07. August 2008

Islam "Man kann immer noch nicht über Mohammed schreiben"

Hat Bertelsmann die Terroristen gewinnen lassen?

Ein neuer Bericht über einen Fall von Zensur im Zusammenhang mit muslimischen Empfindlichkeiten jagt gerade wie ein Lauffeuer durchs Internet. Er erschien unter der Überschrift "You Still Can't Write About Muhammad" am Mittwoch im "Wall Street Journal"; gibt man diese Überschrift heute ins Suchfeld von Google ein, erhält man bereits fast 3000 Treffer. Die islamkritische Szene ist schließlich bestens vernetzt – und dies ist einer der Fälle, wo ihre Empörung verständlich ist.

Die Kurzfassung der Geschichte: Der Washingtoner Journalistin Sherry Jones gelang es mit dem Verlag Random House (seit zehn Jahren im Besitz von Bertelsmann) einen Vertrag über einen erotischen Roman abzuschließen, der auf fiktionale Weise das Leben Aishas behandelt, der Überlieferung nach eine der Frauen Mohammeds. Für Jones Geschichte über "Lust, Liebe und Intrigen im Harem des Propheten" werden ihr 100.000 Dollar zugesagt. Das Buch soll unter dem Titel "The Jewel of Medina" am 12. August erscheinen. Random House verschickt, wie das Verlage zu tun pflegen, vor der Veröffentlichung Druckfahnen an ausgewählte Vorab-Leser, offenbar verbunden mit der Hoffnung auf als Zitat verwertbares, werbewirksames Lob. Eine der Empfängerinnen dieser Fahnen ist die Professorin Denise Spellberg, Expertin für den Islam an der Universität Texas. Diese ist dermaßen entsetzt über den in ihren Augen höchst anstößigen Text, dass sie einen Gastdozenten eines ihrer Seminare, der auch eine muslismische Website betreibt, darum bittet, Muslime vor diesem Roman zu warnen. Diese Warnung wird von anderen übernommen, sie beginnt durchs Internet zu ziehen. Prompt schlägt jemand, der unter dem Namen Ali Hermani schreibt, eine Sieben-Punkte-Strategie vor, um sicherzustellen, dass die Autorin dieses Buch zurückziehe und sich bei allen Muslimen der Welt dafür entschuldige. Wie es bei Büchern mit möglicherweise provokantem Inhalt üblich ist, entsteht solche Erregung bei Einzelnen schon, bevor sie in diese Bücher auch nur einen Blick hinein geworfen haben. (Ich weiß, wovon ich rede.)

Professorin Spellberg warnt inzwischen die Lektorin eines Tochterverlages von Random House vor einer "erheblichen Gefahr für das Verlagsgebäude und das Personal" sowie vor weit verbreiteten Gewaltakten. Das Buch sei "eine Kriegserklärung" und ein Thema für die nationale Sicherheit. Die muslimischen Reaktionen könnten die Empörung über die "Satanischen Verse" Salman Rushdies und die dänischen Mohammed-Karikaturen noch in den Schatten stellen, weshalb das Buch so schnell wie möglich zurückgezogen werden sollte. Und tatsächlich lässt Random House schließlich der Autorin mitteilen, aus Furcht vor möglichen Gewaltakten durch eine kleine, radikale Fraktion und wegen entsprechender Bedenken für die Sicherheit der Angestellten von Random House werde die Veröffentlichung des Buches auf unbestimmte Zeit verschoben.

Geschichten wie diese lassen tatsächlich Zweifel daran aufkommen, ob unsere Gesellschaft noch klar bei Verstand ist. Insbesondere die Bereitwilligkeit, mit der sich manche Verlage (noch dazu Branchenführer!) unter Druck setzen lassen, ist beispiellos. In diesem Fall bedurfte es dazu keines einzigen muslimischen Terroristen, sondern lediglich einiger vereinzelter Hysteriker aus dem Internet und eine amerikanische Professorin. Aber selbst der hypothetischen Gefahr von islamischen Terrorakten bedarf es für derlei Entscheidungen nicht: Das illustriert nicht besser als die Veröffentlichungsgeschichte von Bret Easton Ellis "American Psycho": Dieser Roman, in dem auch Gewalthandlungen gegen Frauen geschildert werden, brachte einige Leserinnen von Vorab-Auszügen dermaßen auf die Palme, dass sie an den Autor Hassmails und Morddrohungen schickten. Der Verlag, der das Buch ursprünglich herausbringen wollte, trat schließlich von dem Vertrag zurück; in diesem Fall fand sich allerdings ein anderer Verleger, der in die Bresche sprang. Deutschland war das einzige Land der Welt, wo dieses Buch für ein paar Jahre auf dem Index landete. Auch bei meinem eigenen Buch "Sind Frauen bessere Menschen?" bekam ich von einem deutschen Branchenführer zu hören, man wolle das Buch bei aller Zustimmung nicht veröffentlichen, weil man Angst vor feministischer Randale und Etikettierungen mit "Frauenfeindlichkeit" habe, die den gesamten Verlag treffen könnten

Man kann sich natürlich wieder einmal auf den Standpunkt stellen, ob ein Verlag ein Buch veröffentliche oder nicht, sei alleine den wirtschaftlichen Abwägungen der Geschäftsführung zu überlassen. Wenn diese zu dem Urteil gelangt, dass die möglichen "Kosten" (öffentliche Empörung, Gewaltdrohungen etc.) den möglichen Gewinn übersteigen, sollte man es ihr nicht ankreiden, wenn sie von dem Vertrag zurücktritt. Das mag sein. Es mag aber auch sein, dass man es den Verlagen als Leser nicht allzu leicht machen sollte, von ihren immer wieder selbst propagierten Idealen von Meinungsfreiheit und Aufklärung abzuweichen.

Wenn dies doch geschieht, kann es durchaus die Aufgabe von liberalen, an Meinungsvielfalt interessierten Bürgern sein, auf solche Vorkommnisse aufmerksam zu machen – so wie ich das gerade tue. Leider wird dieses Engagement nicht unbedingt dadurch erleichtert, dass es inzwischen eine sehr lautstarke Szene von Leuten gibt, für die solche Vorfälle Wasser auf ihren Mühlen darstellen, sämtliche Muslime als ständig gewaltbereite Fanatiker darzustellen – und die sich dabei auch nicht daran stören, dass diese Fälle inzwischen fast gänzlich ohne solche Fanatiker ein Eigenleben entwickelt haben. Nur zu gut erinnert man sich an die sogenannte "Scharia-Richterin" von Frankfurt am Main, die befunden hatte, eine Blitzscheidung vor Ablauf des Trennungsjahrs sei auch beim Auftreten häuslicher Gewalt dann nicht statthaft, wenn die Ehe unter marokkanischem Recht und auch auf der Grundlage des Korans geschlossen worden sei. Mehrere Juristen erklärten, die Richterin habe sich bei ihrer Entscheidung lediglich an die deutsche (!) Rechtsordnung gehalten, während die Sprecher muslimischer Verbände wie des Islamrats sowie des Zentralrats der Muslime erklärten, dieses Urteil nicht nachvollziehen zu können: Einer misshandelten Frau sei es auf keinen Fall zuzumuten, die Ehe weiterzuführen. Dem unbenommen schwadronierten unsere inzwischen aufgestachelten Journalisten, von Alice Schwarzer angefangen, unser Rechtssystem werde von islamischen Kräften unterwandert, und der unvermeidliche Udo Ulfkotte erklärte in einem Interview, es wundere ihn nicht, "dass jetzt selbst eine Richterin dem öffentlichen Druck von Muslimen nachgibt." So darf man wohl auch in diesem aktuellen Fall um ein von der Veröffentlichung zurückgezogenes Romanmanuskript davon ausgehen, dass dafür die gesamte muslimische Gemeinschaft in Sippenhaft genommen wird.

Es gibt allerdings eine weitere Untiefe dieser Debatte, über die mancher kundige Leser bereits gestolpert sein mag. Der Roman soll – nach allem, was über das zurückgehaltene Manuskript zu hören war – auch eine Szene enthalten, in der Aisha ihre Hochzeitsnacht mit Mohammed schildert: "Mohammed war so sanft. Ich spürte kaum, den Stachel des Skorpions. In seinen Armen zu liegen, Haut an Haut, war die Wonne, nach der ich mein ganzes Leben gesucht hatte." Zwei Dinge sind bei dieser Passage problematisch: Zum einen natürlich ihr unerträglicher Kitsch, zum anderen aber dass Aisha nach momentan herrschender Auffassung der Islamforscher bei ihrer Heirat mit Mohammed sechs und beim ersten Geschlechtsverkehr neun Jahre alt gewesen sein soll. Damit wäre "The Jewel of Medina" (wenn die Autorin keine Minderheitenposition über eine ältere Aisha vertreten hätte) nicht nur Kinderpornographie, sondern sogar Kinderpornographie, die den sexuellen Missbrauch aus Sicht des Opfers als besonders erfüllend beschreibt. Hier wären dann bei aller Liberalität zumindest meine persönlichen Toleranzgrenzen erreicht. Für die jederzeit empörungsbereiten "Islamkritiker" indes wäre der Roman somit auf jeden Fall ein Skandal gewesen – egal ob die Schlagzeilen in den Blogs "Bertelsmann knickt ein aus Angst vor Muselterror" gelautet hätten oder "Bertelsmann verherrlicht sexuellen Missbrauch von Mohammeds neunjähriger Frau".

Ich für meinen Teil habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Grenzen weniger zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen verlaufen sehe als zwischen hysterischen Irren auf der einen Seite und differenzierten Denkern auf der anderen. Viele Amerikaner betrachten die aufgeklärten Muslime als ihre "first line of defense", ihre erste Verteidgungslinie gegen die religiösen Fanatiker. An dieser Stelle sollte man darauf hinweisen, dass auch Asra Q. Nomani, die die Geschichte über den zurückgezogenen Roman überhaupt erst im "Wall Street Journal" publik machte, selbst Muslimin ist. In ihrem Artikel schildert sie, wie sehr sie diese Vorkommnisse aufregten und betrübten. Entgegen den Aussagen von Professorin Spellberg gebe es das Genre der "historischen Fiktion" sehr wohl auch im Islam. Und für alle, die glaubten, das Leben des Propheten könne nicht auch Geschichten um Lust, Zorn und Zweifel umfassen, genüge ein Blick in den Koran, wo es heiße, Gott habe Mohammed beauftragt, den anderen mitzuteilen: "Ich bin nur ein Sterblicher wie ihr."

Wall Street Journal: "You Still Can't Write About Muhammad"

"Has Random House Let the Terrorists Win?"


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