01. Dezember 2009

Marx und die Moschee Die Linken und der Islam

Über eine seltsame und einseitige Allianz

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Die Linken waren früher ein Symbol für atheistische Gesinnung und antireligiöse Haltung. Sie haben den modernen Atheismus nicht nur erschaffen, sondern in der Gesellschaft durchgesetzt. Dass die westliche Gesellschaft so gottlos geworden ist, ist zum großen Teil ihre Leistung. Für Karl Marx, den Vater aller linken Bewegungen, ist Religion „Opium für das Volk“; sie lenkt die Menschen von den Übeln ab, mit denen sie die herrschende Klasse plagt. Gott ist nur ein Phantasieprodukt des Menschen, das eine Verbesserung des menschlichen Lebens verhindert. Die Linken nach Marx folgten diesem radikalen Atheismus. Linkssein bedeutete Atheistischsein. Noch in den 80er Jahren wurden religiöse Menschen von Linken, sei es von orthodoxen Marxisten oder Neomarxisten der 68er Bewegung, gar nicht ernst genommen, nicht selten wegen ihrer Überzeugungen ausgelacht.

Alles änderte sich in den 90er Jahren mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und mit der „Wiederkehr des Religiösen“, insbesondere mit dem Erstarken des Islam. Die Linken, seien es die Nachfolger von Marx, die Partei „Die Linke“ als auch die linksalternativen Grünen, änderten jetzt ihre Strategie. Sie zeigen nicht nur Verständnis für Gläubige, sondern solidarisieren sich mit ihnen, allem voran mit den in Deutschland lebenden Moslems. Dies zeigte sich in dem Streit um den Bau der Kölner Moschee. Die Linken ergriffen Partei für die Befürworter des Baus. Aus ihrer atheistischen Sicht hätten sie an dem Streit gar nicht teilnehmen sollen oder – wenn sie schon nicht mit Christen oder „Rechten“ zusammen marschieren wollten – eine eigene, dritte Fraktion bilden können, die sich gegen den Bau jeglicher Gotteshäuser ausgesprochen hätte.

In dem Streit um das Minarett-Verbot in der Schweiz beobachten wir das gleiche Reaktionsmuster. Linke Politiker und Blätter wie die „taz“ und die marxistische „Junge Welt“ äußern ihre Empörung über die Entscheidung der Schweizer. Nach einer Reflexion über ihre eigenen atheistischen Überzeugungen können wir auch diesmal vergebens suchen. Schade, denn sie könnte eine differenzierte Debatte über die Rolle von Religion und Atheismus in unserer Gesellschaft initiieren. Es fällt den Linken offensichtlich ganz einfach, ihre tiefsten Überzeugungen über Bord zu werfen, solange es ihrem politischen Kalkül dient.

Oskar Lafontaine spricht sogar von „Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion“. Er sieht sie in der Hervorhebung der Gemeinschaft, in der Verpflichtung zu teilen und im Zinsverbot. Die unüberwindbaren Differenzen, zu denen die Ablehnung jeglicher Gottesvorstellung und jeglichen religiösen Systems, aber auch die Befürwortung der Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe durch die Linken gehören, verschweigt er.

Den Linken geht es gar nicht um einen Dialog mit dem Islam. Sie benutzen den Islam für ihre politischen Zwecke. Die von den Linken konstruierte Allianz mit dem Islam soll sich außenpolitisch in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels, innenpolitisch in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum äußern. Doch die Chancen darauf, eine solche Allianz langfristig zu etablieren, sind gering, denn nichts ist für die Moslems so fremd und so verachtenswert wie die gottlosen Linken.


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