19. September 2019

Äußerungen von Herbert Grönemeyer Die Forderung nach Diktatur findet wieder einen Markt

Wie hungrige Krokodile schnappen wir nach dem Fleisch, das man uns hinhält

von Dushan Wegner

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Bildquelle: taniavolobueva / Shutterstock.com Kämpft gegen rechts: Herbert Grönemeyer

Vor drei Jahren berichtete die niederländische Polizei von einer Razzia gegen Drogendealer. Nicht, dass in den Niederlanden gegen Drogendealer vorgegangen wird, ist das Spektakuläre – auch dort sind nicht alle Drogen legal, und Cannabis nur unter bestimmten Bedingungen. Es ging um illegale synthetische Drogen, und das Spektakuläre war, wie das Lager der Dealer bewacht wurde.

Die Polizisten durchsuchten insgesamt sieben Häuser, und sie fanden unter anderem Crystal Meth im Wert von einer halben Million Euro, 300.000 Euro in bar und einige Waffen – doch das eigentlich Spektakuläre war, wie das Geld bewacht wurde: Vor dem Raum mit dem meisten Geld waren zwei Krokodile (!) positioniert. Wenn man das Geld wollte, musste man erst die zwei Krokodile passieren. Wer auch nur ein wenig Abenteurergeist verspürt, der fragt sich an dieser Stelle, rein theoretisch natürlich, wie er es anstellen würde, die Tiere zu passieren.

Die Krokodile erinnern natürlich an den dreiköpfigen Zerberus, der das Höllentor bewacht. In einer Sage wurde der Höllenhund an die Oberfläche gebracht, auf dass aus seinem tropfenden Speichel giftige Blumen wuchsen. Nach einem Bericht wurde der Höllenhund durch Leierspiel und Gesang besänftigt, nach einem anderen schlicht durch Dreck, der den Höllenhund an Honigkuchen erinnerte. Doch, wir

alle wissen, wie man Höllenhunde, ganz gewöhnliche Straßenhunde und damit auch Krokodile wirklich bannt, und es ist weder mit lieblichen Liedern noch mit süßen Schnittchen.

Wie könnte einer, der verrückt genug ist, den Krokodilen das Geld stehlen zu wollen, es anstellen? Die naheliegendste Antwort wäre wohl: Wirf den Krokodilen ein blutiges Stück Fleisch hin, und dann lass sie darum kämpfen. Es wird ein Spektakel werden, und das Spektakel macht dir den Weg frei, zu stehlen, wonach es dir in der Dunkelheit deines Herzens begehrt.

Von grölenden Massen

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Deutscher vor Tausenden johlender Österreicher brüllt, weil die Politiker „schwächelten“, müsse man jetzt selbst „diktieren“, wie Gesellschaft auszusehen habe – ja, wir reden von Grönemeyer. Sein letztes Album ist „politisch“, und mit „politisch“ ist gemeint: was die Regierung hören will. Grönemeyer marschiert mit im „Kampf gegen rechts“. International renommierte Musikfachblätter wie der „General-Anzeiger“ aus Bonn wissen es zu würdigen: „Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundgeraunes vehementer in politische Gefilde vor.“

In Wien grölte Grönemeyer nun in die aufgepeitschte Dumpfheit einer johlenden Masse hinein, wie er sich dieses Vorpreschen vorstellt: „Wenn Politiker schwächeln, dann liegt es an uns, zu diktieren, wie ‘ne Gesellschaft auszusehen hat.“ Die üblichen allzu hell flammender demokratischer Begeisterung allzu oft Unverdächtigen von Staatsfunk bis Regierung waren von so viel diktatorischem Ungeist angetan – muss man ihre Namen überhaupt noch nennen? Man will es nicht – ich will es nicht. Grönemeyer und seine Plattenfirma sind Geschäftsleute. Wer in Deutschland heute gute Geschäfte machen will, der tut klug daran, zu wollen, was die Regierung will. Wenn früher alternde Rockstars aus dem Rampenlicht zu verschwinden drohten, zerlegten sie ein Hotelzimmer oder zogen sich im „Playboy“ aus. Eine Zeitlang war es Mode, Kinder aus Afrika zu adoptieren. Heute, besonders in Deutschland, liefern Künstler der Regierung eine willige Masse, die zu nichts entschlossen und doch zu allem bereit ist, und Grönemeyer liefert eine Masse, die johlt und applaudiert, wenn der Herr mit einer sich überschlagenden Stimme brüllt, man müsse „diktieren“, wie eine Gesellschaft auszusehen habe, auch an demokratisch gewählten Politikern vorbei.

Es ist erschreckend, aber nicht überraschend, wenn der „Spiegel“, der Staatsfunk, Deutschlands peinlichster Minister und andere Wahrheitsprofis in die blanke Forderung nach Diktatur einstimmen. Und doch, weder Grönemeyer noch Maas sind für mich das Erschreckendste an der wenig demokratischen Szene in Wien. Im letzten Text, „Wir und die Nashörner“, riss ich an: „‚Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat‘, brüllte diese Woche ein Musiker mit viel ‚Haltung‘ einer Masse von Zigtausenden zu, und die tumbe Masse johlte, und eserinnert mich an gewisse Schwarzweißaufnahmen von früher, und seine Stimme überschlug sich, und Ionesco hätte es übersetzt: ‚Wir Nashörner werden diktieren, wer hier wie leben darf, und wer nicht.‘“

Grönemeyers Aussagen klingen wie die Forderung nach einem säkularen Gottesstaat, wo die angeblich „Guten“ ohne demokratische und rechtsstaatliche Kontrolle „diktieren“, was gedacht und gesagt werden darf. Das eigentlich Erschreckende an Grönemeyers wenig demokratischem Gegröle ist aber die Erkenntnis, dass er als Geschäftsmann einen Markt für totalitäre Forderungen erkannt zu haben scheint.

Und doch, bei allen Nashörnern, die durch unsere Straßen trampeln, metaphorisch gesprochen, sind auch diese – man könnte sagen: vor allem – eine Ablenkung. Wie hungrige Krokodile schnappen wir nach dem Fleisch, das man uns hinhält, währenddessen kann der Einbrecher sich am Geld vergreifen.

25-Prozent-Garantie für Schlepper

Während die Twitter-Krokodile sich darum stritten, ob Forderungen nach Diktatur akzeptabel sind, wenn das gesunde Linksempfinden sie für moralisch gut befindet, konnten einige andere Meldungen komfortabel untergehen.

Merkels bayerischer Schemelvorleger Seehofer hat bekräftigt, dass Deutschland ein Viertel der via Schlepper und NGOs nach Italien eingereisten Migranten übernehmen wird. „Na also, geht doch, ein erster Schritt ist gemacht“, kommentiert die „Süddeutsche“. Wenn Deutschland stolze 25 Prozent übernehmen will und Frankreich ebenfalls – welches Signal wird dadurch nach Afrika geschickt? Richtig: Deutschland gibt eine 25-Prozent-Garantie an die Schlepper ab, ihre Kundschaft direkt aufzunehmen. Deutschlands 25-Prozent-Garantie an Italien ist, wenn man es realistisch betrachtet, eine 100-Prozent-Garantie an Afrikas Schlepperindustrie, denn man wird Prozent 26, 27, 28 und so weiter kaum abweisen. Wer es sich, durch welche Geschäfte auch immer, leisten kann, einen Schlepper zu bezahlen, wird sich dieses Lotto-Ticket gern zulegen – als Hauptgewinn winkt lebenslanges All-Inclusive in Deutschland. Seehofer verteidigt, es werde doch nur das Bestehende formalisiert, doch das ist trügerisch – es handelt sich um eine Garantie ohne Limit in absoluten Zahlen! Nun können ganz offiziell die absoluten Zahlen beliebig nach oben gehen, es sind ja „nur“ 25 Prozent der Migranten, die Deutschland sich von den Schleppern und NGOs abzunehmen verpflichtet. Wenn sich die Zahlen verdoppeln oder verzehnfachen sollten, wird man weiter beteuern, es seien „nur“ 25 Prozent? Man kann verstehen, dass gewisse Mächte dankbar sind, wenn alternde Rockstars etwas undemokratisches Fleisch vor die Krokodile werfen, damit diese abgelenkt sind.

Und doch, und weiter: Deutschlands 25-Prozent-Garantie für Afrikas Schlepper ist nicht die einzige Meldung, über die der Bürger mit „Haltung“ nicht nachdenken sollte, wenn er nicht „Rechtsextremer“ genannt werden möchte! Wer nicht schnappt, der ist ein „Nazi“!

Der ehemalige Banker Emmanuel Macron hat kürzlich in einer Rede vor Botschaftern erklärt, dass wir „das Ende der westlichen Hegemonie“ erleben. Was könnte das praktisch bedeuten? Egal, werft den Krokodilen etwas Fleisch hin, haltet sie beschäftigt.

Es gibt neue Videos und Fragen zum Breitscheidplatz-Attentat. „Telepolis“: „Videomaterial zum Anschlagsgeschehen wirft Fragen auf – Abgeordnetenhaus verklagt Bundesinnenministerium – Bundeskanzlerin in Abschiebungen von Amri-Komplizen involviert?“ Werft den Krokodilen verdammt noch mal mehr Fleisch hin! Welche alternden Showstars könnten noch gegen die Demokratie hetzen? Oder könnte jemandem vielleicht der Showbikini platzen? Egal, Hauptsache niemand schaut hin oder denkt gar darüber nach, was wirklich passiert! Das Leben muss weitergehen, und mit „Leben“ meinen wir Ereignisse wie Erstklässler-Einschulungen, die mit Polizei-Großeinsatz und verletzter Beamtin enden.

Ein Stück vom Bein

Wir Krokodile reißen uns um das Stück Fleisch, das uns hingeworfen wird. Ich will ehrlich sein, nicht zuletzt zu mir selbst: Auch ich bin eines der Krokodile, die schnappen und reißen, wenn ein saftiges Fleischstück in die Debatte geworfen wird. Ich nenne es meinen demokratischen Reflex, der sich einfach nicht damit abfinden will – noch nicht –‍, wenn ein deutscher Lautsprecher auf die Masse einbrüllt und Diktatur fordert.

Doch die Frage quält natürlich: Was machen wir Krokodile, wenn wir kein Fleisch abbekommen? Wie sicher sind wir, dass es nicht längst feststeht, dass die Demokratie auch in Deutschland und Europa der schwindenden Sicherheit folgen wird? Die einzigen heute in Deutschland florierenden Branchen sind Propaganda und Meinungsdiktatur – während etwa die Autoindustrie aktiv bekämpft wird. (Geschäftsidee: Schulungen, die Auto-Facharbeiter zu Zensoren umschulen.)

Man findet bei Youtube das Video einer Krokodilfütterung, da wird den Tieren ein

Stück Fleisch hingeworfen, doch eines der Krokodile, im Blutrausch, beißt in das Bein eines Kollegen, reißt den Fuß ab und frisst ihn auf. Ich mache mir Sorgen, dass uns als Gesellschaft womöglich Ähnliches widerfährt.

Einige vertragen keine Laktose, andere vertragen die Lügen nicht, die man „Haltung“ nennt, und wer mit Lügenunverträglichkeit gestraft ist, der fühlt sich heute wie einer, der keine Laktose verträgt, in einem Restaurant, wo jede einzelne Speise auf Milch basiert – man hat Bauchweh und will sich übergeben.

Sicher, es gibt sie, die bezahlten Heuchler, Propagandisten und Staatsfunker, die sagen, was man für Geld sagen muss, doch es gibt auch ihre Opfer, die wirklich zu glauben meinen, dass es moralisch „gut“ sein kann und ist, die Parolen der Propaganda nachzuplappern. Und dann gibt es Leute wie uns, die schlicht ohne die Fähigkeit geboren wurden, ihr Inneres zu verbiegen und deren „Haltung“ genannten Lügen zu glauben.

Die Fronten in Deutschland sind klar wie nie: Die Guten sind bereit, im Namen ihrer sogenannten „Moral“ nach Diktatur zu brüllen. Wer aber Demokratie und Rechtsstaat fordert, so einer gilt der Propaganda als böse.

Man wirft uns Fleischbrocken hin, wie den Krokodilen. Eine der Gefahren ist, dass wir von den wirklich wichtigen Fragen abgelenkt werden. Eine andere Gefahr ist, dass wir einander ein Bein abreißen.

Seid nicht wie die, die sich heute „gut“ nennen, denn die Guten tun sehr böse Dinge. Seid nicht wie die, die laut „Ja“ grölen, wenn nach Diktatur gerufen wird. Seid, solange ihr Kraft habt, durchaus wie Krokodile, die die Demokratie und die Anständigkeit verteidigen, doch bleibt selbst auch demokratisch, nicht wie die sogenannten „Guten“.

Wisst bei all dem, dass das Fleisch, das euch vorgeworfen wird, auch nur Ablenkung sein kann. Vor allem aber achtet darauf, dass euch keiner beim Kampf ums Fleisch ein Bein abreißt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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