Arne Hoffmann

Jg. 1969, Medienwissenschaftler und Journalist. Regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift eigentümlich frei.

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ef Television

Apokalypse: Ist Barack Obama der Antichrist?

von Arne Hoffmann

Schwerer Verdacht belastet Wahlkampf des demokratischen Kandidaten

Wie das renommierte "Time"-Magazin in einem Artikel vom Freitag berichtete, werden insbesondere in den Kreisen konservativer Christen in den USA die Mutmaßungen immer lauter, bei dem Kandidaten der demokratischen Partei, Barack Obama, könnte es sich um den seit langer Zeit erwarteten Antichristen handeln. Den biblischen Prophezeiungen zufolge werde dieser Gegenspieler höchst charismatisch und wortgewandt auftreten, die Rettung von allem Übel versprechen, in Wirklichkeit aber für die Mächte des Bösen arbeiten. Obamas Auftritte in den letzten Wochen haben ihn inzwischen zum Hauptverdächtigen gemacht.

Um diese für viele Europäer ungewohnten Gedankengänge zu verstehen, muss man wissen, wie stark ein christlicher Endzeit-Glaube in den USA verbreitet ist. Sehr gut illustriert dies die Bestseller-Serie "Left behind". Ausgangssituation dieser Romanreihe ist, dass alle Gläubigen plötzlich von der Erde verschwinden, weil sie zum Himmel aufgestiegen sind, während die Zweifler zurückbleiben, bis sie sich eindeutig für oder gegen Gott entschieden haben. Ein verführerisch auftretender Politiker namens Nicolae Carpathia, UN-Generalsekretär und Antichrist, versucht, die Menschheit ins Verderben zu ziehen, indem er verspricht, die geteilte Menschheit wieder zu einen. Die Gesamtauflage dieser Bücher umfasst in den USA 50 und weltweit über 70 Millionen. Zu der Serie sind inzwischen drei Filme gedreht worden, im Jahre 2006 erschien zudem das Computerspiel "Left behind – Eternal Forces", in dem die Spieler Ungläubige töten oder missionieren sollen. Nach dem Töten kann man seine Seelenpunkte durch Beten wieder aufladen. (Wenn man diese Form von religiösem Fanatismus reichlich irre findet, erhält man vermutlich schnell zur Auskunft, das sei antiamerikanisch und die USA hätten eben einfach eine andere Kultur ...)

Wie das Magazin "Time" weiter ausführt, orientiere sich die aktuelle Werbekampagne John McCains bei ihren Attacken auf Obama an der visuellen Ästhetik der "Left-behind"-Serie. Falls das zutrifft, würde dies auf fruchtbaren Boden fallen. Die negativen Zuschriften, die die demokratische Partei von konservativen Christen erhält, verteilen sich schon seit einiger Zeit so gut wie durchgehend auf zwei Themen: Obamas Position zum Thema Abtreibung und die Vermutung, dass er der Antichrist sei. Eine von mir noch einmal getätigte Google-Suche mit den Begriffen "Obama" und "Antichrist" führte zu mittlerweile 776.000 Treffern. Einige tausend Websites immerhin verbinden Obama mit "Nicolae Carpathia". Das verwundert kaum: Carpathia spricht mehrere Sprachen, wird von Menschen überall auf der Welt geliebt und die Presse himmelt ihn geradezu an. (Hm, das wäre wenigstens mal ein Verdacht, von dem George W. Bush definitiv entlastet ist.) Eine quer durchs Internet ziehende Ketten-Rundmail argumentiert, der biblischen Offenbarung des Johannes zufolge werde der Antichrist ein Mann muslimischer Abstammung in seinen Vierzigern sein, der den Weltfrieden verspreche. (In Wahrheit steht in der Bibel natürlich nichts von Muslimen – hier hatte man schlicht ein aktuelles Feindbild herangezogen – und auch anderweitig ist der Inhalt dieser Kettenmail barer Unsinn.) Die konservative Website RedState.com verkauft inzwischen Tassen und T-Shirts, auf denen das Obama-O mit Hörnern und darunter den Wörtern "Der Antichrist" zu sehen ist. Was aus europäischer Perspektive leicht durchgeknallt wirken mag, ist das nicht zwangsläufig für die Bewohner der USA: Wie Gary Jacobson in einer Studie für die University of California ermittelte, glaubten noch im Jahr 2006 immerhin 14 Prozent der Amerikaner, George W. Bush sei ein Ausgewählter Gottes.

Auf der Website PolitiFact.com, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in der politischen Sphäre vagabundierende Behauptungen auf ihren Faktengehalt zu überprüfen, berichtet Amy Hollyfield über diese Debatte. Während Hollyfield die Frage "Ist Obama der angekündigte Antichrist?" zunächst für zu albern gehalten hatte, sich auch nur näher damit zu beschäftigen, habe sie dazu doch sehr viele Leseranfragen erhalten. Und tatsächlich passe diese Behauptung zu vielen weiteren über Obama gestreuten Mythen: dass er sich geweigert habe, den Eid auf die amerikanische Fahne abzulegen, dass er im Senat auf den Koran und nicht die Bibel eingeschworen worden sei sowie dass sein zweiter Name "Mohammed" laute und es sich bei ihm um einen bekehrten Moslem handele. Alle davon entpuppten sich als hanebüchenen Unsinn.

Am Freitag rückte Reverend Tim LaHaye, 82jähriger Co-Autor der "Left-behind"-Serie, im "Wall Street Journal" die Dinge zurecht: "Der Antichrist wird kein Amerikaner sein, also kann es sich nicht um Obama handeln. Die Bibel macht klar, dass er von einem obskuren Ort wie Rumänien stammen wird."

Gut, dass wenigstens diese Sache damit geklärt wäre.


Internet

Barack Obama the Antichrist?

How Obama prepped world for the Antichrist

An Antichrist Obama in McCain Ad?

McCain Ad Is Accused Of Linking Obama to Antichrist

Barack Obama is the Antichrist? Puh – leeze!

10. August 2008

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