13. März 2009

Amoklauf von Winnenden II. Das lauernde Böse

Über das verschwiegene Leiden der jungen Männer

Die spontanen Reaktionen auf den entsetzlichen Amoklauf in Winnenden sind wieder einmal vorhersagbar: Sie alle drehen sich um Maßnahmen aus dem Bereich „Kontrollieren“ und „Verbieten“, gemeinsam ist ihnen ein weiterer Abbau von Liberalität in unserer Gesellschaft. Verschiedene Politiker beispielsweise aus der Linkspartei fordern, die hierzulande ohnehin schon strengen Waffengesetze weiter zu verschärfen. Der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer verlangt ebenso wie Gregor Gysi gar, die Lagerung von Waffen in Privathaushalten komplett zu untersagen. Der Chef der Polizeigewerkschaft plädiert für Chipkarten und Ausweise, um Schulen zu Festungen zu machen; auch Metalldetektoren, Videoüberwachung und das Durchfilzen der Schüler sind im Gespräch. Die SPD möchte die Schützenvereine stärker kontrollieren, die CSU fordert ein Verbot der sogenannten „Killerspiele“ und Journalisten beweisen ihre Kenntnislosigkeit bei diesem Thema, indem sie das Fantasy-Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ mal eben zu Ego-Shootern wie „Counterstrike“ rechnen. Lehrerverbände verlangen, den Zugang zu „gewaltverherrlichenden Medien“ zu untersagen, als ob bei uns die Bundesprüfstelle nicht ohnehin schon eher zuviel Einfluss habe.

Es ist schwer, in all diesem hektischen Durcheinandergeplapper eine herausragend dümmliche Ansicht von sich zu geben, aber Alice Schwarzer ist es mal wieder gelungen. Sie beschrieb in einem eilends herausgehauenen Artikel den Amoklauf als „Tat eines Frauenhassers“, als Folge von „Männlichkeitswahn“ und zuviel Pornographie: Es sei keine Überraschung, dass der Amokläufer Pornovideos konsumiert habe, denn diese führten, wie „der Münchner Neuropsychologe Professor Henner Ertel“ belege, zu einem zunehmenden Verlust der Empathiefähigkeit. „Was da auf die Gesellschaft zukomme, ist das Grauen“, habe Ertel vorhergesagt, ein Horrorszenario, das Schwarzer noch einmal zu der Formulierung zuspitzt, „das Böse“ sei mitten unter uns: „Es sind unsere eigenen Söhne, Nachbarn und Mitschüler, die zu Vergewaltigern und Mördern werden.“

Es ist in der Tat keine Überraschung, dass der Amokläufer von Winnenden Pornos besaß. Er war 17 Jahre alt. Seine Sammlung solcher Filme war indes, was auf der Pressekonferenz des baden-württembergischen Innenministers ebenfalls mitgeteilt, von Schwarzer aber unter den Tisch fallen gelassen wurde, keineswegs besonders umfangreich im Vergleich zu den Altersgenossen des Täters: Millionen von Altersgenossen, die solche Filme erstaunlicherweise überstehen, ohne danach Amok zu laufen. Überraschender war da schon, dass Schwarzer Henner Ertel als „Experten“ ins Feld führte. Im Jahr 2008 ging durch etliche Medien von „Zeit“ bis „taz“, dass Ertels Studien offenbar scheinwissenschaftlicher Humbug waren. Viele renommierte und als Referenz angegebene Unternehmen bestritten, Kunden von Ertels „Institut“ zu sein. Erhebliche Zweifel an seinen akademischen Titeln wurden laut. Das Magazin „Men's Health“, zuvor ein Dauerabonnent von Ertels „Studien“, beschloss schließlich, in Zukunft besser darauf zu verzichten.

Sollte der Journalistin Alice Schwarzer tatsächlich entgangen sein, dass ein Mann, der auch als einer ihrer eigenen Lieblingsexperten fungierte, seit letztem Jahr als öffentlich „verbrannt“ galt? Wohl kaum. Warum sie ihn dennoch ins Feld führte, ist offensichtlich. Es ist weit und breit kein anerkannter „Experte“ zu finden, der seriös die These vertreten kann, dass Filme und Magazine, in denen Sexualität gezeigt wird, zu schrecklichen Gewalttaten führen. Das einzige, was Schwarzer mit ihrem Schnellschuss gelungen war, war einmal mehr die enorme Faktenresistenz des Feminismus zu belegen.

Insgesamt fiel bei der hitzigen Debatte nach dem Amoklauf dasselbe auf, was schon bei den Reaktionen von Politik und Medien aufgefallen war, nachdem im Juni 2008 der verheerende Nationale Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz bekanntgegeben worden war. Jeder hatte ein Patentrezept anzubieten, aber alle schienen den Elefanten nicht zu sehen, der da mitten im Raum stand: Der Bildungskrise fallen ebenso weit überwiegend Jungen zum Opfer wie Amokläufer weit überwiegend junge Männer sind.

Dem SWR-Fernsehen gelang sogar das bemerkenswerte Kunststück, anlässlich einer Sondersendung zum Amoklauf eine unter Mitwirkung der Männerinitiative MANNdat bereits vorproduzierte Sendung zur Jungenkrise aus dem Programm zu kippen, statt diese Sendung schlicht in die aktuelle Berichterstattung einzubinden. (Einer noch unbestätigten Quelle zufolge soll diese Sendung jetzt am 11. Mai um 1 Uhr nachts ausgestrahlt werden.) Nur weil zufällig am Tag nach dem Amoklauf eine Studie des Aktionsrats Bildung erschien, wurde überhaupt ein Zusammenhang zwischen dieser Gewalttat und der Jungenkrise gezogen. Der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung nämlich, Professor Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, bezeichnete eine „massive Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem als eine der möglichen Ursachen des Amoklaufs von Winnenden“ An den Auswüchsen erkenne man, welche Probleme im gegenwärtigen System entstanden seien. Die Grenzen des rechtlich und moralisch Hinnehmbaren würden bereits überschritten.

In der Folge gab es den einen oder anderen Artikel über diesen Befund eines diesmal nicht umstrittenen Experten. Davon abgesehen aber plapperten Journalisten wie Politiker weiter, was man in Zukunft alles verbieten oder besser überwachen könnte.

Dabei lag, was den Amokläufer anging, längst eine psychologisch seriösere Diagnose als „Männlichkeitswahn“ auf dem Tisch. Der junge Mann befand sich seit dem Jahr 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung, wollte dies den Angaben der Polizei zufolge im Krankenhaus von Winnenden fortsetzen. Aber er versäumte den Antritt zu dieser Therapie. Eines seiner Opfer erschoss er schließlich auf dem Gelände eben jener Klinik. Depression ist typischerweise bei Männern stark unterdiagnostiziert, und sie erhalten bei entsprechenden Problemen deutlich weniger Hilfe.

Bei der Recherche für mein Buch „Rettet unsere Söhne“ stellte sich schnell heraus, dass die Benachteiligung unserer Jungen im Bildungssystem lediglich eine von vielen Facetten fehlender Zuwendung ist. Unsere Gesellschaft ist auch in mehrfacher anderer Hinsicht einseitig auf das Wohl von Mädchen und Frauen ausgerichtet.

Nehmen wir als Beispiel den Suizid – ein Amoklauf wird nicht ohne Grund von vielen Fachleuten als „erweiterter Selbstmord“ bezeichnet. „Die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid,“ berichtete der renommierte Geschlechterforscher Professor Walter Hollstein in seinem Buch „Was vom Manne übrig blieb“ (Aufbau 2008), „wobei sich Jungen in der Pubertät mindestens siebenmal häufiger selbst umbringen als Mädchen im gleichen Alter. Da der Suizid von den Verwandten oft auch als Unfall ausgegeben wird, verweisen Schätzungen von Kinderärzten sogar auf eine zwölfmal höhere Selbsttötungsrate bei Jungen.“

Zwölfmal höher! Man kann sich vorstellen, was für einen Lärm Feministinnen und Politiker anstimmen würden, wenn sich Mädchen zwölfmal so häufig umbringen würden wie Jungen. Diese Zahl müsste als Beleg dafür herhalten, wie weit wir immer noch von einer Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt sind. Doch wenn es Jungen betrifft, reagiert die Gesellschaft mit einem eisigen, hauptsächlich wohl desinteressierten Schweigen. Dieses Schweigen wird nur dann kurzzeitig durchbrochen, wenn der betreffende Junge, so wie der Amokläufer von Winnenden, noch viele andere Menschen mit sich in den Tod reißt, die Gesellschaft so noch während seines seelischen Zusammenbruchs dazu zwingt, von seinem inneren Leiden Notiz zu nehmen.

Dem Leiden von Männern werde nur Aufmerksamkeit geschuldet, wenn sie zu morden beginnen, erkannte schon vor Jahren der amerikanische Männerrechtler Warren Farrell: „Als Mädchen mit Mathematik oder den Naturwissenschaften Probleme hatten, und als sie in der Justiz und Medizin unterrepräsentiert waren, haben wir Eltern, Schulen und Politiker aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen. Jetzt haben unsere Jungen Probleme. Wir müssen Verantwortung übernehmen  Das Problem ist bei Jungen sogar noch größer als bei Mädchen, denn Jungen lernen, Gefühle zu unterdrücken statt sie auszudrücken. Wenn wir nicht entdecken, was sich hinter dieser Unterdrückung befindet, werden Jungen Pistolen benutzen, um ihre Gefühle auszudrücken. Jungen und Männer 'drehen durch'. Wir brauchen unsere Söhne und unsere Väter. Und wir können für sie tun, was wir für unsere Töchter und Ehefrauen die letzten dreißig Jahre über getan haben.“ Oder wir können sie, wie Alice Schwarzer das tut, als das lauernde Böse betrachten und versuchen, uns dagegen zu verbarrikadieren.

Internet

Warren Farrell: How Boys Speak When No One Listens

Alice Schwarzer: Der Amokläufer von Winnenden

Stefan Niggemeier: „Men's Health“ jetzt ohne GRP-“Studien“


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