29. Juli 2010

Aufregung um Wikileaks Globales politisches Erwachen

Die herrschende Klasse macht sich begründete Sorgen

Jeffrey Tucker wundert sich. Nichts von dem, was die Medien jetzt über Inhalte der von der Internet-Platform Wikileaks veröffentlichten Dokumente schreiben, ist ihm wirklich neu. „Es scheint so ziemlich eine Konkretisierung und Zusammenfassung dessen zu sein, was seit vielen Jahren täglich auf antiwar.com erschienen ist“, stellt der Vizepräsident der Denkfabrik „Mises Institute“ fest. Er hat Recht. So richtig neu ist es nicht, dass in Afghanistan gezielte Tötungen stattfinden, auch mal unbeteiligte Zivilisten hops gehen, manch ein Agent des Drittweltlandes Pakistan ein doppeltes Spiel treibt und die Streitkräfte der Allianz gelegentlich über die Stränge schlagen. Dass so was in einem Krieg nicht unüblich ist, insbesondere bei unklarer Frontenlage, lernt man im Geschichtsunterricht – vermutlich selbst an staatlichen Schulen, selbst heute noch.

Die wirkliche Nachricht dieser Geschichte ist sozusagen eine Metanachricht: Eine Nachricht über die Nachrichtenmacher. Die großen, aber angeschlagenen Presseorgane haben lange Zeit die Arbeit nicht gemacht, die in einer Marktwirtschaft einem Informationsaufbereiter eigentlich zukommt: Darüber zu berichten, was die zahlenden Leser erfahren wollen. Daher holen sich ihre Kunden die Informationen zunehmend woanders – und werden dank der technischen Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnten immer häufiger im Internet fündig – und dazu noch kostenlos.

Die etablierten Medien haben sich von der herrschenden Klasse zu Hofberichterstattern degradieren lassen: Vorzugsbehandlung gegen vorteilhafte, oder nicht allzu nachteilhafte, Berichte. So ihrer Eigenständigeit beraubt, schwanken sie schon seit Jahrzehnten fast nur noch zwischen zwei Aggregatzuständen: Hysterie und Stenographie. Die Zusammenarbeit mit Wikileaks hat daran noch nichts wirklich geändert. Im Wesentlichen geändert hat sich nur, dass die Stenographen jetzt nicht mehr nur die offiziellen Mitteilungen von Regierungen und Konzernen abschreiben, sondern auch Dokumente, die andere ins Internet zu stellen drohen.

Zugegeben, im aktuellen Fall der Afghanistan-Dokumente gab es eine fruchtbare Arbeitsteilung zwischen Wikileaks und ausgesuchten Printmedien – wie übrigens auch schon im Fall des Videos über den Hubschrauberangriff auf Zivilisten in Irak und in einem Korruptionsfall in Kenia. Das Muster war immer das gleiche: Wenn ihr eine Story zu groß oder zu brisant erscheint, schaltet Wikileaks eine Auswahl von etablierten Medien ein, die mehr Ressourcen haben, um zu recherchieren – und natürlich auch eine erfahrene Rechtsabteilung.

Dennoch: Ernsthafte Recherche wurde von den Medien nur deswegen betrieben, weil sie von der Internetplattform in eine Wettbewerbssituation hineingezwungen wurde: Mit Wikileaks selbst und mit den anderen vorinformierten Konkurrenten. Damit ist eindeutig, wer Koch ist und wer Kellner. Und das ist der wahre Grund, weshalb die Regierungen in Washington, London und anderswo vor Wut so sehr schnauben, dass Wikileaks-Mitarbeiter Julian Assange derzeit Reisen in die USA aus dem Weg geht. Sie haben das Vorgabemonopol über ihre Hofstenotypisten verloren und damit ein Teil der Kontrolle darüber, was ihre Untertanen wissen und was nicht.

Der bisher größte Erfolg dieser Art ist übrigens die Veröffentlichung der etwa eintausend teilweise inkriminierenden Emails der Klimaforschungsstelle CRU – ein Vorgang, mit dem Wikileaks selbst aber offenbar nichts zu tun hatte. Seither sind die Printmedien in ihrer Berichterstattung über den Klimawandel viel vorsichtiger geworden. Sowohl Hysterie als auch Stenographie haben hier spürbar abgenommen. Einige Redakteure haben beherzt die Chance ergriffen und den dadurch freigewordenen Raum wohltuend mit Ergebnissen selbständigen Denkens gefüllt. In den elektronischen Massenmedien hingegen wird weiterhin hysterisch stenographiert wie gehabt. Das wird damit zusammenhängen, dass sie, anders als die Printmedien, entweder staatlich, quasi-staatlich oder von Konzernen finanziert sind, die sich von staatlich erzwungenen „Klimaschutz“-Maßnahmen einen Profit erhoffen.

Wenn Wikileaks und andere jedoch in diese neue Form der Nachrichtenproduktion ausbauen, werden sich immer mehr Printmedien und vielleicht auch der eine oder andere Sender gezwungen sehen, über alle möglichen Vorgänge intelligenter zu recherchieren und informieren als seit mindestens einer Generation. Dies kann der Freiheit aller Menschen weltweit nur dienlich sein.  

Parallel zu dieser Entwicklung speist die kommunikationstechnische Entwicklung jedoch auch eine nicht zu unterschätzende gegensätzliche, freiheitsfeindliche Tendenz: Die zunehmende Kapazität der Regierungen, ihre Untertanen zu überwachen und auszuspionieren sowie ihre Fähigkeit, miteinander so effektiv zu kommunizieren, dass inzwischen Vorstufen einer Weltregierung erkennbar sind.

Immerhin ist dieser Kampf zwischen freiheitlicher und totalitärer Tendenz noch keineswegs entschieden. Auffallend ist, dass alle drei genannten, von Wikileaks veröffentlichten Ereignisse in Ländern und Regionen der sogenannten Dritten Welt stattfinden. Dort also, wo das Bevölkerungswachstum am stärksten und somit der Anteil junger Menschen besonders groß ist. Dank der Fortschritte in der Telekommunikation können sich jetzt selbst die ärmsten unter ihnen über die Zustände in der Welt informieren – und das nicht nur bei Quellen, die nur Hysterie und Stenographie kennen. Sie können besser als je zuvor erkennen, wer sie auf welche Weise an der Nase herumführt und ausbeutet. Für die Zentralbanken und Regierungen des Westens, für ihre supranationalen Organisationen sowie für ihre Vasallen in anderen Regionen wird es daher zunehmend schwerer werden, diese aufstrebende Generation in Schach zu halten.

Dass die Lage für die herrschende Klasse unsicher ist, zeigt die besorgte Aussage Zbigniew Brzezinskis vor eineinhalb Jahren: „Zum ersten Mal in der Geschichte ist fast die gesamte Menschheit politisch aktiviert, politisch bewusst und politisch interaktiv. Globaler Aktivismus erzeugt einen plötzlichen Anstieg in der Suche nach kulturellem Ansehen und ökonomischen Chancen in einer Welt, deren Erinnerungen von kolonialer oder imperialer Vorherrschaft gezeichnet sind.“ Der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, der diese Sätze anlässlich einer Veranstaltung von „Chatham House“ sprach, die britische Schwesterorganisation der „Council on Foreign Relations“, nannte diesen Prozess das „globale politische Erwachen“ und fügte voller Sorgen an: „In dieser sich dynamisch wandelnden Welt könnte sich die Krise der amerikanischen Führerschaft zu einer Krise der globalen Stabilität ausweiten.“

Die vielleicht spannendste Frage unserer Zeit ist: Was wächst aufgrund des technischen Fortschritts schneller – die Fähigkeit der Regierungen und der Zentralbanken, im Konzert miteinander die Weltbevölkerung zu unterdrücken und auszubeuten, oder die Fähigkeit und der Wunsch der Menschen, sich gegenseitig unter Umgehung, oder gar der Übernahme, der Hofberichterstatter zu informieren und die Anmaßungen der herrschenden Klasse zurückzuweisen?

Internet:

Jeffrey Tucker: What I don’t understand about Wikileaks, mises.org, 26.07.2010

antiwar.com

Zbigniew Brzezinski: The global political awakening, „New York Times“, 16.12.2008


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige