüllungen eher banal seien, wird ebenfalls oft thematisiert. So nimmt der Blog „Arlesheimreloaded“ Assanges Infodienst mit folgenden erfundenen Schlagzeilen auf die Schippe: „WikiLeaks enthüllt: Hitler war ausländerfeindlich und aufbrausend!“ oder „WikiLeaks: Westerwelle ist schwul und korrupt. Berlusconi: Mir kann man nur Letzteres vorwerfen.“

Julian Assange selbst sieht sich weder als Linken, noch als Neokonservativen, sondern ordnet sich in einem Interview mit „Forbes“ vom 29. November 2010 als „libertär“ ein, meint aber offensichtlich eher „ordoliberal“: „Was Märkte angeht, bin ich ein Libertärer, aber ich habe auch ausreichend Erfahrung in Politik und Geschichte um zu verstehen, dass ein freier Markt in einem Monopol endet, wenn man ihn nicht dazu zwingt, frei zu sein“.


Internet:

“Forbes” (29.11.10): An Interview With WikiLeaks’ Julian Assange


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