09. Februar 2010

Klimadebatte Sieg der Blogger über unkritischen Wissenschaftsjournalismus

Bestandsaufnahme nach einer Schlacht

In Deutschland, wo dieser Tage viel von fiskalischer „Republikflucht“ und staatlichem Ankauf raubkopierter Daten die Rede ist, geht ein wenig unter, dass in der Klimadebatte eine dramatische Wende stattgefunden hat. Der radikale Wandel im Meinungsklima, der letzte Woche auf diesem Blog aufgrund der Natur von Beiträgen in verschiedenen Diskussionsforen nur erahnt werden konnte, ist jetzt durch eine von der „BBC“ in Auftrag gegebene Meinungsumfrage in Großbritannien untermauert worden. Nur noch 26 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass „der Klimawandel stattfindet und hauptsächlich vom Menschen verursacht wird“. Im November stimmten noch 41 Prozent dieser Aussage zu. „Es ist wirklich sehr ungewöhnlich, in solch kurzer Zeit einen derart dramatischen Meinungswandel zu sehen.“ So Michael Simmons vom beauftragten Meinungsforschungsinstitut Populus.

Aus Sicht der Klimaschutzaktivisten könnte der Schaden kaum größer sein. Nach „Climategate“ sowie den Enthüllungen über eine Reihe peinlicher Fehler im IPCC-Bericht, über Interessenkonflikte ihres Vorsitzenden Rajendra Pachauri, das Scheitern der Konferenz in Kopenhagen und die Wahl eines – derzeit zumindest – klimaskeptischen Republikaners im demokratischen Herzland Massachusetts irren die Alarmisten „in kleinen Gruppen in verschiedenen Richtungen wie eine besiegte Armee auf einem Schlachtfeld umher“, wie Ian Katz heute im linksliberalen „Guardian“ einen britischen Diplomaten zitiert.

Sie irren umher, weil sie noch nicht begriffen haben, oder nicht glauben wollen, was passiert ist – und wie es so schnell passieren konnte. Psychologisch befinden sich viele noch im Zustand der Realitätsverweigerung. Erkennbar ist dies in einer vom „Observer“ veranstalteten und am vergangenen Sonntag veröffentlichten E-mail-Debatte zwischen Benny Peiser, einem erklärten Klimaagnostiker, und Robin McKie, immerhin der leitende Wissenschaftsredakteur dieser angesehenes Wochenzeitung. McKie fällt völlig aus der Rolle und greift Peiser persönlich und unsachlich an. „Bösartig“ sei die Position Peisers, der „den wissenschaftlichen Prozess absichtlich falsch darstellt“.

Die Aufregung ist verständlich. Nachdem Blogger nun schon seit einigen Jahren eine spürbare Wirkung auf den politischen Diskurs ausüben, fangen sie jetzt auch noch an, Einfluss auf wissenschaftliche Debatten zu nehmen – gerade auch auf die Klimawissenschaft. Fehler der Klimatologen wurden von Bloggern wie Stephen McIntyre und Roger Pielke enthüllt. Ein anderer, Richard North, hat fast im Alleingang die Interessenkonflikte des IPCC-Vorsitzenden Rajendra Pachauri herausgefunden. Die entsprechenden Dokumente waren alle öffentlich zugänglich, doch von den etablierten Medien hat sich keiner die Mühe gemacht, einmal genauer hinzuschauen, die Statistiken zu hinterfragen, die Behauptungen zu überprüfen und gründlich zu recherchieren – eigentlich die Hauptaufgabe des Journalismus.

Auch Matt Ridley im konservativen „Spectator“ findet, dass die Blogger wie eine „Guerilla-Truppe“ die Diskussion aufgemischt haben. Die Skeptiker haben die Tatsache, dass sie von Zuschüssen und anderen Zuwendungen ausgeschlossen waren, für sich genutzt und einfach auf eigene Rechnung weiter recherchiert, ohne darin von Vorgesetzten behindert zu werden, die sich eine Reise nach Stockholm wünschen. Möglich wurde diese Recherche allein durch das Internet. Ein Großteil dieser Blogger, stellt Ridley fest, sind selbständige Unternehmer. Sie wissen daher von Haus aus, mit Netzwerken und Feedback umzugehen. So werden eigene Fehler schnell korrigiert. Ganz anders ist es im staatlich bezahlten, muffigen, cliquenhaften Wissenschaftsbetrieb von heute, der sich noch immer mit einer Aura der Priesterschaft umgibt.

So sind auch die unsachlichen Angriffe McKies und anderer zu erklären: Die Blogger haben die Wissenschaftsjournalisten bis auf die Knochen blamiert – sowohl als Wissenschaftler wie auch als Journalisten, die ihren „Priestern“ unkritisch glaubten. Sie werden jetzt umdenken müssen. Von der Priesterschaft selbst nämlich ist kein so aggressiver Ton zu hören.

Sobald die Aktivisten auf der Seite der Alarmisten aufhören, auf dem Schlachtfeld herumzuirren, ziehen sie sich derzeit auf eine Grundposition zurück: Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass eine Klimaerwärmung stattfindet und dass CO2 der Hauptantreiber ist, Hauptaussage des ersten Teils des IPCC-Berichts, sei trotz der Skandale weiterhin intakt. Ob das stimmt oder nicht ist jedoch unerheblich. Wesentlich für die Entscheidungen über zu ergreifende Maßnahmen ist allein der zweite Teil des Berichts, wo es um die Folgen für die Umwelt geht. Der im Übrigen, wir erinnern uns, noch vor dem ersten Teil veröffentlicht wurde – vermutlich aus Propagandagründen. Und genau dieser Bericht hat jetzt seine Zuverlässigkeit eingebüßt. Wir wissen jetzt wieder, dass wir nichts wissen.

Im Hinblick auf das Klima ist es Zeit, die Grundstrategie zu ändern und vom Versuch einer globalen Verhinderung einer vielleicht – oder auch nicht – eintretenden Katastrophe auf die lokale Anpassung an erkennbare Veränderungen – negative wie positive – umzusteigen. Ob das gelingt, während Politik noch immer geprägt ist von einer Philosophie der Unfehlbarkeit, der Machbarkeit und Planbarkeit, ist mehr als zweifelhaft. Doch ob sie das noch lange sein wird, ist ebenfalls fraglich. Das Platzen der Klimablase ist groß genug, um Auslöser eines politischen Paradigmenwechsels zu werden.

Internet

Climate scepticism ‘on the rise’, BBC poll shows

"The Guardian": Ian Katz – The case for climate science must be remade from the ground upwards

"The Observer": Robin McKie vs Benny Peiser

"The Spectator": Matt Ridley – The global warming guerillas


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