07. Mai 2010

Buchvorstellung „Störfall Schule“

Karin Jäckel analysiert, wie linke Ideologen unser Schulsystem ruinierten

Bei Sonntagsreden und Talkshow-Auftritten betonen Politiker und Experten gerne, wie wichtig es gerade für Deutschland als rohstoffarmem Land sei, eins seiner wichtigsten Güter, auf einem hohen Standard zu halten: unsere Bildung. Die Realität sieht vergleichsweise ernüchternd, oft sogar erschreckend aus, und wenig ändert sich zum Besseren. Vor diesem Hintergrund ist es sehr erfreulich, dass sich eine Autorin wie Karin Jäckel mit ihrem neuen Buch "Störfall Schule" (Beltz) dieses Themas annimmt: eine Autorin, die fachkundig ist, engagiert, schon mit vergangenen Büchern bewies, keine Angst vor Tabus und Verstößen gegen die politische Korrektheit zu haben, und die überdies ungemein packend zu schreiben versteht.

Im ersten Teil ihres Buches untersucht Karin Jäckel die geschichtlichen Wurzeln der bisherigen Misere. Wie sich unser Schulwesen im Lauf der Jahrhunderte veränderte, ist durchaus interessant zu lesen – richtig spannend wird es aber, als Jäckel auf zwei bedeutende Faktoren der jüngeren Vergangenheit zu sprechen kommt. Der weniger ausschlaggebende ist noch das Erbe der DDR. Die aus dem Sozialismus ins demokratische Bildungswesen übernommenen Lehrer, so zitiert Jäckel eine ehemalige Staatskundelehrerin aus Thüringen, könnten in ihrem Unterricht wie früher hervorragend Zahlen und Fakten abfragen, "aber wie man eine Quelle kritisch analysiert oder kontrovers diskutiert, wissen die Kollegen nicht". Die zitierte Lehrerin selbst sei von ihren Kollegen weggemobbt worden, als sie in ihrem Leistungskurs Geschichte die Schattenseiten der DDR aufrollen wollte.

In diesem Zusammenhang führt Jäckel eine Aufsehen erregende Untersuchung des "Forschungsverbundes SED-Staat" an, die im Jahr 2007 nachwies, dass über 60 Prozent der befragten Schüler in Ost und West die ehemalige SED-Diktatur der DDR für einen demokratischen Staat halten und 40 Prozent diesen im Vergleich zur Bundesrepublik für besser befinden. Jeder zweite Schüler glaubt, dass die zu den größten Umweltverschmutzern Europas gehörende DDR weit sauberer gewesen sei als Westdeutschland, ebensoviele meinen, die Renten dort seien höher gewesen als im Westen. (In Wahrheit umfassten sie 30 bis 40 statt 70 Prozent des jeweils letzten Einkommens). Auch verschiedene andere Legenden, die die DDR in einem absurd positiven Licht erschienen ließen, hält eine beunruhigend große Zahl deutscher Schüler für wahr. Der Bildungsforscher, der die Studie herausgab, merkte zur derzeitigen Situation in den neuen Ländern an: "Wir wissen aus vielen Gesprächen, dass die Lehrer, die gern über die Fakten in der DDR aufklären möchten, vom Kollegium oft bewusst nicht in Fächern wie Geschichte oder Sozialkunde eingesetzt werden."

Als noch gravierendere und vielfach noch stärker tabuisierte Ursache für zahlreiche Fehlentwicklungen kommt in "Störfall Schule" das in mancherlei Hinsicht fatale Erbe der 68er-Ideologen zum Tragen. Unter ihnen, erklärt Jäckel, entwickelten sich insbesondere die etwa von Alice Schwarzer vergötterte Simone de Beauvoir und in kommunistischen Kreisen auch Friedrich Engels zu Ikonen. Einer Grundthese Beauvoirs zufolge war die nicht-berufstätige Frau unfrei, und sie konnte ihre Freiheit nur dadurch gewinnen, dass sie ihre Kinder von anderen Personen betreuen und versorgen ließ. Auch Scheidung und Abtreibung galten als Mittel, die den Zweck der "Frauenbefreiung" heiligten und für die Frauen demonstrierend auf die Straße gingen. Die in fremde Obhut gegebenen Kinder sollten aber auch ihrerseits "aus der elterlichen Zucht und Ordnung befreit" werden, wofür man die antiautoritäre Erziehung erdachte: "Kinder, verkündeten die selbst ernannten Gesellschaftsverbesserer, bräuchten Freiräume, auch sexueller Art, in denen sie ihre natürliche Neugier und schöpferischen Kräfte austoben könnten, ohne darin durch Erwachsene gebremst und 'angepasst' zu werden." Dabei würde die jedem Kind angeborene Hilfsbereitschaft und soziale Kompetenz zur schönsten Entfaltung kommen: "Antiautoritär groß gewordene Kinder würden folglich nie mehr Kriege führen."

Im Zug dieser neuen Glückseligkeits-Ideologie wurde der Vater immer mehr als strafende Instanz der Familie verpönt. Zugleich explodierten als Folge der Frauenbewegung die Scheidungsquoten, so dass die SPD-Regierung in den siebziger Jahren eine Scheidungsreform im Sinne der Gedanken von Friedrich Engels durchsetzte. Diese bestand daraus, dass die "Wohltaten der Scheidung" ohne die "schmutzige Wäsche" der Schuldfrage, was das Scheitern der Ehe anging, vor Gericht zu erhalten waren. Damit, fasst Jäckel zusammen, war der heute etliche Ehen auflösende "Scheidungswahnsinn inklusive der damit verbundenen Vaterentbehrung eingeläutet, die gegenwärtig etwa jedes vierte Kind in einer Schulklasse betreffen und Kinderseelen so stark belasten, dass Verhaltensstörungen auftreten, deren Ausmaß den Unterricht an Schulen in sozialen Brennpunkten bis zur Erfolgsosigkeit behindert."

Das vorbildgebende Beispiel der Eltern und deren Einbindung in die Schulausbildung ihrer Kinder wurden mehr und mehr verdrängt. "Vertrauen Sie uns", teilte man den Eltern an Einschulungstagen mit. "Vertrauen Sie Ihren Kindern. Lernen Sie loslassen." Eltern, die ihre Kinder immer noch erziehen und ihnen Grenzen setzte wollten, wurden von der antiautoritären Fraktion als "Klammeraffen-Eltern", "Gluckhennen-Mütter" und "Kindesunterdrücker" herabgewürdigt. Ergänzend dazu arbeiteten Politiker wie Ideologie-Missionare auf die Beliebigkeit der Familien-Zusammensetzung hin. Von Samenbank-Kindern bis zur Glorifizierung alleinerziehender Mutterschaft war alles mögliche angesagt, solange es nur nicht dem klassischen Familienmodell entsprach. Insbesondere den Vater grenzten die vermeintlichen Weltverbesserer immer mehr aus Familie und Erziehung aus.

Wozu diese Entwicklung in der Gegenwart führte, offenbart sich etwa in einem Interview der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen mit der Frauenzeitschrift Brigitte. Dort bekundete Ursula von der Leyen, "dass einen die kalte Wut packt", weil nur 69 Prozent der unterhaltspflichtigen Väter regelmäßig und in voller Höhe Unterhalt zahlten. Sehr zu Recht weist Jäckel hier darauf hin, dass Tausende von Vätern brutal aus dem Leben ihrer Kinder ausgegrenzt werden und über Jahre hinweg bis hin zum europäischen Gerichtshof vergeblich darum klagen, Vater sein und ihre Kinder regelmäßig sehen zu dürfen, statt nur als "Zahlemänner" missbraucht zu werden. Eine passende Lösung, so Jäckel, hätte von der Leyen für ihr Unterhaltsproblem in einer Studie Professor Gerhard Amendts (AGENS) finden können, der darin feststellte, dass Väter, die ihre Kinder regelmäßig sehen dürfen, am zuverlässigsten zahlen und Mütter das Mitspracherecht der Väter am liebsten von deren Einkommen abhängig machen.

Nicht minder aufschlussreich ist eine von Jäckel angeführte repräsentative Langzeitstudie der Familien- und Jugendsoziologin Anneke Napp-Peters, in der diese nachwies, dass alleinerziehende Mütter sich nach der Trennung von einem Partner möglicht schnell von den Einschränkungen befreien möchten, die ihnen die Beziehung auferlegte. "Daher wälzen sie ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten gern auf die Kinder ab und kümmern sich auch nicht um deren Hausaufgabenerledigung oder Medienkonsum. Auf Nachfrage entschuldigen sie das eigene Fehlverhalten mit ihrer Erwerbstätigkeit, krankheitsbedingtem Unwohlsein und erzieherischen Maßnahmen zur Verselbständigung der Kinder." Die betroffenen Kinder werden, was etwa Computerspeile, Fernsehkonsum und Telefonate angeht, allein gelassen, und die Clique aus Schule und Nachbarschaft entwickelt sich für sie zum Familienersatz. Entsprechend groß ist der seelische Druck, sich etwa durch Kriminalität und Mobbing über notwendige Grenzen hinwegzusetzen. Hierzu zitiert Jäckel die Jugendrichterin Elisabeth Schröder-Jenner, die schon 1987 feststellte, dass "die meisten der Skinheads, mit denen ich zu tun hatte, Söhne alleinerziehender Mütter" waren, "die nicht die Gelegenheit hatten, sich mit einem positiven Vaterbild zu identifizieren".

Auf die Ausgrenzung der Väter, erklärt Jäckel weiter, folgte bald die Ausgrenzung auch der Mütter aus der Erziehung. Diese begann damit, dass Feministinnen anlässlich der Pekinger Weltfrauenkonferenz in einem UN-Dokument fixierten, dass die Bezeichnung "Mütter" eine Diskriminierung der Frau darstelle und deshalb durch die Formulierung "Frauen in Zeiten der Kindererziehung" zu ersetzen sei. Wohin dieser Irrsinn mittlerweile geführt hat, ist anhand des Umgangs der Medien etwa mit Eva Herman für jeden sichtbar geworden. In immer neuen Studien ging es darum, leibliche Mütter in Deutschland als Totalversagerinnen zu entlarven. Forschungsaufträge, erklärt Jäckel unter Berufung auf Analysen Gudrun Cyprians von der Universität Bamberg, richteten sich vor allem an der Zielsetzung aus, Familien in ihrem Versagen zu beobachten. Das passe zum gegenwärtigen Ziel der Familienpolitik, Kinder statt dem eigenen Elternhaus lieber einer Fremdbetreuung zu überlassen: "Während Eltern mit durchschnittlich weniger als zwei Kindern völlig überfordert zu sein scheinen, soll ein professioneller Kinderkrippenbetreuer locker neun Säuglinge versorgen können und sollen professionelle Kindererzieher und Lehrer imstande sein, Gruppen bzw. Klassen von 20 bis 33 Kindern optimal zu fördern."

An vielen Stellen des Buches merkt man Jäckels Darlegungen an, dass sie nicht nur anhand gründlicher Literaturrecherche, sondern vor allem aufgrund ganz direkter eigener Erfahrungen entstanden sind. So berichtet die Autorin, dass ihr Kinder, die sie in ihrem Online-Kummerkasten anschrieben, davon erzählen, dass sie nach der Schule bestimmte Soaps und andere Serien anschauten, weil sie dort alle Darsteller kennen und sich wie ein Familienmitglied fühlen, während sie mit jemandem aus der Clique telefonieren und sich über das laufende Programm unterhalten, um das Gefühl zu haben, "mit denen in der Soap zu reden".

Die wachsende soziale Entwurzelung der Kinder, so Jäckel, wirke sich natürlich auch auf die Schule aus. Mobbing, Gewalt, Kameradendiebstahl, Taschengelderpressungen, Stalking und zunehmend auch üble Nachrede sowie Demütigungen im Internet nennt die Autorin hier als deutliche Symptome. Solche Verhaltensauffälligkeiten wiederum führten seit 2007 immer öfter und schneller dazu, dass die fraglichen Kinder von Behörden in Obhut genommen werden: Insgesamt seien in diesem Jahr laut Angaben des Statistischen Bundesamtes 77 Kinder pro Tag in die Obhut des Jugendamtes genommen worden – oftmals, indem diese Kinder völlig überraschend im Kindergarten, der Tagesstätte oder Schule abgeholt wurden: "Ohne Chancen, sich von den Eltern zu verabschieden, ohne mehr mit sich zu nehmen, als was sie am Leibe tragen, werden sie zu ihnen Wildfremden verbracht und dort ohne Wissen der Eltern belassen. In mir bekannten Fällen wurde den weinenden Kindern wahrheitswidrig als Begründung mitgeteilt, die Eltern seien tot, daher müsse man ihnen neue Eltern beschaffen. Zumeist dürfen die betroffenen Kinder für längere Zeit nicht unbeobachtet ins Freie und auch nicht die Schule besuchen. Nehmen sie den Schulunterricht dann wieder auf, so oftmals an einer anderen Schule. Zumeist dürfen sie ihre Eltern oder die Großeltern, bei denen sie aufwuchsen, für längere Zeit nicht mehr sehen oder nur mehr unter Aufsicht."

Für all diese in ihrer Entwicklung oft schwer geschädigten Kinder, führt Jäckel ihre bisherigen Darlegungen zusammen, ist die Schule das Sammelbecken: "Lehrer, die in ihrer Studienzeit keinerlei Ausbildung zum Umgang mit schwer belasteten Schülern erhalten haben, sollen in der Lage sein, den auf psychisch gesunde, belastbare, zur Aufmerksamkeit fähige Kinder zugeschnittenen Lehrstoff zu vermitteln und dabei den amtlich vorgeschriebenen Lerplan einzuhalten." An solchen Passagen des Buches wird deutlich, dass man die Analyse des "Störfalls Schule" eben nicht sinnvoll auf das System Schule begrenzen kann, ohne die Wurzeln vieler begleitender Fehlentwicklungen mit zu untersuchen.

Eine der Methoden, wie Lehrer mit der von Jäckel geschilderten Problematik umgehen, ist die Gabe des Medikaments Ritalin – einer Droge, zu deren Nebenwirkungen neben gesteigertem sexuellen Verlangen Magenbeschwerden, Schlaflosigkeit, Ängstlichkeit, Müdigkeit und Depressionen gehören. Das scheint aber nicht in die Argumentation einzufließen, mit denen Lehrer ihren Schülern Ritalin vor dem Unterricht verabreichen. Hierzu zitiert Jäckel die Zuschrift einer Mutter: "Die Lehrerin hat den Kindern heute erklärt, Jungen müssten diese Pille nehmen, weil sie sonst Kriminelle werden würden. Die Jungen, die die Pille bekommen, waren stolz, weil sie keine Kriminellen werden. Die anderen, die keine Pille bekommen haben, haben sich geschämt. Eines der Mädchen wollte nicht mehr neben dem Jungen sitzen, neben dem sie sonst gern sitzt. Er gehört zu denen, die kein Ritalin bekommen."

Vom Thema Ritalin bis zum Stichwort Jungenkrise ist es oft nicht weit. Als jemand, der diese Problematik selbst schon in mehreren Büchern behandelt hat und insofern die gängige Literatur zur Genüge kennt, interessieren mich auch hier vor allem Karin Jäckels persönliche Erfahrungen. Sie berichtet, wie sie, um Jungen verstärkt vom PC und diversen Ballerspielen wegzubekommen, Kindern- und Jugendbuchverlagen mehrfach abenteuer- und actionreiche Themenvorschläge unterbreitete. In Übereinstimmung meiner eigenen Recherchen zu diesem Bereich erntete auch Jäckel weit überwiegend Zurückweisung: "Jedesmal hieß es ablehnend, Jungen seien keine Leser, Jungen und Männer läsen nur, wenn sie dazu gezwungen würden. Jungenbücher zu publizieren sei daher kein Geschäft. Lieber solle ich für Mädchen schreiben. Süße Pferdegeschichten, Internatsgeschichten, Liebesgeschichten, das verkaufe sich." Von Jäckels gegenläufigen Erfahrungen mit Jungen, die begeistert läsen, wollten die Lektorinnen in der Regel nichts wissen.

Insgesamt, befindet Jäckel übereinstimmend etwa mit dem Soziologen Professor Walter Hollstein ("Was vom Manne übrig blieb", Aufbau 2008), sei die "Bildungsbenachteiligung von Jungen durchaus politisch korrekt und gewollt". Hierzu zitiert sie etwa die Leiterin der Abteilung Geschlechterforschung und Frauenpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München, Waltraut Cornelißen, die den Bildungsvorsprung der Mädchen damit rechtfertigte, dieser sei "oft bitter notwendig, um auch nur annähernd gleiche Chancen im Beruf zu haben." Wie Jäckel zutreffend darlegt, steigt in Wahrheit die Arbeitslosigkeit der schulisch versagenden jungen Männer seit etwa 20 Jahren unaufhaltsam an und lag 2008 zwanzig bis dreißig Prozent höher als die der gleichaltrigen Frauen. Dem unbenommen mache sich keine Partei, keine der großen sozialen Organisationen und nicht einmal die Kirche dafür stark, mit der alten Mär vom patriarchalischen Privileg des Mannes aufzuräumen. Von der Bundesregierung gefördert würden stattdessen fragwürdige Vereine wie die Organisation "Dissens e.V.", die dem Magazin SPIEGEL gegenüber erklärte, ihr Erziehungsziel sei "nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge" sowie "die Zerstörung von Identitäten". Wie Jäckel ausführt, erklärte Dissens in einer von Dr. Bruno Köhler vom gemeinnützigen Verein MANNdat durchgeführten Befragung, selbstverständlich stehe man zu der gemachten Aussage, wiewohl man den Begriff "Zerstörung" lieber durch das Fremdwort "dekonstruktivistisch" ersetzt habe. Jäckel fordert klipp und klar, die Förderung von Vereinen wie Dissens endlich einzustellen – und am besten zugleich Schluss zu machen "mit der ewigen Frauen-Opfer-Leier, dem Geschrei um Frauenbenachteiligung im Arbeitsleben und der wahren Gutmensch-Frau im Ausbeuterjoch von Familie und Arbeitswelt!"

Bislang stoßen Jäckels Forderungen bei den Verantwortlichen auf taube Ohren – und zwar auch, wenn es um eine ausgewogene Förderung geschlechtsspezifischer Stärken an der Schule geht. Jäckel berichtet: "Meine Appelle an Grundschulleitung und Lehrkörper an den Schulen meiner drei im Alter jewels fünf Jahre auseinanderliegenden Söhne, doch eine paritätische Regel einzuführen, nach der im Sachkundeunterricht alternierend gehandharbeitet und gewerkelt werde, stieß stets auf heftigen, ja zornigen Widerstand. Jungen müssten sich daran gewöhnen, als künftige Männer Familienarbeit zu leisten und ihre Frauen zu entlasten. Werkeln könnten sie zu Hause oder in Vereinen oder Volkshochschulkursen lernen. Schule sei verpflichtet, die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern zu fördern, nicht aber Jungen bei ihren Lieblingsbeschäftigungen zu unterstützen. Mein Einwand, dass es für künftige emanzipierte Frauen doch nur von großem Vorteil sein könne, wenn sie in der Schule gelernt hätten, mit einfachen Handwerksgeräten umzugehen, Lampen anzuschließen oder ein Messer zu schärfen, wurde ebenso abgebügelt. Für derlei Angelegenheiten sei der Mann im Haus zuständig. Mädchen zu suggerieren, dass sie auch noch die Männerarbeit übernehmen müssten, sei ja wohl das Gegenteil von Gleichstellung."

Besonders eindrücklich wird das Ungleichgewicht an unseren Schulen in einer weiteren Zuschrift, die Jäckel erhalten hatte und die so aussagekräftig ist, dass ich hier trotz Kürzungen um ein Langzitat nicht herumkomme. Ein sechzehnjähriger Schüler aus Magdeburg schreibt der Autorin: "Die Frauenbeauftragten bei uns an der Schule sind wie Wärterinnen im Stasi-Knast. Ständig spionieren sie aus, wer von uns Jungs sich mal wieder einen Klops geleistet hat. Dabei räufeln sie ihre Prüfzettel rauf und runter, ob auch nur ja alle 'Mädchenfördermaßnahmen' und alle 'Mädchenberücksichtigungserfordernisse' beachtet werden. Mädchen brauchen bei uns nicht bloß ihren eigenen Nasszellenbereich. Damit müssen die Jungs sich begnügen. Die Ladys brauchen und haben einen eigenen Computerraum, eine Mädchenecke in der Schulbücherei, eine in der Schulcafeteria, eine Mädchenkuschelecke und ein medizinisches Mädchenbehandlungszelt im Krankenzimmer, wo für die Jungs bloß eine Liege ohne Blickfang steht, und eine eigene Mädchenbelobigungsiste am schwarzen Brett, auf der die besten Sportleistungen, die besten Kunstleistungen, die besten Musikleistungen, die besten Einser aller Fachbereiche stehen. Natürlich nur die von Mädchen, weil sie doch so bescheiden sind und freiwillig nie über ihre besten Noten reden würden. (…) Außerdem gibt es eine eigene Mädchenseite in der Schülerzeitung, natürlich das ganze Girl's-Day-Gedöns und eine eigene Vertrauenslehrerin. Wir Jungs haben keinen Vertrauenslehrer. Angeblich wollte das keiner machen. Wahrscheinlich hat sich keiner getraut. Welcher Pauker tut denn schon freiwillig was für Jungs?"

"Wenn du bei den Mädels untendurch bist", setzt der Sechzehnjährige seinen Bericht darüber fort, wie die Geschlechterpolitik an Schulen die Geschlechterpolitik der Erwachsenen spiegelt, "kriegst du bei uns in der Schule kein Bein mehr an Land. Die Lehrerinnen und die Mädchen sind sich immer einig, wenn es gegen einen von uns geht. Bei mir in der Klasse bekam neulich einer eine Zwei in Physik, obwohl er null Fehler hatte. Dazu muss ich sagen, dass er ziemlich machomäßig drauf ist und sich von den Mädels nicht blöd kommen lässt. Für jeden Spruch von denen hält er zwei dagegen. Jedenfalls bekam ein Mädel in der gleichen Physikarbeit eine Eins mit zwei Fehlern. Als der Junge sich bei der Lehrerin beschwerte, hieß es, das Mädel hätte für seine Arbeit viel mehr arbeiten müssen als er, deshalb sei die Note gerecht. Als er sich beim Direktor beschwerte, sagte der, als Mann müsse man auch mal zurückstecken können. (…) Der Mathelehrer, zu dem wir so einen ganz guten Draht haben, sagte, er solle besser Ruhe geben, sonst hätte er in der nächsten Arbeit eine Drei."

Und auch die Ungleichbehandlung in Sachen häuslicher Gewalt wird Jäckels jungem Informanten zufolge schon in der Schule vorbereitet: "Kriegst du als Junge eine von einem Mädel gewischt oder einen Tritt ab, lachst du am besten darüber. Wenn du dich wehrst, hast du die Arschkarte mit einem Schulverweis. Mädchentritte sind wie Knutschflecken, Jungstritte sind Gewalt. So musst du das sehen. Kapierst du das nicht, kannst du deinen Abschluss im Gasfernsehen sehen. Machos brauchen keinen Schulabschluss. Die haben keinen verdient. So ist das."

An dieser Stelle mag der eine oder andere Leser einwenden, was dieser Junge über seine Schule berichte, sei vermutlich ein Extrembeispiel und deshalb eher unter "persönliches Pech" abzubuchen. Dem ist nicht so, wie ich von den zahlreichen Leserkommentaren weiß, die in meinem Blog Genderama eingetroffen sind und von denen ich eine Auswahl in meinem Buch "Rettet unsere Söhne" veröffentlicht habe. Der männerfeindliche Sexismus und eine feministische Umwidmung von Methoden, die wir aus sozialistischen Diktaturen kennen, scheinen beängstigend weit verbreitet zu sein. Dabei scheint, das sei hier als Randbemerkung angefügt, diese Indoktrination eher zu gegenteiligen Effekten als beabsichtigt zu führen. So zeigte sich in einer repräsentativen Befragung, die Schulforscher der Universität Dortmund im Jahr 2006 unter Vierzehn- bis Sechzehnjährigen durchführten, dass sich die Schüler die ideale Partnerin eines Mannes vor allem als zuverlässig, treu und angepasst wünschten. Strebsame, durchsetzungsstarke Frauentypen lehnten trotz oder vielleicht sogar wegen der propagandistischen Dauerbeschallung durch Lehrer und andere Organe des Staates 72 Prozent der Jungen ab. Vielleicht wird eine Abneigung gegenüber Frauen, die viele Feministinnen dem männlichen Geschlecht gerne unterstellen, vielfach erst durch Praktiken wie die oben geschilderten herbeigeführt. Aktuell ziehen sich jedenfalls immer mehr junge Männer von Partnerschaft und Familie zurück.

Die von mir in dieser Rezension schwerpunktmäßig herausgegriffene Geschlechterdebatte ist dabei nur eines von vielen Themen, die Jäckel in ihrem fulminanten Buch behandelt. Ein anderes, das eine gesonderte Erwähnung rechtfertigt, leitet die Autorin mit folgender Frage ein: "Programme, Maßnahmenpakete gegen Schülergewalt gibt es in Fülle. Gibt es dergleichen etwa auch gegen Lehrergewalt?" Diese Frage unterstreicht Jäckel mit acht Seiten von Fallbeispielen körperlicher und massiver seelischer Gewalt, die so erschreckend sind und einen dermaßend fassungslos machen, dass ihnen eine knappe Zusammenfassung nicht gerecht werden würde. Man muss diese Schilderungen im Original lesen. Dass die in diesen Beispielen beschriebenen seelischen Krüppel mit der Erziehung von etlichen Kindern beauftragt sind ist ein Unding.

Auch hier tritt Jäckel engagiert für die betroffenen Kinder ein, aber auch hier wird ihr Engagement von den Verantwortlichen abgeblockt. Jäckel berichtet: "Etliche Lehrkräfte schrieb ich mit der Bitte um Stellungnahme zu bestimmten Vorfällen an, die mir von Schülern und deren Eltern mitgeteilt worden waren. Leider erhielt ich kaum jemals Antwort. Die wenigen Damen und Herren, die reagierten, fragten durchweg nach den Namen derjenigen, die mich informiert hätten, um wegen Verleumdung und Rufschädigung gegen sie vorgehen zu können. (…) Ich erklärte ihnen, den bestrittenen Sachverhalt durch Befragen weiterer Schüler überprüft und für zutreffend befunden zu haben. Darauf antwortete niemand mehr."

In diesem Kapitel zieht Jäckel das Fazit, das in unserer Gegenwart Psychoterror gegen Kinder lediglich einen legalen Ersatz für den Rohrstock früherer Jahrhunderte darstelle. Machen könne man dagegen wenig, sei ihr im baden-württembergischen Kultusministerium von einem ehemaligen Sonderschullehrer versichert worden: Lehrer könnten nicht wegen Unfähigkeit entlassen werden, und im Einzelfall müsse man ihnen böse Absicht gegen einen Schüler vorwerfen, was so gut wie ausgeschlossen sei.

Bei meinem Faible für das Erstellen von ausufernden Buchrezensionen entsteht bis hierher womöglich der Eindruck, wer meine Rezension gelesen habe, brauche sich das Buch nicht mehr zu beschaffen. Dieser Eindruck trügt. Gerade bei Karin Jäckels Buch "Störfall Schule" stellt meine Besprechung einen Parforce-Ritt dar, bei dem ich viele wichtige Punkte, die die Autorin ausführlich behandelt, übergehen muss. Beispielhaft seien hier nur das Kapitel über Migrantenkinder genannt, wo Jäckel staatliches wie elterliches Versagen sehr differenziert behandelt, das Ärgernis einzelner Schüler, die mit elterlicher Unterstützung ihre Lehrer mobben, das Dilemma der Hochbegabten sowie die eklatanten Faktenfehler und Unterlassungen, die sich offenbar in inzwischen beängstigendem Ausmaß in Schulbüchern finden. Die Facetten des "Störfalls Schule" sind ausgesprochen vielfältig.

Hoch anzurechnen ist es der Autorin auch, dass sie es nicht bei einem Aufzählen der Missstände belässt, sondern immer wieder die so dringend gesuchten Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Wenn es etwa um alleinerziehende Mütter geht, weist Jäckel auf das von Professor Matthias Franz angebotene Müttertraining "Palme" hin. (Wie ich aus einem Vortrag von Professor Franz weiß, soll es ein solches Programm in Zukunft auch für Väter geben.) Für Eltern, die ihre Autorität gegenüber ihren Kindern zurückgewinnen möchten, empfiehlt Jäckel das aus den USA stammende "Systematische Training für Eltern (STEP)", das in Deutschland unter anderem von Klaus Hurrelmann umgesetzt wird. Geht es um ihre Schüler terrorisierende Lehrer, präsentiert Jäckel auf drei Seiten eine Zusammenstellung von Maßnahmen, die in solchen Fällen erfolgreich sein dürften.

Besonders ausführlich schildert Jäckel, dass der Koordinator der PISA-Studie, Andreas Schleicher auch eine Lehrer-PISA-Studie plante, um Gründe für das schlechte Abschneiden der Schüler zu ermitteln: "Zu diesem Zweck sollten Forscher der Studiengruppe in die Klassenzimmer ausschwärmen und den Unterricht per Videokamera aufzeichnen. Nach Auswertung der Filmdokumentationen sollten die Bildungsforscher den zuständigen Bildungsministerien praktikable Vorschläge unterbreiten, wie der Lehrerberuf künftig attraktiver und die Unterrichtsqualität gesteigert werden könne."

Man kann sich schon denken, wie es weiterging: Püktlich zum Weltlehrertag 2005 erklärten die verantwortlichen Entscheidungsträger aus dem Kultusministerium, das man für derlei Kokolores kein Geld habe. Der Grund dafür mochte in den radikalen Reformen liegen, die schon nach der Auswertung der ersten Ergebnisse der Vorstudie vorgeschlagen wurden. So sollten der Beamtenstatus abgeschafft und eine leistungsunabhängige Bezahlung sowie eine konstante "Kultur der Leistungsüberprüfungen" eingeführt werden. Prompt fielen vor den Forschern sämtliche Schultüren zu. Stattdessen wurde von Pädagogenseite gefordert, man solle die Lehrer gefälligst noch besser bezahlen, dann würde sich schon alles geben.

Dass diese Argumentation nicht trägt, verdeutlicht Jäckel damit, dass Lehrer an deutschen und Schweizer Schulen bereits weit besser bezahlt werden als ihre Kollegen in anderen OECD-Staaten. Deutschland und die Schweiz müssten also nach Pädagogen-Logik mit ebenso weitem Abstand das PISA-Rennen machen, tragen in Wahrheit aber die Schlusslaternen. In anderen OECD-Staaten, führt Jäckel weiter aus, kommen Lehrer "nur dann auf einen grüneren Zweig, wenn sie Lehrerzusatzqualifikationen aufweisen, hervorragenden Unterricht gestalten oder zum Unterrichten in unattraktiven Regionen und in Brennpunktschulen bereit sind, in denen Schüler mit besonderem Förderbedarf sitzen. Wie überzeugend erfolgreich dieses Konzept des Sich-nach-der-Decke-Streckens ist, weisen die herausragenden Schülerleistungen etwa in Finnland, Schweden oder Irland nach."

Alles in allem ist "Störfall Schule" ein hervorragendes Buch geworden, dem man nur wünschen kann, dass es die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient.

Verlagsseite zum Buch

Agens e.V.


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