05. Oktober 2020

Cancel Culture Er wollte doch nur spielen

Wie ein Lego-Fan zum Opfer der grassierenden Absagekultur wurde

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Flickr.com Aufreger um die Bell-Boeing V-22 Osprey von Lego: Sie kommt nun nicht auf den Markt

Seit der Absage des Auftritts der Kabarettistin Lisa Eckhart im Hamburger „Nochtspeicher“ geht das Schlagwort „Cancel Culture“ um in Deutschland. „Cancel Culture“-Kampagnen, mahnte der Politologe Yascha Mounk in der „Zeit“, „begegnen einer Aussage nicht mit einem Gegenargument, sondern versuchen, ihren Gehalt durch Zensur oder Auftrittsverbote aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Sie tragen ihre Kritik nicht in ihrem eigenen Namen vor, sondern organisieren Formen kollektiver Schuldzuschreibung oder öffentlichen Boykott. Und sie erklären nicht nur den Einzelnen zur Persona non grata, sondern drohen auch allen, die den Verdammten verteidigen oder weiter mit ihm arbeiten wollen, mit Konsequenzen.“ Martin S. aus N. ist nach eigener Auffassung ein besonders tragisches Opfer dieser neuen deutschen Verbotskultur und entschloss sich daher, den E-Mail-Wechsel, der sich daraus ergab, dem an dieser Stelle publizierenden Autor zuzuspielen, verbunden mit der Bitte, diesen besonders grausigen Fall von linkem Gesinnungsterror und liebedienerischen Erfüllungsgehilfen in Kreisen der Wirtschaft zu dokumentieren. Nein, es geht diesmal nicht um die Erpressungsversuche von Adidas, Coca-Cola, SAP, Henkel und VW, die Facebook mit dem „Canceln“ ihrer Werbeanzeigen dazu pressten, den Maulkorberlass, wie er uns im deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz begegnet, konsequenter umzusetzen; es geht um Lego. Und es geht um einen Mann, der einfach nur spielen wollte, den die „Cancel Culture“ aber nicht spielen ließ.

Konkret wollte Herr S. aus N. mit dem für die zweite Jahreshälfte angekündigten Modell der Bell-Boeing V-22 Osprey spielen, das die Lego-Fangemeinde bereits freudig erwartete. Denn, so Herr S., „diesmal sollte das Modell nicht in der City-, sondern in der für uns viel interessanteren Technic-Serie herauskommen und stellte – was Innovation, Detailtreue und Wertigkeit angeht – einen echten 2020-er Höhepunkt dar. Ähnliche Kipprotor-Flugzeuge gibt es bei Lego schon seit längerer Zeit; allerdings nur in der eher für Kinder bestimmten City-Serie.“ Es ging also um Kriegsspielzeug. (Der Link am Ende des Artikels verschafft einen Eindruck von dem Ausmaß an Kriegsverherrlichung, das von ihm ausgeht.)

So wenig jedoch bislang der Einfluss von Ballerspielen auf irre Massenmörder zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, so offen ist auch, ob die Benutzer von Lego-Hubschraubern später im Leben Flaschen auf Polizisten werfen oder gar in der Sahara an UN-Friedensmissionen teilnehmen werden, was so ziemlich das Gefährlichste ist, was einem deutschen Armeeangehörigen derzeit widerfahren kann. Trotzdem ermannte sich die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigung der Kriegsdienstgegner/DFG-VK Bremen, dem totalitär-gefährlichen Kriegsspielzeug den Kampf bis aufs Messer anzusagen. Eine Kampagne wurde losgetreten – vor den Lego-Läden fanden, flankiert durch öffentlichkeitswirksame Antikriegspropaganda, Protestveranstaltungen statt – mit dem in der Abkanzel-Kultur bekannten Ergebnis: Lego zog das Spielgerät zwei Wochen vor seinem offiziellen Marktstart zurück, allerdings nachdem die Modelle bereits produziert und an die Händler ausgeliefert waren.

So sauer hat hernach Martin S. aus N. selten jemand gesehen. Der sonst eher für ruhige Umgangsformen bekannte Dozent wandte sich, gemäß dem Motto der von Bundespräsident Steinmeier in den Rang einer demokratieförderlichen Großkampagne erhobenen Aktion „Deutschland spricht“, dialogbereit an den Verein, sprach verärgert von „politisch überkorrekten Sittenwächtern“ mit einer „unermesslichen moralischen Überlegenheit“ und zitierte Mark Twain: „Der Gutmensch ist ein guter Mensch von der schlimmsten Sorte.“

Das ließ der selbsternannte Friedensverein des deutschen Spielzeughandels nicht auf sich sitzen, übte Kritik an dem Begriff „Gutmensch“, der ja vorzugsweise im „rechten Milieu“ verwendet werde, und bestritt überzeugend, dass Mark Twain das so gemeint haben könne; es handle sich doch wohl eher um eine Anspielung auf den neidischen zweiten Sohn aus dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die Replik endete „mit nicht so freundlichen Grüßen“.

Der Mailverkehr wurde zur Posse. In seiner Antwort auf die Antwort zeigte sich Herr S., katholisch erzogen, nunmehr hocherfreut, im Autor der mäßig freundlichen Zeilen „einen Bruder im Geiste gefunden zu haben“, und fuhr fort: „Ihre Deutung des zweiten Sohnes ist zweifellos zutreffend. Der Versuch jedoch, ihn auf Mark Twains Ausspruch zu beziehen, ist für mich ein typisches Beispiel für willkürliche Okkasions- und Assoziationsexegese oder, in einfachem Deutsch: Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Bei der Wiedergabe des Gleichnisses im Lukasevangelium komme nämlich weder im Deutschen das Wort „gut“ noch in der englischsprachigen King James Bible, die Mark Twain mutmaßlich vorlag, das Wort „good“ vor. Das passe also eher nicht. „Völlig richtig ist aber die Beobachtung, dass es Menschen gibt, die pharisäerhaft die (moralischen) Gesetze ihrer Zeit befolgen, aber im Inneren eine erschreckende Herzenskälte hegen. Ich denke, Menschen, die sich als ‚tolerant‘, ‚humanistisch‘ und ‚edel gesinnt‘, womöglich als ‚Verteidiger der Demokratie‘ bezeichnen, dann aber bei der ersten Gelegenheit zu kruden Kulturrevolutionären und bornierten Bilderstürmern mutieren, sobald jemand aus dem von ihnen ideologisch abgesteckten Propagandaparadiesgarten auszubrechen sich anschickt, passen auch in diese Kategorie. Sie sehen mir hoffentlich nach, dass ich derartig ideologisch abgestecktes Terrain bei Ihnen ausfindig gemacht habe. Ob auch der Vorwurf der Herzenskälte zutreffend ist, wage ich indes erst nach Erhalt der nächsten Mail von Ihnen abschließend zu beantworten.“

Zu dieser Mail jedoch kam es nicht mehr: Die E-Mail-Adresse von Herrn S. wurde auf die Blockliste des Korrespondenzpartners gesetzt. Es unterblieb mithin auch die Beantwortung der weiteren Fragen, die Herrn S. unter den Nägeln brannten: Bell-Boeing habe mit Anlaufen der Produktion der Modelle bereits einen Anspruch auf vertragliche Lizenzgebühren realisiert; die Folgen des Boykotts träfen also nicht den Konzern, sondern nur Lego beziehungsweise dessen Kunden. Worin bestehe also der Erfolg im Kampf für Frieden? Von der massiven Verschwendung kostbarer Ressourcen ganz zu schweigen. Herr S.: „Wohin jetzt mit den Modellen/Verpackungen? Auf Ebay finden sich diverse (vermutlich von Händlern nicht an Lego retournierte oder irgendwelche in dunklen Kanälen versickerte) Modelle, die zu unverschämten Preisen (ab 1.200 Euro aufwärts) von Spekulanten verkauft werden. Normale Fans wie ich hingegen gehen leer aus. An diese Art von Turbokapitalismusförderung hat offenbar keiner der verbal hochgerüsteten Pseudopazifisten in Ihrem Verein gedacht.“

https://zusammengebaut.com/lego-technic-42113-bell-boeing-v-22-osprey-weiteres-statement-von-lego-99095/


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