06. September 2007

Politically Incorrect Die Wirklichkeit ist nicht Schwarz-Weiß

Eine Replik auf das Interview mit Stefan Herre in ef 75

Das Interview mit Stefan Herre über dessen Internetblog „Politically Incorrect“ in ef 75 halte ich für uninformiert und unkritisch. Deshalb möchte ich hier eine Gegenposition beziehen. Allerdings habe ich auch damit aus mehreren Gründen so meine Probleme.

Zunächst einmal glaube ich nicht, dass man zu Morddrohungen eine sinnvolle „Gegenposition“ beziehen kann. „Eine Zeitlang wurden sogar offene Mordwünsche publiziert“, berichtete die „Neue Zürcher Zeitung“ am 4. Mai 2007 über Politically Incorrect. „Dies scheint jetzt eingestellt zu sein.“ [1] Offenbar war das ein Irrtum, denn am 10. August 2007 meldet „Die Welt“ unter der Überschrift „Morddrohungen wegen Dialog mit den Muslimen“: „In der Mail, die Rohe der Polizei übergeben hat, heißt es: `Sie sind also auch einer von jenen verbrecherischen Hochverrätern, die Deutschland an den faschistoiden, totalitären und zutiefst imperialistischen Islam verraten und verkaufen wollen.´ Der anonyme Schreiber fährt fort: `Ich werde mich unglaublich bereichert fühlen, wenn Ihresgleichen, am Halse aufgehangen, am Baukran baumelt. Und wenn Ihnen dann die Visage blau anläuft, die Zunge aus dem Maul hängt, Ihr Schließmuskel versagt und Sie ein letztes Mal unter sich machen, dann, ja dann, werde ich bereichert sein. Ein Einheimischer.´ Die Website Politically Incorrect, auf der das Schreiben aufgetaucht war, hat es inzwischen von der Seite genommen.“[2] Und RP-Online meldet drei Tage später: „Auf Politically Incorrect sind nicht nur Beleidigungen wie `Saumusel´, sondern auch gegen alle Muslime gerichtete Morddrohungen nachzulesen, wie z. B. die von anonymer Seite vom 30.09.2006: `Der Islam muss vernichtet werden und zwar restlos. Zuerst ne Atombombe auf Mekka, damit euer dreckiger schwarzer Klotz verschwindet. Danach werdet ihr allesamt eingefangen und vergast ... Mohammed ist ein stinkender Hurensohn, der aus einer Schweinsfotze gekrochen kam.´ Oder, wie Karl B am 05.06.2006 um 16.18 Uhr schrieb: `Alle Moslem sollen vergast werden´ und um 16.21 Uhr fortfuhr: `Wir sollten neue KZ's eröffnen. Die wir ausschließlich für Moslems bauen. Arbeit macht frei!´“ [3]

Ich glaube auch nicht, dass man eine sinnvolle „Gegenposition“ dazu einnehmen kann, wenn Muslime auf „Politically Incorrect“ zum Beispiel als „Ziegenficker“, „Gesindel“ und „Migrationsmüll“ bezeichnet werden. Dokumentationen entsprechender Zitate gibt es beispielsweise bei Stefan Niggemeier, einem der Macher von Bildblog [4], Bastian Engelke auf Telepolis [5] und dem Publizisten Jürgen Külbel [6]. Külbel hat auch einige Zitate von Politically Incorrect zusammengestellt, die in eine ähnliche Richtung gehen. „Nichts kann einen Menschen derart erniedrigen, dass er auf die Stufe eines Moslems absinkt“ findet man da etwa. Und: „Ich will nicht, dass wenn ich Blut spende mein Blut irgendwann einem Musel das Leben rettet und genauso wenig will ich, dass in meinen Adern Muselblut fließt“. Nach diesem Artikel, so berichtet Külbel, seien für ihn „Morddrohungen, Belästigungen, Beleidigungen, Erpressungen (...) auf der Tagesordnung“ [7].

Am 21. August 2007 berichtet die „Frankfurter Rundschau“ unter der Schlagzeile „Per Blog zur neuen Wolfsschanze“ über Politically Incorrect: „Gleich der erste Kommentar in der Folge von Beiträgen gibt die Richtung vor: Von der nächsten Wolfsschanze, die `unbedingt´ und `ohne Rücksicht auf Verluste´ gebaut werden müsse, fabuliert ein Nutzer. Der Dortmunder Künstler Erhard Arendt dokumentiert schon seit längerem die Äußerungen des `rassistischen, islamophoben´ Blogs, der sich auch nicht scheue, zur Gewalt aufzurufen.“ [8]

Zu all diesen Unsäglichkeiten eine „Gegenposition“ beziehen, würde heißen, so zu tun, als ob das ernstzunehmende Argumente wären. Es ist ein bisschen so wie wenn ein TV-Sender einen Holocaustleugner in sein Studio einladen würde und dann bei einem Historiker oder beim Zentralrat der Juden in Deutschland anfragt, ob er dazu nicht eine „Gegenposition“ beziehen möchte. Wer sich auf diesen Unfug einlässt, hat schon verloren. Wollen wir ernsthaft darüber diskutieren, ob Muslime Ziegenficker sind, die vergast gehören, ob eine neue Wolfsschanze sinnvoll wäre und ob Mathias Rohe umgebracht werden sollte oder nicht?

Ein beliebter Einwand von Verteidigern Politically Incorrects ist, dass sich viele Unsäglichkeiten hauptsächlich im Kommentarbereich dieses Blogs abspielen würden und nicht im redaktionellen Teil. Zugestanden. Allerdings ist es ein Armutszeugnis für ein Blog, das quasi „hauptberuflich“ betrieben wird und über einen mehrköpfigen Redaktionsstab verfügt, wenn es so tut, als sei es den anonymen Kommentatoren praktisch hilflos ausgeliefert. Ich selbst führe mit Genderama nebenher ein feminismuskritisches Blog mit hohen Zugriffszahlen. Natürlich bleibt da nicht aus, dass da auch mal der eine oder andere frauenfeindliche Spinner vorbeispringt und sich mit Hassausbrüchen austoben will. Aber man kann als Blogbetreiber sehr viel dafür tun, damit das nicht zur Regel wird. Man kann seine Leser zum Beispiel zur Mäßigung aufrufen oder selbst in den Kommentarbereich hineingehen und dort ausgleichend auf eine Versachlichung hinwirken. Wenn das nicht greifen sollte, kann man ausufernde Kommentarspalten schließen, man kann in Aussicht stellen, den Kommentarbereich für ein paar Tage ganz zu sperren, man kann Unfug aus den Kommentaren herausfiltern oder nur Kommentatoren zulassen, von denen man weiß, dass sie sich zivilisiert benehmen. Illiberal? In keiner Weise: Mein Blog, meine Verantwortung, mein Hausrecht. Solche Maßnahmen wären ohnehin nur die Ultima Ratio: Nach drei Jahren als Blogger habe ich außer Werbespam keinen einzigen Kommentar gelöscht. Und bei mir geht trotzdem nicht alles drunter und drüber. Spätestens wenn ein Blog in etlichen Medien wegen Morddrohungen und dergleichen kritisiert wird, sollten sich seine Betreiber jedenfalls irgendetwas einfallen lassen, um so etwas dauerhaft zu unterbinden. Der „Zeit“-Journalist Jörg Lau führt seit langem ein äußerst islamkritisches, aber durchweg seriöses Blog, in dem Vergasungsphantasien und ähnliche Abscheulichkeiten ausbleiben. Das ist kein Zufall.

Man kann als Blogbetreiber nämlich auch ständig tüchtig Öl ins Feuer gießen, seine Hände in Unschuld waschen und sich darüber freuen, dass genau durch solche ständigen Skandale die Zugriffszahlen oben gehalten werden. Es ist eben mittlerweile dokumentiert, dass abweichende Meinungen bei Politically Incorrect hurtig gelöscht werden [9], während Passagen wie „MUSELMANEN SIND MÖRDER! (...) Daher rufe ich dazu auf, das Kriegsbeil gegen Islamer auszugraben. Sprengt ihre Propagandabunker! Rasiert die Bärtigen, indem ihr ihnen die Köpfe abschlagt! Verbrennt ihre Brut! Versklavt ihre Frauen!“ [10] über Monate hinweg stehenbleiben. Die Zugriffszahlen bei Politically Incorrect sind wohl kaum deswegen so hoch, weil die Argumente dort so vernünftig sind, sondern weil diese Mischung aus Boulevard, Krawall, Freakshow und Grand Guignol für viele Leser reizvoll ist. Die unfreiwillige Komik vieler hysterischer Texte wird inzwischen auf der grandiosen Satireseite: „Politically Impotent“ perfekt parodiert. [11]

Islamkritik ist kein Tabubruch. Unsere Buchhandlungen sind seit Jahren gerammelt voll sowohl mit reißerischen Titeln wie „Das Schwert des Islam“ als auch mit differenzierten, empfehlenswerten Büchern wie Irshad Manjis „Der Aufbruch“, Günter Lachmanns „Tödliche Toleranz“ und Julia Gerlachs „Zwischen Pop und Dschihad“. Der „Spiegel“ machte die angebliche „stille Islamisierung Deutschlands“ zu einer Coverstory, und auch Jörg Lau erklärt: „Es ist eine Legende, dass islamkritische Themen nicht gehen. Sie finden große Aufmerksamkeit, dankbare Leser und (alleine deshalb schon) auch erfreute Chefredakteure.“ [12] Der Tabubruch von Politically Incorrect liegt allein in den oben zitierten Unsäglichkeiten. Einer sinnvollen Islamkritik springen Leute, die Äußerungen wie die oben zitierten tätigen, lediglich im Weg herum.

Der zweite Versuch, Politically Incorrect zu verteidigen, besteht in einem Hinweis auf die Meinungsfreiheit. Stark vereinfacht darf man sich dieses Spiel so vorstellen: A nennt B einen Untermenschen, daraufhin bezeichnet B A als Rechtsradikalen, und prompt fängt A an zu lamentieren, dieser Vorwurf beschränke ihn in seiner Redefreiheit. Aber natürlich gilt diese Freiheit auch für B. Bastian Engelke äußert sich dazu sehr treffend: „Wirklich – man kann nicht eine streitbare, provokative Webseite wie PI betreiben, sich die Meinungsfreiheit auf die Fahnen schreiben und dann `Hilfe, Repression!´ schreien, sobald jemand mit Worten und mit nichts anderem widerspricht. Kein Wunder, dass ein solches Selbstverständnis gegen jede Kritik imprägniert.“ [13] Es geht nicht um die Frage, ob PI verboten werden soll, sondern darum, was man von diesem Blog halten darf.

Eine Verteidigung für PI, die ich gelten lassen würde, ist, dass die Leute dort nicht die idealen Lehrer hatten. Auch auf der von Henryk M. Broder („Der Spiegel“) und Michael Miersch („Die Welt“) betriebenen Website „Die Achse des Guten“, die „Politically Incorrect“ früher herzlich gerne verlinkt hatte, finden sich Passagen wie „HÖRT IHR IN DEN VORSTÄDTEN DIE GRAUSAMEN MULLAHS SCHREIEN? SIE KOMMEN BIS IN EURE ARME, EURE TÖCHTER, EURE EHEFRAUEN ZU ENTHAUPTEN!“ [14] Nachdem Peter Scholl-Latour die Regierung Bush kritisierte, lässt Broder darüber sinnieren, ob man ihm dafür nicht einen „Abenteuerurlaub in Guantanamo spendieren“ sollte. [15] Und obwohl Jörg Ziercke, der Präsident des Bundeskriminalamtes, betont, dass die Muslime in Deutschland zu 99,9 Prozent friedlich sind und nicht das geringste mit fanatischen Tendenzen zu schaffen haben, die einen Generalverdacht rechtfertigen würden, kommen diese 99,9 Prozent in Broders Buch „Hurra, wir kapitulieren!“ schlichtweg nicht vor. Er beschäftigt sich ausschließlich mit dem einen Promille, das übrig bleibt, und erklärt es zur Gesamtheit, wenn er von „1,5 Milliarden Muslimen“ spricht, die „die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen“. 1,5 Milliarden – das ist doch mal eine ordentliche Sippenhaft. Wenn gestandene Journalisten so schreiben und dafür mit Preisen geehrt werden, darf man sich nicht wundern, wenn viele Möchtegernjournalisten dieser Polemik nachzueifern versuchen – und schließlich bei der Wolfsschanze landen.

Letzten Endes sind viele Websites der Islamophoben vor allem eines: intellektuell extrem unbefriedigend. Eine echte Diskussion, die Vorurteile erschüttern könnte, ist undenkbar. Äußern sich Muslime fundamentalistisch, beweist das, wie radikal sie sind. Äußern sich Muslime liberal und treten für die Demokratie ein, beweist dies das Prinzip der „Taqyya“, zu deutsch: dass Moslems lügen, sobald sie den Mund aufmachen. Bleiben Muslime unter sich, wirft man ihnen vor, sich „in Parallelgesellschaften abzuschotten“. Gehen sie mit ihren Sitten nach außen, verurteilt man sie wegen „Überfremdung“ und „islamischem Missionierungsdrang“. Wer lieber differenziert denkt als in Dauerpanik zu verfallen, gilt als „nützlicher Idiot“, „Verräter“, „Gutmensch“ oder „Dhimmi“ – das Gegenstück zum „Judenfreund“ der zwanziger Jahre. Der einzige Grund, warum sich ein Mensch gegen Rassismus aussprechen könnte, besteht in diesem verqueren Weltbild darin, dass er Angst vor den Islamisten haben muss. Schon der Dialog mit Muslimen gilt als „Einknicken“ oder „Appeasement“. Nachdem Hans-Christian Ströbele Udo Ulfkotte in einer TV-Diskussion in der Pfeife rauchte, wünschte man ihm, „dass ihn mal ein paar Borats aufmischen“. Wenn ein Muslim wie Murat Kurnaz von den USA gefoltert wird und er danach darüber spricht, wird er auf Politically Incorrect noch zusätzlich als „Bazille“, „Parasit“ und „Abschaum“ beschimpft. Hier bricht ein Hass auf das Opfer aus, der den gegen Bin Laden und Co. bezeichnenderweise bei weitem übersteigt. Und auch der vorgebliche Einsatz für Frauenrechte fällt in sich zusammen, wenn die Kommentatoren enthüllen, dass sie weibliche Muslime genauso als „Soldaten einer feindlichen Armee“ betrachten wie ihre Männer. Selbst türkische Kinder werden vor allem als „zukünftige Hassprediger, Halsabschneider und Kofferbomber“ betrachtet. Wenn sich die Betreiber einer solchen Website mit dem Aufklärer Voltaire vergleichen, ist das nichts weniger als peinlich.

Politically Incorrect ist mittlerweile Teil einer größeren Szene, wo man sich über alles empört, was fremd und scheinbar typisch muslimisch ist: Ob ein türkischer Patient im Krankenhaus von der gesamten Familie besucht wird, ob Türken in einem Stadtpark grillen, ob Muslimas ein Kopftuch tragen oder ein Kioskbesitzer auch am Karfreitag geöffnet hat – alles deutet dort auf den kurz bevorstehenden Untergang des Abendlandes hin. Dieses Dauerkrakeele hat mit Liberalismus nichts zu tun. Im Gegenteil: Häufig wird durch das Heraufbeschwören einer ständigen Bedrohung ein Klima der Angst geschaffen, das die viel beschworenen westlichen Werte von Freiheit, Bürger- und Menschenrechten, Toleranz und Friedfertigkeit schwächt. Gerade individualistisch denkende Menschen sollten sich eigentlich daran stoßen, wenn für Verbrechen Einzelner eine ins Absurde ausgeweitete Kollektivschuld verhängt wird. Selbstverständlich ist auch die Religionsfreiheit schützenswert, wozu der Bau von Gebetshäusern gehört, die Forderung nach einer Art politisch korrektem Koran dürfte genauso unsinnig sein wie bei der Bibel, und auch Kopftuchträgerinnen sollten über die Straße gehen dürfen, ohne angespuckt zu werden. All die Drohmails, die beispielsweise der Zentralrat der Muslime erhält („Muslime werden von uns bekämpft und niedergestreckt, denn Dreck muss verschwinden.“, „Noch eine Gewaltaktion gegen Deutschland und wir werden 500 Moscheen in Deutschland niederbrennen.“ usw.) entstehen vor dem Hintergrund eines über Jahre geschürten Hasses.

Wie kann man als Liberaler mit solchen Dingen umgehen? Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich einem amerikanisch geprägten Verständnis für Meinungsfreiheit anhänge: „The cure for bad speech is not censorship but better speech“. Vor diesem Hintergrund unterstütze ich als freier Mitarbeiter ein Watchblog Islamophobie, das diese Dauerhysterisierung mal sachlich, mal ironisch unter die Lupe nimmt. Allerdings läuft es auch in diesem Blog nicht ohne Konflikte: So berichtet die Betreiberin, die Muslima Dr. Dagmar Schatz, von Udo Ulfkotte mit juristischen Forderungen in Höhe etlicher zehntausend Euro überzogen worden zu sein, nachdem sie auf eine Website verlinkt habe, von deren Inhalt sich Ulfkotte beleidigt fühlte. (Dass Ulfkotte sich andererseits als großer Kämpfer für die Meinungsfreiheit inszeniert, solange es gegen Muslime geht, hat dadurch schon ein Geschmäckle.) Davon uneingeschüchtert berichtet Schatz weiter kritisch über Ulfkotte und Co., vermeidet dabei jedoch das Niveau von Politically Incorrect.

Stattdessen gibt es auf Sachebene einiges geradezurücken: Sind Kopftuchträgerinnen rückschrittlich und unterwürfig? Im Gegenteil: Wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in einer großangelegten Befragung ermittelte, finden 94 Prozent von ihnen, Frauen sollten in der Partnerschaft ihre beruflichen Wünsche verwirklichen können. Die gebärschwachen Deutschen werden von den angeblich unendlich gebärfreudigen Musliminnen beim Kinderwunsch noch unterboten. Und die strenggläubigen Musliminnen zeigen sich doppelt so karriereorientiert wie die Gesamtheit deutscher Frauen. [16] Gibt es in deutschen Schulen wirklich massenhaft Probleme, weil viele muslismische Schülerinnen den Schwimm-, Sport- und Sexualkundeunterricht boykottieren? Die „Zeit“ kehrte bundesweit das unterste zuoberst und fand nichts als ein paar Einzelfälle, worauf sie das Fazit zog: „Die These vom breiten Unterrichtsboykott muslimischer Eltern scheint nicht haltbar. Von einer Kapitulation vor dem wachsenden Islamismus kann keine Rede sein.“ [17] Sind mittlerweile fast alle Terroristen Muslime, wie es häufig heißt? Ein weiterer Irrtum: Europol zufolge hatte nur eines der 500 im vergangenen Jahr dort registrierten Attentate einen islamistischen Hintergrund – der vereitelte Kofferbombenanschlag in Deutschland. [18] Sind Muslime eher freiheitsfeindlich eingestellt? Das amerikanische Gallup-Institut ließ mehr als 80 Prozent der muslimischen Weltbevölkerung befragen und erfuhr so, dass dort die westlichen Ideale von Rede- und Versammlungsfreiheit geschätzt und bewundert werden. [19] Wird Deutschland in ein paar Jahrzehnten mehrheitlich islamisch sein, wie Stefan Herre in eigentümlich frei suggerierte? Das wäre nur der Fall, wenn man frühere Entwicklungen exponentiell in die Zukunft rechnen würde – tatsächlich aber haben sich sowohl die Geburten- als auch die Zuwanderungsraten der Muslime in den letzten Jahren stark abgeschwächt, so dass Muslime wohl weiter eine Minderheit bleiben werden: um 2030 herum etwa ein Zehntel der deutschen Bevölkerung. [20]

Auch extrem absurde Behauptungen werden von den „Islamkritikern“ gerne verbreitet. So berichtet Ulfkotte, dass Fundamentalisten die Gipfelkreuze durch Halbmonde ersetzen lassen wollen, weil die Kreuze als „Herrschaftszeichen des Christentums“ eine Beleidigung des Islams darstellten. Iin Wahrheit steckte hinter dieser Forderung eine Wiener Künstlergruppe mit dem bezeichnenden Namen „Haben wir denn keine andere Sorgen“. [21] Von Ulfkottes Behauptung, Muslime spuckten in Metzgereien aufs Schweinfleisch, hat der Deutsche Fleischerverband noch nie etwas gehört und weist darauf hin, dass sich zwischen Fleisch und Kunden eine Glasscheibe befindet [22]. Dass in den USA ein Schüler wegen eines „Hate Crimes“ angezeigt wurde, weil er ein Schinkenbrot aß, während Muslime am Tisch saßen, wird auf den Seiten von Politically Incorrect behandelt, als sei es real geschehen [23], stammt aber in Wahrheit aus einer Parodie. [24] Und Henryk M. Broder zufolge werden in Großbritannien Sparschweine aus den Banken geräumt, weil sie die religiösen Gefühle der Muslime verletzen könnten. Zwar gab es hier tatsächlich eine Meldung über zwei britische Banken dieser Art, aber das war eine Zeitungsente: Die eine der beiden Banken benutzt weiterhin Sparschweine, die andere schon seit Jahren keine mehr. [25]

Noch immer werden solche und viele andere urbane Mythen in Weblogs und Talkshows unter die Leute gestreut, um eine bedrohliche Islamisierung zu belegen, aber bei einer näheren Überprüfung lösen sie sich häufig in Luft auf.

Immer wieder wird gefordert, dass sich mehr Muslime offensiver vom Terrorismus distanzieren sollten. Tatsächlich aber wurden die Greueltaten etwa des 11. September in den deutlichsten Tönen von praktisch allen islamischen Führern, Organisationen und Ländern verdammt, und diese Texte sind im Internet massenhaft dokumentiert. [26] Es gibt auch Fatwas gegen Osama bin Laden [27] und viele andere Terroristen [28]. Über solche Erklärungen, die nicht in unser Bild vom barbarischen Moslem passen, berichten unsere Medien aber nur selten. Zu diesen Links schrieb ich erklärend einem Freund: „Ich weiß nicht, ob ich den Muslimen hier raten kann, nach jedem Terroranschlag zu zehntausenden auf die Straßen zu gehen und zu protestieren, so wie ja viele Deutsche nach den Anschlägen von Solingen und Mölln Lichterketten gebildet haben. Einerseits wäre das mal ein klares, unübersehbares Signal. Andererseits sage ich mir: Wenn Feministinnen die Männerbewegung auffordern würden, sich nach jedem Amoklauf eines Mannes (oder die Väterbewegung nach jedem Amoklauf eines durchgeknallten Familienvaters) erst mal massenhaft zu distanzieren, würde ich denen doch den Vogel zeigen. Wieso sollte ich mich von etwas distanzieren, mit dem ich gar nichts zu tun habe? Die meisten Muslime haben doch mit Terrorismus und Islamismus nicht das geringste am Hut. Welcher deutsche Moslem macht denn auch nur seine verpflichtende Pilgertour nach Mekka, obwohl die zu den `fünf Säulen des Islam´ gehört? Als Mitglied des christlichen Kulturkreises distanziere ich mich doch auch nicht zusammen mit anderen Christen von den Evangelikalen.“

Das überzeugte meinen liberalen Freund. Vielleicht können fundierte Informationen und eine durchdachte Argumentation noch immer überzeugen. Dabei ist dieses Beispiel nur ein Mosaikstein einer wesentlich differenzierteren Wirklichkeit, die mit der populären Anti-Islam-Hysterie wenig gemeinsam hat.

Internet:
[1] http://tinyurl.com/39xbvo
[2] http://tinyurl.com/3cpc6k
[3] http://tinyurl.com/2jz8qd
[4] http://tinyurl.com/2jdgbh
[5] http://tinyurl.com/25yamg
[6] http://tinyurl.com/39264m
[7] http://tinyurl.com/2qc9xt
[8] http://tinyurl.com/2meb6n
[9] http://tinyurl.com/256o36
[10] http://tinyurl.com/2h2zgn
[11] http://tinyurl.com/256jzs
[12] http://tinyurl.com/2uk7ro
[13] http://tinyurl.com/2qc9xt
[14] http://tinyurl.com/2vrbqd
[14] http://tinyurl.com/34qa7s
[16] http://tinyurl.com/3e2mfm
[17] http://tinyurl.com/2p4nxo
[18] http://tinyurl.com/36o4ho
[19] http://tinyurl.com/2sf3r3
[20] http://tinyurl.com/34krny
[21] http://tinyurl.com/2pmur4
[22] http://tinyurl.com/2t7fu7
[23] http://tinyurl.com/2slget
[24] http://tinyurl.com/3dplgx
[25] http://tinyurl.com/rqlaz
[26] http://tinyurl.com/8b48q
[27] http://tinyurl.com/528sx
[28] http://tinyurl.com/3bo5r8


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