23. Februar 2010

Drohungen vor Männerkongress Professor Amendt muss mit Leibwächtern auftreten

Freiheit der Wissenschaft unter Beschuss

Am 19. und 20. Februar 2010 fand an der Universität Düsseldorf ein akademischer Männerkongress statt, über den in verschiedenen Medien berichtet wurde (Links dazu siehe unten). Da es zwischen diesen Medienbeiträgen und dem, was mir einzelne Teilnehmer des Kongresses darüber berichteten, eine gewisse Diskrepanz gab, habe ich einen Besucher dieser Veranstaltung dazu interviewt: Eckhard Kuhla, den Vorstandsvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechterdemokratie AGENS e.V.

(Disclosure: Ich bin selbst im Vorstand von AGENS, dort ist auch der in der Überschrift erwähnte Professor Gerhard Amendt Mitglied. An dem Düsseldorfer Kongress habe ich nicht teilgenommen und stehe in keiner Verbindung zu seinen Organisatoren.)

ef: Herr Kuhla, Sie waren zu Gast auf dem "Männerkongress", der dieses Wochenende in Düsseldorf stattgefunden hat. Welche Eindrücke haben Sie davon mitgebracht?

Eckhard Kuhla: Meine ersten, mehr äußerlichen Eindrücke waren: fast 500 Teilnehmer, davon 70% Männer, ausschließlich männliche Vortragende, nur eine (!) feministisch orientierte Frage in den Diskussionen – mit anderen Worten: Es war ein richtiger MÄNNER–Kongress! Es herrschte ein teils beschwingte, teil humorvolle Atmosphäre, nicht ideologisch geprägt. Von einem "Jammer-Mann" war wenig zu spüren, im Gegensatz zu dem, was in manchen Artikeln behauptet wurde. Den ersten Männerkongress mit psychoanalytischen Befunden zu beginnen war ein guter Anfang. Alle anderen Aspekte, wie Scheidungsrecht, Männerbewegung und so weiter folgern daraus.

ef: Können Sie – ohne allzu sehr ins Detail zu gehen – grob zusammenfassen, welche Positionen von den verschiedenen Rednern vertreten wurden?

Kuhla: Da ich nicht die gesamte Veranstaltung in wenigen Sätzen zusammenfassen kann, will ich nur mal einige Höhepunkte nennen. Erwähnenswert sind beispielsweise die von Professor Matthias Franz dargelegten seelischen Langzeitfolgen, mit denen Männer zu tun haben, die ohne Vater aufgewachsen sind. Während sich die Studien, auf die sich Franz bezogen hat, vor allem mit Kriegskindern beschäftigten, sind die hierbei gewonnenen Erkenntnisse wichtig für eine Gesellschaft, in der die alleinerziehende Mutter vielfach idealisiert und der Wert einer gesunden Familie heruntergespielt wird. Von Professor Walter Hollstein gab es einen sehr guten Vortrag darüber, wie unsere Gesellschaft heutzutage Männlichkeit abwertet und wie, nicht zuletzt als Folge einer einseitigen Frauenbewegung, die Notlagen und Probleme von Männern vielfach unsichtbar bleiben. Ähnlich als "politisch inkorrekt" ausgeblendet wird die Benennung weiblichen Fehlverhaltens und seinen Folgen. Professor Amendt selbst widmete sich ausführlich den Traumatisierungen, die Männer infolge einer Scheidung durchleiden. Ein roter Faden mehrerer Beiträge war, dass es für Männer bis heute praktisch keinerlei Unterstützung in der Geschlechterpolitik gibt. Dort tauchen sie fast ausschließlich als Täter oder als Hindernisse für Frauen auf. Nicht "der Mann" ist in der Krise, wie etliche Journalisten so gerne schreiben; die Männerpolitik liegt seit Jahrzehnten im Argen.

ef: Wie sind Sie mit der Resonanz zufrieden, die dieser Kongress in den Medien gefunden hat?

Kuhla: Ich kann nur von den Artikeln ausgehen, die auch online gestellt wurden. Diese waren in der Quantität erfreulich, wesentlich besser als von uns erwartet. Hinsichtlich der Aussagen reicht mein Eindruck von tendenziös (profeministisch) über exzellente Faktendarstellung bis hin zu neutraler Positionsbestimmung. Was allerdings bei mir haften blieb, im Gegensatz zum realen Kongress, sind mediale Aussagen wie "Der Mann in der Krise", "Der arme Mann", "Der Mann, der Verlierer im Geschlechterkampf" ... Diese Negativaussagen werden allerdings in den Kommentaren zu den Artikeln überwiegend nicht geteilt. Sehr erfreulich!

ef: Weshalb, glauben Sie, wurde in den Medien das Thema "Gewalt" kaum erwähnt, das auf dem Kongress intensiv behandelt wurde? Andreas Fasel von der "Welt" etwa tat es beiläufig als "Polemik" ab, dass auf dem Kongress auch die unter beiden Geschlechtern hälftige Verteilung der Gewalttäterschaft im häuslichen Bereich zur Sprache kam.

Kuhla: Es wäre denkbar, dass die brisanten Fakten, die die Wissenschaftler angeführt haben, von den Journalisten erst verdaut werden müssen. Die wenigsten Journalisten verfügen über die notwendigen Grundkenntnisse bei diesem Thema.

ef: Ich führe dieses Interview mit Ihnen auch, weil ich von mehreren Besuchern des Kongresses unabhängig voneinander Informationen erhalten habe, die sich bezeichnenderweise in keinem einzigen der Medienberichte über den Kongress finden. So soll es im Vorfeld Drohungen gegen einen der Redner, den Soziologieprofessor Gerhard Amendt, gegeben haben. Trifft das zu? Wenn ja, wie sind Professor Amendt und die Veranstalter des Kongresses damit umgegangen? Und können Sie näheres darüber sagen, von welcher Seite oder vor welchem Hintergrund diese Drohungen erfolgt sind?

Kuhla: Das ist allerdings eine brisante Situation im Vorfeld des Kongresses gewesen. Dem Vernehmen nach haben feministische Kreise aus Berlin und Düsseldorf die Universität Düsseldorf aufgefordert, Professor Amendts Vortrag zu streichen. Anderweitig würde das Folgen haben, "noch ist Zeit …" (das zu ändern). Die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Düsseldorf setzte sich darüber hinweg, in etwa mit den Worten "Ich habe entschieden, dass der Kongress stattfindet". Im weiteren Verlauf hat dann die Kongressleitung, auch auf Empfehlung relevanter Stellen Personenschutz für Professor Amendt bereitgestellt. Das geschah sehr einfühlsam, so dass der normale Teilnehmer unbehelligt blieb. Sie müssen sich das vorstellen: Sie stehen in der Kaffeepause in einer Runde Tagungsteilnehmer, und erst beim zweiten Hinschauen entdecken Sie einen Bodygard neben einem der Vortragenden. Das ist ein Skandal! Das hat mit Freiheit der Wissenschaften nichts mehr zu tun!

ef: Gewaltdrohungen (und auch reale Gewalthandlungen) hat es gegen Kritiker einer stramm feministischen Ideologie seit den siebziger Jahren immer wieder gegeben. Zielscheibe wurden beispielsweise Dr. Karin Jäckel, Dr. Suzanne Steinmetz, Katharina Rutschky, Esther Vilar, Erin Pizzey und andere mehr. Wie schätzen Sie es ein, dass man noch im Jahr 2010 in der Geschlechterpolitik bestimmte Dinge nur ansprechen kann, wenn man dafür obskure Drohungen in Kauf nimmt?

Kuhla: Ich bin Optimist! Die Drohungen kamen von radikalen Zirkeln, was im Nachhinein allen Frauen geschadet hat. Ich denke, wenn eine Ideologie derartig überzieht, werden relativ bald Gegenkräfte wirksam. Da vertraue ich den besonnenen Frauen! Vielleicht hat sogar der Kongress eine solche Entwicklung beschleunigt.

ef: Wie erklären Sie es sich, dass diese Drohungen in keinem einzigen Artikel über den Kongress erwähnt wurden, obwohl den Zuschriften zufolge, die ich erhalten habe, ein Großteil des Publikums davon (und von dem Personenschutz für Professor Amendt) wusste?

Kuhla: Das ist eine spannende Frage! Ich kann hier nur spekulieren. Da die Kongressleitung dies zu keiner Zeit thematisiert hatte, war jeder auf Mundpropaganda angewiesen. Manche Tagungsteilnehmer haben es vielleicht nicht mitbekommen. Mir ging es ähnlich: Erst als ich den Hinweis auf Bodygards bekam, habe ich nachgefragt.

ef: Den Berichten zufolge, die ich erhalten habe, soll einer der Redner, Professor Hurrelmann, auf sehr harsche Kritik im Publikum gestoßen und sogar ausgebuht worden sein. Hartmut Wolters, Gründer und Initiator des männerpolitischen Netzwerks "Düsseldorfer Kreis", schildert Hurrelmanns Auftritt als "den einzigen polemischen Vortrag. Alle anderen Dozenten berichteten seriös und wissenschaftlich über nachvollziehbare Arbeitsergebnisse." Wie erklärt sich dieser Unmut?

Kuhla: Auch hier kann ich nur spekulieren. Die Reaktionen auf Professor Hurrelmanns Vortrag waren in der Sache relativ kritisch. Vielleicht lag es daran, dass meines Erachtens Professor Hurrelmanns Äußerungen teilweise in Richtung Gender Mainstreaming gingen.

ef: Steht ein weiterer Kongress als Gelegenheit dafür in Aussicht, dass auch die männliche Hälfte der Bevölkerung ihre geschlechterpolitischen Anliegen zum Ausdruck bringen darf?

Kuhla: Professor Franz kündigte in seinen Schlussworten einen Folgekongress an, allerdings "nicht im nächsten Jahr". AGENS plant für 2011 ein Symposium mit einer größeren Teilnehmerzahl, der den Dialog Mann-Frau im Fokus haben soll – mit einer breiteren Zielgruppenansprache. Der Düsseldorfer Kongress war in diesem Sinne der "akademische Anstoss" für weitere Veranstaltungen.

ef: Michael Baleanu, Geschäftsführer der Männerpartei, berichtet in einer weit verbreiteten Rundmail über sein Erlebnis des Kongresses, er habe Professor Hurrelmann nach dessen Vortrag auf die Rolle angesprochen, die die Justiz bei der Zementierung des traditionellen Männerbildes spiele, indem sie Scheidungsväter zu hohen Zahlungen verdonnere, aber gleichzeitig Männer vom Kontakt zu ihren Kindern fernhalte. Hurrelmann habe Baleanus Einschätzung geteilt, dass "die Männer schon Änderungen haben wollen, aber nicht gelassen werden. Leider wird er aber diesen Befund niemals vortragen: Er wird nämlich keine Freigabe von der Gleichstellungsbeauftragte bekommen!" Ist das tatsächlich die Situation, in der wir uns befinden – dass anerkannte Akademiker sich öffentlich in keiner Weise äußern wollen, die feministisch unkorrekt erscheint?

Kuhla: Generell halte ich es für möglich, dass sich anerkannte Wissenschaftler nach dem Mainstream richten. Diese Erfahrung habe ich auch persönlich gemacht. Interessanterweise findet man sowohl in der Genderpolitik als auch im Klimaschutz dieses Phänomen! In beiden Fällen kann eine kritische Haltung die Karriere kosten. Auch hier muss man wieder undemokratisches, freiheitsfeindliches Verhalten feststellen. Und man muss sich fragen, wo die Ursachen für solche Entwicklungen liegen.

ef: Von Professor Hurrelmann stammt ein sehr zutreffendes Zitat: "Mit erheblicher Verspätung hat jetzt eine Diskussion darüber begonnen, wie die gravierende Benachteiligung des männlichen Geschlechts in Erziehungs-, und Berufsbildungseinrichtungen zum Halt gebracht werden kann." Mit erheblicher Verspätung – allerdings: In meinem (längst vergriffenen) Buch "Sind Frauen bessere Menschen?" beispielsweise habe ich vor mittlerweile neun Jahren darauf aufmerksam gemacht! Was hat diese überfällige Diskussion derart lange aufgehalten?

Kuhla: Ich vergleiche das immer mit der Situation der Frauen vor 40 Jahren. Damals und Jahrzehnte davor hat sich kein Mensch an den Benachteiligungen der Frauen gestört. Bis Alice Schwarzer kam. Sie rückte mit ihrer Kampagne "Mein Bauch gehört mir" die Benachteiligung der Frauen schlagartig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.. Auch die Frage des Zeitpunktes einer solchen Aktion und ein gewisser Leidensdruck der damaligen Frauen waren entscheidende Faktoren. Der Männerkongress brachte den wissenschaftlichen Impuls, nächstes Jahr folgt ein Kongress mit größerer Breitenwirkung … Ich denke, dass bei uns Männern der Bewusstwerdungsprozess rationaler abläuft und nicht emotionsgetrieben, aber hoffentlich mit gleichem Ergebnis. Männer brauchen ein Ziel und eine Aufgabe. So wollen wir das mit AGENS anpacken!

ef: Breit zitiert wurde in den Medien auch Hurrelmanns Forderung nach einer inzwischen angeblich notwendig gewordenen "Männerförderung". Wie positionieren Sie sich zu dieser Forderung?

Kuhla: Meine Antwort aus dem Bauch heraus: Männer brauchen keine Förderung so wie die jahrzehntelange Frauenförderung. Wird die Frauenförderung zusammen mit der "positiven Diskriminierung" zurückgefahren, kann der Dialog Mann-Frau auf Augenhöhe beginnen. Das wäre eine neue Geschlechterkultur, die von gleichwertigen Individuen ausgeht, die selbstbestimmt ihre Lebensentwürfe bestimmen. Selbstbestimmt heißt: ohne staatliche Einflüsse. Politik sollten nur Leitplanken setzen, aber beispielsweise keine Rollen (wie der "neue Vater") vorgeben. Ich hoffe, dass das die neue Abteilung "Männerprojekte" im Frauenministerium auch so sieht. AGENS steht bereit.

ef: Der MANNdat-Vorsitzende Dr. Eugen Maus äußerte sich nach all diesen Vorgängen am Sonntag mit folgender Stellungnahme: "Wäre es nicht schön, wenn man endlich mal dahin gelangen könnte, wenigstens ein einziges, winziges Gesetzchen zu machen, das den Überhang bei der Frauenförderung drastisch runterfährt (meine Lieblingsoption, schon unter finanziellen Aspekten) oder zumindest auch mal bei aktuellen Gesetzesentwürfen, z.B. zur Beschneidung, wenigstens andeutungsweise auch Interessen von Jungs und Männern berücksichtigen würde? Ich wage eine Voraussage: Wenn sich die Politik durch diesen Kongress zu irgend etwas bewegen lässt, dann zu einer profeministischen Männerförderung und zu sonst nichts." Ist das allzu fatalistisch oder teilen Sie diese Einschätzung?

Kuhla: Das erscheint mir zu fatalistisch. Warum? Wir von AGENS spüren eine Trendwende in der derzeitigen Geschlechterpolitik. Der Männerkongress hat dazu erste wichtige wissenschaftliche Ansätze geliefert. AGENS wird die Witterung aufnehmen und die Stafette mit Aufklärung und Aktion weitertragen.

Artikel über den Düsseldorfer Männerkongress (Auswahl):

Die Welt: Es steht nicht gut um den deutschen Mann

Die Welt: Mann, mach mal!

Spiegel-Online: Frau muss man sein!

heute: "Viele Männer sind emotionale Analphabeten"

BILD: Experten fordern: Mehr Schutz für die Spezies "Mann"

Der Westen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Mannheimer Morgen: Nachdenken über Männlichkeit

Arne Hoffmann: Spiegel-Online: "Männer sind doof und wir sollten mal was gegen das negative Männerbild tun"

Weiterführende Links:

Homepage des Düsseldorfer Männerkongresses

AGENS e.V.

MANNdat e.V.

Deutsche Männerpartei


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