05. Juli 2008

Der „Elefantenmensch“ Politische Gehege und menschliche Zoos

Über das Schicksal Joseph Carey Merricks

Die schaurige, faszinierende Existenz und der frühe Tod von Joseph Carey Merrick, bis heute besser bekannt als „der Elefantenmensch“, ist nicht nur ein sehr plakatives Beispiel in der prinzipiellen, durch Wille und Suche nach Sinn bestärkten Existenzbejahung, sondern auch ein hervorragendes Lehrstück über jene behindernde bis zerstörerische Kraft, die öffentliche Institutionen mittels hoheitlicher Gewalt gerade über die Ärmsten und Elendesten zu entfalten in der Lage sind. Bestenfalls mit dem festen Willen angetreten, das Los der „Unglücklichen“ zu verbessern, pflastern sie ihnen, wie ein englisches Sprichwort so treffend formuliert, mit den schlechten Folgen ihrer guten Vorsätze den Weg auf den Vorhof zur Hölle. Joseph Carey Merricks in mehrfacher Hinsicht extremes Schicksal steht in vielerlei Hinsicht wie kaum ein zweites für die Kälte der anonymen Sozialbürokratie und die Wärme privater Familien- und Freundschaftsbande.

Geboren wurde Joseph am 05.08.1862 im Leicester des viktorianischen Englands. Bereits von Geburt an litt er unter einer bis heute nicht genau diagnostizierten genetischen Störung, die Haut, Gewebe und Knochen sehr weit über das natürliche Maß wuchern ließ. Bereits als Kleinkind setzte die Tumorbildung am Gesicht ein, die bis zu seinem Tod mit Ausnahme des linken Arms und des Genitalbereichs seinen ganzen Körper befallen sollte und ihn zum wohl deformiertesten lebensfähigen Exemplar der menschlichen Gattung mutieren ließ. Geistig entwickelte sich Joseph allerdings völlig normal und dank einer ihn liebevoll umsorgenden Mutter erhielt er zunächst auch die für einen jungen Menschen so wichtige beiderseitige emotionale Zuwendung. Unglücklicherweise starb seine Mutter Mary Jane Merrick an einer Lungenentzündung am 19. Mai 1873. Sie hinterließ neben Joseph seine beiden jüngeren Geschwister William Arthur und Marion Eliza. Der Vater heiratete kurz darauf die Vermieterin der nun mutterlosen Familie, die ihren Ehemann zunehmend dazu nötigte, den missgestalteten und von ihr ungeliebten Joseph, unter dessen auffälligem Äußeren sie ihren gesellschaftlichen Ruf leiden sah, zunächst zeitweise und schließlich vollständig aus der familiären Umgebung zu verbannen. Joseph Merrick bewohnte infolgedessen die Armen- und Arbeitshäuser Leicesters, brachte sich immerhin selbst Lesen und Schreiben bei und schlug sich, oft verspottet und bedrängt, in den folgenden Jahren als Straßenverkäufer für diverse Trödelartikel durch. Seine äußere, nach konventionellen Maßstäben zunehmend absonderliche Form setzte jedoch vertrieblichen Aktivitäten ihre Grenzen, und auch für handwerkliche Tätigkeiten, unter anderem in einer Tabakfabrik, erwies er sich bei allem Eifer als körperlich ungeeignet. Das daraus erzielte niedrige Einkommen ermöglichte kaum mehr als eine Mangelernährung, geschweige denn ärztliche Betreuung. Diese Lebensweise forderte ihren gesundheitlichen Tribut, und Joseph wäre wohl in den Straßen Leicesters an einer der zahlreichen Infektionskrankheiten jener Tage gestorben, hätten sich seine Wege nicht mit dem englischen Schausteller Sam Torr und später mit dessen Kollegen Tom Norman gekreuzt. Nicht ganz uneigennützig, jedoch stets mit dem gebotenen Anstand und der partnerschaftlichen Fairness, päppelten sie den siechenden Joseph Merrick auf, ließen ihn, wenn auch hinsichtlich seiner Grunderkrankung erfolglos, medizinisch betreuen und verschafften ihm in ihren Varietés, „Freak Shows“ genannten menschlichen Kuriositätenkabinetten, einer in jenen Tagen äußerst populären Unterhaltungsform, eine Anstellung. Als Elefantenmensch avancierte Joseph unter Tom Norman zu einer passablen Berühmtheit, eine für seine Zukunft nicht ganz unerhebliche Tatsache. Eine vertraglich vereinbarte Umsatzbeteiligung ermöglichte ihm zudem nicht nur, ein kommodes Leben zu führen, sondern darüber hinaus auch noch Rücklagen in Höhe von, je nach Quelle, 50 bis 200 Pfund zu bilden, also etwa dem ein- bis vierfachen Durchschnittsjahreseinkommen eines englischen Facharbeiters. Ein junger Chirurg namens Dr. Frederick Treves besuchte in jenen Tagen die Freak Show, als diese gerade gegenüber seiner Wirkungsstätte, dem Whitechapel Hospital in London, gastierte. Die bizarre Gestalt des Elefantenmenschen erregte sein wissenschaftliches Interesse, und nach einem persönlichen Gespräch stellte er Joseph am 2. Dezember 1884 der Pathologischen Gesellschaft Londons vor. Sie sollten sich knapp eineinhalb Jahre später unter wesentlich unglücklicheren Bedingungen wieder begegnen. Denn kurze Zeit nach diesem Ereignis wurden die Freak Shows aus humanitären Gründen in England verboten, und Joseph suchte sein Glück im kontinentaleuropäischen Belgien, wo er an einen betrügerischen Schausteller geriet, der ihn zunächst um alle seine Ersparnisse brachte und schließlich hilfs- und mittellos aussetzte. Entkräftet und wiederum bei schlechter Gesundheit schaffte er es dennoch irgendwie, über den Kanal zu setzen und sich bis zur Londoner Eisenbahnstation Liverpool Street zu schleppen, wo ihn die Polizei im Juni 1886 schließlich wieder auffand – in der Tasche eine Visitenkarte von Dr. Frederick Treves. So kam der nunmehr mittel- und erwerbslose Joseph zunächst im Whitechapel Hospital unter, allerdings mit ungewisser Zukunft, war es den englischen Krankenhäusern in jenen Tagen doch gesetzlich untersagt, unheilbar Kranke aufzunehmen. Lediglich seine durch Dr. Treves und die Krankenhausleitung publizistisch genutzte Popularität, die persönliche Intervention der Königsfamilie und die Spenden der Londoner „Times“-Leser an den privat aufgelegten Joseph-Merrick-Fund ermöglichten die Sicherstellung eines lebenslangen Zuhauses im Hospital und damit im Umkreis seiner neu- beziehungsweise wiedergewonnenen Freunde. Dort starb Joseph Carey Merrick am 11. April 1890 im Alter von 27 Jahren durch Ersticken. Ob er sich dabei freiwillig auf den Rücken gelegt hatte, um, wie er es mal gesagt hatte, wie ein normaler Mensch zu schlafen, oder dies Folge eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls war, ist ungeklärt. Das Gewicht der Tumore an Hals und Kopf zerquetschten ihm, der um zu atmen stets im Sitzen schlafen musste, in dieser Position die Luftröhre. Mysteriös wie sein Tod bleibt bis heute auch sein Leiden, das auf Elefantiasis, Neurofibromatose oder das Proteussyndrom zurückgeführt wurde. Auch ein DNA-Gutachten konnte keine entscheidende Klärung herbeiführen. Wahrscheinlich litt er, wie ein früherer Arzt gemutmaßt hatte, einfach an der Joseph-Merrick-Krankheit. Er selber, so wird kolportiert, glaubte bis zu seinem Tod daran, dass die Attacke eines Zirkuselefanten auf die mit ihm schwangere Mutter die Ursache seiner Erkrankung gewesen sei, eine Geschichte, die diese selbst ihm in seiner Kindheit erzählt hatte. Auch heute noch kann sich jeder von der physischen Verformung des „Elefantenmenschen“ überzeugen, denn bereits zu Lebzeiten hatte Joseph verfügt, seinen Körper nach dem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Auch wenn im Laufe der Zeit zahlreiche der konservierten Exponate verlorengegangen sind, sein gut erhaltenes Skelett ist bis heute im Museum des Royal London Hospital, ehemals Whitechapel Hospital, zu besichtigen. Die erste Biographie über den Elefantenmenschen wurde von seinem Freund und Arzt Dr. Frederick Treves, der 1901 angesichts seiner Verdienste von König Eduard VII. zum Ritter geschlagen wurde, verfasst und posthum im Jahr 1923 veröffentlicht. In diesem Buch gibt er, wohl um einer gewissen Anonymität willen, Merricks Vornamen mit John an, unter dem er bis heute fälschlicherweise bekannt ist. Bekannt wurde er zudem im Zusammenhang mit den Rippermorden von 1888, die sich just in jenem Viertel ereigneten, in denen Joseph sein Zuhause gefunden hatte, zu denen er aber physisch wohl kaum in der Lage war, allein die Außenseiterstellung weckte Verdachtsmomente.

Welche wesentlichen Erkenntnisse aus dem Lehrbuch des realen Lebens hinterlässt uns, 118 Jahre nach seinem Tod, das Schicksal des Joseph Carey Merrick?

Erstens: Gesetzliche Maßnahmen, die ein Individuum vor sich selber schützen sollen, gehen meist zu Lasten der vermeintlichen Schutzbefohlenen. Diese wiederum sind oftmals jene, denen die nunmehr wahlweise zugeführte Gerechtigkeit, Solidarität oder Befreiung jegliche Chance oder Anreiz nimmt, ihr Schicksal selbst zu bewältigen, und sie somit just zu unfreiwillig Schwachen macht, die eines „Schutzes“ bedürfen. Mit dem gesetzlichen Verbot der Freak Shows im viktorianischen England wurde Joseph Merrick die einzige Chance genommen, ein Leben in Wohlstand, wenigstens in materieller Selbstbestimmung, zu führen – es mag daher erstaunen, dass in Literatur und Kommentaren bis heute der Segensreichtum dieses Verbotes weithin gepriesen und in aktuellen, prinzipiell ähnlichen Fällen diskutiert wird. Das Verbot, welches Joseph und seine „Kollegen“ vor den hoheitlich als selbstausbeuterisch und entwürdigend eingestuften Blicken eines voyeuristischen Mobs schützen sollte, erniedrigte sie, die ohnehin in jeder Öffentlichkeit auffielen, zu abhängigen Bittstellern von Almosen. Diejenigen, die weiterhin aus ihrem Körper geschäftlich Kapital schlagen wollten, mussten ins Ausland oder in die Illegalität ausweichen, mit den bekannten Konsequenzen. Selbst 42 Jahre nach Merricks Tod, als der bekannte Hollywoodregisseur Tod Browning mit seiner Produktion „Freaks“ den deformierten Außenseitern der menschlichen Spezies ein cineastisches Denkmal setzte, erwirkte die Zensur mit ähnlicher Begründung in weiten Teilen der Welt ein Verbot des Films. Die ironische Note, welche einer Zwangsmaßnahme innewohnt, die einen Film zensiert, der gerade die Gegensätzlichkeit zwischen äußerem Erscheinungsbild und innerem Charakter optisch aufs Extremste reflektiert, fiel naturgemäß nicht auf. So ruinierte das Werk zwar den Ruf des Regisseurs, verschaffte im Gegenzug einigen seiner Hauptdarsteller jedoch veritable Karrieren.

Zweitens: Fürsorgegesetze vermögen zwar via Umverteilung und Bevormundung die Sorgen einiger, zuallererst der Mittelverwalter und hoheitlichen Entscheider selbst, zu mindern, erweisen sich jedoch in ihren zwangsläufig bürokratischen Plan-, Entscheidungs- und Durchführungsbestimmungen zu oft als höchst menschenverachtend. In dem Augenblick, als Joseph Merrick die Hilfe der Gesundheitsbürokratie am meisten benötigt hätte, nach seiner gescheiterten Belgientournee, als er sich mittellos, geschwächt und krank durch die Gassen Londons quälte, wäre ihm unter normalen Umständen ein Krankenhausaufenthalt verwehrt geblieben, denn dieser war unheilbar kranken Menschen nicht gestattet. Es bedurfte der gesetzesbrechenden Intervention der Königsfamilie, die in Kenntnis des unglücklichen Schicksals von „Englands Kind“, basierend auf Josephs Popularität aus der Zeit seiner Freak-Show-Auftritte, den verbindlichen Wunsch äußerte, dass ihm der Aufenthalt im Krankenhaus seines Freundes Dr. Frederick Treves gestattet werden möge.

Drittens: Wahre Solidarität manifestiert sich ausschließlich im Grad der Freiwilligkeit einer Hilfestellung. Während selbst gut gemeinter Zwang niemals mit einer altruistischen Moral widerspruchsfrei in Einklang gebracht werden kann, so ist selbst die egoistischste Spende ein gewaltloser Akt und Ausdruck einer selbst auferlegten Hilfsleistung, die zudem durch das enge Band zwischen Mittelvergabe und Mittelverwendung schnell, effizient und gezielt zu wirken in der Lage ist. Die öffentliche Wohlfahrt, die Arbeits- und Armenhäuser sowie zunächst das Krankenhaus selber, konnten oder wollten Joseph Merrick nicht helfen – viele seiner Mitmenschen aber sehr wohl. Wiederum begünstigt durch seinen einst erlangten Status sowie die Berichterstattung in der „Times“ gelang es rasch, die für seine lebenslange Versorgung erforderlichen Mittel einzuwerben. Dank der enormen Spendenbereitschaft schwoll der eigens auferlegte Joseph-Merrick-Fund auf ein Volumen an, das seinem Namensgeber zum ersten Mal seit seiner frühen Kindheit ein Zuhause ermöglichen konnte.

Viertens: Individualisierte persönliche Beziehungen ermöglichen dem Menschen jenen Kontext sinnstiftenden Daseins und eine über ihn selbst hinausgehende Entität, nach der er, oftmals verzweifelt, sucht. Joseph Merrick konnte, folgt man den biographischen Aufzeichnungen, trotz seines abstoßenden Äußeren schließlich jene tiefe Zuneigung erfahren, die doch so vielen anderen im Leben versagt bleibt. Vielleicht war es dieses Wissen beziehungsweise die Erfahrung um das eigene, wahrhafte Menschsein, die es ihm erlaubte, stolzen Hauptes aus dem Leben zu scheiden. Indes, Merricks lebenslange und tiefe Sehnsucht, als Mensch wahrgenommen zu werden, verdichtet in seinem wohl berühmtesten Appell, den er einem ihn gaffend auf offener Straße verfolgenden Mob verzweifelt anklagend entgegenschleuderte, bleibt in leicht abgewandelter Form zu allen Zeiten, da Politik das Individuum zu bändigen trachtet, gültig: Wir sind keine (politischen) Tiere, sondern (individuelle) menschliche Wesen!

Film

„Der Elefantenmensch“, Regie: David Lynch, 1980. An merkung: Obwohl schauspielerisch und atmosphärisch meisterhaft in Szene gesetzt und nah an der Originalbiographie krankt der Film an der dem Hauptdarsteller zugewiesenen Rolle. So wird Merricks Leidensweg als fast ausschließlich von äußeren Einflüssen abhängiger, lethargischer Zustand in Abhängigkeit eines alkoholkranken Bösewichts beschrieben.

„Freaks“, Regie: Tom Browning, 1932. Anmerkung: Der Film ist nur in englischer Sprache erhältlich. Mehrere Fragmente des Originals, etwa ein Drittel der gesamten Länge, gelten als verschollen, unter anderem das ursprünglich makabere Ende, welches durch eine versöhnlichere Happy-End-Fassung ersetzt wurde. Dennoch sehenswert, nicht nur zum Beweis, dass man selbst ohne Arme und Beine lernen kann, eine Zigarette zu drehen und anzuzünden.

Internet

Thailand: Neuer ’Menschenzoo’ eröffnet“, Die Zeit, Onlineversion vom 19.05.2008

Literatur

Howell, Peter / Ford, Peter: „The True History of the Elephant Man“, Great Britain Penguin Books, 1981.


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