21. September 2008

Libertäre Schönen Dank, Richard Herzinger!

Comeback eines Zombies: Peter Punk ist wieder da!

Der Journalist Richard Herzinger macht heute in der „Welt am Sonntag“ sein Versprechen wahr, das er vor vielen Jahren, damals als Autor der „Zeit“, einmal öffentlich gegeben hatte, nämlich „etwas über die Libertären zu schreiben“.

Herzinger selbst steht diesen heute in vielen Fragen durchaus nahe. Er ist wie viele seiner fast immer ebenfalls in Frankfurt geborenen oder sozialisierten Freunde als ex-linker und heute neokonservativer (wirtschaftspolitisch also durchaus freiheitlich, wenn auch eher für Big Business als zur Verteidigung des gebeutelten Mittelstandes, gesellschaftspolitisch nach wie vor stramm „emanzipatorisch“, außenpolitisch pro Krieg, die Feldzüge der israelischen und amerikanischen Regierung verteidigend) Lohnschreiber beim Springer-Verlag gelandet. Dort sammelte Verlagschef und Gesinnungsgenosse Döpfner die Poseners, Broders, Mierschs, Steins, Schmids und Herzingers einen nach dem anderen, die sie sich auf dem Weg von eigentümlich links nach eigentümlich rechts aufmachten, wieder ein. Und bei allen ihren genannten Verrücktheiten sind es die Mitglieder dieser oft originellen neokonservativen Clique, die in Deutschland heute zu den wenigen noch lesbaren Journalisten gehören, sie sind es, die den Klimawahnsinn und den Marsch in den Neosozialismus noch am wirkmächtigsten kritisieren.

Es ist also alles relativ im Leben. Herzinger jedenfalls, das war fast zu befürchten, hört mit seinem späten Dauerblick auf die deutschen Libertären dort auf, wo ein kleiner Artikel – heute noch auf diversen Internetseiten als Geheimtipp zu finden – vor mehr als zehn Jahren begann.

Herzinger empfiehlt (von der "WamS" sinnbebildert mit einem seitengroßen blau-gelb-irokesisch-steilen Kopfhaar) den libertären Marktfreunden (deren Schwächen er nebenbei durchaus sehr treffend karikiert), sich ausgerechnet Punks und andere Subkulturen als Verbündete zu suchen. Als wenn es in Zeiten, in denen die letzten Produktiven aus dem sterbenden Mittelstand mental wie wirtschaftlich zu Staatssklaven degenerieren, keine wichtigeren Fragen gäbe als Drogenlegalisierung oder Homoehe. Als wenn Millionen bedrohte bürgerliche und gegenüber dem Markt- und Eigentumsgedanken von Hause aus aufgeschlossene Sozialstaatsverlierer unbedingt durch möchtegernjugendliche spätpubertäre Progressivität zu gewinnen wären. Als wenn aus Nihilismus die Achtung vor Eigentum erwachsen könnte. Als wenn je ein Punk tatsächlich für Eigenverantwortung und damit für Arbeit auch an sich selbst empfänglich gewesen wäre. Als wenn Freiheit immer noch ein Spiel wäre und der politisch korrekt und sozial gerecht wie klimatologisch weltrettend getarnte neue Totalitarismus nicht längst bedrohlich vor der Verwirklichung stünde.

Ist das die kümmerliche Restvision der alt gewordenen exlinken Neurechten: Der neue Mensch ist tot, es lebe der neue Punk?

Wie auch immer. Lasst die Träumer träumen, deshalb, und weil Richard Herzinger vergaß, die Quelle des Irrtums zu erwähnen, hier ist er, der Original-Peter von 1997 (nur in der Rechtschreibung korrigiert):

Schönen Dank, Peter Punk!

Warum auch Außenseiter im Kapitalismus besser leben

von André Lichtschlag

(frei nach einigen Gedanken von David D. Friedman)

Peter Punk lebt, auf der Straße. In Köln. Peter Punk hasst diese Gesellschaft und er hasst den Staat. Peter ist ein Punk und damit Anarchist, wie jeder Punk. Er trägt gelb-blaue Haare – sehr hoch. Er trägt 33 Ohrringe, ein T-Shirt aus London mit der Aufschrift "Anarchy in the U.K.", eine zerfetzte Jeans und eine Lederjacke mit der Aufschrift "Einmal gucken – eine Mark" und Doc-Martens-Schuhe, ebenfalls aus London. Auch trägt er einen transportablen CD-Player sowie einige CDs von "Slime", "Sex Pistols", "Dead Kennedys" und den "Ramones" mit sich herum, er liebt diese Musik – und er träumt von einem Punk-Fernseh-Sender. Er trägt direkt neben seiner Ratte "Murray" seinen Kopf hoch erhoben – anders als andere Punks. Denn er ist ein ehrlicher Punk.

Wir treffen Peter und seine Freunde an der Kölner U-Bahn, dort wo sie jeden Tag verbringen, mit viel Alkohol, lauter Musik und manchmal auch mit anderen Drogen. Sie leben, wie sie sagen, "in den Tag hinein". Viele Menschen sehen sie so Tag für Tag an sich vorbeiziehen, auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg von der Arbeit, meistens nicht sehr glücklich aussehend. Sie alle haben wohl mehr Geld. Aber sind sie glücklicher? "Das kann nur jeder selber entscheiden", glaubt Peter. Er hat sich für den freiwilligen Müßiggang entschieden. Und damit für die freiwillige Armut. Die anderen sind ihm "scheißegal". So denkt ein "echter Punk", sagt Peter.

Peter hatte vor einigen Jahren bei einem Zelturlaub in Ungarn einen "DDR-Punk" kennengelernt. Nächtelang haben sie damals gemeinsam Dosenbier in sich hinein geschüttet. Dabei haben sie sich über ihr jeweiliges "Zuhause" unterhalten. Atze aus Ost-Berlin wusste viel zu berichten von jenem real existierenden Sozialismus, den Freunde von Peter im Westen immer als "auch scheiße, aber besser als bei uns" zu charakterisieren wussten. Peter sah es sehr bald umgekehrt. Atze übrigens auch. Kurz nach dem Urlaub haben sie Atze dann verhaftet und in ein Arbeitslager gesteckt, damit er endlich am "Aufbau des Sozialismus" mitarbeite, hatte er sich doch bisher genau wie Peter der Arbeit verweigert. Atze hatte sich "an der sozialistischen Gemeinschaft versündigt". Er hat dann noch viel erleiden müssen bis zum Untergang "seines Staates". Im Kapitalismus, so weiß Peter, "ist es den Leuten doch scheißegal", ob jemand arbeitet oder nicht. Wenn nicht, so versündigt er sich nicht an der Gemeinschaft, sondern an seinem eigenen Lebensstandard. Und dazu war und ist Peter bereit. "Die Leute hier wären noch viel toleranter, wenn wir wirklich im Kapitalismus leben würden", sagt Peter. Jetzt kommt er auf das zu sprechen, was ihn hier "wirklich ankotzt".

Peter nimmt kein Geld vom Staat, keine Sozialhilfe und auch sonst nichts. "Das ist doch geklautes Geld", weiß Peter das aus erzwungenen Steuereinnahmen erpresste Geld des Staates zu beschreiben. "Wenn andere sich entscheiden, arbeiten zu gehen, dann kann man sie doch nicht zwingen, ihr verdientes Geld mit mir zu teilen, der ich eben nicht arbeiten will". Dies ist der Punkt, wo Peter sich von seinen Freunden auf der Straße unterscheidet. Die meinen zwar auch, sie seien "Anarchisten", aber die "Staatsknete" nehmen sie gerne entgegen. Daneben gehen sie betteln, wie Peter. Peter sagt, wenn die ehrlich vor sich selber wären und ebenfalls keine "geklaute Kohle von Vater Staat" nehmen würden, dann würden die Menschen viel mehr Verständnis für jene haben, die nicht arbeiten wollen. "Ich verliere doch doppelt", sagt Peter. "Wenn die anderen wie ich ohne Staatsknete, vom Betteln leben würden, dann hätten alle mehr Verständnis und mehr Geld für uns – schon weil sie viel mehr zur freien Verfügung hätten. Und wenn die anderen nur von der Staatsknete leben würden und daneben nicht auch noch betteln gingen, dann wäre wenigstens mein Anteil am Bettelgeld höher." Aber die anderen Punks sind nicht ehrlich, nicht vor sich selber und auch nicht vor anderen: Sie hassen den Staat, von dem sie leben. Sie hassen die Gesellschaft, von der sie geraubtes Geld erhalten. "Das ist doch pervers", meint Peter.

Peter erinnert sich an seinen Freund Atze. Der hatte keine Doc-Martens-Schuhe. Er konnte auch nicht dieselben CDs kaufen wie Peter. "So ist eben der Kapitalismus", sagt Peter, "er sorgt auch für uns". Im realen Sozialismus wurden Waren für "asoziale Elemente" selbstverständlich nicht eigens hergestellt. "Wenn der eine Kapitalist meint, so wie Honecker, für uns nicht die geeigneten Klamotten, Schuhe, CDs oder unser Dosenbier herstellen zu müssen, so wird sich ein anderer Kapitalist diesen Profit nicht entgehen lassen."

"Dies ist eine Sache von grundsätzlicher Bedeutung", sagt Peter, "Atzes DDR ist nur ein Beispiel, Atze wäre doch auch in Kuba oder in der Sowjetunion in ein Arbeitslager gesteckt worden und beim Adolf hätte es uns ohnehin nicht gegeben", zitiert Peter seinen Opa Heinrich. Wenn kein Privateigentum herrsche, sondern vergesellschaftetes Eigentum, wenn der einzelne nichts ist und sein Volk alles, wenn andere über einen verfügen und nicht jeder über sich und sein Eigentum selbst bestimmt, so müsse diese Gesellschaft natürlich gegen Arbeitsverweigerer vorgehen. Für diese Konsequenz hat Peter sogar "irgendwie Verständnis". Denn sonst würden einige auf Kosten der anderen leben. "Kein Verständnis habe ich aber für Oscar, unserem Sozialarbeiter, gleichzeitig Jungsozialist, der von einem Recht auf Faulheit spricht, aber sozialistische Eigentumsformen propagiert".

Peter erklärt: "Überall dort, wo Privateigentum und ein freier Markt besteht, da wird auch für uns Punks produziert. Es ist schade, dass z.B. beim Fernsehen immer noch restriktive staatliche Lizenzen vergeben werden." Nur deshalb gäbe es noch keinen Punk-Sender: "Wenn es fünfhundert andere Sender bereits gäbe, dann würden doch auch Bertelsmann oder Leo-Kirch den fünfhundertundersten Sender eigens mit und für Punks organisieren. Irgendeiner würde diese Marktlücke zu nutzen wissen." Aber leider gibt es keinen freien Rundfunk- und Fernsehmarkt in diesem Land. "So werden wir unsere Kultur weiterhin über CDs und Kleidung vervielfältigen", sagt Peter, "denn diese Waren sind frei."

Vielleicht gründet Peter trotzdem irgendwann "seinen" Punk-Sender, dafür würde er sogar arbeiten gehen: "Zur Not muss man so etwas illegal machen, am Staat vorbei." So, wie Atze alle seine "Klamotten" irgendwie illegal beschafft hat. Und so, wie Peter und seine Freunde illegal manche Drogen beschaffen müssen. "Darunter wird die Qualität des Produkts natürlich leiden. Das kann, wie wir wissen, im Falle der Drogen sogar tödlich sein. In einer Marktwirtschaft ist das Angebot nicht nur breiter, sondern auch besser." Aber dort, wo es keinen offenen Markt gibt, müssen Menschen eben "schwarz handeln", weiß Peter. "Und das ist doch irgendwie voll punk, oder?"

Zum Abschied wird Peter philosophisch. Uns und seinen Punk-Freunden verkündet er: "Die Anarchie wird entweder kapitalistisch sein – oder sie wird gar nicht sein".

Wir denken jetzt darüber nach, ob auch der Umkehrschluss gilt: Der Kapitalismus muss anarchistisch sein – oder er kann gar nicht sein.

Ein interessanter Gedanke. Danke Peter!

Internet

Richard Herzinger in der „Welt am Sonntag“: Anarchie in der FDP?

ef-online zur Gründung der Libertären Plattform in der FDP


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