16. August 2010

Hegemonie Wo bleibt die libertäre Revolution?

Voraussetzung ist der Einbau ihrer Ideen in die populäre Kultur, meint Sean Gabb von der UK Libertarian Alliance

Seit Jahrzehnten argumentieren Libertäre für die radikale Schrumpfung oder gar Abschaffung des Staates. Mit Büchern wie „Human Action“ von Ludwig von Mises, „Die Ethik der Freiheit“ von Murray Rothbard, „Die Verfassung der Freiheit“ von Friedrich von Hayek oder „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“ von Hans-Hermann Hoppe sind ihre Standpunkte unwiderlegbar untermauert worden. Die Zahl der Werke dieser und vieler anderer Autoren ist inzwischen riesig. Dennoch wachsen die Staaten weiter und fusionieren sogar zu überstaatlichen, zentralistischen Konglomeraten. Unter den Folgen leiden fast alle. Doch 99 von 100 Menschen, oder noch mehr, haben nie von den genannten Autoren gehört, während die Namen Marx, Lenin, Trotzki oder Rosa Luxemburg, deren Werke ebenfalls kaum jemand liest, zum Allgemeingut gehören.

Sean Gabb, der Direktor der britischen Libertarian Alliance und Autor mehrerer Bücher, hat Anfang August ein Vortrag diesem Phänomen gewidmet und kam darin zu dem Schluss, dass die fehlende, entscheidende Zutat in der libertären Bewegung die kulturelle Komponente ist. Zur Verdeutlichung zog Gabb den Vergleich mit dem Aufstieg des Sozialismus nach der vorletzten Jahrhundertwende. Als Karl Marx 1883 in London starb, interessierte das in England niemanden, abgesehen von einer Handvoll Anhänger. Wenn um 1900 herum jemand argumentierte, dass der Staat die Sozialversicherung übernehmen sollte, hörte kaum jemand zu. 40 Jahre später jedoch hat es kaum noch jemand gewagt, die Gegenposition einzunehmen. Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Der Erste Weltkrieg mag Ansichten verschoben haben, doch allein kann diese Katastrophe keine dauerhafte Einstellungsänderung erzeugt haben. Gabb führte aus, dass die Sozialisten um 1900, wie heute die Libertären, massenweise Bücher und Traktate produzierten, die aber damals kaum jemand las. Außerdem wurden ihre Argumente schnell von der Gegenseite zerpflückt – vor allem schon damals von Vertretern der österreichischen Schule der Ökonomie wie Eugen von Böhm-Bawerk. Die kulturellen Werke der Sozialisten dagegen, ihre Romane, Theaterstücke, Musik und so weiter, wurden eifrig und gerne konsumiert. In ihnen waren Wertvorstellungen und Appelle an das soziale Gewissen verpackt sowie Vorstellungen darüber, wie die Welt gerechter zu gestalten sei. Selten so offensichtlich wie beispielsweise bei Brecht, eher subtil, nebenbei und ohne große Worte zu verlieren. Dies sei das Geheimnis des Erfolges der etatistischen Linken im zwanzigsten Jahrhundert, meint Gabb. Sie haben ihre Argumente auf die kulturelle Schiene verlegt. Auf dieser Ebene Gegenpositionen im Diskurs aufrechtzuerhalten sei fast unmöglich, denn die meisten Menschen verstehen die Aufregung nicht. Es ist in ihren Augen bloß ein Roman, Theaterstück oder Film.

Gabb appelliert nun an die libertäre Gemeinde, diese Methode der Linken nachzuahmen und, statt eines weiteren Traktats, populärkulturelle Werke zu produzieren, die die radikalliberale Botschaft transportieren. Gabb selbst geht mit eigenem Beispiel voraus und hat in den vergangen Jahren unter dem Pseudonym Richard Blake mehrere historische Romane veröffentlicht. Ein Fehler Ayn Rands sei es gewesen, in ihren den Kapitalismus feiernden Romanen seitenlange doktrinäre Reden einzubauen. Solche Intensivkurse wollen Romanleser eigentlich nicht sehen und wirken auf viele abstoßend. Trotzdem haben Rands Romane unzählige Menschen zum ersten Mal auf den Gedanken gebracht, dass es vielleicht doch besser wäre, sich nicht immer auf den Staat zu verlassen – und sie somit auf einen intellektuellen Pfad geführt, der oft im Anarchokapitalismus kulminierte.

Einer der Fehler der konservativen Regierung der 80er und 90er Jahre in England, dozierte Gabb weiter, sei ihre völlige Vernachlässigung der kulturellen Sphäre gewesen. Es gab libertäre und konservative Kulturschaffende, beispielsweise Kabarettisten. Diese hätte die Regierung auf vielfache Weise fördern können, hat es aber unterlassen, wollte mit „diesen Methoden“ nichts zu tun haben und verließ sich lieber auf die Überzeugungskraft des rationalen Arguments. Derweil baute die Linke ihre Hegemonie im Kulturleben weiter aus. Während die Konservativen die Wahlen – noch – gewannen, eroberten die Linken über das Fernsehen und andere Medien, in Filmen, Serien, Romanen, Hörspielen allmählich die Hirne und Herzen der Wähler. So fiel dem damals noch für die Konservativen werbenden Gabb auf, dass viele, die er ansprach, sagten, sie würden seine Partei wählen, dass aber kaum einer für sie werben wollte, etwa durch ein Plakat im eigenen Fenster.

Inzwischen ist es völlig normal, in England darüber zu reden, ob sich die Partei der Konservativen ausreichend vom angeblich radikal-marktwirtschaftlichen Erbe Thatchers „entgiftet“ habe. Selbst die konservative Führung scheint bemüht, bloß nicht wie ein „Dinosaurier“ aus der Zeit der Eisernen Lady zu wirken. Es bringe überhaupt nichts, so Gabb, darauf hinzuweisen, dass Thatcher den Staat weder geschrumpft noch die Marktwirtschaft entfesselt hat, sondern einen Korporatismus schuf, eine effizientere Zusammenarbeit zwischen Großunternehmen und starkem Staat. Die Linke beherrscht den Diskurs weiterhin über die kulturelle Schiene und transportiert dort weiterhin die Mär vom bösen, marktwirtschaftlichen Thatcherismus, der die Gesellschaft entsolidarisiert hat.

Mit seiner These, dass die Konservativen eine kulturpolitische Chance verpassten, scheint Gabb auf der richtigen Spur zu sein. In den 80er Jahren, also kurz nachdem sich der Sozialdemokratismus in der „Stagflation“ festgefahren hatte, waren viele Menschen in allen westlichen Industriestaaten offenbar bereit, die Botschaft des Individualismus, der Leistung und der Freiheit zu hören und zu verinnerlichen. Man denke nur an den überwältigenden Überraschungserfolg des Films „Amadeus“ im Jahr 1984. Der Streifen lief wochenlang, über ein Jahr lang sogar, ununterbrochen in den Kinos. Sind die Leute in die Filmtheater geströmt, um ein Mozart-Potpourri zu hören? Wohl kaum. Sie wollten eine Geschichte sehen, in der ein etablierter aber mittelmäßiger Komponist, ein Günstling des Kaisers, den Aufstieg eines Ausnahmekünstlers diabolisch zu verhindern versucht und trotz seines scheinbaren anfänglichen Triumphs am Ende seine bittere, absolute, ja vernichtende Niederlage eingestehen muss.

Doch die damaligen Wahlkampfslogans über eine „geistig-moralische Wende“ oder „Leistung muss sich wieder lohnen“ blieben nur Sprüche. Auch in Deutschland erfolgte keine gezielte Förderung konservativer und liberaler Kulturschaffenden. Vielleicht im Grunde deswegen, weil Angestellte des Staates sich nie ernsthaft um ihre Abschaffung bemühen werden. Welcher Beamte würde schon für die Förderung eines libertären Kabarettisten eintreten? Mit anderen Worten: Die liberale kulturelle Hegemonie kann nur aus eigener Kraft gelingen. Die sozialistische Kulturrevolution benötigt heute die Stütze des Staates in Form öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Indoktrination an den Schulen und Hochschulen – eigentlich ein Zeichen der Schwäche. Doch anfangs war auch sie ganz auf sich allein gestellt. Der Kampf gegen ihre gegenwärtige mediale Übermacht mag entmutigend wirken, ist aber nicht aussichtslos. Als Alternative zu den Medien und den offiziellen Bildungseinrichtungen steht heute das Internet bereit. Jeder kann mit wenig Geld und Aufwand eigene Radio- und TV-Sendungen herstellen, Books-On-Demand-Plattformen nutzen und Online publizieren.

Nicht jedoch ein weiteres Traktat, nicht die X-te soziologische oder ökonomische Abhandlung – so notwendig sie für die interne philosophische Bildung sind – werden in der Gesellschaft reale, dauerhafte Veränderungen in Richtung Freiheit erzeugen, sondern nur eine unübersehbare Fülle  populärer kultureller Erzeugnisse, die die liberale Vision nebenbei transportieren, als sei sie das Selbstverständlichste der Welt.

Internet:

Sean Gabb: Rede und Diskussion über kulturelle Hegemonie (Video in englischer Sprache, 95 Minuten)


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