01. September 2010

Trillion Dollar Baby Klima, Kobras, Kohlenstoff

Eine gelungene Umsetzung des oligarchischen Kollektivismus

Der 2009 verstorbene Ökonom und Hayek-Preisträger Horst Siebert hat ihn in seinem gleichnamigen Buch bekannt gemacht, den so genannten Kobra-Effekt. Der Kobra-Effekt beschreibt anschaulich den Mechanismus klassischen Staatsversagens, der über das Setzen falscher Handlungsanreize im Zuge von Zweit- und Drittrundeneffekte den ursprünglich zu optimierenden Zustand letztlich im wahrsten Sinne des Wortes verschlimmbessert. Der realhistorische Hintergrund des Begriffes selbst bietet hierzu plastisches Anschauungsmaterial. Um einer heimischen Kobraplage in Indien Herr zu werden lobte der britische Gouverneur ein Kopfgeld für jedes getötete und bei der zuständigen Behörde abgelieferte Exemplar aus. Tatsächlich stieg auch wie beabsichtigt die Anzahl der abgelieferten Kobras kontinuierlich an, ohne jedoch die Plage in irgendeiner Art und Weise einzudämmen geschweige denn zu beseitigen. Kein Wunder, war doch die Bevölkerung dazu übergegangen, Kobras allein um der Kopfprämie willen zu züchten. Sogar professionell bewirtschaftete Kobrazuchtfarmen entstanden als Folge der realisierbaren politischen Renditen. Angesichts dieser Erkenntnisse ließ der Gouverneur daher die Maßnahme auslaufen. Die bis dato aufgebauten Produktionskapazitäten im Bereich der Kobrazucht wurden durch Auswilderung zurückgefahren, worauf hin sich die Kobraplage natürlich massiv verschärfte.

Die Kobra der Gegenwart heißt Fluoroform. Fluoroform oder HFC-23 ist ein Abfallprodukt, das unter anderem bei der Herstellung des Kältemittels HCFC-22 entsteht, welches wiederum in Klimaanlagen Verwendung findet. Fluoroform ist ein so genannter „Klimakiller“, 12.000 mal schädlicher für die Atmosphäre als CO2. Seit 2007 wird daher die umweltverträgliche Vernichtung von Fluoroform auch finanziell durch die Zuteilung von CO2-Emissionsrechten honoriert. Das ist offizieller Bestandteil des von insgesamt 188 Staaten vereinbarten Clean Development Mechanism (CDM), der zusammen mit dem Kyoto-Protokoll verabschiedet wurde. Mit CDM-Projekten können sich Unternehmen in Europa – die USA haben bis heute keinen CO2-Emissionshandel eingeführt – von „Klimasünden“ reinwaschen, indem sie in Entwicklungs- oder Schwellenländern Wälder pflanzen und Solaranlagen installieren. Oder eben Fluoroform entsorgen. Seit Einführung der Entsorgungsprämie hat sich folglich die Kühlmittelproduktion vor allem in Asien verdoppelt, was – trotz propagierter globalen Erwärmung – natürlich nicht am steigenden Bedarf nach Klimaanlagen liegt sondern an der betriebswirtschaftlich höchst interessanten Tatsache, dass der aktuelle Preis der Emissionsrechte aus der Vernichtung von Fluoroform circa 70 mal höher liegt also die Vernichtungskosten selber. Den Gewinn, eine exorbitante, gewissermaßen durch die Vereinten Nationen (UN) garantierte und risikolose Rendite, gegen die sich selbst die Vorgaben von Deutsche Bank Chef Josef Ackemann äußerst bescheiden ausnehmen, können sich Hersteller und Entsorger teilen. Mittlerweile – hier grüßen die Kobrazüchter – stammt die Hälfte aller zusätzlichen Emissionsrechte aus CDM-Projekten, die Fluoroform vernichten. Im Gegensatz zum britischen Gouverneur scheint jedoch aktuell niemand gewillt, der Fluoroform-Kobra endgültig den Kopf abzuschlagen.

Einer der weltweit größten Betreiber von CDM-Projekten ist übrigens die Firma Camco, ein an der Londoner Börse notiertes Unternehmen mit Sitz in Jersey. Camco sieht den „carbon market“ als wesentlichen „key mechanism for mobilising the trillions of dollars required to fight climate change“. Als profitorientierte Organisation schüttet Camco die hervorragend kalkulierbaren und nicht reinvestierten Überschüsse regelmäßig an seine Anteilseigner aus. Einer davon ist der „ökologisch korrekt“ investierende, geschlossene Fonds Climate Solutions. Dessen Strategie ist laut Selbstdarstellung „focused exclusively on deploying capital into companies that are part of the transition from a high-carbon to a low-carbon economy.“ Aufgelegt und verwaltet von Generation Asset Management. Mitbegründer, Miteigentümer und Vorsitzender dieser Vermögensverwaltungsgesellschaft ist – Zitat – „The Honorable Al Gore“. Al Gore, der Friedensnobelpreisträger von 2007, lässt also in Fernost im großen Stil Ressourcen zur Produktion eines Gutes verschwenden, um dieses anschließend durch eine ihm zumindest indirekt gehörende Firma wieder zu vernichten, wofür diese Firma von der UN Emissionszertifikate erhält, welche mit mehreren tausend Prozent Profit an europäische Unternehmen verkauft werden. Das nennt sich dann Umweltschutz.

Hierbei handelt es sich nicht nur um ein Paradebeispiel für die Auswirkungen des Kobra-Effektes, sondern auch um einen schon fast idealtypischen Anwendungsfall der „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“. Dieses fiktive Werk ist selbst Bestandteil des immer weniger fiktiven Romans „1984“ von George Orwell. Sein angeblicher Verfasser, der abtrünnige Staats- und Parteiverräter Emmanuel Goldstein, beschreibt in dem verbotenen Buch die gemeinsamen Unterdrückungsmechanismen der drei weltweit verbliebenen, totalitären Machtblöcke. Unter anderem haben deren Führungseliten erkannt, dass eine permanente Kriegsführung die Bevölkerung in ständiger Angst und damit Arbeits- und Verzichtsbereitschaft hält. So wird ein Großteil der Produktion direkt der Front zugeführt und im Feuer der stets wechselnden Koalitionen vernichtet, während die Zivilbevölkerung mit dem notwendigsten versorgt wird. Dieser Kriegszustand nennt sich dann Friede.

Wenn dem so ist, dann hat zumindest dieser Anwendungsfall des Kobra-Effekts freilich nichts mit Staatsversagen zu tun, sondern ist ganz im Gegenteil Ausdruck einer äußerst perfide inszenierten Staatsraison mit umfassenden „Big Brother“-Ambitionen. Im Jahr 2009 wurden 144 Milliarden US-Dollar auf dem – analog zum Orwellschen Krieg – künstlich geschaffenen „Markt“ für CO2-Zertifikate umgesetzt, der absolut von europäischen Schuldnern dominiert wird. Damit das auch so bleibt, hat der US-Senat noch im Juli 2010Gesetzesinitiative zum Klimaschutz, Emissionshandel inklusive, abgelehnt. Etwa zwei Drittel der CO2-Zertifikate wurden dabei über eigens dafür eingerichtete Börsen gehandelt. Der Preis je Emissionsrecht, welches einem Äquivalent von einer Tonne CO2 entspricht, liegt derzeit bei ungefähr 16 Euro. Der bekannteste Umschlagplatz für Emissionsrechte in Deutschland ist der CO2-Terminhandel der Leipziger Strombörse, der im internationalen Vergleich mit 2,4 Prozent des globalen Handelsvolumens allerdings eine zu vernachlässigende Größe darstellt. Über 90 Prozent des Handels wird über die European Climate Exchange in London und die Chicago Climate Exchange im US-Bundesstaat Illinois statt. Eigentümerin beider Börsen wiederum ist die zweitgrößte Terminbörse der USA, die IntercontinentalExchange (ICE), eine selbst in New York gehandelte Aktiengesellschaft. Die bedeutendsten Aktionäre der ICE sind die beiden Wall-Street Größen Goldman Sachs und Morgan Stanley sowie der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock, ebenfalls mit Sitz in New York. Zumindest Goldman Sachs und Morgan Stanley bieten darüber Hinaus für Firmenkunden einen ganzheitlichen Beratungsansatz rund um das Thema CO2, legen im eigenen oder fremden Namen Anleihen, Fonds, Optionen und Zertifikate auf. Denn da sich die CO2-Zertifikate auf Termin handeln lassen, eigenen sie sich hervorragend als Spekulationsobjekte.

Zusammenfassung: Die Produktion und anschließende Zerstörung von Abfallprodukten durch überwiegend US-amerikanisch dominierte Unternehmen in Billiglohnländern führt also zum Erwerb von Emissionsrechten, welche anschließend mit gigantischen Gewinnspannen fast ausschließlich über US-Börsen an europäische Zwangskunden veräußert werden. Im Gegenzug bieten die politisch hervorragend verdrahteten Börsenbetreiber den Zwangskunden wie dem Publikum ein breitgefächertes Portfolio CO2-bezogener Beratungs- und Finanzdienstleistungen an. Die Inanspruchnahme derartiger Leistungen wiederum kann sich durchaus in der Zuteilung regierungsamtlicher Blankoschecks niederschlagen. So dürfen beispielsweise ausgerechnet die größten deutschen „Klimasünder“ E.ON, EnBW, Evonik, RWE und Vattenfall bis 2012 ihren Kunden 25 Milliarden Euro für die Nutzung von CO2-Zertifikaten in Rechnung stellen, obwohl ihnen diese als Freikontingente vom Bund unentgeltlich angewiesen wurden. Derweil fordern selbsternannte Klimaschützer bereits eine Preisregulierung des Emissionsrechtehandels. Ihr Ziel ist eine Verteuerung der im Zuge der Wirtschaftskrise um über 50 Prozent im Preis gefallenen CO2-Zertifikate in Richtung 25 bis 30 Euro, um die „Wirtschaft“ unter CO2-Einsparzwang zu setzen. Ihre Begründung für die Forderung nach Regulierungsmaßnahmen: Marktversagen!

Weitere Informationen

Orwell, George: 1984, Ullstein Taschenbuch Verlag, 2006

Camco Global – Internetauftritt des Unternehmens

Generation Invest Management – Internetauftritt des Unternehmens

IntercontinentalExchange – Internetauftritt der Terminbörse

Siebert, Horst: Der Kobra-Effekt – Wie man Irrwege der Wirtschaftspolitik vermeidet, DVA, 2002

WirtschaftsWoche, Ausgabe 35/2010 vom 30.08.2010: Der Abgas-Handel


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