25. März 2009

Gini Life is not what it seems

Von alten Schweden und gleicheren Nordkoreanern

Die mathematische Lieblingsvokabel des Sozialingenieurs ist die Progression. Progression, genauer Steuerprogression, bedeutet, dass der Durchschnittssteuersatz bei Zunahme der Besteuerungsgrundlage ansteigt, was seinerseits durch einen Steuertarif mit ansteigenden Grenzsteuersätzen für Mehrverdienste realisiert wird. Jeder Arbeitnehmer mit Jahressonderzahlungen auf der Gehaltsbescheinigung kennt diesen Effekt. Erklärtes politisches Ziel der Progression ist die Umverteilung im Rahmen einer mehr oder weniger egalitären Definition von Verteilungsgerechtigkeit. Ausfluss dieser Definition muss dann konsequenterweise einerseits die individuelle steuerliche Belastung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, genauer nach der potenziellen Zahlungsfähigkeit, sein, da nur dass umverteilt werden kann, was vorhanden ist und folglich irgendwann einmal erwirtschaftet wurde. Andererseits muss ein hoheitliches Verteilung- und Zuweisungsverfahren auch die umgekehrt proportionale Erhöhung der Zahlungsfähigkeit von Leistungsempfängern sicherstellen. Daher lässt es sich nicht vermeiden Leistung und Erfolg zu bestrafen und Leistungsverweigerung und Misserfolg zu belohnen. Der Schwund bei dem Gang der Mittel durch die öffentliche Hand entspricht dabei den anfallenden Bürokratiekosten. Da nur verbessert werden kann, was sich auch messen lässt, benötigt der Sozialingenieur zur Messung des Grades der Zielerreichung, dem Grad der Egalität also, eine Kennzahl. Seine statistische Lieblingsvokabel, die genau dieses Maß politischer Verteilungsgerechtigkeit reflektiert, ist daher der Gini-Koeffizient.

Die Kennzahl ist nach ihrem ersten Verwender, dem italienischen Statistiker und Soziologen Corrado Gini benannt, der diese erstmals 1921 als Darstellungsmittel von Ungleichverteilungen publizierte. Der Koeffizient leitet sich aus dem Verlauf statistischer Verteilungskurven ab, Diagramme also, die Auskunft darüber geben, wie sich ein bestimmtes Volumen prozentual auf eine betrachtete Gesamtheit verteilt. Auf die Verteilung von Einkommen, Steuern, Vermögen oder andere ökonomische Größen angewandt lässt sich so plastisch demonstrieren, wie viel Prozent der Bevölkerung wie viel Prozent des gesamten Volumens erhalten, abführen müssen oder besitzen. Verdient zum Beispiel jeder gleich viel, ergibt sich graphisch bezüglich der Einkommensverteilung eine diagonale Linie, verdient einer alles und alle anderen nichts, resultiert hieraus eine horizontale Linie entlang des Nullwertes, gepaart mit einer vertikalen Linie am letzten Wert der Achse. Diesen graphischen Sachverhalt dampft der Gini-Koeffizient zu einer einheitlichen und vergleichbaren Kennzahl ein. Sie lässt sich über mathematische Werkzeuge rechnerisch herleiten und misst vereinfacht optisch ausgedrückt das Verhältnis zwischen der tatsächlichen Verteilungskurve und der Gleichverteilungskurve. Ein Gini-Koeffizient von 0 entspricht totaler Gleichverteilung, ein Koeffizient von 1 totaler Ungleichverteilung. Das Ziel des egalitären Sozialingenieurs muss es folglich sein, den Gini-Koeffizienten seines Gestaltungsgegenstandes nach Möglichkeit zu drücken, umgekehrt sollte sich der Erfolg seiner Bemühungen an eben diesem ablesen lassen. Da für fast jeden Staat der Welt entsprechendes Datenmaterial zugänglich ist, müsste zumindest der Grad umverteilender Realpolitik länderspezifisch mit der Ausprägung des Gini-Koeffizienten umgekehrt proportional korrelieren. Welches Ergebnis liefert also die empirische Gegenprobe?

Bezüglich der Vermögensverteilung als finalem Gradmesser wirtschaftlicher Zahlungsfähigkeit weist beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland einen Gini-Koeffizienten von 0,78 auf. Damit sind die bundesdeutschen Vermögen nur knapp gleichmäßiger verteilt als in den USA mit einem Koeffizienten von 0,81. Noch erstaunlicher ist allerdings die Tatsache, dass im wesentlich weniger sozialstaatlich geprägten Italien der Gini-Koeffizient bei nur 0,42 und im Archetyp der Wohlfahrtsstaatlichkeit schlechthin, in Schweden, bei nur wenig zu steigernden 0,89 liegt. Wie lässt sich der Befund für Schweden mit seiner jahrzehntelangen, radikalen Umverteilungspolitik angesichts eines so frappierend gegensätzlich ausgeprägten Gleichverteilungsindikator in Einklang bringen?

Die wesentliche betriebs- wie volkswirtschaftliche Ursache hierfür dürfte in der Tat der höchst „nachhaltigen“ Änderung der individuellen Anreizstruktur geschuldet sein. Diese Änderung speiste sich auf praktischer Ebene durch einen konfiskatorischen Grenzsteuersatz, der in den Fällen der bekannten Landeskinder und Steuerbürger Astrid Lindgren und Ingmar Bergmann auch schon mal die 100-Prozent-Marke überschreiten konnte, und damit natürlich jeglichen Mehrleistungswillen spätestens mit Überschreiten dieser Grenze im Keim ersticken musste. Als mindestens ebenso schwerwiegend dürften sich auf theoretischer Ebene die volkspädagogischen Erziehungsbemühungen erwiesen haben, die den „Volksheimcharakter“ des Königreichs, die Selbstverständlichkeit und Dauerhaftigkeit öffentlicher Daseinsfürsorge, über mittlerweile mehr als eine Generation transportieren und zumindest bis in die 90er Jahre verfestigen konnte. Angesichts nivellierter Einkünfte und in Gewissheit umfänglicher öffentlicher Versorgungsleistungen für jedes Lebensrisiko wird aber private Vermögensakkumulation gleich doppelt unattraktiv: Es verbleiben tendenziell weniger laufende Einkünfte, um diese tatsächlich zu realisieren und tendenziell weniger Motivation, die laufenden Einkünfte investiv und nicht konsumptiv zu verwenden, da ja auf absichernde Vermögensbildungsprozesse verzichtet werden kann. Wenn dem so ist, können nur zwei Gruppen von Personen Vermögen bilden. Zum einen diejenigen, die schon zuvor große Vermögen besaßen, zum anderen jene traditionell äußerst überschaubare Gruppe besonders disziplinierter und/oder skeptischer Zeitgenossen und statistischer Ausreißer, die sich in diesem Anreizsystem nicht verfingen. Wenn aber nur eine kleine Bevölkerungsgruppe die Chancen zur Kapitalbildung nutzt, kann auch nur ihr allein ein hieraus entspringender Nutzen zuwachsen. Und Vermögenserträge wiederum unterliegen ja nicht nur in Schweden einer anderen, weniger repressiven steuerlichen Behandlung was schlichtweg daran liegt, dass sie als mobile Besteuerungsgrundlage wesentlich geringere Ausweichkosten zu tragen hätten als zum Beispiel der Faktor Arbeit oder gar der nicht umsonst so bezeichnete, immobile Grundbesitz. Der über Jahrzehnte aufsummierter Zinseszins und eine sukzessive Erhöhung des Produktivkapitals in Kombination mit einer steuerlichen Minderbelastung erzeugen ein System positiver Rückkopplungen, dessen Früchte bei der gegebenen Anreizstruktur dann nur wenigen zufließen können. Und genau diesen Umstand belegen zwei weitere Indikatoren. Zum einen ist in Schweden ebenso wie in Deutschland die Neigung zum Erwerb selbst genutzter Immobilien nur schwach ausgeprägt. So liegt die Wohneigentumsquote im skandinavischen Königreich mit 46 Prozent nur drei Prozentpunkte über der der Bundesrepublik und damit weit unter den teilweise weit jenseits der 50 Prozent liegenden Quoten anderer westlicher Industrienationen. Zum anderen lässt sich die privat prägende Anreizstruktur auch auf die unmittelbar betriebliche übertragen. Wo tendenziell kein Anreiz zur Akkumulation von Vermögen besteht unterbleibt logischerweise ebenso tendenziell die Akkumulation von Produktivkapital. Ein Mangel an monetären Investitionen, vor allem aber auch an persönlichem unternehmerischem Engagement, muss jedoch auch Auswirkungen auf die Unternehmenslandschaft, die Innovationsfähigkeit und Wachstumsdynamik, haben. Und tatsächlich wurde von den 50 größten schwedischen Aktiengesellschaften keine einzige nach 1970 gegründet. Prozesse „schöpferischer Zerstörung“ sehen anders aus. Den bestehenden Unternehmern und Vermögenseignern kann das relativ betrachtet nur recht sein, gelingt eine Verriegelung des Status-Quo ohne eigenes Zutun gleichsam automatisch und zudem dank weitgehender egalitär geprägter Gesellschaft ohne soziale Friktionen und materielle Neidreflexe hervorzurufen. Und deswegen ist die 1916 gegründete, börsennotierte Beteiligungsgesellschaft Investor AB die mit Abstand größte Industrieholding in Nordeuropa, die mittlerweile freilich auch an Dienstleistungsunternehmen beteiligt ist und direkt wie indirekt einen Anteil von circa 40 Prozent an der Kapitalisierung schwedischer Industrieunternehmen besitzt. Von Anfang an größter Einzelaktionär dieses Konglomerats war die Familie Wallenberg, die bis heute über ein gewachsenes Netzwerk persönlicher Beziehungen die wirtschaftlichen und politischen Geschicke des Landes wesentlich mitbestimmt.

So paradox es klingen mag, je nach Ausgangssituation und Justierung der gesetzlichen Parameter kann egalisierende Umverteilung zu mehr Ungleichheit führen, einfach, indem sie den mittelständischen Übergang eliminiert und die gut verflochtenen, wechselseitigen ökonomischen und politischen Eliten materiell weit über den neuen Durchschnitt katapultiert. Dies vermag umgekehrt auch den vergleichsweise niedrigen Gini-Koeffizienten Italiens zu erklären. Dort ist die Wohneigentumsquote mit etwa 80 Prozent traditionell hoch, mangels umfassender Sozialleistungen hat privates Eigentum noch eine deutlich ausgeprägtere soziale Bedeutung und deswegen hat Familie Berlusconi in Italien trotz ihres vermutlich ebenbürtigen Reichtums auch nicht den Stellenwert, der Familie Wallenberg in Schweden zukommt.

A propos Italiener. Corrado Gini selbst war übrigens in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von der ebenso nationalen wie sozialistischen Bewegung Italiens so angetan, dass er zu einem ihrer führenden Intellektuellen wurde. Ebenso übrigens, wie es interessanterweise der spätere Wegbereiter und zwischenzeitige Minister des schwedischen Wohlfahrtsstaates, Gunnar Myrdal, vom deutschen Pendant war. Ginis Begeisterung hielt jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt an, als die Ideologie selber in dogmatischer Absicht in sein Fachgebiet ausstrahlte. Anfang der 30er Jahre trat er von allen seinen öffentlichen Ämtern zurück. Es war halt schon immer das Elend des egalitären Sozialingenieurs, dass er sich selbst aus dem von ihm betreuten gesellschaftlichen Einebnungsprozess auszunehmen gedachte. Und aus diesem Grund dürfte kein Gesellschaftsmodell mit im Schnitt höheren Gini-Koeffizienten existieren, als die streng sozialistischen, wo genau dies gelang. Der den kapitalistischen Konsumstandards zugeneigte und diesen massiv frönende „im Himmel erzeugte“ Diktator Kim Jong-Il ist die Senkerechte im statistischen  Verteilungsdiagramm Nordkoreas, seine Grassuppe schlürfenden Arbeiter und Bauern die kaum wahrnehmbare Waagerechte, die dem Gini.Koeffizienten Nordkoreas seine Dynamik gen 1 verleiht. Diese offensichtliche, in allen Varianten des realen Staatssozialismus zu beobachtende, massive Diskrepanz materieller Ungleichheit zwischen Führung und Geführten erzwang Rechtfertigungsreaktionen ihrer Anhänger, deren inhaltlicher Ausgestaltung an anderer Stelle nachgegangen werden soll. 

Quellen:

Weede, Erich: Unternehmerische Freiheit und Sozialstaat – Staat und Gesellschaft I; Jena, 2008

WirtschaftsWoche Global: Die Lage der Nation – Armes Deutschland? Reiches Deutschland!; Nummer 1 vom 26.01.2009


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