11. Oktober 2019

Ketzer am Internet-Pranger machen Marcuses „Repressive Toleranz“ aktuell Sakrileg

Haben wir das Mittelalter wirklich hinter uns?

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Euku (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Ein erster kleiner Fleck am Lack des repressiv-toleranten Öko-Faschismus: Dieter Nuhr

Nun muss auch die letzte Bastion weichen, der Humor. Auch Spaßvögel und Witzbolde sind ab sofort nicht mehr sicher vor den Hütern des rechten Glaubens. Das musste jüngst der bekannte ARD-Kabarettist Dieter Nuhr erleben, der es in der letzten Septemberwoche in seiner Satiresendung „Nuhr im Ersten“ gewagt hatte, sich gegen das ungeschriebene Gesetz zu erheben, dass Witz und Satire für Lacher auf Kosten rechter Parteien und Bewegungen zu sorgen haben. Vor den Repräsentanten des Guten und Richtigen – hier: der frisch aus der Taufe gehobenen Klimaschutz-Ideologie – hat man dagegen, auch als Kabarettist, in ehrfurchtsvoller Geste das Haupt zu neigen. So ändern sich die Zeiten – und ändern sich auch nicht: Das Sakrale, der tradierte Glaube, die Religion markierten in früheren Zeiten die geheiligten Tabubezirke. In Umberto Ecos berühmtem Roman „Der Name der Rose“ geht es außer um Mord auch um die Frage, ob Gott lacht, ob also Humor und Heiligtum miteinander vereinbar sind. Die Antwort der Gralshüter lautet: Sie sind es nicht. Denn, so lautet ein Zitat aus dem Roman, „über die Wahrheit und Schönheit lacht man nicht“.

Wo es um Fragen der Macht und der Deutungshoheit geht, verstehen die Hüter der Heiligkeit keinen Spaß. Dann wird der Spaß zur Lästerung. Und genau deswegen war Dieter Nuhrs Witz über Freitagsschülerdemos und den von ihnen ausgehenden Ansporn, das Zimmer seiner Tochter nicht mehr zu beheizen und Kinderzimmer generell mit einem Laufrad auszustatten, damit deren Bewohner künftig ihre Mobiltelefone per Dynamo aufladen können, nicht mehr und nicht weniger als ein modernes Sakrileg. Eine Twitter-Nutzerin übernahm passend dazu auch gleich die Rolle der mittelalterlichen Inquisition, indem sie als Züchtigungsmaßnahme der zeitgenössischen Nemesis vorschlug, Nuhrs Humor möge zu den ersten Opfern des steigenden Meeresspiegels zählen.

Witzeleien über den Gekreuzigten sind zwar längst salonfähig geworden in unserer religionskritischen Epoche; aber damit ist natürlich die Religion nicht ausgestorben. Sie hat sich nur andere Heiligtümer gesucht. Man erkennt ja den geheiligten Bezirk in der Regel daran, dass jeder in Ehrfurcht verstummt, sobald er sich ihm nähert, und den Ketzer daran, dass er sich dieser demutsvollen Geste der Reverenz gegenüber dem Sakralen verweigert und anschließend zur Strafe an den Pranger gestellt wird. Der steht heute nicht mehr auf dem städtischen Marktplatz; er hat sich verkrümelt zwischen Bits und Bytes und sich wie ein Monster aus den „Transformers“-Filmen digital neu zusammengesetzt. Er steht jetzt im Internet – und ist viel größer und gnadenloser, viel universeller vor allem als damals im Mittelalter. Mir ist nicht bekannt, ob es schon damals zum guten Ton gehörte, den Ketzer mit Exkrementen zu bewerfen; den digitalen Prangern jedenfalls sind in dieser Frage keine Grenzen des guten Geschmacks gesetzt. Ganz unverblümt hat sich bekanntlich für Schmähungen des digital Angeprangerten das neue Wort „Scheißesturm“ durchgesetzt. (Man sehe dem Autor dieser Zeilen sein stures Beharren auf deutschen Formulierungen nach.)

Was Dieter Nuhr soeben durchlitten hat, ist hierzulande traurige Normalität. Und es gehört zu den besonders bemerkenswerten Absonderlichkeiten, dass ausgerechnet im Lager derjenigen, die sich Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz auf die ideologischen Fahnen geschrieben haben, oft so verdammt wenig Offenheit für andere Meinungen, Überzeugungen und Werte zu verzeichnen ist.

Dafür gibt es zwei Erklärungen: eine wohlwollende und eine, die den vermeintlichen Anhängern von „Weltoffenheit und Toleranz“ eine ausgeklügelte politische Agenda unterstellt. Die wohlwollende ist die, dass es schlicht und ergreifend auf geistige Beschränktheit zurückzuführen ist, wenn beispielsweise Menschen für Toleranz im Umgang mit Minderheiten auf die Straße gehen und gleichzeitig wüst Beifall klatschen, wenn im deutschen Parlament den von einer Minderheit gewählten Volksvertretern der ihnen zustehende Platz im Bundestagspräsidium streitig gemacht wird. Oder wenn in unserer Hauptstadt Menschen freitags für ihr Anliegen, den sogenannten Klimaschutz, ungehindert auf die Straße gehen und tags darauf andere Menschen, die ihrerseits für ihr Anliegen, den sogenannten Lebensschutz, demonstrieren, in der Ausübung ihres Rechts auf Versammlungsfreiheit behindern (oder dies zumindest gutheißen) mit der Begründung, deren Meinung sei eben „falsch“. Diese merkwürdig pluralismusfeindliche Begründung spricht freilich dafür, dass die zweite, weniger wohlwollende Erklärung für die offen zur Schau gestellte Intoleranz die zutreffendere ist. Sie führt uns zurück in den grauen, ideologieverseuchten Sumpf, dem diese Intoleranz vor rund 50 Jahren entstiegen ist.

Im Jahre 1965 erschien ein Aufsatz von Herbert Marcuse, einem der wichtigsten Denker und ideologischen Lenker der Studentenaufstände Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Er trug den vielsagenden Titel „Repressive Toleranz“ und sprach sich offen für eine Gesellschaft aus, in der eben nicht alles toleriert wird. Denn natürlich, so der Autor der Streitschrift, dürfe es keine Toleranz geben „gegenüber dem radikal Bösen“. Aber was ist das, das Böse? Auch die christliche Lehre hat einen Begriff davon. Für sie ist es die menschliche Hybris, die annimmt, vermöge des Verstandes selbst die Rolle Gottes spielen zu können. Das „Böse“ ist für Marcuse mithin etwas völlig anderes als für den Papst. Beide stehen für entgegengesetzte Glaubensüberzeugungen. Soll nun Demokratie tatsächlich zulassen, dass ein Lager zum Lügnerclub und das andere zur Schmiede objektiver Wahrheiten erklärt wird? Marcuse will genau das. Wörtlich schreibt er: „Dass rückschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden können, dass Intoleranz auch gegenüber dem Denken, der Meinung und dem Wort geübt wird (Intoleranz vor allem gegenüber den Konservativen und der politischen Rechten) – diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tatsächlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis für allseitige Toleranz zerstört hat.“ Absolute Toleranz also darf es nicht geben, denn Toleranz ist nur gut und richtig, solange das Gute und Richtige von ihr geschützt wird. Sie wird problematisch, wo sie „falsches“ Denken schützt wie etwa in der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegsjahre, einem Staat, der es – oh Graus – duldete, dass sich „alle Standpunkte vernehmen“ ließen: „der Kommunist und der Faschist, der Linke und der Rechte, der Weiße und der Neger, die Kreuzzügler für Aufrüstung und die für Abrüstung. Ferner wird bei Debatten in den Massenmedien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intelligente, der Ununterrichtete darf ebenso lange reden wie der Unterrichtete, und Propaganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falschheit.“ Gegen diese „reine Toleranz von Sinn und Unsinn“ wendet sich Marcuse mit der Begründung, dass das Volk nicht den Zugang zu der nötigen „Erkenntnis“ habe und daher auch nicht „autonom“ denken könne. Das macht aus seiner Sicht eine Reform des Toleranzbegriffs erforderlich, seine Aufspaltung in eine richtige, die „befreiende“, und eine falsche, die „repressive“ Toleranz: „Befreiende Toleranz würde mithin Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links.“ Dieses Denkmodell lebt in unserer Gegenwart fort – wahlweise als krude, linksaltkluge Besserwisserei oder als grüne Hypermoral. Einer Bewegung wie Extinction Rebellion, die soeben das Licht der Weltanschauungen erblickt und bereits für erste Schlagzeilen gesorgt hat, liefert sie das nötige intellektuelle Rüstzeug für ihren absolutistischen Feldzug gegen Falschdenker. Die radikalen „Klimaretter“ kommen nämlich nicht plötzlich aus dem politischen Niemandsland hervorgekrochen. Sie entstammen linken Zirkeln, in denen man schon länger davon träumt, die gesamte westliche Zivilisation mit dem grünen Band der Despotie fest zu verschnüren, um sie anschließend als Frachtgut in ein Morgen verschicken zu können, in dem die Sonne der sozialen Gerechtigkeit niemals untergeht.

Dabei ist es vermessen und wirkt im Licht des Scheiterns des real existierenden Sozialismus geradezu grotesk, das, was Marcuse als Kräfte des Fortschritts identifiziert, zu den einzig legitimen Bauherren einer allein seligmachenden Gesellschaftsform zu deklarieren. Seinen Fortschritts- und Vernunftglauben setzt der Linkstheoretiker absolut. Er negiert damit in letzter Konsequenz die Freiheit, die, wie Rosa Luxemburg es ausdrückte, immer zuerst die „Freiheit des Andersdenkenden“ ist. Marcuses Hang zur Repression deckt sich mit der Erfahrung, dass jeder Versuch, Antworten aus dem Marxismus kompromisslos in gesellschaftliche Wirklichkeit zu überführen, bisher noch jede liberale Demokratie oder Bewegung dorthin zertrümmert hat. Man muss sich nur ansehen, was aus der Volksrepublik China geworden ist, die vielen linken Intellektuellen zu Marcuses Zeiten noch als Muster für eine gerechtere und humanere Weltordnung diente. Mao und Ho Chi Minh – beide schlimmster Verbrechen am eigenen Volk schuldig – waren gleichsam die Säulenheiligen der Achtundsechziger-Bewegung. Dennoch ist der linke Irrglaube über seine Denkfabriken, die Universitäten, fest in den westlichen Gesellschaften implantiert, so fest, wie Marcuse zu seiner Zeit den imperialistisch-militaristischen industriellen Komplex an den Schalthebeln der Macht sah, gedeckt durch die ideologische Vorherrschaft des Konservatismus. Insbesondere die Medien, „selber bloße Instrumente ökonomischer und politischer Macht“, betrachtete er als Erfüllungsgehilfen dieses Establishments. „Unter der Herrschaft der monopolistischen Medien“, schimpfte er, „wird eine Mentalität erzeugt, für die Recht und Unrecht, wahr und falsch vorherbestimmt sind“. An dem Punkt immerhin ist der philosophische Kopf der Studentenunruhen beklemmend aktuell. Die Mentalität, die die Medien von heute erzeugen, ist die des absoluten Klima-Kotaus und der totalen Greta-Hörigkeit. Aber, hoppla, da ist ja schon ein erster kleiner Fleck am Lack des repressiv-toleranten Öko-Faschismus. Dieter Nuhr sei Dank.


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