Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Gründe der Wirtschaftskrise: Der Konjunkturzyklus als Produkt des Interventionismus

von Andreas Tögel

Frei nach Rothbard und Mises

Hand in Hand mit der Ratlosigkeit der „Experten“ ob des gegenwärtig ablaufenden, wirtschaftlichen Super-Gaus, geht die im Brustton der Überzeugung von der politischen Klasse rund um den Globus verbreitete Behauptung, „der Kapitalismus“ hätte nun – 20 Jahre nach der sowjetischen Planwirtschaft – gleichfalls seinen Bankrott erklärt. Die kontrafaktische Behauptung, die „Ideologie des Neoliberalismus“, „unregulierte Finanzmärkte“ und ein „entfesselter Turbokapitalismus“ habe die Welt in die größte Wirtschaftskrise seit 1929 gestürzt, wird pflichtschuldig von den staatlich subventionierten Mainstreammedien verkauft. Dass Politiker und Staatsintellektuelle es verstanden haben, ein System, in welchem das Unternehmertum beinahe zu Tode reguliert wird, und das seinen Bürgern Steuern auf historischem Rekordniveau abpresst, als „Kapitalismus“ zu etikettieren, ist ein zynischer Witz.

An dieser Stelle soll kurz innegehalten werden, um Großteils unreflektierte Anklagen gegen den freien Markt zu hinterfragen. Wahr ist: Wir stehen am Beginn einer Rezession, deren Ausmaß und Dauer kein seriöser Kommentator vorhersagen kann. Einige Parameter lassen befürchten, dass die Depression ab 1929 gegenüber dem, was uns jetzt ins Haus steht, vergleichsweise ein Picknick gewesen sein könnte. Die von den Apologeten einer staatsgelenkten Planwirtschaft (also von der politischen Kaste und den von dieser abhängigen Staatsintellektuellen und „Wirtschaftsexperten“) ins Feld geführte Behauptung, der Mangel an Koordination, gnadenloser, „darwinistischer“ Wettbewerb und das Fehlen einer vollständigen Information über den Markt, die darauf agierenden Konsumenten und Konkurrenten, wäre ein immanenter Krisengarant des marktwirtschaftlichen Systems, ermangelt jeden Belegs. Dass es eine dem „Kapitalismus“ innewohnende Schwäche wäre, „zyklische Krisen“ zu produzieren, ist ebenso unbewiesen.

Selbstverständlich ist es in einem frei von politischen Interventionen agierenden Markt unvermeidlich, dass es zu Fehlallokationen und zu Firmenpleiten kommt. Das liegt daran, dass einige der Unternehmer oder Manager kommende Trends – den künftigen Bedarf der Konsumenten – falsch antizipieren und daher fehlerhafte Entscheidungen treffen, die zu Verlusten oder zum Ruin des Betriebs führen können. Aufs falsche Pferd zu setzen und strategisch nachteilige unternehmerische Entscheidungen zu treffen, hat aber weder mit Unfähigkeit oder kriminellen Machenschaften, noch mit einer Systemschwäche zu tun, sondern liegt lediglich in der Natur von im Zustand der Ungewissheit vorzunehmenden Handlungen. Der US-Ökonom Murray Rothbard findet dazu folgende Worte: „No Businessman in the real world is equipped with perfect foresight; all make errors.“ Das trifft in umso größerem Ausmaß allerdings auch auf im Elfenbeinturm sitzende „Experten“ zu, die – frei von jedem persönlichen (Verlust-) Risiko – die Menschheit mit ihren konstruktivistischen Tabula-Rasa-Rezepten zur Weltverbesserung beglücken.

Politiker und Staatsbürokraten, kurz: Gesellschaftsklempner aller Art, maßen sich an, von der Zahl der zu produzierenden Strumpfhosen bis zur Höhe der Investitionen in die Automobilindustrie sämtliche Faktoren eines Wirtschaftsraumes verlustfrei planen und verordnen zu können.

Dass es indessen bevorzugt Musterbetriebe der sowjetisch inspirierten Staatswirtschaft sind, die unausgesetzt mit leuchtend roten Bilanzen aufwarten (und vom Steuerzahler zu alimentieren sind), wird geflissentlich übersehen.

Aber zurück zur angeblich „dem Kapitalismus“ geschuldeten „zyklischen Krise“: Es gibt für kein Unternehmen eine Erfolgs- oder dauerhafte Bestandsgarantie, da auf eine ungewisse Zukunft gerichtete Entscheidungen selbstverständlich falsch sein können. So ist es unvermeidlich, dass immer wieder einzelne Betriebe – in den unterschiedlichsten Branchen – scheitern, andere dafür neu entstehen. Die Wirtschaft kennt keine stabilere Konstante als die der Veränderung. Warum aber sollten – wie es gegenwärtig der Fall ist – rund um den Globus, genau zeitgleich, so gut wie alle Betriebe in Schwierigkeiten geraten und sich dennoch keine neuen Chancen auftun? Weder die Theorie der Keynesianer noch die der Monetaristen bietet eine plausible Erklärung dieses Phänomens.

Dass über viele Jahre hindurch – unabhängig voneinander – korrekt planende, die künftigen Konsumentenerwartungen akkurat antizipierende und daher erfolgreich agierende Unternehmer exakt zur selben Zeit allesamt die gleichen unternehmerischen Fehler begehen, die sie in eine existenzielle Notlage bringen, ist nur dann plausibel zu erklären, wenn es einen für alle gleichermaßen relevanten Anlass für ihr kollektives Fehlverhalten gibt. Murray Rothbard spricht in diesem Zusammenhang vom „sudden general cluster of business errors“.

Dessen alles entscheidenden Teilaspekt bildet die Manipulation des Zinses durch das staatlich gesteuerte Währungssystem. Zins ist weder die Ausgeburt von Gier oder „Kapitalismus“, noch eine Erfindung des Teufels, sondern ein dem Umstand geschuldeter Indikator dafür, dass der Mensch die Möglichkeit zur augenblicklichen der zukünftigen Verfügung über ein Gut vorzieht. Anders formuliert: Heutiger Konsum wird höher bewertet als künftiger Konsum. Man spricht von der „Zeitpräferenz“. Je höher die Zeitpräferenz, desto mehr ist man bereit, für den augenblicklichen Konsum zu bezahlen beziehungsweise ein umso höheres Entgelt wird man für den momentanen Verzicht fordern. Seinen konkreten Niederschlag findet die Zeitpräferenz in der Höhe eines Aufschlags auf den Preis: im Zins.

Da der Zins also ein natürliches Phänomen ist, das in einer freien Wirtschaft ausschließlich vom Aggregat der Zeitpräferenzen der Konsumenten bestimmt wird, ist dessen Höhe der entscheidende Indikator für die Investitionsplanung von Unternehmern. Niedrige Zeitpräferenzen der Konsumenten manifestieren sich in hohen Sparquoten und niedrigen Zinsen. Das von den Unternehmern empfangene Signal lautet: die Konsumenten verfügen über hohe Ersparnisse, sind also bereit, ihre Konsumwünsche auf später aufzuschieben. Dies führt zur Konzentration der Investitionen auf „Güter höherer Ordnung“ (das heißt solche, die nicht dem augenblicklichen Konsum dienen, sondern die nach längerer Vorlaufzeit den Konsum von durch ihren Einsatz erstellten Gütern in der Zukunft verfügbar machen werden). Das heißt, dem Konsumenten werden erst nach dem Bau entsprechender Fabriken oder der Entwicklung neuer Produkte Güter angeboten und verkauft werden können.

Anders formuliert: Es kommt zu einer tendenziellen Verlagerung der unternehmerischen Investitionen von der Konsum- zur Kapitalgüterindustrie. Die in Boomphasen zu beobachtende, deutlich steigende Bewertung der Aktien entsprechender Industriebetriebe gegenüber jenen in der Konsumgüterindustrie oder die allgemeine Steigerung von Grundstückspreisen sind Symptome dieser Tatsache.

Das alles wäre absolut unbedenklich, wenn die Konjunktur durch real gebildete Ersparnisse angetrieben wäre, und damit den Konsumentenpräferenzen tatsächlich entspräche. Denn dann hätten die Unternehmer richtig gehandelt – die künftig angebotenen Güter träfen auf kaufkräftige Nachfrage und alle Welt wäre glücklich! Ist der Boom indessen nicht auf real gebildete Ersparnisse, sondern auf aus dem Nichts geschaffenen Kredite ngegründet (und exakt das war in den zurückliegenden Jahren der Fall!), verhalten sich die Unternehmer auf breiter Front fehlerhaft, weil sie Investitionsentscheidungen auf Grund nicht gegebener Voraussetzungen treffen. Die aufwendigen Investitionen in Güter höherer Ordnung gehen vielfach verloren, weil die ausgestoßenen Güter auf keine kaufkräftige Nachfrage treffen, da die vermuteten Ersparnisse zum Kauf der erstellten Gütern nie gebildet wurden. Folge: Überkapazitäten in Industriezweigen, die nicht ohne weiteres einer alternativen Verwendung zugeführt werden können. Das bedeutet eine Vernichtung realer Werte. Fazit: Nach Abschluss des Boom-Bust-Cycles (der mit einer künstlich entfachten Konjunktur beginnt und mit einer Rezession endet) befindet sich das Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft dank des Totalverlustes der provozierten Fehlinvestitionen auf einem niedrigeren Niveau als wenn dieser Zyklus nie in Gang gesetzt worden wäre.

Die von Ludwig von Mises vor rund 80 Jahren entwickelte „Konjunkturzyklustheorie“ ist bis heute von der Wirtschaftswissenschaft nicht widerlegt, sondern schlicht „vergessen“ worden. Das mag erstaunen – angesichts der Tatsache, dass nur sie jene Mechanismen zu erklären vermag, denen wir die gegenwärtige Wirtschaftskrise verdanken. Denkt man sich an die Stelle politischer Führer, schwindet indessen das Erstaunen. Denn welches Konzept wird ihnen attraktiver erscheinen: „Österreichisches Laissez-faire“, das sie ihrer Macht – der Möglichkeit, Gott zu spielen – beraubt? Oder eine sozialistische Utopie wie der (Neo-) Keynesianismus, in der allein sie das Sagen haben?

10. Februar 2009

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