06. Oktober 2008

Zeitgeist Addendum Teilweise richtige Diagnose – völlig falsche Therapie

Gesellschaftskritiker verliert sich in Schlaraffenland-Träumereien

Der soeben veröffentlichte Film „Zeitgeist Addendum“ von Peter Joseph ist ein Nachfolgeprodukt des vor einem Jahr vom selben Regisseur herausgegebenen Films „Zeitgeist“. Der erste Film legte die Thesen vor, dass das Christentum in Wahrheit eine Verschwörung zur Kontrolle der Massen war, dass die Angriffe vom 11. September 2001 eine Verschwörung zur Herstellung eines Angstklimas waren, um die Amerikaner leichter zu manipulieren, und dass die Federal Reserve ein Instrument mächtiger Banker ist, mit der sie allmählich eine Weltregierung herzustellen trachten.

Obwohl die im ersten Film angesprochenen Themen legitime Diskussionspunkte sind, sind die dortigen Thesen gelinde gesagt umstritten und entsprechend von der Kritik behandelt worden. In dieser Hinsicht ist „Zeitgeist Addendum“ eine positive Entwicklung. Die hier angesprochenen neuen Anklagepunkte sind besser untermauert als im ersten. Außerdem will der neue Streifen nicht nur anklagen, sondern auch Lösungen vorschlagen. Ersteres gelingt einigermaßen, bei letzterem jedoch versagt er fast völlig. Immerhin gelingt es Joseph in der ersten Hälfte von „Addendum“ das Hauptproblem unserer Zeit zu benennen und einigermaßen klar darzustellen: Das Monopolgeldsystem der „Weltreservewährung“ der US Federal Reserve und das unter ihrer Ägide mögliche, inflationäre Teilreservebankwesen ohne Realwertbindung ihrer Banknoten. In diesem System gedeihen diejenigen, die gute Beziehungen zum Erstempfänger neuen Geldes haben, in der Regel also der Staat. Es führt zur Zentralisierung von Macht und Geld. Joseph hat sicherlich auch nicht unrecht mit dem Vorwurf, dass „Economic Hitmen“ ausgesandt werden, um ausländische Staats- und Regierungschefs den Interessen amerikanischer Großbanken und -konzerne gegenüber gefügig zu machen – erst durch Bestechung, dann durch Bedrohung und schließlich durch Beseitigung. An dieser Stelle wäre es jedoch wünschenswert gewesen, abgesehen von den – ausführlichen – Aussagen eines einzigen ehemaligen „Economic Hitman“ weitere Quellen zu zitieren.

Die Wirkung dieser einigermaßen klaren Analyse wird in der zweiten Hälfte des zweistündigen Werks leider erheblich geschmälert, da Joseph uns seine Vorstellung einer Welt auftischt, wie sie aussähe, wenn es kein Geld gäbe. Eine Welt ohne Geld, eine „ressourcenbasierte Ökonomie“, kommt Joseph zufolge dann zustande, wenn das gegenwärtige monetäre System zusammenbricht und die Menschen erkennen werden, dass sie ohne Geld auch keine künstliche, angeblich von den Banken hergestellte Güterknappheit erleiden werden. Im Film stellt er die Visionen eines Jacque Fresco vor, eines Industriedesigners und „Social Engineers“, wie er sich nennt, vom „Project Venus“. Fresco beschreibt neben einigen phantastisch anmutenden technischen Ideen die geldlose Gesellschaft von morgen: Es wird keinen Mangel mehr geben, es wird einen Überfluss an sauberer Energie geben und keiner wird mehr arbeiten müssen. Gefängnisse wird es auch nicht mehr geben, weil es keinen Grund mehr geben wird, kriminell zu werden. Da kein Mangel mehr herrscht, wird es auch keine Werbung mehr geben, und natürlich keine Profite.

Der grundlegende Denkfehler, der zu dieser Schlaraffenlandvision führt, ist, dass das gegenwärtige Geldsystem das einzig mögliche ist. Joseph und Fresco verhalten sich wie ein Arzt, der Blutkrebs korrekt diagnostiziert – unser krankhaftes Geldsystem –, dann aber sagt, dass es dem Patienten sehr viel besser ginge, wenn seine Gefäße kein Blut mehr enthielten. Es ist bedauerlich, dass Joseph es offenbar nicht für nötig gehalten hat, die Geschichte des Geldes und der Geldentstehung zu studieren. Mehr noch, dieses Versehen ist unerklärlich und eigentlich unentschuldbar. Denn im Film erwähnt Joseph den gescheiterten US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul, von dem er hätte lernen können, was die Österreichische Schule der Ökonomie dazu zu sagen hat. Nämlich, dass Geld ganz natürlich aus dem Tauschhandel entstanden ist. Es ist dasjenige Gut, das am „marktgängigsten“ ist, für das es also immer Nachfrage gibt, das haltbar ist, das leicht zu lagern und aufzuteilen ist. Mit anderen Worten: Es wird solange Geld geben, wie die Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, weil sie dann Güter und Dienstleistungen untereinander tauschen werden. Von einem anderen Gelehrten „österreichischer“ Prägung, Hans-Hermann Hoppe, hätte Joseph lernen können, dass es selbst im Paradies knappe Güter gibt. Zumindest der Boden, auf dem jemand steht oder sitzt, steht in dem Augenblick keinem anderen zur Verfügung. Ein weiterer Einwand sollte jedem sofort einleuchten: So lange wir den Tod nicht besiegen, wird es für uns immer zumindest eine begrenzte, nicht erneuerbare Ressource geben: unsere Zeit. Nicht einmal der „Social Engineer“ vom „Projekt Venus“ geht so weit, unsere Unsterblichkeit vorauszusagen. Ergo werden die Menschen immer unterschiedliche Bedürfnisse haben, ergo wird es Tauschhandel geben, ergo Geld.

Der Film propagiert ein „intelligentes Management der Ressourcen der Erde“ und behauptet, dass die wundersamen technischen Innovationen, von denen Fresco schwärmt, innerhalb kürzester Zeit verwirklicht werden könnten. Es ist zwar ermutigend, dass in einem globalisierungskritischen Film technische Visionen wie zum Beispiel superschnelle, interkontinentale Magnetbahnen als etwas positives und erstrebenswertes angesehen werden. Globalisierungskritiker sind bislang kaum durch Technikfreundlichkeit aufgefallen, im Gegenteil. Doch wer dieses „intelligente Management“ vornehmen wird, darüber schweigt sich Joseph aus. Er sieht zwar ganz richtig, dass unsere Welt sich im ständigen Wandel befindet und dass alle Menschen untereinander und mit der Natur symbiotisch verbunden sind. Doch wie wir untereinander und mit der Natur Signale austauschen, damit ein möglichst reibungsloser, „symbiotischer“ Wandel stattfinden kann, diskutiert er nicht. Fresco sagt zwar ganz richtig, dass die Politiker keine Ahnung haben, wie Probleme zu lösen sind, und dass es die Techniker sind, die die Probleme lösen. Er sagt aber nicht, wer entscheiden soll, welches Problem zuerst gelöst werden soll. Wessen Problem ist das dringendere? Ist es das des Arztes, der an einer Heilung einer tödlichen Krankheit arbeitet? Oder ist es der Ingenieur, der einen spritsparenden Motor entwickelt? Oder der Pädagoge, der revolutionäre Lehrmethoden ausprobiert? Bei den beiden großen Österreichern Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises hätten Joseph und Fresco nachlesen können, dass Ressourcen allein mit dem Preissystem in einer freien Wirtschaft effizient verteilt werden können. Denn die Preise geben die Signale, wo die Bedürfnisse am dringendsten ist. Und nur wenn Profite möglich sind, werden Menschen sich bemühen, Ressourcen in Richtung dieser Bedürfnisse zu lenken. Josephs Behauptung, dass es nicht der Natur entspricht, dem Eigeninteresse zu dienen, ist nichts anderes als spätmarxistische Schwärmerei.

Es wäre falsch, über die technischen Träume Frescos zu lachen. Verglichen mit einer Zeit vor hundert oder zweihundert Jahren leben die meisten von uns in einer Welt des ungeahnten Überflusses. Es ist durchaus möglich, dass die Welt in zweihundert Jahren, verglichen selbst mit den reichsten Regionen von heute, wie ein Schlaraffenland wirken wird. Doch der Weg dahin ist nicht das blutleere, totalitär anmutende „intelligente Management“ Josephs und Frescos, sondern die Zulassung des selbstorganisierenden, „chaotischen“ Systems der freien Marktwirtschaft, einschließlich der unter diesen Bedingungen zustandekommenden Geldsysteme und Profite. Was Marktwirtschaftler österreichischer Prägung und die Macher von „Zeitgeist Addendum“ eint, ist die Erkenntnis, dass das jetzige, betrügerische und monopolistische Geldsystem abgeschafft werden muss. Was sie trennt ist die Vorstellung dessen, was dann folgen wird: Eine freie Marktwirtschaft mit realem Geld oder ein „intelligentes Management“, das zwangsläufig in schrecklichstem Totalitarismus enden muss, der, da angeblich keine Gefängnisse mehr nötig sind, wohl nur noch „Umerziehungslager“ und die Todesstrafe kennen wird.

Internet

Zeitgeist Addendum (Google Video, 2 Std 3 Min)

Murray Rothbard: Das Schein-Geld-System

Hans-Hermann Hoppe: Demokratie – Der Gott, der keiner ist

Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion


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