27. Mai 2020

Libertäre in den USA Warum der Libertarismus nicht Mainstream ist (es aber sein sollte)

Warum werden Freiheitsfreunde so oft von beiden Seiten des politischen Lagers abgelehnt?

von Henry Gardella

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Bildquelle: shutterstock.com Gadsden-Flagge: Libertäre in die Offensive!

Stellen wir uns einen mustergültigen Libertären vor, kommen uns Forderungen und Sprüche wie entfesselte Märkte, Steuern sind Raub, der freie Handel mit Cannabis, der Traum von einer staatenlosen Gesellschaft und Ayn Rand in den Sinn. Ein Merkmal sticht aber ganz deutlich hervor: ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat.

Dieser Libertäre ist jemand, den man nicht ernst nehmen kann; für jedes Problem scheint er den Staat verantwortlich zu machen. Dabei verschließt er die Augen vor dem offensichtlichen Nutzen staatlicher Maßnahmen. Mal ehrlich: Das ist jemand, der die Abschaffung des staatlichen Schulwesens fordert. Verrückt!

Vielleicht aber sollten wir nicht vorschnell urteilen. Warum werden denn Libertäre so oft von beiden Seiten des politischen Lagers abgelehnt?

Links und rechts

Die politische Rechte sieht die Ausübung staatlicher Gewalt als notwendig an, um die öffentliche Ordnung und den Fortbestand der Kultur aufrechtzuerhalten. Beispielsweise fordern Konservative häufig Drogenverbote, härtere Einwanderungsbeschränkungen und den Ausbau des Heeres. Die politische Linke hingegen sieht es als eine Kernaufgabe des Staates an, soziale und wirtschaftliche Unterschiede auszugleichen. Allgemein fordern Linke vom Staat die Umverteilung des Wohlstands von Reich zu Arm, ein staatliches Gesundheitswesen und eine strenge Überwachung und Steuerung der Großunternehmen.

Da in den Vereinigten Staaten die Demokraten und die Republikaner ständig um die Macht ringen, werden sie als natürliche Feinde angesehen, doch haben sie mehr miteinander gemein, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Beide Parteien wollen die lange Liste der Regierungsbehörden (z. B. FBI, CIA, TSA usw.) erweitern, um neue Probleme zu lösen. Keine der Parteien wäre tatsächlich froh darüber, eine staatliche Behörde zu opfern oder Staatsausgaben zu kürzen. Stattdessen ziehen sie es vor, solche Einrichtungen zu „reformieren“ oder deren Mittel „umzuverteilen“.

Die Gruppe der Abtrünnigen

Kürzlich half ich einem Freund dabei, ein libertäres Buch zu veröffentlichen: „The Big Government We Love to Hate“ von James L. Payne. Darin beschreibt Payne, warum der Libertarismus in der öffentlichen Auseinandersetzung kaum Gehör findet.

Er behauptet, wir hätten eine „kulturelle Vorannahme“ verinnerlicht, eine „tiefe, nicht vernunftgemäße Ergebenheit“ gegenüber dem Staat. Diese Treue offenbart sich zum Beispiel im Eifer der Zeitungsschreiber, die stets neue staatliche Maßnahmen fordern, aber zugleich jede bisherige beanstanden. Diese kulturelle Vermessenheit zeigt sich auch dann, wenn Präsidenten stolz behaupten, gegen steigende Staatsausgaben und einen „ausufernden Verwaltungsapparat“ zu sein, während sie in Wirklichkeit den Umfang des Staatshaushalts stetig erhöhen. Die Verbundenheit unserer Kultur mit dem Staat offenbart sich sogar in der Prunkhaftigkeit unserer Regierungsgebäude in der Hauptstadt und des Weißen Hauses. Warum sonst sollte man die Bauweise von Tempeln und Kathedralen nachahmen, wenn nicht zur Verehrung und Huldigung des Staates?

Payne bezeichnet unsere Anhänglichkeit an den Staat als die „Problemlöser-Annahme“: die Annahme, dass „der Staat die natürliche und richtige Einrichtung sei, um alle gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden“. Es scheint offensichtlich, dass der Libertarismus deshalb kaum Beachtung findet, weil er diese Annahme, der Staat sei die einzig wahre Antwort auf gesellschaftliche Schwierigkeiten, infrage stellt.

Das Unbestreitbare hinterfragen

Libertäre stellen also die Befugnis, die Wirkungskraft und die Zuständigkeit des Staates infrage, was sie unbeliebt macht. Ganz gleich, ob man mit der Annahme einer zuständigen Obrigkeit einverstanden ist oder nicht: Sollten wir sie nicht zumindest hinterfragen?

Es gibt keinen Grund, weshalb ein wachsames Misstrauen gegenüber dem Staat in Anarchie und Chaos münden sollte. Ganz im Gegenteil – wir könnten klügere politische Entscheidungen treffen, indem wir Fragen gemäß libertären Grundsätzen stellen, die sich sonst keiner zu fragen traut:

Was schützt diese staatliche Maßnahme vor Missbrauch?

Was sind die unbeabsichtigten Folgen dieser Maßnahme?

Hat der Staat das Recht, andere zur Einhaltung des Gesetzes zu zwingen?

Wenn wir diese Fragen ernst nehmen, können wir verschwenderische und zum Scheitern verurteilte staatliche Maßnahmen im Vorfeld verhindern. Anstatt uns immer nur zu beklagen, können wir zur Abwechslung auch mal stolz auf unsere politische Anschauung sein! Also lassen Sie uns den Libertarismus gemeinsam zum Erfolg führen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite von FEE – Foundation for Economic Education und wurde von Marc Petersen exklusiv für eigentümlich frei ins Deutsche übersetzt.


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Dossier: Liberalismus

Autor

Henry Gardella

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