06. Dezember 2009

Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten II. Unsere Zeit ist angebrochen!

Dokumentation der Dankesrede von ef-Herausgeber André F. Lichtschlag anlässlich der Preisverleihung am 5. Dezember in Berlin

Lieber Guido,

sehr geehrte Frau Dr. Löwenthal,

sehr geehrte Frau von Schrenck-Notzing,

sehr geehrter, lieber Herr Stein,

verehrte Anwesende,                                         

ganz herzlichen Dank!!

Ich möchte offen bekennen: Diese Auszeichnung erfüllt mich mit Stolz – echtem Stolz. Das darf man ruhig zugeben in einem Land, in dem, wie es jüngst der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem „bürgerlichen Manifest“ ausdrückte, „stolzartige Regungen so völlig verloren gegangen sind“.

Ich möchte diese kleine Dankesrede nutzen, einmal persönlich auf das eigene Werden zurückzublicken. Dabei werden möglicherweise Verbindungen zur „Jungen Freiheit“, zu Gerhard Löwenthal und zu diesem Preis offenbar, die mancher bei einem libertären Träger eines konservativen Preises vielleicht nicht vermuten würde.

Folgen Sie mir also in meine Jugendzeit ins Jahr 1982. Der eine oder andere Anwesende mag sich erinnern: Es war die Zeit des Ausklangs der Regierung Schmidt. Der kleine André war 14 Jahre alt und trat in die Junge Union ein. Im turbulenten Jahr 1983 mit Regierungswechsel und den Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss im sogenannten „Heißen Herbst“ stand ich im Wahlkampf und plakatierte für Helmut Kohl und leistete Widerstand gegen die Friedensbewegung.

Wir schließen daraus, was „normale Interessen“ mit 14 wie Carrerabahnen oder so betrifft, war der Lichtschlag offenbar ein Spätentwickler. Die Freunde hatten besseres zu tun, der kleine André aber machte Wahlkampf für Helmut Kohl. Und nicht nur das, bei ihm im Zimmer hingen zwei riesige Plakate in Übergröße. Eines davon war von der CDU und zierte den kommenden Kanzler mit dem Versprechen der geistig-moralischen Wende. Und ein anderes zeigte einen dicken sowjetischen Panzer. Darunter der Spruch: „Alle reden vom Krieg. Wir führen ihn. In Afghanistan.“

Wer von uns, liebe Freunde, hätte damals gedacht, dass sechs Jahre später die Mauer fallen würde? Dass Deutschland wiedervereinigt werden würde? Dass gute 20 Jahre später in diesem Deutschland eine Frau aus der FDJ Kanzlerin einer gesamtdeutschen CDU-Regierung sein würde? Die im ganzen Land staatliche Kinderverwahranstalten für die Kleinsten bauen und für das Zerstören von Autos Prämien zahlen lässt? Wer hätte gedacht, dass 25 Jahre später in den USA ein Schwarzer als Präsident gewählt und wie ein Messias gefeiert werden würde. Und dass dann auch nicht mehr die russischen Panzer am Hindukusch stehen würden, sondern nunmehr amerikanische und deutsche?

Wer hätte all das 1983 für möglich gehalten? Wie wird die Welt heute in 20 bis 25 Jahren aussehen, liebe Freunde? Ich möchte am Ende kurz darauf zu sprechen kommen.

Kehren wir zunächst noch einmal zurück zum Plakat mit dem Panzer in meinem Zimmer. Dieses zweite riesige Plakat wurde gestaltet und vertrieben von der „Konservativen Aktion“. Dem Kuratorium dieser Konservativen Aktion stand kein geringerer als Gerhard Löwenthal vor.

Mehr noch, ich wurde auf dieses Plakat aufmerksam, weil ich jeden zweiten Mittwoch das ZDF-Magazin von und mit Gerhard Löwenthal anschaute. Entsprechende Hinweise im ZDF-Magazin führten damals nicht nur zu diesem Poster an der Wand, sondern auch zu einigen Schallplatten des Liedermachers Gerd Knesel. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Anwesende an „Lieder gegen links“? Oder an Stücke wie „Hacke-hacke-hacketal, der hackt ja wirklich kolossal…“ Wie gesagt, was Mädchen betrifft, war ich ein Spätentwickler…

Ich war also stramm konservativ, mit 14. Der Grund dafür war nicht zuletzt eine Art Rebellion gegen meine damals sehr linke Schule, ein neusprachliches Gymnasium, das erst kurz vor meinem dortigen Eintritt gegründet wurde. Entsprechend war das Lehrerkollegium sehr jung. Ich hatte deshalb das zweifelhafte Vergnügen, bereits in den frühen 80ern von 68er-Lehren beschult zu werden, noch ein paar Jahre bevor dies im ganzen Land der Normalfall wurde.

Ich erinnere mich, als die Grünen 1983 in den Bundestag gewählt wurden, waren alle Lehrer – außer die Matte-Lehrer, das waren die Quotenkonservativen – in Partystimmung. Zum Protest gegen die Nachrüstung der NATO im Herbst 83 mussten sich alle Schüler in einer legendären Pause händchenhaltend im Kreis aufstellen und damit still für den Frieden demonstrieren.

Wir hatten am morgen desselben Tages Flugblätter vor der Schule verteilt: „Stellt Euch vor es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu Euch!“ Während knapp Tausend Schüler sich zur großen Pause andächtig im Kreis formierten, spielten wir demonstrativ mit einer Dose Fußball. Das gab Ärger!

Ja, liebe Freunde, wir waren der konservativ-subversiven Aktion um ein paar Jahre voraus…

Ich war also konservativ, auch und gerade, weil ich rebellierte. Das sollte entsprechend später in der Abiturzeitung vermerkt sein. Dort stand, dass André zwei große Vorbilder habe: John Belushi und Franz-Josef Strauß.

Wer sich nicht erinnert, der eine war ein konservativer Politiker in der CSU, als es solche noch gab. Der andere war der Dicke von den Blues Brothers. Auch hier also das Konservative und das Anarchische…

Nach dem Abitur wurden die Poster abgehangen, und ich widmete mich stattdessen intensiver politischer Lektüre. Das führte mich zwar auch nicht zu den Frauen. Aber zum „Bayernkurier“, zum legendären „Criticón“ und nach einem Tipp dort zur gerade gegründeten „Jungen Freiheit“. Zum Beweis habe ich hier die Januar-Ausgabe 1989 mitgebracht. Ich zitiere aus der Leserbriefspalte, Seite 11. Dort schreibt ein André Lichtschlag aus Aachen wortmächtig und virtuos an die „Junge Freiheit“, damals noch in Freiburg: „Die Zeitung ist super!“ Und weiter: „Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir auch noch ältere Ausgaben der ‚Jungen Freiheit’ zusenden könnten. Ein erfolgreiches Jahr 1989 wünscht Ihnen André Lichtschlag, Aachen.“

Nun, der Wunsch ging für uns alle in Erfüllung! Und dieser antike Leserbrief in der „Jungen Freiheit“ ist vermutlich das erste Dokument, das auf meine besondere, wachsende Liebe zu Zeitungen und Zeitschriften hinweist.

Diese Liebe ließ mich dann noch vor dem Studium eine Ausbildung zum Verlagskaufmann machen, in der ich meinen Freund Roland Pimpl kennenlernte. Mit ihm habe ich danach ungefähr von 1991 bis 1998 einen jahrelangen Briefwechsel geführt. Roland, der heute auch anwesend ist, war wie ich als Schüler in der „Jungen Union“. Offenbar auch ein Mädchenspätentwickler. Wir beide haben dann nach und nach liberale und libertäre Literatur entdeckt und uns gegenseitig Fragen dazu beantwortet. Am Ende dieses Prozesses gründete ich die Zeitschrift „eigentümlich frei“ und er wurde einer der Autoren.

Unser Anspruch dabei war und ist, es wurde heute schon erwähnt, ein „libertärer“. Was heißt das eigentlich, libertär?

Man könnte es in der kurzen Formel „Freiheit durch Eigentum“ zusammenfassen. Oder: In gewisser Weise ist libertär schlicht eine Mischung aus Franz-Josef Strauß und John Belushi, aus konservativen und anarchischen Elementen also, veredelt mit den wirtschaftlichen Erkenntnissen der Österreichischen Schule der Ökonomie, deren herausragenden Vertreter Professor Guido Hülsmann wir heute hier hören durften, und die als einzige die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise detailliert vorausgesagt hat, die als einzige die tieferen Ursachen dafür untersucht und die erkennt, dass diese Krise noch lange nicht zuende ist.

Ich möchte nicht meinen, dass „konservativ“ und „libertär“ synonyme Begriffe sind. In Amerika sind sie es zwar – weitgehend. Und Roger Köppel, der Herausgeber des liberalen Schweizer Magazins „Weltwoche“ plädiert auch im deutschen Sprachraum dafür, dass sich jeder echte Liberale heute lieber als konservativ bezeichnen sollte, da „liberal“ für nicht viel mehr als „beliebig“ stehe.

Dennoch wird es auch weiterhin deutsche Konservative geben, die persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit kritisch gegenüber stehen. Und es wird unter meinen Freunden weiterhin auch solche Libertäre geben, die kein konservatives Wertegerüst besitzen oder dieses ablehnen. Und das ist, wie sagt man so schön in Berlin, „auch gut so“. Man muss auch jönne könne, sagen wir Rheinländer.

Allerdings möchte ich jeden Konservativen einladen, wenigstens ein kleines Stück weit meinem Weg zu folgen und sich für die Basis aller Wissenschaft und die Grundlage unseres Zusammenlebens, die Ökonomie, ein wenig zu interessieren.

Konservative können mit ihrem skeptischen Menschenbild die Wirklichkeit besser einschätzen als die linken Weltverbesserer in ihren Wolkenkuckucksheimen. Konservative können deshalb erkennen, dass Menschen an den Schalthebeln der politischen Macht und auf den bequemen Sesseln der Bürokratie nicht plötzlich zu Engeln oder Superhelden werden. Gerade dort nicht, liebe Freunde.

Nehmen wir also als konservative Realisten, nicht als linke Träumer und Utopisten, die Wirklichkeit an, wie sie ist, und stellen wir dann unvoreingenommen fest, dass es überall den Menschen besser geht, je weniger der Staat ins tägliche Leben der Menschen hineinpfuscht und je geringer die Staatsquote ist. In Nordkorea ist es eben nicht lebenswerter als in Südkorea. Und das gilt gerade auch für die jeweils Ärmsten. Hungerkatastrophen etwa gab es von China über die Sowjetunion bis Äthiopien immer nur in hardcore-sozialistischen Staaten, niemals in eher kapitalistischen. Jeder neue Sozialismus bedeutet Werteverlust – und das gilt nicht nur für materielle Werte, sondern auch und gerade für immaterielle Werte. Sozialismus vernichtet, das zeigt jede Erfahrung – Wohlstand und Moral.

Wer konservativ ist und den Wert von Traditionen oder Familie hochhält, der wird auch, wenn er wirklich offen ist, erkennen, dass es unser heute ins Totalitäre gleitende, jeden Lebensbereich politisierende Staat ist, der wie kein anderer diese Werte vernichtet.

Etwa indem er alle traditionellen Aufgaben der Familie an sich reißt, von der Alterssicherung bis zur die Kindererziehung, von der sozialen Bindung bis frühen Bildung, vom Risikoauffangbecken bis zum seelisch-ideologischen Trostspender.

Aber auch, indem er durch Anreize für Scheidungen, durch Sonderprämien für Alleinerziehende oder Eingriffe ins Erbrecht die Familienbande direkt zerstört. Um es klar zu sagen: Die Vernichtung des natürlichen Sozialverbandes Familie ist ein ausgesprochenes Hauptziel aller sozialstaatlichen und sozialdemokratischen Bewegung. Das wurde früher auch von allen Sozialdemokraten zugegeben, es stand im frühen SPD-Programm. Und heute sind bekanntlich alle Parteien im Kern sozialdemokratisch.

Da wo Familien mit noch nicht zerstört sind, im bedrohten und unter den Lasten immer kleiner werdenden deutschen Mittelstand, sind die Abgaben- und Steuerlasten sowie die Verbote und Gebote bis weit über das Erträgliche hinaus gestiegen. Der Verlierer in diesem gigantischen sozialdemokratischen Umverteilungsspiel, das wissen wir nicht erst seit Peter Sloterdijk, ist immer das konservative, selbständige und einst stolz gewesene Bürgertum.

Dennoch: Unsere Chancen zur Umkehr stehen heute wesentlich besser als vor 25 Jahren. Denken wir nur an das Phänomen Sarrazin, der eben nicht mehr abgesägt und mundtot gemacht werden konnte, denken wir an die gegen die gesamte politische und mediale Herrscherkaste gewonnenen irischen und schweizer Volksabstimmungen. Denken wir an die Chance der Gegenöffentlichkeit im Internet und an die dort sich deutlich abzeichnende politisch nicht korrekte Meinungsführerschaft in Foren und Diskussionsgruppen.

Das Zeitgeist-Pendel hat seinen Linksaußenpunkt zu Beginn des Jahres mit Papstkritik und Abwrackprämie erreicht. Jetzt beginnt das Pendel zurückzuschlagen.

In den nächsten 25 Jahren werden wir die linken Menschenexperimente – von der Falschgeld-Scheinblüte auf Kredit bis zum demographischen Selbstmord auf Raten – ausbaden und abarbeiten müssen. Wie in jedem Sozialismus haben wir von der Substanz der Vergangenheit gezehrt und auf Kosten der Zukunft gelebt. Jetzt naht der Offenbarungseid.

Die kommenden Jahre werden hart werden. Aber es werden Zeiten sein, in denen Konservative und Libertäre gebraucht werden, weil Werte in beiderlei Wortsinn zerstört wurden und nun wieder geschaffen werden müssen.

Wir kamen also in den 80ern etwas zu früh, lieber Dieter Stein. Aber jetzt liebe Freunde, ist unsere Zeit tatsächlich angebrochen. Es wird eine spannende Zeit! Die Alternative zu uns ist das endgültige Abgleiten in wirkliche Massenarmut und Verwahrlosung sowie einem neuen mörderischen Totalitarismus.

Arbeiten wir alle am besseren Weg, daran mit, dass in 25 Jahren in Deutschland weit mehr als heute gilt: Eigentum und Recht und Freiheit!

Was mir bleibt ist ein ganz großes Dankeschön an alle, die mich auf meinem Weg bis heute begleitet haben. Auch und gerade den vielen Unterstützern meines Magazins, von denen einige zu meiner großen Freude heute hier sind, gilt mein großer Dank.

Und vor und hinter allem steht der große Dank an meine liebe Frau, die leider heute nicht dabei sein kann, wir erwarten im März unser zweites Töchterchen. Was viele nicht wissen: Unser Verlag ist heute im Kern ein Familienbetrieb. Meine Frau hilft aber nicht nur im Verlag an vielen Stellen. Sie ist auch in jeder anderen Beziehung meine Stütze und sie treibt mich täglich an, die Ziele zu verwirklichen, die wir uns gesetzt haben.

Insofern kann ich auch verkünden: Der Spätentwickler hat sich doch noch entwickelt...


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