09. August 2008

Medien Irreführende Berichterstattung im deutschen "Qualitätsjournalismus"

Studie über sexuelle Gewalt anschauliches Beispiel

In der amerikanischen Männerbewegung gibt es seit mehr als zehn Jahren den Begriff "lace curtain". Gemeint ist damit ein metaphorischer "Spitzenvorhang", der die Anliegen und Probleme von Männern als Gruppe, politisch inkorrekte Erkenntnisse wie die hohe Rate von Frauen begangener häuslicher Gewalt usw. bei der Berichterstattung konsequent verhüllt. Zu diesem Thema habe ich schon vieles in meinen Büchern geschrieben, aber in den letzten Tagen zeigte sich auch für Laien in dieser Debatte sehr anschaulich, wie hierzulande ein flächendeckender Geschlechterfilter funktioniert.

Darum geht es: Vor kurzem wurde in Südafrika eine Studie über sexuelle Gewalt veröffentlicht, der eine Viertelmillion befragter Kinder und Jugendlicher im Alter von 10 bis 19 Jahren als Datenbasis zugrunde lag. Auf Seite 3 der Studie findet sich eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse. Dabei zeigte sich: Von den 18-jährigen jungen Männern wurden 44% schon einmal vergewaltigt, davon 41% von Frauen, 32% von Männern und 27% von Tätern beiderlei Geschlechts.

In der ausländischen Presse werden die überraschend hohen Zahlen sowohl männlicher Opfer als auch weiblicher Täter klar benannt. So heißt es beispielsweise in der kanadischen "Montreal Gazette" am 30. Juli (von mir übersetzt): "Zwei von fünf männlichen Schülern Südafrikas sagen, dass sie schon einmal vergewaltigt worden sind. Das belegt eine gestern veröffentlichte Studie, der zufolge der sexuelle Missbrauch von Jungen in den Schulen des Landes weit verbreitet ist. Die Studie, die in BioMed Centrals 'International Journal for Equity in Health' veröffentlicht wurde, zeigt, dass auf Jungen am häufigsten von erwachsenen Frauen übergegriffen wird, dicht gefolgt von anderen Schülern."

Auch andere englischsprachige Medien schildern die Ergebnisse der Studie zutreffend und für den Leser durchschaubar. "By the age of 18 years, two in every five South African schoolboys report being forced to have sex, mostly by female perpetrators" heißt es etwa beim Wissenschaftsportal New Science Daily. "The survey (…) showed that boys were most frequently assaulted by adult women" formuliert Health24.com. Eine Google-Suche über die Namen der Autoren der Studie führt zu vielen ebenfalls korrekten Presseartikeln, auffälligerweise vor allem aus dem afrikanischen und dem asiatischen Raum. Artikel aus größeren englischen oder amerikanischen Zeitungen zu dieser Studie konnte ich trotz längerem Suchen nicht ausfindig machen.

In den deutschen Medien findet zwar eine Berichterstattung statt – aber diese wird fast durchgehend ideologisch bereinigt. Nach dem bewährten Motto "Frauen gut, Männer böse" lässt man hier die Sextäterinnen unauffällig verschwinden.

Die Berliner "tageszeitung" ("taz") vom 29. Juli titelt "40 Prozent der Kinder betroffen". Das eigentlich Aufsehenerregende der Studie – die hohe Rate männlicher Opfer sexueller Gewalt – bleibt verschleiert. Stattdessen heißt es dort: "Für eine in Südafrika geborene Frau sei die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, höher als die, lesen und schreiben zu lernen." Diese Passage suggeriert, bei den Ergebnissen der aktuellen Studie gehe es, wie immer, um weibliche Opfer. Auch die weiblichen Täter finden bei der "taz" keine Erwähnung. Stattdessen wird, abweichend von der üblichen "taz"-Rechtschreibung nicht von "TäterInnen", "LehrerInnen" usw., sondern von "Tätern" und "Lehrern" gesprochen. Warum die "taz" überhaupt über eine Studie berichtet, wenn sie deren zentrale Aussagen ins Gegenteil verkehrt, bleibt unklar.

Unter der Online-Veröffentlichung des Artikels war es scheinbar möglich, Kommentare abzugeben. Tatsächlich berichteten mir mehrere Leser meines Blogs "Genderama", dass ihre korrigierenden Kommentare zu der Studie nicht veröffentlicht wurden. Erst mehrere Tage später, nachdem ich in meinem Blog über diese Praktik berichtet hatte, stellte die "taz" die eingegangenen Richtigstellungen online. Zu diesem Zeitpunkt war der Artikel eine Woche alt, und die Aufmerksamkeit der "taz"-Leser hatte sich längst anderen Themen zugewendet.

Dabei ist die "taz" keine Ausnahme. Auch Spiegel-Online phantasiert die Täter als rein männlich. Bei den Opfern ist zwar von "Schülern" die Rede (ohne wie in den englischsprachigen Artikeln zu verdeutlichen, dass es wirklich nur um Jungen geht), aber auch hier täuscht eine beigefügte Passage vor, dass von männlichen Tätern und weiblichen Opfern die Rede sei: "Bereits kurz vor der Jahrtausendwende hatten CIET-Mitarbeiter mit einer ähnlichen Statistik für Furore gesorgt. Damals hatten sie 4000 Frauen befragt, von denen jede Dritte von einer Vergewaltigung zu berichten wusste. Ein Drittel der 1500 männlichen Befragten hatte hingegen erklärt, Massenvergewaltigungen seien eine 'lustige Sache'. Wenige Jahre später hatte die Südafrikanerin Sonette Ehlers eine Vorrichtung ('Rapex') erfunden, mit der sich Frauen vor potentiellen Vergewaltigern schützen können sollten." Die in der Studie genannte hohe Rate weiblicher Täter bleibt von Spiegel-Online ungenannt. Durch der Lektüre des Artikels wird stattdessen die Klischeevorstellung von männlichen Tätern und weiblichen Opfern gefestigt.

Stöbert man einmal weiter, stößt man auf eine ganze Reihe von Artikeln, die nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Dass es überhaupt männliche Opfer gibt, wird in mehreren dieser Beiträge durch einen einzigen eingeschobenen Satz ansatzweise deutlich. ("Erzwungener Sex mit männlichen Jugendlichen galt bis zu einer Gesetzesänderung im Jahr 2007 in Südafrika nicht als Vergewaltigung, sondern wurde höchstens als unzüchtiges Verhalten geahndet.") Die eigentlich aufsehenerregende Aussage der Studie über die überraschende Täter- und Opferverteilung der Geschlechter bleibt aber regelmäßig außen vor: "In 20 Prozent aller Fälle gaben die Opfer an, der Täter sei ein Lehrer gewesen. Weitere 28 Prozent wurden von Mitschülern gezwungen, 18 Prozent von einem erwachsenen Familienmitglied und weitere 28 Prozent von einem Lehrer oder einer anderen Person, die nicht zum Familienkreis zählte." Von Frauen, von Täterinnen ist nie die Rede.

Nicht alle dieser Beiträge stammen aus Deutschland. So findet sich beispielsweise auch die größte Schweizer Gratiszeitung "20 Minuten" darunter. Der deutschsprachige Raum indes wird flächendeckend mit irreführenden Informationen bedacht.

Die Artikel stimmen inhaltlich so stark überein, dass man als Ursache für diese Misere wohl eine fehlerhafte Agenturmeldung annehmen darf, die etliche Journalisten im Originaltext übernommen haben – ohne in jedem Fall kenntlich zu machen, dass es sich um eine Agenturmeldung handelte, und ohne sich auch nur ein paar Minuten Zeit für eine Gegenrecherche zu nehmen, also die Studie im Netz ausfindig zu machen und ihre in einem Absatz vorangestellte Zusammenfassung zu lesen. Diese Rechercheleistung bleibt Bloggern wie uns (bzw. unseren Informanten) überlassen. Wenn man allerdings Journalisten fragt, wie sie sich im Vergleich zu Bloggern sehen, dann sind es regelmäßig die Journalisten, die aufwändige und ruhmreiche Recherche leisten, während Blogger zu unfähig dazu seien.

Man muss es sich wohl noch einmal in Erinnerung rufen: Es gibt hierzulande keine staatliche Zensur oder staatlich vorgegebene Regeln der Berichterstattung. Bei uns herrscht Pressefreiheit. Genutzt wird diese, indem ein Journalist stupide vom anderen abschreibt, solange er dabei nur auf den Gleisen der herrschenden Meinung bleibt. Infolgedessen wirken unsere traditionellen Medien wieder und wieder wie gleichgeschaltet. Und sobald man darauf aufmerksam macht, ist bei etlichen Journalisten die Empörung groß.

Linkliste:

Südafrikanische Studie

korrekte Berichterstattung in der "Montreal Gazette"

irreführende Berichterstattung bei der "taz"

irreführende Berichterstattung bei Spiegel-Online

irreführende Berichterstattung bei n-tv

irreführende Berichterstattung bei den "20 Minuten"

Der Spiegel erhebt sich über "Die Beta-Blogger"


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