14. Oktober 2009

Zentralratlogik Sarrazin und Sarazenen

Banker, Führer, Kopftuchmädchen – Eine Richtigstellung

Arme Bundesbank. Jetzt endlich hat es also die altehrwürdige Institution und Vertrauen stiftende Projektionsfläche ökonomischer Sehnsüchte des abbrennenden Wirtschaftswunderlandes getroffen. Als ob die Rolle des Felsens in der finanzkrisengeplagten Brandung, die monetäre Flutung der Märkte sowie die spätere Absorption dieser Eurobugwelle und die sich abzeichnende Übernahme der Bankenaufsicht nicht schon problematisch genug wären, plagen die deutschen Währungshüter akute Personalsorgen. Doch jede Organisation bekommt nun mal nur diejenigen Mitarbeiter, die sie verdient hat. Ach so, gemeint ist keineswegs der Oberalchemist Axel Weber, der in totaler Verkennung des Zentralbankhandwerks dem hiesigen Währungsraum gedroht hat, im Falle einer gemutmaßten Kreditklemme zur Politik der quantitativen Lockerung nach US-Vorbild überzugehen und illiquide Unternehmen nach Art des Subprimehypothekgewähr direkt mit Krediten versorgen zu wollen. Die Planung und Ankündigung einer derartigen monetären und in Folge sozioökonomischen Erosion ist nicht nur legal, sondern anscheinend hochwillkommen. Ein ganz anderes Kaliber ist da schon der dienstjüngste Vorstandsspross Thilo Sarrazin, der einen solchen, sich sozioökonomisch nicht nur ankündigenden, sondern bereits vollziehenden Erosionsprozess mit markigen Worten empirisch zu fassen suchte. Als passiv agierender Mahner geriet er im Gegensatz zum aktiv nötigenden Gestalter aus dem Vorstandskollegium voll absehbar in den medialen und verbandspolitischen Strudel der politischen Korrektheit. Zu den üblichen Bedenkenträgern gesellten sich, dem kulturellen Kontext des kritisierten Personenkreises entsprechend, diesmal auch Vertreter muslimischer Organisationen.

Der willkommenen Steilvorlage konnte sich mit leichter zeitlicher Verzögerung nun auch der Zentralrat der Juden in Deutschland nicht entziehen. Im Rahmen einer Pressekonferenz, gemeinsam abgehalten mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland, mutmaßte deren Generalsekretär Stephan Kramer: „Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist […] Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“ Hier jedoch irrt der institutionelle Betroffenheitsprofi. Richtig ist zwar, dass das illustre NS-Führungstrio mannigfaltige Facetten menschlicher Niedertracht und Abartigkeit widerspiegelt. Aber eben nicht alle. Als volkspädagogische Negativprojektionen für explizite Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie, die beiden dem Noch-Bundesbankvorstand implizit unterschobenen Eigenschaften, taugen sie gerade nicht. Im angloamerikanischen-europäischen Kontext der 30er und 40er Jahre jedenfalls erwies sich die nationalitätsbezogene Ausländerpolitik des Dritten Reiches als nicht mehr oder weniger diskriminierend als die von Freund und Feind. Man hegte im geschlossenen Club der ersten Welt nun mal gewisse Ressentiments gegen die rückständigen Einwohner weniger entwickelter Regionen und pflegte Rassegesetze gegen spezifische Randgruppen. In den späteren Siegernationen sogar bis weit über 1945 hinaus. Alle anderen waren im diesbezüglich undogmatisch agierenden Deutschen Reich jedoch hoch willkommen. Erb- und Erzfeinde eingeschlossen, sofern sie wehrtauglich waren. Folgerichtig glichen die Freiwilligenverbände der einstigen Achse des Bösen einem Sammelbecken verschiedenster Nationen, einem Melting Pot der Kulturen. Balten, Franzosen, Kroaten, Rumänen, Skandinavier, Spanier, Ukrainer, Weiß- und Sowjetrussen sowie viele andere, eine paneuropäische Melange, verstärkt um das freundschaftliche Band einer italojapanischen Allianz, marschierte im Takt des aus Fernost entlehnten Sonnenrades, verstärkt um eine tiefe, italojapanische Verbundenheit erst vor- und dann wieder rückwärts. Bis zur vollkommenen Implosion. Zahlreiche ihrer letzten Vertreter verteidigten gar bis zum bitteren Ende das heute erneut zum Mekka der Ausländerbeauftragten aufgeblühte Berlin. Erst Anfang der 90er Jahre sollte die integrative Leistungsfähigkeit der Streitkräfte wiederentdeckt werden, als die Einmaligkeit der historischen Umstände es erneut erforderten, unterschiedliche Kulturen unter einem Banner zu vereinen. Im Gegensatz zur Bundeswehr erschöpfte sich die Kraft ihrer historischen Vorgängerorganisation jedoch nicht an der profanen Grenze homogener Nationalitäten. Denn ganz im Gegensatz zur sarrazinschen Kopftuchaversion bewiesen der Führer und sein Beraterstab in diesem Punkt weitaus weniger Berührungsängste. Gleich eine ganze muslimische Division, über 20.000 Soldaten, erhielt durch das Reich schließlich die Möglichkeit, sich kollektiv ein heiß ersehntes Ticket direkt ins Paradies zu sichern. Dabei setzte der Größte Feldherr aller Zeiten von Anfang an konsequent auf die Kraft des interkulturellen Dialogs. Imame kümmerten sich um die Rekrutierung des Nachwuchses, deutsches Führungspersonal intensiv um deren entsprechende Professionalisierung. Die Bildungs-, Aufstiegs- und Verwirklichungschancen waren ein jedermann gegeben und nicht bloß theoretische Fiktion, der Respekt vor zeremoniellen Riten und uniformen Eigenheiten blieb indes gewahrt. Fez mit Reichsadler und dienstlich gelieferten Gebetsteppich für jeden Soldaten sowie ein eigener Mufti zur geistigen Stärkung für jede Einheit inklusive. Zum Schluss spendete die Heeresleitung sogar ein ebenso schneidiges wie identitätsstiftendes Wappen mit weißem Krummdolch, dem Handschar, auf schwarzem Grund. Von diesem innovativen Ansatz ist die Bundeswehr freilich meilenweit entfernt. Und obwohl doch schon jede ihrer Einheit der Gegenwart eine historische Patenschaft pflegt, werden nach wie vor rein deutsche Verbände bevorzugt und sich einer klaren Zeichensetzung sowie einem deutlichen Bekenntnis zur muslimischen SS-Division bis heute verweigert. Eigentlich schade, dass Herr Kramer vergessen hat, dem obigen Triumvirat die in diesem Zusammenhang durchaus interessante Nummer vier, Heinrich Himmler, hinzuzufügen. Schließlich fühlte sich der nationale Sozialist den radikalen Islamisten weltanschaulich überaus verbunden. Im Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, einem früheren Stipendiaten des SS-Führers, scheint er schließlich seinen arabischen Konterpart gefunden zu haben. Jedenfalls erhielt dieser für den bis heute andauernden heiligen Krieg um das Heilige Land bereits ab 1935 Geld- und Waffenlieferungen von den Achsenmächten. Dafür hatten seine Waffenbrüder auch ganz artig Adolf Hitler kurz zuvor persönlich per Telegramm zu den neuen Rassegesetzen gratuliert. Über das gemeinsame Ziel war man sich schließlich einig: „Deutschland führt einen kompromisslosen Krieg gegen die Juden. Dies beinhaltet auch einen aktiven Widerstand gegen eine jüdische Heimstätte in Palästina“, konnte der Großmufti zufrieden konstatieren. Um sich vom deutschen Anteil an diesem Gemeinschaftsprojekt persönlich überzeugen zu können, inspizierte er drei Jahre später sogar zusammen mit dem letalen Organisationsprofi Adolf Eichmann Auschwitz, um den „besonders fähigen SS-Männern“ seine Anerkennung aussprechen zu können. El-Husseini überstand den plötzlichen Karriereknick seiner europäischern Partner Mitte der 40er Jahre übrigens völlig unbeschadet und konnte sein Amt als Palästinenserführer erfolgreich weiter ausüben. Allerdings gelang es erst seinem Nachfolger Jassir Arafat, für seine friedenskriegerischen Bemühungen im Jahr 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet zu werden.   

Interessanterweise hat sich also der Zentralratsvertreter mit seinem pawlowschen Schnellschuss direkt in den Orbit tumben Neonazitums katapultiert; rein intellektuell versteht sich. Deren Vertreter verweigern sich ja ebenfalls bis heute der Tatsache, dass expliziter Ausländerhass eben nicht zu den konstituierenden Merkmalen des von ihnen so bewunderten Tausendjährigen Reichs gehörte. Wenigstens in Bezug auf den Antisemitismus aber war man sich einig. Obwohl, so ganz auch nicht. Denn schon el-Husseini gab seinerzeit völlig zurecht zu bedenken, das gute Klima kooperativer Zusammenarbeit nicht durch die unterschiedslose Anwendung eben dieser Begrifflichkeit zu vergiften. Nicht jeder Semit sei automatisch ein Jude, die Ethnie umfasse ebenso nichtjüdische Araber ein. Die undifferenzierte Verwendung des Begriffs und seiner Negation, so der Großmufti, stelle mithin eine Beleidigung der gesamten arabischen Welt dar und störe den interkulturellen Dialog. Die Form dieses Argumentationsmusters klingt irgendwie bekannt, den inhaltlichen Aspekt und das Gefährdungspotenzial für aktuelle Integrationsprozesse haben die Träger der politischen Korrektheit bis heute aus unerfindlichen Gründen sträflich vernachlässigt. Wie letztere hat Stephan Kramer die selbstironische Dimension seiner Anklage vermutlich nicht einmal erahnen können. Wie schloss er doch gleich seine Betroffenheitsprosa ab: „Ich will mich nicht auf das Niveau von Sarrazin begeben. Würde ich das tun, würde ich das als intellektuellen Dünnschiss bezeichnen.“ Hut ab, Herr Kramer. Einen würdigen Abschluss in forensischer Präzision exakt gekonnt auf den Kontrapunkt gebracht!

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