23. Juli 2009

Rezension Erst verschlungen, dann verstörendes Aufstoßen

Der Roman „Bauchschmerzen“ von Wolfgang Gottschalk

Dossierbild

Es kommt selten vor, dass ich ein Buch regelrecht verschlinge. In den Roman „Bauchschmerzen“ von Wolfgang Gottschalk, der mir heute zugesandt wurde, wollte ich nur kurz reinschauen. Dann ließ ich alles andere gebannt liegen und schreibe nun tatsächlich verstört und mit einigem Aufstoßen, wenn nicht den titelgebenden Sinneswahrnehmungen, einen Befund.

Das Buch handelt von einem Zwiegespräch zwischen einem Mörder und einem Gefängnispfarrer. Ersterer hat bestialisch fünf Menschen – eine türkische Familie – getötet und nun den evangelischen Geistlichen gebeten, seine „Lebensbeichte“ mit Tonband aufzuzeichnen. Der solle und würde es am Ende als Buch veröffentlichen – zur Mahnung. Unterbrochen ist der mehrtägige Dialog von zeitgeschichtlichen Artikeln, die der Täter ein Jahr zuvor geschrieben hat. Sprachlich stehen diese nüchternen Analysen im Kontrast zur intensiven Gesprächsführung der beiden Figuren während sieben aufeinanderfolgender Tage, der letzten Woche des jungen Gefängnisinsassen…

Er wächst auf in Frankfurt, seine Eltern sind intellektuelle Linke, die er mehr und mehr verachtet. Die Details sind delikat und intim. Er befreundet sich in der Grundschule mit Akin, dem Türkenjungen, den er später wieder treffen wird. Immer stärker gerät er in Wut über die Verhältnisse in Deutschland und in Kontakt mit entsprechendem „rechten Gedankengut“ über einen Antiquar und einen Mitbewohner. Er schätzt und zitiert Nietzsche, Gehlen und Spengler, verwirft explizit Rothbard, Hayek und Hoppe und kommt über die „Junge Freiheit“ zur Lektüre der „Sezession“. Der Autor – „Wolfgang Gottschalk“ ist offenbar ein Pseudonym – zeigt sich als profunder Kenner der rechtskonservativen Szene und ihrer Idole. Typischerweise hat auch der historisch wie philosophisch intensiv durch Selbststudium gebildete Häftling die Schwäche, wirtschaftliche Zusammenhänge nicht zu verstehen. Etwa, wenn er ernsthaft meint, „die Türken nehmen uns die Arbeitsplätze weg und zerstören unseren schönen Sozialstaat“. Immerhin benennt er recht treffend die zeitbedingten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen seinen nationalkonservativen (und zuweilen nationalistisch-sozialistischen) Auffassungen sowie den Ansichten seines libertär-konservativen Freundes.

Die Details aber über den ungläubigen, homosexuellen protestantischen Geistlichen, über die familienzerstörenden Aktivitäten der Mutter, über den Verlust von Ehrgefühl sowie die aufwühlenden geschichtsrevisionistischen Zwischenartikel sind wahre Fundgruben politisch unkorrekten Tiefgangs. Nichts in den genannten Artikeln, so beteuert der Hauptakteur glaubhaft, ist gelogen. In dieser Intensität ist selten das heute gängige Geschichtsbild oder gar der Kulturverfall unserer Tage in Frage gestellt worden. Und was die „Errungenschaften der multikulturellen Gesellschaft“ betrifft, so verursacht der Roman das bereits angesprochene unangenehme Rumoren in der Magengegend. „Denn seien wir doch mal ehrlich…“, wird nicht nur der Pfarrer aufgefordert, tägliche Wahrnehmungen gefälligst diesseits von gutmenschlichen Floskeln zu reflektieren.

Götz Kubitschek, der Herausgeber der im Buch indirekt erwähnten „Sezession“, beteuert, dass aus seinem Hause niemand hinter „Gottschalk“ stecke, obwohl manches auch sprachlich an Kubitschek, anderes an Ellen Kositza und die trockenen Zwischenartikel an deren Vorstreiter Karlheinz Weißmann erinnern. Vielleicht hat diesen in jeder Beziehung außergewöhnlichen Roman tatsächlich ein kenntnisreicher und intelligenter Linker geschrieben, der vor den „mörderischen“ Auswirkungen der Lektüre rechter Schriften warnen möchte. Doch auch bei einer dann gefühlslinken oder auch nur zeitgeistig „antifaschistisch“-interessierten jugendlichen Zielgruppe dürfte dieses Buch Bauchschmerzen auslösen.

Internet

„Bauchschmerzen“ bei Amazon

Rezension von Götz Kubitschek


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