20. November 2010

Tea-Party-Gegner Vernichtungsrhetorik gegen Verfassungsverteidiger

Ein progressivistisches Rumpelstilzchen stampft auf

Vor kurzem schrieb auf dieser Seite der Kollege Frank W. Haubold über die geifernde Reaktion des „Stern“-Autor Hans-Ulrich Jörges auf die durch Thilo Sarrazin neu entfachte Integrationsdebatte. Ähnlich hasserfüllt und irrational reagierte vor kurzem ein Linker in den USA auf den Erfolg der Tea-Party-Bewegung bei den Wahlen Anfang dieses Monats. Tim Wise, ein selbsternannter Kämpfer gegen den Rassismus, beschreibt sich auf seiner Webseite als „einer der prominentesten Antirassismus-Autoren und -Pädagogen der Vereinigten Staaten“. Vom Bestseller-Autor und Professor Michael Eric Dyson von der Georgetown-Universtät sei er als „einer der brillantesten und mutigsten Kritiker weißer Privilegien der Nation“ bezeichnet worden. Der 42-jährige berichtet außerdem stolz, im ganzen Land Antirassismus-Kurse für Lehrer durchgeführt zu haben, ebenso für Ärzte und Angestellte im Gesundheitsdienst sowie in Konzernen, in Regierungsämtern, in der Unterhaltungsindustrie, im Militär und im Gesetzesvollzug. Abgesehen von diesen oft staatlich finanzierten Tätigkeiten habe er Journalisten darin geschult, wie sie „Rassenvorurteile in Reportagen eliminieren“ können.

Wer dermaßen qualifiziert ist, kann auch Rassismus erkennen, wo Normalsterbliche nichts sehen, zum Beispiel bei der Tea Party. Mangels eindeutiger Beweise schrieb Wise im April dieses Jahres einen Artikel, in dem er seine Leser auffordert, sich einmal vorzustellen, was in den USA los wären, wenn die Tea Party mehrheitlich aus Schwarzen bestünde. Was wäre, fragt Wise, wenn zornige Schwarze auf Massendemos ihr Recht auf Waffenbesitz und -gebrauch einfordern würden? Wenn sie als Demonstrationsteilnehmer in Washington mit „AK-47, Handfeuerwaffen und Munition“ erscheinen würden? Was, wenn die wütenden schwarzen Protestler weiße Kongressabgeordnete umringten und bespuckten? Genau das sei nämlich, glaubt Wise zu wissen, umgekehrt geschehen: „Das haben weiße Tea-Party-Protestler kürzlich in Washington getan“, meint Wise. Für den Spuck-Vorfall gibt es jedoch keinen einzigen Beleg, obwohl zur fraglichen Zeit etliche Fernsehkameras und private Digitalkameras liefen und massenhaft Zeugen vorhanden waren. Es gibt nur die entsprechende Aussage eines angeblich betroffenen Kongressabgeordneten. Selbst wenn diese stimmte, ist nicht klar, ob sich die Tat, verwerflich wie sie wäre, einfach nur gegen den Politiker als solchen richtete und nicht gegen seine Hautfarbe. 

Doch mit solchen differenzierten Überlegungen hält sich Wise nicht auf. Statt dessen fragt er, wie wohl Weiße reagieren würden, wenn auch nur ein Drittel des Zorns und der Giftigkeit, mit der Präsident Obama gegenwärtig angegriffen wird, statt dessen von Farbigen auf einen weißen Präsidenten gerichtet würde. „Wie viele Weiße würden den Zorn, den Hass, die Verachtung für einen weißen Präsidenten betrachten und dann beredsam von freier Rede und der Herrlichkeit der Demokratie sprechen? Und wie viele würden nach hartem Durchgreifen gegen solch aggressives Verhalten rufen, und nach Ermittlungen über radikale Ziele solcher farbiger Leute?“ 

Mit anderen Worten: Solange die „Farbigen“ nicht massenweise und lautstark ihr Waffenrecht einfordern, und lautstark niedrigere Steuern und einen kleineren Staat fordern, dürfen das andere, also Weiße, auch nicht. Viele hat Wise mit seiner verqueren Logik offenbar nicht überzeugen können. Entsprechend ungehalten ist er nun nach der Wahl. Schon einen Tag später, am 3. November, veröffentlichte der Aktivist einen „Offenen Brief an die weiße Rechte, Anlässlich eures kürzlich erfolgreichen Wutanfalls“. „Offen“ ist das doppelt richtige Wort, denn der Wüterich macht darin aus seinen wahren Zielen kein Geheimnis.

Zunächst fordert er die Adressaten auf, ihren Sieg „schnell“ auszukosten, denn: „Eure Zeit ist begrenzt.“ Dann wird er konkreter. Die Tea Party habe „eine kleine Schlacht innerhalb eines größeren Krieges gewonnen, den ihr nicht im entferntesten versteht.“ Denn es habe schon immer Leute gegeben, die sich „ihr Land zurückholen“ wollten. Der Spruch „to take our country back“ macht in Tea-Party-Kreisen oft die Runde, und kann neben Zurückerobern auch zeitlich verstanden werden: Wir führen unser Land zurück in eine bessere Zeit. Ob die Tea-Party-Bewegten das tatsächlich so verstehen, und nicht einfach „nur“ die Gültigkeit ihrer Verfassung wiederbeleben wollen, ist fraglich. Dennoch spielt der Aktivist im Folgenden auf eben diese nostaglische Interpretation an.  

Wise zählt auf: Es habe Leute gegeben, die ihr Land in eine Zeit der Sklaverei zurückführen wollen, oder in eine Zeit der Kinderarbeit und der verrußten Städte, oder in eine Zeit wo Frauen kaum Rechte und kein Wahlrecht hatten, oder in eine Zeit der Rassentrennung. Doch alle diese Leute, so Wise, haben verloren. Und so werde auch die Tea Party, die Wise zufolge in die Zeit der angeblich heilen 1950er Jahre zurückkehren will, verlieren. Das sei eine mathematisch gesicherte Tatsache. Denn in 40 Jahren werde das halbe Land schwarz oder braun sein, „und es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt.“ Dann vergleicht Wise seine Gegner noch mit den Bösewichten in Horrorfilmen, die, obwohl totgeglaubt, mehrfach nochmal aus der Versenkung auftauchen, bevor endlich das Happy End kommt.

Einerseits ist diese Tirade nur lachhaft. Wir sehen einen Aktivisten, der sich wie ein entlarvtes Rumpelstilzchen aufführt, aber seinem Gegenüber einen „Wutausbruch“ vorwirft. Der ernsthaft die Überzeugung zur Schau stellt, das Hauptärgernis der Tea-Party-Leute sei die Hautfarbe ihres Präsidenten. Andererseits muss man ihm dankbar sein, offen über den „Krieg“ gesprochen zu haben, in dem er sich befindet. Ein paar Tage später deutete Wise in einem Gespräch mit dem Sender „CNN“ an, was sein wahres Kriegsziel ist: Die Fortsetzung des Progressivismus – und „soziale Gerechtigkeit“.

Wie bei allen „progressiven“ Anliegen, sei es Ökologismus, Feminismus oder Reformpädagogik, sind Wises Anti-Rassismus-Aktivitäten offenbar nur Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Zerstörung einer Rechtsordnung, die den Schutz des Individuums, seiner Freiheit und seines Eigentums höchsten Rang verleiht. Die im Eigentum eine natürliche und legitime Manifestation der Individualität des Eigentümers betrachtet. Wise befindet sich im Kriegszustand mit der Idee der individuellen Freiheit – die er wahlweise als Sexismus, Rassismus, Klassen- oder Heteroüberheblichkeit verunglimpft. Er vertritt den Aufbau einer Unrechtsordnung, in der das Kollektiv den höchsten Wert besitzt, geführt von einer kleinen Schicht weiser Vordenker, zu der sich Wise offensichtlich zählt.

Er sei für die Zukunft optimistisch, so Wise, weil die „Opfer“ von Haushaltskürzungen und Sparmaßnahmen besser über die „Täter“ bescheid wüssten als umgekehrt. „Sie müssen euch studieren, genau beobachten, ihre Rüstung entsprechend justieren“ und, das betont er besonders, „sich eure Schlafgewohnheiten merken“. Mit dieser Metapher meint er: Wo ist der Gegner schwach, und wo ist der Gegner in Unkenntnis über seine Schwäche?

„Ihr dagegen“, bellt Wise über den ideologischen Graben, „braucht überhaupt nichts über sie zu wissen. Und das wird mit Sicherheit für euch am Ende politisch tödlich sein.“ Das bedeute, freut sich Wise, „dass ihr ihre Entschlossenheit nicht kennen werdet. Nicht fürchten werdet, wie ihr es solltet.“ Womit er Recht haben könnte, weshalb es freundlich von ihm ist, auf diese Schwäche hinzuweisen.

„Und sie wissen, wie man sich neu formiert, Verschwörungen anzettelt und plant; und sie – wir – planen schon jetzt eure Vernichtung.“ Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass es Wise todernst meint. Zwar er beeilt sich zu versichern: „Damit meine ich nicht eure physische Vernichtung.“ Denn seine Seite habe es nicht so mit dem zweiten Verfassungszusatz, mit Milizen, bewaffnetem Widerstand und „all dem Bullshit“. Seine Seite brauche keine Waffen. „Wir brauchen nur Geduld.“ Was Wise nicht sagt, vielleicht nicht einmal denkt, weil er es längst internalisiert hat: Er zählt auf die Waffen der Regierung. Diese, so hofft er offenbar, wird langfristig gesehen in den Händen „progressiver“ Kräfte bleiben, da er davon ausgeht, dass „braune“ und „schwarze“ Menschen mehrheitlich links wählen. Zusammen mit einer gewichtigen Minderheit Weißer werde es ihnen gelingen, „Euch zu erdrücken“.

Wises Schimpfkanonade ist ein weiterer Beleg dafür, dass in Amerika und dem Rest der westlichen Welt ein Kulturkampf tobt, und zwar schon seit Jahrzehnten, manche würden sagen, seit mindestens einem Jahrhundert. Der Kampf um individuelle Freiheit kann sich nicht nur auf den Widerstand gegen einen wuchernden Staat beschränken, sondern muss auch eine wirksame Antwort auf eine weit verbreitete, aggressive, anti-individualistische, letztlich nihilistische Mentalität finden, deren Trägern jedes Mittel recht ist, um ihre Ziele zu erreichen, von der Schleifung der Produktivität über Versklavung der Produktiven, Verunglimpfung Andersdenkender bis hin zu ihrer „nicht gewollten“ physischen Vernichtung.

Auch wenn Wise die Ziele vorangegangener Gegenbewegungen falsch oder zumindest verzerrt wiedergibt: Er hat Recht darin, dass sie verloren haben. Dennoch ist es möglich, dass er sich im Hinblick auf die Tea Party verschätzt. Denn alle Vorläufer waren „kopflastig“ und „von oben“ organisiert. Nicht so die Tea Party. Es wird zwar versucht, sie jetzt von oben zu vereinnahmen. Ob das gelingt, wird sich jedoch erst noch zeigen müssen. Die letzte Gegenbewegung vor der Tea Party war der „Contract with America“ von 1994. Man beachte das Datum: Es ist das letzte Jahr vor der weitverbreiteten kommerziellen und privaten Nutzung des Internet. Die Tea Party ist die erste politische Graswurzelbewegung des Cyberzeitalters – und das können ihre ideologischen Gegner am wenigsten verwinden. Ihre dezentrale Struktur könnte sich als zu widerstandsfähig gegen Angriffe von außen, Übernahmeversuche und Korruption von innen erweisen. Das befürchten auch ihre Feinde, was sie gelegentlich zu verrätischerischen Tobsuchtsanfällen verleitet.

Internet:

Tim Wise: An Open Letter to the White Right, On the Occasion of Your Recent, Successful Temper Tantrum

Tim Wise-Interview auf “CNN”

Tim Wise: What if the Tea Party Were Black?


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