Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

Das Dorenburg-Papier: Libertäre Thesen eines CDU-Politikers

von Robert Grözinger

Die Zerstörung der Lebenslügen einer sozialdemokratisierten Partei und Gesellschaft

Thomas Dorenburg, Büroleiter des CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus Riegert, hat ein längeres Diskussionspapier geschrieben, das in der jüngsten Ausgabe des ef-Magazins veröffentlicht wurde. Bemerkenswert an diesem Papier, dessen Lektüre sich unbedingt lohnt, ist, neben der Korrektheit der Analyse der Sozialdemokratisierung der Union, vor allem das ausführliche Zitieren klassisch-liberaler und libertärer Autoren, wie Röpke, Baader, Radnitzky und Mises, die sonst in parteipolitischen Debatten, wenn überhaupt noch, eine viel zu geringe Rolle spielen.

Der CDU-Funktionär Dorenburg kennt sich offensichtlich in der breiten libertären Gedankenwelt sehr gut aus – was allein schon ein gutes Zeichen ist. Kaum ein wesentliches Thema bleibt ausgespart, auch nicht das staatliche Geldmonopol und „staatlich institutionalisiertes Geldmanagement“, die „schwerste Attacken gegen die Gesundheit der Marktwirtschaft“ sind, wie er Roland Baader zitiert. Er räumt mit den Lebenslügen seiner Partei auf, redet Klartext über die eigentlichen, gesellschaftsverändernden Ziele führender Politiker beiderlei Geschlechts in dieser angeblich konservativen Partei und zeigt genau auf, warum die CDU bereits eine sozialdemokratische Partei ist: Die Freiheit zerstörende Sozialpolitik, das Andiskriminierungsgesetz, die Rentenpolitik Blüms, die Geschlechtspolitik in der antibiologistischen Tradition der „Frankfurter Schule“ von der Leyens, die Vergesellschaftung der Familie, der verlogene „Kampf gegen Rechts“, bei dem sich die CDU zum Büttel der Linksextremen degradieren lässt, eine Staatsquote von 57 Prozent, womit wir näher am Kommunismus sind als an der Marktwirtschaft. Schließlich, als Knalleffekt am Ende, weist Dorenburg auf die von seiner Fraktion permanent verletzte christliche Ethik hin, die dem Schutz des Eigentums einen sehr hohen Rang zuordnet.

„Für einen Sozialismus, gleich welcher Prägung“ – auch nicht für den von der CDU/CSU derzeit propagierten – „gibt das christliche Menschenbild nichts her“, schreibt der Christdemokrat. Deshalb skizziert Dorenburg auf der Grundlage dieses Menschenbildes eine minimalstaatliche Gesellschaftsordnung, in der institutionelle Vorsorge nur „für ernsthafte Schwierigkeiten“ geleistet wird, wie er Peter Ruch zitiert. „Hausbrand, Invalidität oder der Verlust der Eltern bei Kindern“ listet der zitierte Ruch beispielhaft für die Art von Schwierigkeiten, für die der Staat eine gewisse Leistung erbringen kann. „Das ändert jedoch nichts am Grundsatz“, führt Dorenburg das Zitat weiter aus, „dass Nächstenliebe und Solidarität zwischenmenschliche Ereignisse sind. Institutionelle Hilfestellungen sind immer nur unterstützend. Erklärt ein Gesetzgeber sie für vorrangig, so mag er die Argumente dafür suchen, wo er will. Bei der jüdisch-christlichen Ethik sind sie auf jeden Fall nicht zu finden.“ Eine größere Kritik an eine Partei mit dem großen C im Namen, die seit Jahren genau so eine Politik des Vorrangs für den Staat fährt, kann es nicht geben. Man kann von einem Parteipolitiker nicht erwarten, dass er der völligen Staatsfreiheit das Wort redet. Aber für einen derart minimalen Staat, wie Dorenburg ihn sich vorstellt, tritt in der westlichen Welt sonst kaum noch ein Politiker ein. Ron Paul in den USA ist derzeit praktisch die einzige Ausnahme. Dorenburg hat daher der Sache der Freiheit einen großen Dienst erwiesen und verdient für seinen Mut ein großes Lob.

Man darf davon ausgehen, dass das Papier in Fraktion und Partei von CDU und CSU erhebliche Unruhe ausgelöst hat. Umso bemerkenswerter ist daher die völlige Stille im Blätterwald von „taz“ bis „FAZ“. Oder die völlige Funkstille in Radio und Fernsehen. Sonst stürzen sich die Medien doch nur allzu gerne auf bekanntgewordene parteiinterne Streitigkeiten. Diesmal nicht, auch nicht gut drei Wochen seit ihrer Veröffentlichung. Der Grund hierfür wird sein, dass das Papier nicht nur die Lebenslüge der Christparteien bloßstellt, sondern auch die der ganzen Gesellschaft. Deren seit mehr als einem Jahrhundert voranschreitende Sozialdemokratisierung wurde nur für einige wenige Jahre kurz nach dem Super-GAU dieses Prozesses, dem Nationalsozialismus, durch Ludwig Erhard ein wenig rückgängig gemacht. Die unausgesprochene Lebenslüge der Gesellschaft ist, dass diese voranschreitende Sozialdemokratisierung einen Fortschritt im Sinne von mehr Gerechtigkeit, Wohlstand und Freiheit bringt. Von dieser Lebenslüge zehren die Eliten unserer Gesellschaft, und dazu gehören nunmal auch die Personen an den Schaltstellen der Medien. Sie haben diese Positionen nur erreichen können, weil sie diesen Mythos vollständig internalisiert haben. Die Auseinandersetzung mit dem Papier Dorenburgs birgt also nicht nur materielle Gefahren für sie (bei Realisierung seiner Vision), sondern auch psychologische. Daher die Weigerung, sich der argumentativen Herausforderung des Papiers zu stellen.

Ein sehr wesentliches Thema hat der CDU-Funktionär ausgespart: die Migration. Das wird aus zweierlei Gründen geschehen sein. Zum einen ist sowohl die Auswanderungs- wie die Einwanderungswelle in Deutschland nur ein Symptom unter vielen für die Krankheit der Gesellschaft. Dorenburg hat sich jedoch auf die Ursachen der Krankheit konzentriert. Ein anderer Grund mag taktische Motive gehabt haben. Vermutlich wollte der Autor es seinen Gegnern nicht ermöglichen, ihn fälschlicherweise in die fremdenfeindliche Ecke zu stellen. In dem Fall hätten wir die öffentliche Diskussion, inklusive Bannstrahl auf Dorenburg, schon längst gehabt.

Fazit: Der Libertarismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – wie eine Maus unter Elefanten.

Internet:

Das Dorenburg-Papier

Elefant mit Mausphobie, eine passende Karikatur

25. Februar 2008

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Roland Baader, Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Arne Hoffmann, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Klaus Rainer Röhl schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Social Bookmarks

Anzeigen

Kommentare

JKG, am 25. Februar 2008 um 18:04 ( Link )

Man darf davon ausgehen, daß das Papier auf erhebliches Desinteresse gestossen ist, damit ist auch die Stille im Blätterwald erklärt.

, am 26. Februar 2008 um 9:15 ( Link )

@JKG: Das ist eine tautologische Aussage.

JKG, am 26. Februar 2008 um 10:45 ( Link )

Sicher.

Frank Martin, am 26. Februar 2008 um 15:49 ( Link )

Das Thema ist noch kein Thema, aber die Journaille beginnt um den heißen Brei herumzureden: http://www.faz.net/s/RubEA30294A29CF46D0B1B242376754BC09/Doc~EF1C66E74B5BC4E1DAA20792609C3F321~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Dorenburgs Papier kann gestreut werden, überall dort, wo Menschen mit Interesse an aufrichtigen Argumenten zu suchen sind.

Dirk, am 26. Februar 2008 um 16:10 ( Link )

Ich musste ebenfalls an Dorenburg denken, als ich den Aufsatz von Walter heute morgen in der FAZ überflogen hatte. Eine Diskussion in der CDU hierüber kann ich mir jedoch nicht vorstellen. Eine Partei, die über Jahrzehnte darauf hingewirkt hat, ihre bürgerlichen Wähler in Sozialdemokraten zu verwandeln, kann nun nicht anders, als die selbstgeschaffenen Sozialdemokraten mit Sozialdemokratismus zu bewirten. Das gleiche Schicksal hat auch die FDP bereits ereilt.

Luke, am 27. Februar 2008 um 15:47 ( Link )

ich hör Geißler, Blüm, Müller und Seehofer: "Lehren aus dem Wahlergebnis".

Das sind in erster Linie völlig unreflektierte "Demokraten". Die haben überhaupt keinen Masterplan, keine "Sozialdemokratisierung" auf der Agenda. Die verhalten sich lediglich gemäß den Regeln des Spiels - nicht schwer zu antizipieren im übrigen.

Unterhaltsam ist das ganze Schauspiel höchstens dann, wenn Leute wie Schmidt, Herzog, Weizsäcker und von Dohnanyi gegen die Geister die sie mitriefen ("Links"partei), überhaupt keinen argumentativen Hebel finden, ohne dabei wie ehemals verteufelten "Kapitalisten" und "Neoliberale" zu klingen.

Sie haben es jahrzehntelang besser gewusst, sie waren mE klug genug - wider besseren Wissens Sozialismus sowie strukturelle Sklerose hochgezüchtet und jetzt laufen ihnen halt die kalten Schauer über den Rücken...

Auf meine Milde kann diese Generation nicht zählen.

>Man darf davon ausgehen, daß das Papier auf erhebliches Desinteresse gestossen ist

I second that.

Stefan Naumann-Pötzs, am 28. Februar 2008 um 17:46 ( Link )

Dorenburg sei Dank ,es sind keine Thesen ,es sind (leider) manifeste Zustände einer taumelten Partei ,ohne Ziel ,ohne Personal,welches die Kraft zur Kursänderung hat
und das schlimmste -diese Leute lenken einen Staat in unsicherer See und Zeit.Das Metronom
sollte der christliche Werte Konsens sein,aber wer ihn nicht hat,nicht versteht und vorallen- dingen nicht leben will,hat keine Berechtigung ein "C" im Parteinamen zu führen.Ein breiter Diskurs ist wünschenswert,wird aber bei der gesteuerten Mediendemokratie nicht mehr möglich sein...wo sind wir gelandet !!!!

Quovadis, am 29. Februar 2008 um 12:59 ( Link )

Nichts Neues unter der Sonne. Der Dichter Eugen Roth hat seine und unsere Pappenheimer gut gekannt und charakterisiert. Treffende Gedichte:

HOMO POLITICUS

Ein Mensch hat eines Tags bedacht
was er im Leben falsch gemacht
und fleht, genarrt von Selbstvorwürfen
Gut machen wieder es zu dürfen
die Fee die zur Verfügung steht
wenn sich's wie hier ums Ändern dreht
erlaubt ihm drum auch augenblicks
die Richtigstellung des Geschicks.

Der Mensch besorgt dies äußerst gründlich
merzt alles aus was dumm und sündlich
doch spürt er, daß der saubren Seele
ihr innerlichstes Wesen fehle und scheusslich
geht’s ihm auf die Nerven
er hat sich nichts mehr vorzuwerfen
und niemals wird er wieder jung
im Schatten der Erinnerung.
Dummheiten fühlt er, gibt’s auf Erden
nur zu dem Zweck gemacht zu werden.

METAPHYSISCHES

Ein Mensch erträumt, was er wohl täte,
wenn wieder er die Welt beträte.
dürft er zum zweiten Male leben,
wie wollt er nach dem Guten streben
Und streng vermeiden alles Schlimme!
Da ruft ihm zu die innre Stimme:
"Hör auf mit solchem Blödsinn, ja?!
Du bist zum zwölften Mal schon da!"

KASSEN

Ein Mann, der eine ganze Masse
Gezahlt hat in die Krankenkasse,
Schickt jetzt die nötigen Papiere,
Damit auch sie nun tu das ihre.
Jedoch er kriegt nach längrer Zeit
statt baren Gelds nur den Bescheid,
Nach Paragraphenziffer X
Bekomme er vorerst noch nix,
Weil, siehe Ziffer Y,
Man dies und das gestrichen schon,
So daß er nichts, laut Ziffer Z,
Beanzuspruchen weiter hätt.
Hingegen heißt's, nach Ziffer A,
Daß er vermutlich übersah,
Daß alle Kassen, selbst in Nöten,
Den Beitrag leider stark erhöhten
Und daß man sich, mit gleichem Schreiben,
Gezwungen seh, ihn einzutreiben.
Besagter Mann denkt, krankenkässlich,
In Zukunft ausgesprochen häßlich.

AUSWEG

Wer krank ist, wird zur Not sich fassen.
Gilt's, dies und das zu unterlassen.
Doch meistens zeigt er sich immun,
Heißt es, dagegen was zu tun.
Er wählt den Weg meist, den bequemen,
Was ein- statt was zu unternehmen!

DER UNENTSCHLOSSENE

Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er's weiß, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!
Nur, daß er Aufschub noch erreicht,
Sagt er, er wolle sehn, vielleicht...
Gemahnt, nach zweifelsbittern Wochen,
Daß er's doch halb und halb versprochen,
Verspricht er's, statt es abzuschütteln,
Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt,
Als ein zur Unzeit tapfrer Held
In Wut und Grobheit sich zu steigern
Und das Versprochne zu verweigern.
Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian -
Und ist im Grund doch nur zu weich,
Um nein zu sagen - aber gleich!

Wächter, am 29. Februar 2008 um 14:30 ( Link )

Das wurde schon registriert und diskutiert. Z.B. bei www.cdu-politík.de, einem unabhängigen Blog von Leuten, die sich Sorgen um die CDU machen. Nur hat man den Eindruck, dass das Papier den etablierten Unionspoltikern am Alterwertesten vorbeigeht. Dennoch gehört es weiter verbreitet, "gepostet" wo es nur geht, damit es vielleicht doch auch mal in den Medien mal für den nötigen Wirbel sorgt.

Quovadis, am 03. März 2008 um 11:30 ( Link )

Ach ja, die Pappenheimer. Schiller, Wallenstein und das Krönungszeremoniell. Woher kommen sie eigentlich ursprünglich, die Pappenheimer?

Wikipedia klärt auf:
„Daran erkenn ich meine Pappenheimer“ geht auf Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim zurück, dessen Truppen wesentlich am Stürmen und Plündern Magdeburgs 1631 beteiligt waren. Die Grafen von Pappenheim aus dem Altmühltal waren im alten Reich als Erbmarschälle für das kaiserliche Krönungszeremoniell zuständig.

Dieser Satz wird oft in der Form „Ich kenne meine Pappenheimer“ zitiert und stammt aus Schillers Drama Wallensteins Tod. Dort ist es überhaupt nicht ironisch gemeint. Als im dritten Akt des Dramas zehn Kürassiere aus Pappenheim herausbekommen wollen, ob Wallenstein zu den Schweden überlaufen wolle, sagt ein Gefreiter zu ihm:
Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind
Und Landsverräter bist, wir halten's bloß
Für Lug und Trug und spanische Erfindung.
(Treuherzig.)“

Hendrik Schäfer, am 10. April 2008 um 23:10 ( Link )

Dieses Papier bzw. diese Thesen wären einer Diskussion wert gewesen.

Kinderbetten, am 23. September 2009 um 20:59 ( Link )

Nicht alles ist einer Diskussion wert!


Anmelden oder Registrieren, um Kommentare schreiben zu können