Arne Hoffmann

Jg. 1969, Medienwissenschaftler und Journalist. Regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift eigentümlich frei.

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Medien: Irreführende Berichterstattung im deutschen "Qualitätsjournalismus"

von Arne Hoffmann

Studie über sexuelle Gewalt anschauliches Beispiel

In der amerikanischen Männerbewegung gibt es seit mehr als zehn Jahren den Begriff "lace curtain". Gemeint ist damit ein metaphorischer "Spitzenvorhang", der die Anliegen und Probleme von Männern als Gruppe, politisch inkorrekte Erkenntnisse wie die hohe Rate von Frauen begangener häuslicher Gewalt usw. bei der Berichterstattung konsequent verhüllt. Zu diesem Thema habe ich schon vieles in meinen Büchern geschrieben, aber in den letzten Tagen zeigte sich auch für Laien in dieser Debatte sehr anschaulich, wie hierzulande ein flächendeckender Geschlechterfilter funktioniert.

Darum geht es: Vor kurzem wurde in Südafrika eine Studie über sexuelle Gewalt veröffentlicht, der eine Viertelmillion befragter Kinder und Jugendlicher im Alter von 10 bis 19 Jahren als Datenbasis zugrunde lag. Auf Seite 3 der Studie findet sich eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse. Dabei zeigte sich: Von den 18-jährigen jungen Männern wurden 44% schon einmal vergewaltigt, davon 41% von Frauen, 32% von Männern und 27% von Tätern beiderlei Geschlechts.

In der ausländischen Presse werden die überraschend hohen Zahlen sowohl männlicher Opfer als auch weiblicher Täter klar benannt. So heißt es beispielsweise in der kanadischen "Montreal Gazette" am 30. Juli (von mir übersetzt): "Zwei von fünf männlichen Schülern Südafrikas sagen, dass sie schon einmal vergewaltigt worden sind. Das belegt eine gestern veröffentlichte Studie, der zufolge der sexuelle Missbrauch von Jungen in den Schulen des Landes weit verbreitet ist. Die Studie, die in BioMed Centrals 'International Journal for Equity in Health' veröffentlicht wurde, zeigt, dass auf Jungen am häufigsten von erwachsenen Frauen übergegriffen wird, dicht gefolgt von anderen Schülern."

Auch andere englischsprachige Medien schildern die Ergebnisse der Studie zutreffend und für den Leser durchschaubar. "By the age of 18 years, two in every five South African schoolboys report being forced to have sex, mostly by female perpetrators" heißt es etwa beim Wissenschaftsportal New Science Daily. "The survey (…) showed that boys were most frequently assaulted by adult women" formuliert Health24.com. Eine Google-Suche über die Namen der Autoren der Studie führt zu vielen ebenfalls korrekten Presseartikeln, auffälligerweise vor allem aus dem afrikanischen und dem asiatischen Raum. Artikel aus größeren englischen oder amerikanischen Zeitungen zu dieser Studie konnte ich trotz längerem Suchen nicht ausfindig machen.

In den deutschen Medien findet zwar eine Berichterstattung statt – aber diese wird fast durchgehend ideologisch bereinigt. Nach dem bewährten Motto "Frauen gut, Männer böse" lässt man hier die Sextäterinnen unauffällig verschwinden.

Die Berliner "tageszeitung" ("taz") vom 29. Juli titelt "40 Prozent der Kinder betroffen". Das eigentlich Aufsehenerregende der Studie – die hohe Rate männlicher Opfer sexueller Gewalt – bleibt verschleiert. Stattdessen heißt es dort: "Für eine in Südafrika geborene Frau sei die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, höher als die, lesen und schreiben zu lernen." Diese Passage suggeriert, bei den Ergebnissen der aktuellen Studie gehe es, wie immer, um weibliche Opfer. Auch die weiblichen Täter finden bei der "taz" keine Erwähnung. Stattdessen wird, abweichend von der üblichen "taz"-Rechtschreibung nicht von "TäterInnen", "LehrerInnen" usw., sondern von "Tätern" und "Lehrern" gesprochen. Warum die "taz" überhaupt über eine Studie berichtet, wenn sie deren zentrale Aussagen ins Gegenteil verkehrt, bleibt unklar.

Unter der Online-Veröffentlichung des Artikels war es scheinbar möglich, Kommentare abzugeben. Tatsächlich berichteten mir mehrere Leser meines Blogs "Genderama", dass ihre korrigierenden Kommentare zu der Studie nicht veröffentlicht wurden. Erst mehrere Tage später, nachdem ich in meinem Blog über diese Praktik berichtet hatte, stellte die "taz" die eingegangenen Richtigstellungen online. Zu diesem Zeitpunkt war der Artikel eine Woche alt, und die Aufmerksamkeit der "taz"-Leser hatte sich längst anderen Themen zugewendet.

Dabei ist die "taz" keine Ausnahme. Auch Spiegel-Online phantasiert die Täter als rein männlich. Bei den Opfern ist zwar von "Schülern" die Rede (ohne wie in den englischsprachigen Artikeln zu verdeutlichen, dass es wirklich nur um Jungen geht), aber auch hier täuscht eine beigefügte Passage vor, dass von männlichen Tätern und weiblichen Opfern die Rede sei: "Bereits kurz vor der Jahrtausendwende hatten CIET-Mitarbeiter mit einer ähnlichen Statistik für Furore gesorgt. Damals hatten sie 4000 Frauen befragt, von denen jede Dritte von einer Vergewaltigung zu berichten wusste. Ein Drittel der 1500 männlichen Befragten hatte hingegen erklärt, Massenvergewaltigungen seien eine 'lustige Sache'. Wenige Jahre später hatte die Südafrikanerin Sonette Ehlers eine Vorrichtung ('Rapex') erfunden, mit der sich Frauen vor potentiellen Vergewaltigern schützen können sollten." Die in der Studie genannte hohe Rate weiblicher Täter bleibt von Spiegel-Online ungenannt. Durch der Lektüre des Artikels wird stattdessen die Klischeevorstellung von männlichen Tätern und weiblichen Opfern gefestigt.

Stöbert man einmal weiter, stößt man auf eine ganze Reihe von Artikeln, die nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Dass es überhaupt männliche Opfer gibt, wird in mehreren dieser Beiträge durch einen einzigen eingeschobenen Satz ansatzweise deutlich. ("Erzwungener Sex mit männlichen Jugendlichen galt bis zu einer Gesetzesänderung im Jahr 2007 in Südafrika nicht als Vergewaltigung, sondern wurde höchstens als unzüchtiges Verhalten geahndet.") Die eigentlich aufsehenerregende Aussage der Studie über die überraschende Täter- und Opferverteilung der Geschlechter bleibt aber regelmäßig außen vor: "In 20 Prozent aller Fälle gaben die Opfer an, der Täter sei ein Lehrer gewesen. Weitere 28 Prozent wurden von Mitschülern gezwungen, 18 Prozent von einem erwachsenen Familienmitglied und weitere 28 Prozent von einem Lehrer oder einer anderen Person, die nicht zum Familienkreis zählte." Von Frauen, von Täterinnen ist nie die Rede.

Nicht alle dieser Beiträge stammen aus Deutschland. So findet sich beispielsweise auch die größte Schweizer Gratiszeitung "20 Minuten" darunter. Der deutschsprachige Raum indes wird flächendeckend mit irreführenden Informationen bedacht.

Die Artikel stimmen inhaltlich so stark überein, dass man als Ursache für diese Misere wohl eine fehlerhafte Agenturmeldung annehmen darf, die etliche Journalisten im Originaltext übernommen haben – ohne in jedem Fall kenntlich zu machen, dass es sich um eine Agenturmeldung handelte, und ohne sich auch nur ein paar Minuten Zeit für eine Gegenrecherche zu nehmen, also die Studie im Netz ausfindig zu machen und ihre in einem Absatz vorangestellte Zusammenfassung zu lesen. Diese Rechercheleistung bleibt Bloggern wie uns (bzw. unseren Informanten) überlassen. Wenn man allerdings Journalisten fragt, wie sie sich im Vergleich zu Bloggern sehen, dann sind es regelmäßig die Journalisten, die aufwändige und ruhmreiche Recherche leisten, während Blogger zu unfähig dazu seien.

Man muss es sich wohl noch einmal in Erinnerung rufen: Es gibt hierzulande keine staatliche Zensur oder staatlich vorgegebene Regeln der Berichterstattung. Bei uns herrscht Pressefreiheit. Genutzt wird diese, indem ein Journalist stupide vom anderen abschreibt, solange er dabei nur auf den Gleisen der herrschenden Meinung bleibt. Infolgedessen wirken unsere traditionellen Medien wieder und wieder wie gleichgeschaltet. Und sobald man darauf aufmerksam macht, ist bei etlichen Journalisten die Empörung groß.

Linkliste:

Südafrikanische Studie

korrekte Berichterstattung in der "Montreal Gazette"

irreführende Berichterstattung bei der "taz"

irreführende Berichterstattung bei Spiegel-Online

irreführende Berichterstattung bei n-tv

irreführende Berichterstattung bei den "20 Minuten"

Der Spiegel erhebt sich über "Die Beta-Blogger"

09. August 2008

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Kommentare

Herr_Rossi, am 09. August 2008 um 11:33 ( Link )

Eigentlich hat sich die Journaille durch ihren Presserat sogenannte "Ethikregeln" auferlegt.

Alles nur blabla.

Für die Presse gilt nur eine Ethik: Tief bücken!

Goldelse, am 09. August 2008 um 13:38 ( Link )

Wie ich hier schon mal schrieb, mit ihrem einheitlichen "Qualitätsjournalismus" schafft sich das selbsternannte Medienkartell selber ab, da kann der Spiegel noch so laut im Walde pfeifen.

Martin Möller, am 09. August 2008 um 13:40 ( Link )

Hoffmann, wieso lesen Sie eigentlich die "taz"???

quer, am 09. August 2008 um 15:08 ( Link )

@Möller,
man liest Machwerke wie "Mein Kampf" oder "Was tun?" (Lenin) eigentlich nur, um zu wissen, was die Feinde der Freiheit vorhaben. Ebenso und aus diesem Motiv heraus, liest man quer durch die sog. "Qualitäts"- und Parteipresse und natürlich auch im Koran.

Ohne dieses Hintergrundwissen fällt man schnell auf den säuselnden Betrug herein. Und man wird immun gegen saublöde hinterfotzige Fragestellungen. Alles klar?

Martin Möller, am 09. August 2008 um 15:15 ( Link )

Ja, danke!! Alles klar soweit!

Arne Hoffmann, am 09. August 2008 um 15:27 ( Link )

Ich sehe gerade, der SPIEGEL kartet am Montag nach mit der Titelgeschichte "Macht das Internet DOOF?" Liebe Güte, unseren Qualitätsjournalisten muss wirklich extrem die Muffe gehen ...

Martin Möller, am 09. August 2008 um 15:34 ( Link )

Ja, sieht so aus ... Dabei weiß ein jeder, daß jahrelanges SPIEGEL-Lesen nun wirklich doof macht.

Siechtum, am 09. August 2008 um 15:42 ( Link )

Ich habe neulich eine Ausgabe mal wieder nur in die Hand genommen - meine Schulnoten sanken drastisch!

Martin Möller, am 09. August 2008 um 16:16 ( Link )

Ich bin jedenfalls klüger geworden, seit ich den spiegel nicht mehr lese, nicht einmal mehr im Kaffehaus.

Goldelse, am 09. August 2008 um 17:23 ( Link )

Spiegel, Stern, Focus, Frühstücksfersehen, politische Verdummungstalkrunden, gibt es alles bei uns nicht mehr, eigentlich, wenn ich so recht überlege, gucken wir in den letzten Jahren auch keine Nachrichten mehr, alle gleich, alle verlogen, alle verspätet, alle vorselektiert, alle ungenau.

Marco Kanne, am 09. August 2008 um 18:01 ( Link )

Arne,

Liebe Güte, unseren Qualitätsjournalisten muss wirklich extrem die Muffe gehen ...

Aber sowas von. Und da stellt sich bei mir nicht nur klammheimliche Freude ein. ;-)

PeterFreimann, am 09. August 2008 um 20:50 ( Link )

Meckert man alle schön über die weitgehend gleichgeschaltete Presse, stimmt bis auf ein paar verlorene "Irrläufer" in der FAZ ja eigentlich auch, ich finde es gerade im SPIEGEL-Onlineforum sehr interessant, zu verfolgen, wie die virtuellen Säulein durch das Dorf getrieben werden und vor allem, wie die Gemeinde darauf reagiert.
Da hat sich ein buntes Völkchen zusammengefunden, die letzten Sonnenblumenschwenker schlagen ihre Rückzugsgefechte, man findet liberale Sowohl-als-auch-Denker und vieles mehr, jedenfalls wurde vor etwa zwei Jahren der Eiserne Vorhang partiell geöffnet.
Es gibt dort "K(r)ampf gegen die Pöhsen"-Themenstränge, in denen sich die aufrechten Hüter des Mahnens und Wahnens nur so tummeln, hier verschwinden immer noch auffällig viele Beiträge unauffindbar in der Weite des virtuellen Alls (aber nicht alle!), in den Strängen, die die staatliche geförderte Femotherapie berühren, gibt es richtig Haue von beiden SeitInnen, insgesamt bin ich ehrlich gespannt, wie sich der Trend weiterentwickelt, wenn zu offensichtliche Scherze wie das Frageleinchen "Macht das Internet (oder das Fastfood) dick und dumm" verlautbart werden, kann sich die Redaktion des Gelächters sicher sein. Schaun mer mal!

Homo_Optimus, am 09. August 2008 um 21:03 ( Link )

Deutscher "Qualitätsjournalismus" mal beiseite.

Klar, dass eine Frau bei sexuellen Vergehen gegen sie ein psychologisches Trauma davon tragen kann, aber ein Mann?! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann irgendwelche psychologischen Schäden davon trägt, wenn sich eine Frau an ihm bloß sexuell vergeht. Es sei denn, natürlich, es ist eine besonders hässliche und/oder enstellte Frau.

Von daher ist es nicht besonders schlimm, wenn die Gesetzgebung hier zwischen Mann und Frau unterscheidet.

Sphairon, am 09. August 2008 um 21:50 ( Link )

@Homo_Optimus:

Sie belieben wohl zu scherzen?

PeterFreimann, am 09. August 2008 um 22:08 ( Link )

Hallo Homo Optimus,

was denkt er sich denn? Sitzt er da mit seinem Jägermeister und kann ziemlich eigene individuelle ... nun ja ... Phantasien ... nicht auseinanderhalten von übelsten Abhängigkeitsverhältnissen, die es selbstverständlich auch zwischen einem Jungen und der Mutter oder der Lehrerin geben kann, nicht auseinanderhalten?

freiheitistunteilbar, am 09. August 2008 um 22:42 ( Link )

Die These, das man Männer nicht vergewaltigen könne, hätte ich eher von einer ignoranten Feminazi erwartet.

LePenseur, am 11. August 2008 um 12:54 ( Link )

@Freiheitistunteilbar:

Die These, das man Männer nicht vergewaltigen könne, hätte ich eher von einer ignoranten Feminazi erwartet.

Aber, nicht doch! Wir alle wissen doch, daß Männer immer doch nur das eine wollen — und wenn sie ohnehin immer wollen, wie können sie dann dazu gezwungen werden? Lächerlich! Oder werden Sie etwa zum Atmen gezwungen, nur weil es Luft gibt? Na also ...


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