03. März 2010

Kommunalwahl in den Niederlanden Das wilde Männlein Wilders

Die PVV tritt nur in Den Haag und in Almere an

Die Schwierigkeiten des kleinen Nachbarn im Westen kommen uns seltsam bekannt vor; auch der dortige Sozialstaat hat sich übernommen, die Einwanderung ist durch ihn zum massiven Problem angewachsen, die Gewaltkriminalität in den großen Städten steigt, Staat, Wirtschaft und Volk sind hoffnungslos überschuldet, die demographischen Daten der Einheimischen sind niederschmetternd. Für all das und einiges mehr sind die etablierten Parteien verantwortlich. Entsprechend gering sind deren Sympathiewerte. Und passend niedrig ist ihre Bereitschaft, die drängenden Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

In einem Punkt unterscheiden sich die „Käsköpp“ aber doch von uns „Moffen“, und das haben sie nun wiederum mit den Schweizern gemein. Es existiert dort eine ernstzunehmende populistische Alternative im Parteiensystem, die „sagt, was Sache ist“. Diese zuweilen mit einiger Berechtigung auch als konservativ-libertär beschriebenen Polit-Outlaws machen sich im Land der Polder wie jenseits der Alpen daran, aus Wahlen zukünftig als die Stärkste der Parteien hervorzugehen.

Ähnlich wie bei Christoph Blocher und seiner SVP unter den Almöhis steht auch in den Niederlanden eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze der neuen Alternativen. Geert Wilders und seine PVV wagen dort bereits den zweiten Anlauf, was besonders mutig ist, nachdem Pim Fortuyns Liste im Anschluss an die brutale Ermordung des Gründers 2002 zusammenbrach. Wie vor acht Jahren Fortuyn prognostizieren nun die Meinungsforscher auch für Wilders immer atemberaubendere Ergebnisse für die auf den 9. Juni vorgezoge Parlamentswahl. Die schwule rechte Diva Fortuyn galt als der mögliche kommende Regierungschef der Niederlande, als er wenige Tage vor der Wahl unter mysteriösen Umständen – angeblich von einem militanten, linksextremen Tierschützer – mit nicht weniger als fünf Kugeln erschossen wurde. Wilders, so lesen wir nun, könnte zumindest als Minister kaum zu verhindern sein.

Geert Wilders, wasserstoffblond und bereits äußerlich ebenso markant wie Locke Fortuyn – ist ein Phänomen, das auch heute Abend anlässlich der landesweiten Kommunalwahl an diesem 3. März für Schlagzeilen sorgen wird. Seine Partei, die nach deutschem Parteiengesetz gar keine ist, da nur er als Privatperson und dazu einziger Vertreter einer Stiftung gleich beide Mitglieder stellt, wird lediglich zu den Gemeinderatswahlen in Den Haag und Almere antreten. Welche Töne in der deutschen Politik fehlen, wird dem deutlich, der Wilders im Kommunalwahlkampf zuhört. In einer Rede in Almere meint der wegen Volksverhetzung Angeklagte: „Schauen Sie, wofür die Bezirksregierung ihr Geld ausgeben will: all diese bizarren, multikulturellen Subventionen. Türkische Handarbeit, marokkanisches Hüpfspiel, anatolischer Korbball, arabisches Fingermalen – aus reiner Blödheit wissen sie nicht, wofür sie ihr Geld ausgeben sollen.“ Wohlgemerkt, der Mann liegt landesweit bei knapp 20 Prozent – und fügt hinzu: „Almere hat zum Beispiel seinen eigenen Tag des Dialogs. Ich habe zuerst nicht gewusst, was ich da gehört habe. Denn tausend Jahre lang haben sich die Menschen einfach unterhalten, wenn sie es so wollten. Zum Beispiel, indem man miteinander eine Tasse Kaffee trinkt. Aber in dieser Stadt passiert das nun auf eine völlig andere Art und Weise. Der Subventionshahn wird geöffnet und die Menschen unterhalten sich unter Aufsicht der örtlichen Behörden.“

Wo Thilo Sarrazin in Deutschland mit seinen ungewohnten Thesen erste Brechen für allzu lange tabuisierte Themen schlug, sind uns die Niederlande dank ihrer Politexzentriker Fortuyn und Wilders um fünf bis zehn Jahre intensiver Diskussion voraus. Ihr freches Kontra gegen das sozial-träumerische und grün-multikulturelle Gutmenschenestablishment macht sie auch hierzulande für viele sympathisch. Doch was genau bieten sie als Lösung an?

Geert Wilder benennt als verteufelte Ursache aller Missstände nicht etwa die verfehlte Einwanderungspolitik oder den ausufernden Sozialstaat, sondern die Religion des Islam. Kriminalität, Überalterung und Schulden seien die Folge moslemischer Zuwanderer, die ihrerseits gar nicht selbst der Übelstand, sondern erst durch deren Religion dazu geworden seien – eine Religion, die Wilders als totalitäre politische Ideologie interpretiert. Entsprechend einfach sehen auch seine drei Forderungen aus: Verbot des Koran, Verbot des Kopftuchs, Verbot der Minarette.

Nun sind flächendeckende staatliche Verbote von ausgewählten Büchern, Kleidungsstücken und Architekturdetails womöglich dumm oder dreist, ganz sicher aber sind sie ein Hohn für einen Führer, der seine Formation „Partei der Freiheit“ getauft hat. Wer Bücher verbieten will, der sollte sich für denkende Menschen im Anschluss an das so totalitäre 20. Jahrhundert eigentlich selbst unmöglich gemacht haben. Als älteste erhaltene Moschee in Deutschland gilt die 1928 in Berlin errichtete Wilmersdorfer Moschee mitsamt ihrer beiden Minarette. Was selbst in der Zeit von Reichsparteitagen nicht angerührt wurde, soll nun geradezu gemeingefährlich sein? Werden jetzt wieder Gotteshäuser angezündet? Vor nicht einmal hundert Jahren war in Deutschland noch kaum eine Frau Ü50 zu finden, die kein Kopftuch trug, in weiten Teilen des christlichen Süd- und Osteuropas gehört solche Haupttracht bei älteren Damen nach wie vor zum Straßenbild. Gibt es in den Niederlanden wirklich keine einzige einheimische Oma mehr, die ein Kopftuch trägt? Wird es Tante van Tintelingen in Bälde von der geheimen königlichen Staatspolizei vom grauen Dauerwellenhaupt gerissen?

Wilders Forderungen offenbaren die Schwäche seiner Argumentation. Bücher, Kleider und Bauwerke sind so wenig bedrohlich wie eine Religion, deren Gläubige durchaus in vielen Teilen der Welt über lange Zeit friedlich mit Christen zusammengelebt haben. Die Suche nach den Gründen, warum mancher Muslim zum Islamisten wurde, könnte unbequem werden und ist Wilders Sache nicht. Die Hinterfragung der wirtschaftlichen wie demographischen Schwäche der Einheimischen sowie der asozialen Anreize ihres Sozialstaats wird vom Blondschopf erst recht nicht betrieben. Lieber verspricht er den Holländern für alle Zukunft die wohligwarme Rente mit 65, und schreibt diesbezüglich im seltsamen Gleichlaut mit der deutschen Linkspartei die verfehlten Pleiteprogramme der Etablierten aus den Siebziger Jahren noch fort, wo diese immerhin zu ahnen beginnen, dass das für ein aussterbendes Volk schlicht nicht möglich sein wird.

Warum wurden der Koran, das Kopftuch und ein Minarett noch vor wenigen Jahren als exotische Zugaben ähnlich dem Döner willkommengeheißen, als durchaus bereichernde Ergänzung zu Frikandel Spezial und Shoarmaburger? Und warum werden Sie heute von immer mehr Menschen als Bedrohung wahrgenommen? Weil sie erst jetzt verstanden haben, dass die hinter der türkischen Pizza lauernde Religion in Wirklichkeit eine gemeingefährliche Ideologie ist? Oder doch eher aufgrund der zunehmenden Zahl ihrer Vertreter, ständig absolut ansteigend aufgrund falscher Verlockungen der eigenen Sozial- und Zuwanderungspolitik wie relativ zuwachsend mangels Nachwuchs der im Redlight-District zwar hochgradig sexualisierten, bezüglich Fortpflanzung jedoch längst impotenten Meisjes und Rüüds? Und würde die hohe Kriminalität in niederländischen Städten überhaupt sinken, wenn Kollege Achmed und seine Gang mitsamt deren bestehenden Genpools und bleibender politökonomischer Anreize auf Minarett und Koran sowie Kopftuch für die Dame verzichten würden, ja wenn sie gar vom Glauben abfielen?

Harte Fragen? Einfacher und bequemer ist es natürlich, wie einst den „Jud“ nun den „Musel“ für allen Übelstand im eigenen Hause fremdverantwortlich zu machen. Schließlich hat es, wer würde wagen dies zu bestreiten, für Antisemitismus niemals einen Anlass oder gar wirkliche Berechtigung gegeben, während sich die Moslems Feindseligkeiten doch alleine selbst zuzuschreiben haben... Wer so denkt, ist weder sonderlich innovativ noch originell, Muammar al-Gaddafi längst näher als er selbst glauben mag.

Auf der anderen Seite darf Wilders manches zugute gehalten werden. Wenn er nämlich Frauen die Tücher vom Kopfe reißen will, fügt er hinzu: „Und um es klar zu sagen: Das bedeutet nicht, dass dies auch für Kreuze oder Jarmulke gilt, denn dies sind die Symbole von Religionen, die zu unserer Kultur gehören und nicht – wie im Fall der Kopftücher – ein Zeichen einer unterdrückenden, totalitären Ideologie.“ Damit ist Wilders nun doch weniger bösartig als mancher wildgewordene Atheist. Entgegen der gerade in Deutschland neidgeprägten Stimmung sind nämlich geringere Mehrwertsteuersätze für Zeitungen oder Hotels durchaus besser als deren Anhebung auf das Niveau anderer Güter zwecks Gleichstellung. Zwar haben wir im Sozialkundeunterricht der Staatsschule wie im Fernsehen bei Rappelkiste und Monitor alle fein gelernt, dass solche Ungleichzeitigkeit auch unsozial sei, schließlich weiß jeder, dass nur Reiche die „Bild“-Zeitung lesen und im Sauerland-Stern übernachten. Dennoch ist weniger Zwang für Wenige einem Noch-mehr-Zahlzwang für alle vorzuziehen. Insofern: Chapeau, Mijnheer Wilders!

Besser allerdings wäre, totalitäre Allmachts- und Vernichtungsphantasien von Leuten, deren Antrieb ja durchaus berechtigt ist, würden als das zurückgewiesen, was sie sind: ein Armutszeugnis.

Internet

Rede von Geert Wilders in Almere, übersetzt von PI-News


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