Arne Hoffmann

Jg. 1969, Medienwissenschaftler und Journalist. Regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift eigentümlich frei.

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Politik und Medien: Feuer frei auf Liberale!

von Arne Hoffmann

Wie Gewalt entstehen und wozu sie führen kann

02. August 2008

Ich muss sagen: Die Idee von Chris Vigelius, unter einer Überschrift wie "Fundstücke" auf mehrere erwähnenswerte Artikel gesammelt zu verlinken, hat einiges für sich. Es gibt in einer Woche immer wieder so viele interessante Meldungen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, auf die man aber doch sehr gerne hinweisen mag. Verzeihen Sie mir also bitte, wenn es in diesem Artikel immer wieder zu kleinen Gedankensprüngen kommt. Bei dieser Hitze steht mir der Sinn statt nach tiefschürfenden Analysen auch eher nach einer leichten Sommerplauderei

Haben Sie zum Beispiel von dem Amoklauf gehört, der sich diese Woche in den USA ereignete? Kann sein, dass Ihnen diese Meldung entgangen ist: Den meisten Zeitungen war sie hierzulande nur ein paar Zeilen unter "Vermischtes" wert. Schließlich gab es ja auch nur zwei Tote und eine Reihe von Verletzten, außerdem war der Täter kein Moslem. Bemerkenswert im Rahmen unseres Magazins war allerdings die, öhm, Zielgruppe des Täters. Es handelte sich um Liberale. Wobei "Liberale" in diesem Fall heißt: zum Beispiel Schwule, Farbige und Leute, die sich für diese Menschen einsetzen. Ebenfalls interessant: Beim Amokschützen fand man die politischen Traktate von Leuten wie Bill O'Reilly, Michael Savage, Sean Hannity und Co.

Nicht jedem deutschen Leser werden diese Namen etwas sagen. Die Betreffenden wurden vor allem durch Nachrichten und Kommentare im amerikanischen Fernsehen und Radio bekannt. Sie gehören alle der neokonservativen Strömung an und veröffentlichten mehrere Bestseller, in denen sie ihre Ansichten ausbreiteten und deren Titel häufig schon für sich sprechen. So etwa "Deliver Us from Evil. Defeating Terrorism, Despotism and Liberalism" von Sean Hannity, "Liberalism is a Mental Disorder" von Michael Savage und so weiter. (An der bei den Sowjets beliebten Methode, Dissidenten öffentlich als Geisteskranke darzustellen, bedienen sich amerikanische wie deutsche Neokonservative gerne.) Zufällig habe ich gerade diese Woche ein Buch gelesen, das über die Schriften dieser Leute einen guten Überblick bietet: Lisa Adams und John Heaths "Why We Read What We Read", eine Analyse der gegenwärtigen Bestseller in den USA und was diese über die Kultur ihrer Gesellschaft aussagen. Die Autoren vertreten recht überzeugend die These, dass die Bücher von O'Reilly, Savage und Co. deshalb so erfolgreich sind, weil sie ihren Lesern erstens bestätigen, was diese eh schon zu wissen glauben, und weil sie zweitens ein so übersichtliches Weltbild zeichnen: die Mächte des Lichts gegen die Mächte der Finsternis. "Mächte des Lichts" bedeutet: Gott, jüdisch-christliche Kultur, Moral, Vereinigte Staaten, Konservative, Republikaner. Die "Mächte der Finsternis" sind dann logischerweise: Atheismus oder Islam, moralischer Relativismus, Terrorismus, (Links-)Liberale, Demokraten. Da kann man schon verstehen, dass ein überzeugter Leser den Kampf gegen die Schatten nicht nur im Irak, sondern auch zu Hause führen will.

Allerdings war so ziemlich das erste, das mir beim Lesen der erwähnten Nachrichten durch den Kopf gegangen ist: Wenn man hierzulande bei einem Amokläufer bestimmte Computerspiele, Platten oder Comics findet, geht fast zwangsläufig eine Riesendebatte los, ob man diese Medien nicht verbieten oder auf den Index setzen sollte. Wenn die Amis genauso drauf wären, wäre bei ihnen eine komplette Hälfte ihres politischen Spektrums wegzensiert. Was allerdings niemand zu befürchten braucht. Stattdessen gab es diese Woche neue Meldungen über tiefgehende Verflechtungen zwischen den neokonservativen Journalisten und dem Weißen Haus. Sarkastisch formuliert: Propagandaleute der Regierung Bush haben sich über Jahre hinweg als Journalisten ausgegeben und waren in dieser Funktion für den Sender "Fox News" tätig. Von Idealen wie Wahrheit, Transparenz oder gar den Medien als Kontrolleuren des Staates blieb nichts mehr übrig.

Ah, sehen Sie, da fällt mir noch was ganz anderes zum Thema Medien ein: Diese Woche erschien unter der sonderbaren Überschrift "Mädel verpflichtet" ein bemerkenswertes Interview in der "Süddeutschen Zeitung" zum Thema Sprachpolitik. "Es gibt Worte, die man nicht benutzen sollte, weil sie politisch missbraucht wurden" heißt es im einleitenden Absatz. Tatsächlich erklärte der befragte Sprachforscher, Thorsten Eitz (Herausgeber eines "Wörterbuchs der Vergangenheitsbewältigung"), im Interview das Gegenteil: "Wir wollen niemandem vorschreiben, dass er bestimmte Worte nicht benutzen darf." Aber er sagte noch ein paar andere wirklich interessante Dinge. Zum Beispiel, wie inflationär es geworden ist, sich gegenseitig als Nazis zu beschimpfen: "Der NS-Vergleich ist die treffsicherste Variante, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Sowohl die attackierten Gegner als auch Journalisten reagieren reflexartig und empört." Als heikel empfindet Eitz es darüber hinaus, wenn etwa die katholische Kirche Abtreibung als "Kinder-Holocaust" bezeichne oder die Umweltbewegung Slogans wie "Gorleben ist Holocaust" verwende. Auch hier werde durch den inflationären Gebrauch ein Wort abgenutzt: "Wenn irgendwann jeder mit Hitler verglichen wurde, wird Hitler irgendwann kein böser Mensch mehr sein."

Das erinnerte mich spontan an einen Absatz meines Buches "Warum Hohmann geht und Friedman bleibt", in dem es um das Thema Holocaust-Leugnung geht. Wie viele andere Liberale finde ich es bedenklich, wenn eine bloße Meinungsäußerung, und sei sie noch so irrwitzig, mit einer Haftstrafe sanktioniert werden kann. Besonders irritiert und besorgt äußerte ich mich in meinem Buch darüber, dass der Begriff "Holocaust-Leugnung" immer weiter gedehnt wird. So definiert die von Eberhard Jaeckel herausgegebene "Enzyklopädie des Holocaust" als "Auschwitz-Lüge" nicht allein die Leugnung des Holocaust oder die Kritik der behaupteten Opferzahlen als weit übertrieben, sondern auch eine Form der Äußerung, bei der "der Judenmord als Ergebnis gezielter Politik bestritten sowie die tendenziöse und trivialisierende Behauptung aufgestellt wird, dass dieser Vorgang nicht einmalig gewesen sei, sondern Vorläufer gehabt habe, die sogar als Vorbild gedient hätten." Das alles unter Sanktion zu stellen – damit walzt man eine komplette geschichtswissenschaftliche Debatte unter dem Vorwand höher Moral platt.

Und siehe da: Vor kurzem war Kollege Broder so freundlich, meine Befürchtung, der Begriff "Holocaust-Leugnung" werde immer weiter gedehnt, durch ein eigenes Beispiel zu unterfüttern. Broders Argumentation: "Dann gibt es die zweite Holocaust Leugnung. Das sind Leute die behaupten, dass Ahmadinedschads Politik für Israel keine Gefahr darstellt. Das heißt, die einen wenigen leugnen den Holocaust, der passiert ist, und die nächsten bestreiten, dass es im Nahen Osten demnächst einen Holocaust geben könnte. Nach meinem Dafürhalten sind die zweiten viel gefährlicher. Das sind die Antisemiten des 21 Jahrhunderts". Das nenne ich doch mal eine kreative und vor allem ausbaufähige Neudefinition: Vor allem wenn man bedenkt, dass hierzulande auf "Holocaustleugnung" bis zu fünf Jahren Haft steht. Zuende gedacht sollte man also wohl alle wegsperren, die NICHT glauben, dass der Iran Israel überfallen will. Keine schlechte Idee, die man unbedingt weiterverfolgen sollte: Im Gefängnis ist man wenigstens vor Amokläufern sicher, die es auf Liberale abgesehen haben.

Ich muss den Kollegen Broder hier aber auch ein wenig in Schutz nehmen: Ich glaube kaum, dass es ihm darum geht, den tatsächlich stattgefundenen Holocaust durch einen imaginierten zu verharmlosen. Sondern eher darum, darauf hinzuwirken, dass man beim Vorgehen gegen den Iran endlich ein paar Hemmungen fallen lässt. Die neokonservative Regierung in Washington scheint seit einiger Zeit derart verzweifelt nach einem Kriegsgrund zu suchen, dass dem Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh zufolge von Vizepräsident Cheney und seinen Gesellen sogar erwogen wurde, US-Marinesoldaten als Iraner zu verkleiden, sie auf gefälschte iranische Schnellboote zu stellen und auf sie zu schießen. Im Vergleich dazu nimmt sich die Rhetorik eines wieder mal drohenden Holocausts geradezu harmlos aus. Vor fünf Jahren war eben Saddam Hitler, heute ist es Ahmadinedschad, in fünf Jahren sind vielleicht Syrien oder Pakistan das neue Dritte Reich. Auf diese Weise kommt man vielleicht auch besser über die eine Million toter Irakis (und geschätzten anderthalb Millionen Flüchtlingen) zurecht, die der Überfall der USA auf den Irak inzwischen gekostet haben soll.

Ja, ich weiß, dass z. B. die von der Regierung Bush genannten Zahlen deutlich niedriger liegen. Die Untersuchungen, die auf geschätzte eine Million Toter kommen, finden bezeichnenderweise auch keine Erwähnung in unseren Leitmedien, sondern lediglich auf Websites wie dem "Project Censored" – letzeres mit Bezug auf eine Studie der britischen Forschungsgruppe ORB (Opinion Research Business), die überzeugend darlegt, keinerlei politische Interessen zu haben, sondern nur möglichst genau die Todesopfer abschätzen zu wollen. Ich kann bestens verstehen, dass unsere Journalisten sich an solchen Zahlen nicht die Finger verbrennen wollen. Schließlich erinnere ich mich noch gut an das empörte Pusten und Schnaufen der Neokonservativen, als vor ein paar Jahren die akademische Zeitschrift "The Lancet" 600.000 Getötete ermittelte. Und auch diese neokonservative Empörung verstehe ich gut: Wenn ich selbst mir Zeitungsartikeln und Blogbeiträgen alles mir mögliche getan habe, um auf diese Opfer überhaupt erst hinzuarbeiten (so wie jetzt beim Iran), dann möchte ich ihre Zahl danach natürlich so klein wie möglich rechnen. Und zwar, ohne dass ich mir danach "Massenmord-Leugnung" vorwerfen lassen will. 100.000 Tote beispielsweise wären ja auch viel übersichtlicher und praktisch zu vernachlässigen. He Leute, es geht um den Krieg der Kräfte des Lichts gegen die der Finsternis! Wer sich da über zahllose tote Musels entsetzt, der fängt auch an zu heulen, wenn im "Herrn der Ringe" massenweise Orks getötet werden.

Aus islamischer Sicht sähe das natürlich anders aus: Selbst hunderttausend Tote entsprächen mehr als dem Dreißigfachen der Toten des 11. September. Welche die USA bis jetzt dazu gebracht haben, zwei Kriege zu beginnen. Würde die islamische Welt genauso reagieren wie der Westen, dann müssten wir rein mathematisch mit sechzig weiteren Kriegen rechnen. Was für uns natürlich nur ein weiterer Beleg für die Gewaltbereitschaft des Islams wäre, gerade im Vergleich zu uns friedliebenden Westlern. Aber daran glauben wir ja sowieso, auch wenn die muslismischen Staaten nicht so reagieren wie die Staatsführung der USA.

Wie gesagt: Das Herunterrechnen der Toten durch die Neokonservativen kann ich wunderbar verstehen. Was ich nicht verstehe, ist, dass so viele Journalisten hierzulande sich das bieten lassen. Man muss sich der Studie des ORB ja nicht anschließen, aber warum wurde hierzulande außer von Telepolis von keinem größeren Medienformat auch nur darüber berichtet? Es ist wohl kaum anzunehmen, dass unsere Journalisten den Neocons ihre Alles-halb-so-schlimm-Zahlen ganz einfach glauben. Ich meine, kommt schon: Diese Leute haben uns wieder und wieder hinten und vorne belogen, solange es ihren Interessen diente, und jetzt auf einmal sollen sie damit aufhören? Im November 2006 erklärte CIA-Diektor George Tenet dem Magazin "Der Spiegel" folgendes in einem Interview: "Die Öffentlichkeit wird nur auf der Grundlage dessen informiert, was sie wissen muss. Vor diesem Hintergrund würde ich sagen, dass es da so etwas wie ein unentdecktes Land von Aktivitäten gibt, die wir in den letzten fünf Jahren durchgeführt haben." Also das ist nun wirklich Verarsche auf Ansage. Für viel wahrscheinlicher halte ich das große Schweigen der Medien über die Opferzahlen im Irak deshalb, weil die meisten Journalisten nicht als "anti-amerikanisch" oder gar "antisemitisch" gebrandmarkt werden wollen. Wobei auch da jeder auf beiden Seiten des Spielfelds weiß, dass diese Worte, wenn sie von neokonservativer Seite kommen, den Kritikern einfach nur den Mund stopfen sollen. Ab und zu stößt man auf den einen oder anderen Naivling, der sie für bare Münze nimmt (gerade die sogenannten "Antideutschen" sind hier leichte Beute), aber deren Zahl bleibt doch ausgesprochen klein.

An dieser Stelle muss ich anerkennend sagen: Die amerikanischen Journalisten gehen mit diesem Dauerfeuer an Unterstellungen von Antisemitismus inzwischen couragierter um als unsere. Zumindest, wenn ich nach Joe Klein gehe, einem Redakteur des bekannten "Time"-Magazins: Klein war in der Vergangenheit als "antisemitisch" und "geistig instabil" beschimpft worden und man hatte auf seine Entlassung bei diesem Magazin gedrängt, weil er etwas sagte, das er in seinem aktuellen Beitrag ("When Extremists Attack") als "offensichtlich wahr, aber in höflicher Gesellschaft mit Stillschweigen belegt" bezeichnet: dass es eine kleine Gruppe jüdischer Neokonservativer gebe, die auf einen Krieg mit dem Iran drängen, weil sie glauben, dass dieser langfristig im Interesse Amerikas wäre, und weil sie glauben, dass es um Israels Existenz gehe. Wozu Joe Klein klipp und klar sagt: "Diese Leute irren sich und die Geschichte hat gezeigt, dass sie gefährlich sind. Sie sind auch Tyrannen und ich werde mich nicht von ihnen einschüchtern lassen. (...) Meine Stimme ist im großen Gesamtzusammenhang nicht sehr wichtig, aber ich werde meinen Job erledigen, und das bedeutet, dass ich Ihnen klar mitteile, wo ich stehe und woran ich glaube."

Vermutlich kann Klein dankbar sein, dass noch niemand auf ihn geschossen hat. Stattdessen sorgte in den vergangenen Tagen sein furioser Artikel in der internationalen Blogosphäre für beträchtliche Aufmerksamkeit, wobei viele Reaktionen geradezu begeistert ausfielen: "Klein grows a spine" war eine typische Überschrift. Auch die Kommentare unter Kleins Beitrag sind mehr als deutlich. ("Just remember that extension of Godwin's Law: When people start calling you a self-hating Jew, they have officially lost the argument.") Beklagt wurde allerdings das "ohrenbetäubende Schweigen" der jüdischen Gemeinschaft zu den Anmaßungen derer, die sich als ihre Sprecher ausgeben. Eine große Zahl von Amerikanern scheint es jedenfalls mehr als satt zu haben, mit welcher Perfidie die von Klein skizzierten "Tyrannen" bei ihren Unterstellungen vorgehen – das Resultat ist ein um so heftigeres Auflodern des liberalen Feuers.


Quellenangaben

"All Liberals should be killed"

Die neokonservative Leseliste des Amokschützen von Knoxville

Weißes Haus versorgt "Fox News" mit Scripts für deren Beiträge

"Broder und der Holocaust"

"To Provoke War, Cheney Considered Proposal To Dress Up Navy Seals As Iranians and Shoot At Them"

"United States directly responsible for over one million Iraqi deaths since the invasion"

Joe Klein: "When Extremists Attack"

"Joe Klein on Neoconservatives and Iran"

"On Joe Klein and the Jewish Neoconservatives"

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