Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Wirtschaftsnobelpreis 2009 an Elinor Ostrom und Oliver Williamson: Eine Ohrfeige für den „Klimaschutz“

von Edgar L. Gärtner

Eine möglicherweise unbedacht gute Entscheidung

Ob die Schwedische Akademie auch bei der Auswahl der diesjährigen Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Ökonomie politische Hintergedanken verfolgte, steht nicht fest. Es scheint eher, als sei dem Nobel-Komitee die Tragweite seiner Entscheidung nur halb bewusst gewesen. Denn insbesondere die Arbeiten der inzwischen 76-jährigen Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom, die die begehrte Auszeichnung als erste Frau überhaupt erhielt, lassen die offiziell als alternativlos dargestellte „Klimapolitik“ nach dem Muster des Kioto-Protokolls in einem ungünstigen Licht erscheinen. Sie hat die Frage, wie gemeinschaftlich genutzte knappe Ressourcen vor der Erschöpfung bewahrt werden können, durch empirische Beobachtung von Fischern und anderen Nutzergruppen ganz anders beantwortet als die UN und ihre Bürokratien.

Seit den Anfängen der Umweltpolitik in den USA ist die von Ostrom untersuchte Problematik unter dem Schlagwort „Tragik der Allmende“ (Tragedy of the Commons) bekannt. Sie gilt noch heute als wichtigster Ausgangspunkt umweltökonomischer Überlegungen. Das Schlagwort wurde in einem Aufsatz geprägt, den der amerikanische Mikrobiologe Garret Hardin 1968 in „Science“ veröffentlichte. Hardin behauptete darin, auf eine entsprechende Theorie des reaktionären englischen Landgeistlichen Thomas Robert Malthus (1766-1834) verweisend, die Weltbevölkerung lasse sich mit Bakterien vergleichen, die sich in einer Kulturflüssigkeit so lange exponentiell vermehren, bis ihre Population infolge von Nährstoffmangel zusammenbricht. Die größte Gefahr für die Umwelt geht danach von der menschlichen Freiheit aus. Denn freie Menschen, so die Vorstellung Hardins, werden in egoistischer Manier versuchen, ein möglichst großes Stück des Kuchens zu ergattern. Almbauern werden danach trachten, auf der Gemeindeweide (Allmende) den Viehbestand zu maximieren, bis kein Gras mehr wächst. Fischer werden versuchen, ihre Fangflotte und ihre Netze zu vergrößern beziehungsweise deren Maschen zu verkleinern, bis die Fischgründe leer gefischt sind.

Hardin beschreibt die Problematik in folgenden Worten: „Als rational denkendes Wesen strebt jeder Viehhalter danach, seinen Gewinn zu erhöhen, … mehr oder weniger bewusst stellt er sich die Frage: Was nützt es mir, wenn ich meiner Herde ein weiteres Stück Vieh hinzufüge. Diese Nutzung hat eine positive und eine negative Komponente. Die positive Komponente besteht in der Funktion der Hinzufügung eines Stückes Vieh. Da der Viehhalter den ganzen Erlös vom Verkauf eines zusätzlichen Tieres erhält, beträgt der positive Nutzwert fast plus eins. Die negative Komponente besteht in der Funktion der zusätzlichen Abgrasung durch ein weiteres Stück Vieh. Da nun die Auswirkungen des Abgrasens alle Viehhalter betreffen, beträgt der negative Nutzwert für den einzelnen Viehhalter nur einen Bruchteil von minus eins. Wenn er die anteiligen Nutzwerte addiert, wird der rational denkende Viehhalter zu dem Schluss kommen, es sei für ihn das einzige Vernünftige, seiner Herde ein weiteres Tier hinzuzufügen und noch eins und so weiter. Aber zu diesem Schluss wird jeder rational denkende Viehhalter bei freier Nutzung der Allmende kommen, und darin liegt die Tragödie.“

So gesehen, scheint die Lösung auf der Hand zu liegen: Der Geist Adam Smiths muss aus der Wirtschaft verbannt werden. Der Staat muss eingreifen und die knappen Ressourcen rationieren, zum Beispiel durch die Zuteilung oder Versteigerung einer streng begrenzten Zahl handelbarer Nutzungsrechte. Diese Hauruck-Methode liegt dem Kioto-Abkommen über die Reduktion von „Treibhausgasen“ und dem darauf aufbauenden Handel mit CO2-Emissionsrechten zugrunde.

Elinor Ostrom zeigte demgegenüber in ihrem bekanntesten Werk „Governing the Commons“, dass Almbauern, Fischer oder Wassernutzer durchaus in der Lage sind, die Verwertung ihrer Ressourcen ohne staatliche Auflagen und Eingriffe selbst zu regulieren – und zwar viel effizienter als der Staat das könnte. Weit davon entfernt, sich so stur egoistisch zu verhalten wie Hardins Modell-Männchen, reden Menschen aus Fleisch und Blut, also auch Viehzüchter, Ackerbauern und Fischer nämlich miteinander, handeln gemeinsame Nutzungsregeln aus und überwachen deren Einhaltung selbst, wenn sie ein Problem auf sich zukommen sehen. Gesunder Menschenverstand ist unter einfachen Menschen offenbar viel weiter verbreitet, als es sich viele Wirtschaftstheoretiker vorstellen können. Dafür gibt es eine Fülle historischer Beispiele. Probleme der Übernutzung von Ressourcen traten meist nur in der Folge von Naturkatastrophen, Kriegen oder Revolutionen auf. Althistorikern ist zum Beispiel bekannt, dass die Versalzung von Ackerböden im Zweistromland keine unausweichliche Konsequenz Jahrtausende währender intensiver Bewässerungslandwirtschaft war, sondern die Folge von Kriegen und gesellschaftlichen Umbrüchen. In diesen Zeiten wurde die Unterhaltung der Kanäle vernachlässigt, so dass das labile Gleichgewicht zwischen Wasserzu- und -abfluss gestört wurde. Ähnlich kam es in Europa in der Regel nicht deshalb zu wiederholten Hungersnöten, weil die Menschen zu viele Kinder in die Welt setzten und zu viel aus ihren Böden herauszuholen versuchten, sondern weil die Ertragskraft der Äcker infolge der „Kleinen Eiszeit“ deutlich abnahm oder weil Konflikte wie der 30-jährige Krieg eine ordentliche Bestellung der Äcker nicht mehr zuließen.

Im Kioto-Prozess versuchen Berufspolitiker und Bürokraten diese historischen Erfahrungen in den Wind zu schlagen, indem sie von vornherein ausschließen, dass die arbeitenden Menschen Probleme ein Stück weit auf sich zukommen lassen und selbst überlegen können, wie sie ihnen als Einzelne und als Angehörige von Kollektiven begegnen wollen. Die Menschen sollen dazu erzogen werden, ihren fünf Sinnen zu misstrauen, ihren Verstand abzuschalten und nur offiziellen Modellrechnungen Glauben zu schenken. Eine selbst ernannte Elite von Weltrettern rechnet den zu Untertanen degradierten Menschen gerade im Vorfeld der Kopenhagen-Konferenz über eine Fortschreibung und Verschärfung des Kioto-Protokolls vor, dass weltweit nur noch 750 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden dürfen, wenn der Anstieg der bodennahen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Dieser Vorgabe sollen sich die Menschen fügen.

Um uneinsichtige Menschen gefügig zu machen, gilt der Handel mit rationierten Emissionsrechten als Mittel der Wahl. Gegenüber dem spontanen Aushandeln von Regeln der Ressourcennutzung vor Ort zeichnet sich der Handel mit „heißer Luft“ durch maximale Intransparenz aus. Er wird im Unterschied zu den bewährten Formen lokaler Selbstorganisation mit ziemlicher Sicherheit nicht die an ihn geknüpften offiziellen Erwartungen erfüllen, sondern vor allem eines bewirken: eine gigantische Umverteilung von Geldern von unten nach oben, das heißt in die Kassen eines internationalen Finanzkartells. Um dessen Interessen und nicht um das (ohnehin nicht definierbare) Weltklima geht es offenbar beim „Klimaschutz“. Elinor Ostroms starkes Plädoyer für die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips beim Ressourcenschutz könnte durchaus helfen, diesen Schwindel auffliegen zu lassen.

Auch die Arbeiten Oliver Williamsons (die ich nicht gelesen habe, weil sie sich mehr mit betriebswirtschaftlichen Problemen beschäftigen) liegen, soweit ich das einschätzen kann, nicht gerade auf der Linie des derzeitigen Mainstreams rein theoretischer Modellspielereien, sondern beschäftigen sich mit konkreten Problemen der Corporate Governance. So zum Beispiel mit dem Problem der Transaktionskosten in Unternehmer-Netzwerken und der damit zusammenhängenden Frage nach der geeigneten Unternehmensgröße in Abhängigkeit vom jeweils gewählten Geschäftsmodell. Auch mit der oft überlebenswichtigen Entscheidung für oder wider den Aufbau eigener Entwicklungsabteilungen hat sich Williamson auf undogmatische Weise beschäftigt. Wie Ostrom geht auch er davon aus, dass der Markt beim Versuch, Probleme der Ressourcenknappheit zu lösen, nicht vergötzt werden darf. Beide begreifen den Markt vielmehr als eine Institution neben anderen, die sich im Laufe der Geschichte bewährt haben. Gerade damit rücken sie in die Nähe der österreichischen Schule der Politischen Ökonomie mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek und der Public Choice Theorie von Wirtschaftsnobelpreisträger James Buchanan. Denn die österreichische Schule hat sich, aufbauend auf der subjektiven Wertlehre, nie mit Modellmenschen wie dem berühmt-berüchtigten Homo oeconomicus beschäftigt, sondern mit den mehr oder weniger vernünftigen Entscheidungen realer Individuen.   

Internet

Die Tragik der Allmende

Wofür Ostrom und Williamson geehrt wurden

Literatur

Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science. 162/1968. S. 1243-1248 (deutsch  in: Michael Lohmann (Hrsg.): Gefährdete Zukunft. Hanser, München 1970, S. 30-48 und dtv Bd. 920, München 1973, S. 29-46)

Elinor Ostrom: Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press, Cambridge 1990, ISBN 0-521-40599-8, deutsch.: Die Verfassung der Allmende. Mohr, Tübingen 1999, ISBN 3-161-46916-X

15. Oktober 2009

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Kommentare

Stefan Miller , am 15. Oktober 2009 um 15:23 ( Link )

dafür ist der alternative Nobelpreis an einen TV-Moderator vergeben worden, der seit 20 Jahren die Klimaerwärmung predigt.
Und ich friere mir morgens jetzt schon den A..sh ab.

"Auch die Arbeiten Oliver Williamsons (die ich nicht gelesen habe, weil sie sich mehr mit betriebswirtschaftlichen Problemen beschäftigen) liegen, soweit ich das einschätzen kann"

dann können Sie's eben NICHT einschätzen Herr Gärtner

Kokospalme , am 15. Oktober 2009 um 15:43 ( Link )

Ich verstehe nun aber nicht, warum es so klare Bestätigungen der Tragik der Allmende zu geben scheint. Die unsorgsame (und verbotene) Nutzung von „Volkseigentum“ durch Privatleute in der DDR ist so ein Beispiel. Die marktwirtschaftliche Lösung heißt dann ja immer „Privateigentum statt ‚Volkseigentum‘ “. Wäre das nicht auch die Lösung für das genannte DDR-Problem geweses oder war desses Grund nur fehlende „lokale Selbstorganisation“?

Frank Martin , am 15. Oktober 2009 um 16:16 ( Link )

Das "Volkseigentum" der DDR hatte mit Allmende wenig zu tun. Es war nur eine propagandistische Floskel, die es dem Einzelnen unmöglich machen sollte, selbst weiteres Eigentum zu erwerben. Tatsächlich war "Volkseigentum" in den Händen der Nomenklatura und ihrer Günstlinge.

Eine gelinde Ausnahme bildete das genossenschaftliche Eigentum in der Land- oder Wohnungswirtschaft. Hier hatten die Genossenschafts-Mitglieder durchaus formale Rechte am Genossenschaftseigentum und zusätzlich oft informelle Möglichkeiten der Partizipation am Ertrag des Unternehmens: kostenloses Futter für die eigenen Tiere oder die (ansonsten fast unmögliche) Gelegenheit der Nutzung eines Baufahrzeugs oder die Überlassung "übrigen" Materials für das eigene Haus etc. Eine Hand wusch die andere und das durchaus im Sinne der lokalen Bevölkerung. Denn ein Dorf, in dem gebaut und geschlachtet wurde, in dem nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert wurde, das war lebenswert.

Die einfachen Menschen folgten dem Grundsatz "privat geht vor Katastrophe". Zu allen Zeiten gab es lokale Lösungen für das DDR-Problem, sonst hätten die Machthaber nicht so lange mit durchgefüttert werden können.

Edgar L. Gärtner , am 15. Oktober 2009 um 16:25 ( Link )

@Stefan Miller: Ich habe immerhin einiges über Williamson gelesen.

U , am 15. Oktober 2009 um 16:38 ( Link )

O.E. Williamson kenne ich etwas besser. Ein fleißiger Vielschreiber -diverse Monographien-, der sich der (strukturellen, nicht analytischen) Transaktionsökonomik gewidmet hat. Was er speziell mit "Klimaschutz" zu tun haben soll weiss ich nicht.
.
Ostrom scheint mir auch eine seriöse Ökonomin zu sein. Was mich nur irritiert ist, dass (wenn ich das richtig mitbekommen habe) sie selbst nach der Veleihung auf den "Klimaschutz" Bezug nahm - hä?

Nadja , am 15. Oktober 2009 um 17:14 ( Link )

Herr Gärtner, schon Ihr erster Satz zum Nobelpreis für Wirtschaft 2009 läßt mich aufhorchen: Bisher war ich der Meinung, daß dieser Preis von der Schwedischen Reichsbank ausgegeben und damit auch die Auswahl der Empfänger von der Bank getroffen wird. Ist das falsch?
Mit dieser Begründung haben doch nicht erst seit Beginn dieses letzten und größten Finanz-Fiaskos dessen Kritiker argumentiert, wenn sie die unfähigen Nobelpreisträger der Ökonomie verurteilten. Nach dem Motto ".... was will man denn von Bankleuten erwarten, die Wirtschaftswissenschafter beurteilen sollen, obwohl Wirtschaft keine Wissenschaft ist ...".

Edgar L. Gärtner , am 15. Oktober 2009 um 17:58 ( Link )

@U: Ich habe nicht behauptet, Williamson habe irgend etwas mit Klima zu tun. Ich meine nur, dass seine Wahl in der Tendenz als Positionierung gegen Modellspielereien interpretiert werden kann. Welche Überlegungen es im Ausahl-Komitee tatsächlich gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich könnte mich da aber, mehr freie Zeit vorausgesetzt, schlau machen.
Ich weiß auch nicht, was Frau Ostrom persönlich über die Klimapolitik denkt. Mir ist aber klar, dass das Kioto-Protokoll auf der Linie Hardins liegt und den von Ostrom ausgewerteten Erfahrungen mit lokaler Selbstorganisation widerspricht. Selbstverständlich kann man diese Erfahrungen nur in Grenzen verallgeminern. Je nach Art der Ressource und den regional gegebenen Eigentumsverhältnissen bieten sich ganz unerschiedliche Lösungswege an. Es ist bekannt, dass die nachhaltige Nutzung von Wäldern nach Privatisierung verlangt. In Deutschland stehen ganz eindeutig die Wälder am gesündesten da, die sich seit Jahrhunderten in Privathand befinden. Wälder sind aber nicht überall privatisierbar. So z.B. in Kanada, wo die Frage nach dem Eigentum an Grund und Boden weitgenend ungeklärt geblieben ist, weil Indianerstämme Anspruch auf das Land erheben. So befinden sich die Wälder in der Hand des Staates, und private Waldnutzer können nur Konzessionen erwerben. Ihr Interesse an nachhaltiger Waldnutzung hält sich aus verständlichen Gründen in Grenzen. Der Staat macht ihnen deshalb Auflagen wie die Pflicht zur Wiederaufforstung gerodeter waldflächen. Eine Pflicht, der die Holz- und Papierkonzerne heute zumindest formal nachkommen. Es gab sogar freiwillige Arrangements zwischen Holzkonzernen und Indianerstämmen zum gegenseitigen Vorteil. So weit ich weiß, gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen mit solchen Initiativen. Selbst die Wolkenkratzer in einer Großstadt wie Vancouver stehen auf Erbpacht-Grundstücken, weil ein Indianerstamm Anspruch auf das Stadtgebiet erhebt. Mit diesem Ausflug möchte ich nur andeuten, dass Vorsicht gebotebn ist gegenüber allgemeinen Formeln nachhaltiger Ressourcen-Nutzung.

Juergen , am 16. Oktober 2009 um 11:49 ( Link )

@Nadja

Der "Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel" wird wie die Nobelpreise für Chemie und Physik von der Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften vergeben. Die Bank hat den Preis lediglich gestiftet.


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