12. September 2009

Ersatzentscheider Stiefvater Staat

Wir brauchen ihn wegen unserer Inkompetenz

Wir leben in einer Ersatzgesellschaft. Was einstmals war, wurde und wird ersetzt. Altes wird durch neues abgelöst. Unser Tun durch das des großen Veränderers, Vater Staat, ersetzt. Oder besser: Durch das Tun von Stiefvater Staat. Der Staat will Vaterersatz sein. Als Ersatzvater kümmert sich der Staat um unsere Erziehung. Diese kann er nicht unserem leiblichen Vater überlassen. Er schickt uns daher in Schulen, die die Erziehung durch die Eltern und Vorbilder durch Staatsbedienstete ersetzen.

Wenn wir richtig auswendig gelernt haben, dann verleiht uns unser Stiefvater eine schöne Urkunde. Zeigen wir diese Urkunde vor, so wird uns geglaubt, wir seien intelligent, hätten Wissen oder besondere Fähigkeiten erworben. Die Urkunde dient als Ersatz für Intelligenz, Wissen und Fähigkeiten. In unserem Leben bekommen wie mehrere Urkunden. Wir bekommen sie, wenn wir die eine Schulform abschließen, wenn wir den Führerschein machen, wenn wir die Universität verlassen oder die Ausbildung abschließen.

Auch vor Krankheit müssen wir uns nicht fürchten. Die ganz individuellen Kosten der Vorsorge vor Krankheit sind ersetzt worden. Wir zahlen statt ihrer eine monatliche Pauschale an unseren Stiefvater. Anstatt dass wir vorsorgen, bezahlt er die Rechnungen, wenn wir krank werden. Selbst wenn wir so richtig dumm und töricht handeln, etwa steile Abhänge auf schneeweißen Pisten hinunterfahren oder ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, wird Stiefvater Staat die Kosten unserer Missgeschicke und Gedankenlosigkeiten übernehmen. Wir müssen uns daher nicht einmal mehr Gedanken über Gedankenlosigkeit machen. Wir kommen gänzlich ohne Gedanken aus. Jemand anders hat sich Gedanken für uns gemacht. Stiefvater Staat ersetzt die Leere in unseren Köpfen.

Wenn wir früher alt geworden sind und nicht mehr konnten, dann haben uns unsere Lieben gepflegt. Stiefvater Staat hat erkannt, dass manche von uns niemanden haben, der sie liebt. Dieses Schicksal kann jeden treffen, daher hat er höchstvorsorglich alle von der Bürde befreit, geliebt werden zu müssen. Denn er versichert uns der Pflege, die er uns anheim fallen lässt. Seine Pflegeversicherung ist umfänglich und ersetzt Liebe und Geborgenheit.

Wenn wir im Internet surfen, so lauern bekanntlich Gefahren. Wir könnten sehen und lesen, was uns nicht bekommt. Unser Stiefvater hat daher gemeinsam mit der Stiefmutter der Nation beschlossen, uns durch Warnschilder vor dem verderblichen Tun Anderer zu beschützen. Anstatt dass wir selbst entscheiden, was wir für verderblich halten und wie wir darauf reagieren, nehmen unsere Stiefeltern diese Aufgabe in ihre Hände. Da unsere Entscheidungen falsch sein können, ersetzen sie unsere Entscheidung durch die ihrige.

Wenn wir selbst Kinder bekommen, sieht uns unser Stiefvater nicht als mündig an. Er schreibt uns daher vor, wann und wie häufig wir mit unseren noch nicht und gerade erst Geborenen zum Kinderarzt gehen sollen. Halten wir die Empfehlungen nicht ein, so schickt unser Stiefvater Hilfsmütter vom Jugendamt, die uns die Entscheidung - und manchmal auch die Kinder - abnehmen und sie mit der stiefväterlichen Vorgabe ersetzen.

Da wir alle Hände voll zu tun haben, unseren armen Stiefvater aus unserem Einkommen zu nähren, müssen wir, wenn wir zu einem Mann oder einer Frau gefunden haben und Kinder haben, beide arbeiten gehen. Nun können wir nicht leicht arbeiten gehen und Kinder erziehen. Unser Stiefvater leistet uns daher Ersatz. Wir dürfen unsere Kinder in Krippen und Gärten abgeben, wo sich so rührend um sie gekümmert wird, wie wir selbst es niemals vermochten.

Wenn unsere Kinder dann selbst in die Schule gehen, worüber wir auch nicht entscheiden dürfen, so müssen wir uns auch nicht mehr um Pausenbrote kümmern, wie es noch zu unserer Zeit üblich war. Mit Schulobst ersetzt unser Stiefvater unsere Unfähigkeit, die Kinder gesund zu ernähren.

Wenn wir an der Arbeit sind, so können wir uns entspannt zurücklehnen und die Gedanken baumeln lassen. Uns und unseren Arbeitgebern ist vorgeschrieben, wie mit giftigen Stoffen oder Gefahren am Arbeitsplatz umzugehen ist, so dass wir nicht übermäßig Vorsicht walten lassen müssen. Uns ist auch vorgeschrieben, wie wir uns untereinander zu behandeln haben, wie viele Toiletten es gibt, ob wir rauchen, wie viele Stunden am Stück oder Tage im Jahr wir arbeiten dürfen. So passiert es niemandem mehr, dass er sich durch Arbeit tot schuftet. Gut, dass Stiefvater an, für und statt uns denkt und sich um uns kümmert!

Damit wir nicht vergessen, unserem Stiefvater unsere Dankbarkeit wegen all seiner verrichteten Dienste zu zeigen, schickt er hilfsbereite Damen und Herren vom Finanzamt vorbei. Diese erinnern uns regelmäßig daran, wie viel uns die Liebe zu unserem Stiefvater wert sein sollte. Damit wir keiner Fehleinschätzung unterliegen, ziehen sie häufig den Liebesbeweis gleich bei unserem Arbeitgeber ab. Es macht uns trübsinnig, dass wir aufrichtige und wohlmeinende Dankbarkeit gegenüber unserem Stiefvater durch Geld ersetzen müssen.

Wenn wir in unserer Urlaubszeit verreisen wollen, kann uns nichts passieren. Stiefvater Staat findet uns immer wieder. Erstens hat er für höchstpersönliche Erkennungsmerkmale in unseren Dokumenten gesorgt, mit denen er uns immer und jederzeit identifizieren kann. Und zweitens, wenn wir gedankenlos etwa in ein gefährliches Land fahren, in dem wir entführt werden, dann zahlt er auch das Lösegeld für uns. Von Ausländern heraufbeschworene Gefahren müssen wir nicht fürchten, jedenfalls solange wir im Ausland sind. Damit wir es leichter haben, uns an fremde Sitten und Gebräuche zu gewöhnen, hat unser Stiefvater sogar ein kleines Stück Ausland in unsere Großstädte geholt. Wir können umweltschädigende Auslandsreisen mit dem Flugzeug daher durch eine günstige Fahrkarte für den Personennahverkehr ersetzen.

Wir sind sehr froh, dass wenigstens wir Jungen die Entscheidung, ob wir mit der Schusswaffe in der Hand unserem Stiefvater bei seinen wichtigen Aufgaben beiseite stehen wollen, bereits mit 18 Jahren selbst treffen dürfen. Wir – aber auch die Mädchen – dürfen dann auch bei Wahlen mitmachen, obwohl wir keine Ahnung von Politik haben. Es hilft bei beiden Entscheidungen ungemein, dass wir vorher in der Schule waren, wo uns erklärt worden ist, was richtig und falsch ist. Das schlechte Gewissen wegen der Teilnahme an Wahlen und Kriegen, das wir ohne vorherige Beschulung hätten, wird so durch einen gesunden Sinn für Gemeinschaft und Aufopferungsbereitschaft für unseren Stiefvater ersetzt.

Unter dem Strich bleibt unsere Inkompetenz. Wir sind inkompetent, für uns selbst zu sorgen. Wir sind inkompetent darin zu entscheiden, welche Anstrengungen wir unternehmen sollten. Wir sind inkompetent, den Sinn unserer Handlungen zu erkennen. Da wir selbst inkompetent sind, trauen wir anderen ebenso wenig zu. Das Ergebnis unserer Inkompetenz und der unserer Nachbarn und Mitbürger ist darin zu erkennen, wie uns Stiefvater Staat behandelt.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige