13. September 2019

Freiheitliche Reformen und Aufbau libertärer Strukturen Heterarchie, eine fundamental libertäre Ordnung

„Zerstückelung“ von Hierarchien in kleine Einheiten

von Edwin J.F. Delsing

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Bildquelle: shutterstock Verkörpern das libertäre Ordnungsprinzip der „Heterarchie“: Neuronale Netzwerke

1945 wurde von Warren S. McCulloch, einem amerikanischen Neurophysiologen und Kybernetiker, der Begriff „Heterarchie“ („heterarchy“) eingeführt, um Reaktionen von Nervenzellen in neuronalen Netzwerken zu beschreiben. In seinem bahnbrechenden Beitrag vergleicht er Reflexe, die er als Auswirkung von Feedback-Mechanismen betrachtet, mit der komplexen Inferenz im neuronalen Netz, basierend auf „sub‑, super- or co-ordination of reflexes“ („Unter‑, Über- oder Neben-Ordnung von Reflexen“), namentlich wenn zwei gleichzeitig auftretende Reflexe einander entgegenwirken. Er beschreibt zuerst in eindrücklicher Weise, wie sich Steuerungskreise aufgrund von „Wertvorstellungen“ („hierarchy of values“) hierarchisch unter- beziehungsweise überordnen könnten, aber anschließend hält er aufgrund empirischer Tatsachen fest, dass es in der Wirklichkeit keine gemeinsame Rangordnung der Werte gibt. Es folgt: „Ein Organismus, der über ein Nervensystem mit mindestens sechs Neuronen verfügt, ist hinreichend ausgestattet, um nicht von irgendeiner Theorie, die auf einer Rangordnung von Werten beruht, berechenbar zu sein. Er hat eine Heterarchie von Werten und ist darum zu reich an Verbindungen, um sich einem ‚summum bonum‘ (‚höchsten Gut‘) zu unterwerfen.“

Der Artikel ist ein so gewaltig komprimiertes, in unkonventionellen mathematischen Begriffen gefasstes fundamentales Statement, dass der Begriff „Heterarchie“ erst mit jahrelanger Verzögerung in anderen Wissenschaftsdomänen Einzug gehalten hat. Inzwischen ist „Heterarchie“ kein Fremdwort mehr in der Informatik und beherrscht die Entwicklung neuartiger Inferenzmethoden für Anwendungen der „künstlichen Intelligenz“, die auf „neuronaler“ Netzwerktechnologie basieren. Die Einsicht, dass „Wahrheit“ in verschiedenen „Kontexturen“ („contextures“) gleichzeitig anders, sogar entgegengesetzt sein kann, dass in Wirklichkeit Nebenordnungen statt der oft stark überbewerteten hierarchischen Über- und Unterordnung für den Erfolg eines Systems maßgeblich sind und heterarchisch strukturierte organische und menschliche Systeme stärker, beweglicher und anpassungsfähiger sind, hat zu Beginn dieses Jahrhunderts die Theorie der Organisation von Großunternehmen erreicht.

Bedeutung für den Libertarismus

Der Schritt von den Erkenntnissen McCullochs über Wirkungsmechanismen neuronaler Netzwerke hin zum Libertarismus mag gewagt erscheinen, jedoch wurde der ursprünglich systemtheoretische Begriff seit den 70er Jahren bis heute in der Organisationstheorie von Unternehmen bis zur weltanschaulichen Strömung der internationalen Beziehungen zwischen Staaten weiterentwickelt.

Es gibt wichtige Gemeinsamkeiten zwischen dem Systembegriff der Heterarchie und libertären Gesellschaftskonzepten. Der Libertarismus geht aus von der Souveränität des individuellen Handelns, ohne die freie Willensbildung des anderen in Frage zu stellen. Die Voraussetzung für freies Handeln von Individuen ist eine freiheitliche, möglichst wenig hierarchisch strukturierte Wirtschafts- und Sozialordnung, die prinzipiell auf dem Naturrecht der individuellen Selbstbestimmung beruht und Gesetzeswerke diesem Naturrecht unterordnet. Libertäre meinen, dass Gesetze und Hierarchien nur insoweit zu Recht bestehen, wie sie den Individuen dienen und von diesen Individuen über freie Absprachen kontrolliert werden können. Hierarchische Systeme sind in dieser Vorstellung den heterarchischen Systemen eher untergeordnet. Libertäre handeln nach ihren eigenen Werten und Moralvorstellungen. Leitsatz der Libertären ist oft: „Ich möchte über keinen regieren, möchte aber auch von keinem regiert werden“, oder: „Ich bin mein eigener Herr“. Wenn das Naturrecht der Selbstbestimmung – in Selbstverantwortung eigene Entscheidungen zu treffen – von irgendeiner (kollektivistischen) Machtstruktur eingeschränkt wird, wehren sich Libertäre mit aller Kraft und suchen nach Wegen, solchen Machtstrukturen zu entkommen. Libertäre unterwerfen sich in der Regel keinem extern definierten „summum bonum“, keinem „höchsten Gut“. Das höchste Gut, oft gleichgesetzt mit dem „Gemeinwohl“, wird für sie nicht von oben dekretiert, sondern baut sich in Wirklichkeit aus der Intention und Interaktion einer Menge einzelner, sich untereinander respektierender Akteure auf, wobei es dem Individuum freisteht, daran teilzunehmen oder nicht. Das ist keine Anarchie, sondern reinste Heterarchie. Aus dem Vorhergehenden dürfte klargeworden sein, dass dies aus kybernetischer Sicht für Menschen natürlich und richtig ist, denn wir Menschen haben mehr als sechs Neuronen: Unser Verhalten wird unserem Wesen entsprechend heterarchisch, nicht (von außen) hierarchisch bestimmt.

Der Libertarismus steht nicht ohne guten Grund in einem Spannungsverhältnis mit unseren hiesigen und heutigen westeuropäischen Zwangs-Sozialdemokratien, denn diese Staaten sind (außer der Schweiz) auf Verfassungen basiert, die monarchisch-revisionistischen Hierarchievorstellungen entspringen und sich in vielen Bereichen den heutigen kollektivistischen Vorstellungen von „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ angepasst haben. Der Gleichheitsgrundsatz „vor dem Gesetz“ scheitert schon an der Gegebenheit, dass jeder Fall anders gelagert beziehungsweise anders „kontextualisiert“ ist, und der Brüderlichkeitsgrundsatz scheitert an der biologischen Wirklichkeit, dass „wir“ nicht alle „Brüder“ beziehungsweise „Schwestern“ voneinander sind.

Libertäre mögen indessen Unterschiede zwischen Individuen sehr und betrachten andere entweder als Freunde, als Austauschpartner, oder auch gar nicht (so zum Beispiel Howard Roarks Antwort gegenüber seinem Widersacher Ellsworth Toohey im Roman „Der Ursprung“ von Ayn Rand auf dessen Frage, was er von ihm denke: „Ich denke gar nichts über Sie“). Sie bilden mit anderen Individuen in erster Linie Netzwerke und organisieren auf freiwilliger Basis Strukturen (Familien, Unternehmen, Vereine, Kollektive, ...), die, insgesamt betrachtet, auf Verbesserung der Situation eines jeden Einzelnen zielen. Anerkennung der anderen als „Bruder“ oder „Schwester“ (mit zugehöriger Versorgungspflicht) geschieht in der Natur sowie in der Bibel (Kain und Abel) eher nach individueller freier Entscheidung als durch autoritär – vom „demokratischen“ Großen Bruder – angeordnete Umverteilung des Besitzes. Die Arten der Beziehungen in heterarchischen Netzwerken sind durch die Individuen frei wählbar, sie können nicht zwingend einer gemeinsamen hierarchischen Struktur unterstellt sein.

Dass auch zwischen multinationalen Unternehmen und zwischen Nationen heterarchische Strukturen zu erkennen sind, täuscht nicht darüber hinweg, dass aus libertärer Sicht die individuellen Akteure in der menschlichen Gesellschaft als elementare (nicht weiter teilbare) Knotenpunkte in heterarchischen Netzwerken zu betrachten sind. So gesehen kann der Begriff der Heterarchie einen wichtigen Beitrag zur Definition und Verwirklichung des libertären Gedankenguts liefern, sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich.

Ausblicke und Folgerungen

Die Nebenordnung von Akteuren ist unerlässlich für einen bekannten Begriff: den der Konkurrenz. „Heterarchie“ beschreibt meines Erachtens nicht mehr und nicht weniger als den kybernetischen Grundsatz der Konkurrenz. Eine Welt, in der alternative „Wahrheiten“ in unterschiedlichen Kontexten bestehen und einander ohne Behinderung beeinflussen können, ist lernfähig, entwicklungsfähig und letztlich überlebensfähig. So betrachtet sind heterarchisch organisierte Strukturen wesentlich für das Fortbestehen von Organismen, denn sie verhindern, dass ein Organismus für sich selbst zum Systemrisiko wird und abstirbt.

In Europa dominiert anno 2019 noch der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat. Aus libertärer Sicht ist dieser Wohlfahrtsstaat ein immer weiter mit Gesetzen und Regulierungen durchzementiertes Ungetüm geworden, das sich in Sachen Bürokratie und Konsumismus kaum noch überbieten lässt und so allumfassend geworden ist, dass es aus kybernetischer Sicht ein systemisches Risiko für die menschliche Gesellschaft darstellt. Manche erwarten und mögen sogar hoffen, dass der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat sich selbst erwürgt, dabei vielleicht vergessend, dass die meisten von uns beim Niedergang ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen würden.

Deshalb ist es unerlässlich, dass mitten in den Sozialstaaten libertäre Alternativen aufgebaut werden, die in Konkurrenz zur dominierenden Sozialdemokratie stehen. Der Libertarismus hat da einiges an Konzepten zu bieten. Als Erstes gilt es meiner Meinung nach, aufgrund des Naturrechts der individuellen Selbstbestimmung, das individuelle Recht auf einen Austritt, ein „Opting Out“, aus Teilen des Wohlfahrtsstaates einzufordern. Ein Beispiel dafür ist der aktuelle Ruf nach einem „Opting Out“ der jungen Generation vom unterfinanzierten Rentensystem.

Alle, die solche Forderungen stellen, sind sich bewusst, dass sie im Austausch mit dem Rest der Gesellschaft stehen, und werden veranlasst sein, sich alternativen Strukturen der Vorsorge, gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit anderen, anzuschließen beziehungsweise selber solche Strukturen zu schaffen. Zum Grundsatz heterarchischer Systeme gehört auch die Variante, dass sogar die gesamte Fragestellung verworfen werden kann, was wieder zu „Out of the box“-Lösungen führen kann.

Eine oft gehörte Kritik an „abtrünnigen“ Vorstellungen ist der Mangel an Realitätssinn: „Die Gesellschaft ist so komplex, da baut man sich nicht so einfach neue, eigene Strukturen auf.“ Oder der Mangel an „Solidarität“: „Wer seinen Beitrag nicht leisten will, kann wegziehen.“ (Anmerkung: Der Autor wird von seinem Herkunftsstaat als niederländischer Untertan betrachtet, genießt aber gegen Bezahlung seit 30 Jahren schweizerisches Gastrecht, dafür herzlichen Dank an den helvetischen Souverän!) Doch übersehen diese Argumente die bereits bestehenden Vorbilder. Was ist denn ein Kloster anderes als eine Alternative zu einem Leben in „weltlicher“ Knechtschaft? Weshalb leben „Fahrende“ (Roma, Sinti) freiwillig in ihren eigenen Strukturen? Und wie sollen wir den Anspruch vieler Muslime auf das Primat der gottgegebenen Scharia anders verstehen denn als eine Parallelstruktur zum „demokratischen Rechtsstaat“? Oder denken wir mal an die Expat-Communitys in den oberen Organisationsebenen der multinationalen Unternehmen. Diese werden mehr noch als die vorgenannten Gemeinschaften konfrontiert mit der Relativierung von „Staatsangehörigkeit“, „Fiskaldomizil“, „internationaler“ Schulbildung ihrer Kinder, und so weiter. Ihr „soziales Auffangnetz“ besteht oft aus einem Bankkonto in Dubai oder Singapur, während für die „ansässigen“ Bevölkerungen unserer Länder das „soziale Auffangnetz“ mehr den Charakter eines Schleppnetzes hat, das so viele Beitragszahler wie möglich einfängt und in überteuerte Mono- beziehungsweise Oligopolsysteme einbindet.

Und auch ohne einer privilegierten „Gemeinschaft Andersgläubiger“ anzugehören, gibt es für Individuen so manche Strategien, sich dem Fiskalstaat zu entziehen oder ihm sogar aktiv entgegenzuwirken: ein Domizil in Paraguay, der wirtschaftsproduktive Streik nach Randscher Vorgabe, Verweigerung von Unterstützung der Staatsgewalt nach dem Ratschlag von Étienne de La Boétie: „Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!“, ein „Perpetual Traveler“-Dasein, der Aufbau kreativer Unternehmensstrukturen, ein Parasitendasein im Sozialsystem, und so weiter. Nur wird es selten lauthals ausposaunt: In der Sozialdemokratie gilt man schnell als „asozial“.

In allen genannten Beispielen entziehen sich Individuen mittels alternativer Strukturen irgendwie dem Wohlfahrtsstaat der Sozialdemokraten. Es gibt also keinen Mangel an Realitätssinn.

Heterarchische Staatsreformen oder Aufbau libertärer Strukturen?

Ganz nach der Perspektive der heterarchischen Organisationsstrukturen könnten wir gleichzeitig über Neugründungen von libertär inspirierten Strukturen wie auch über libertäre Staatsreformen sprechen, denn beide Betrachtungsweisen haben Gültigkeit in ihrem eigenen Kontext und stehen eher in Konkurrenz als im Gegensatz zueinander. Es geht meines Erachtens darum, beide zu fördern.

Die Aufgabe von libertären politischen Parteien ist es unter anderem, den Staat von innen heraus von der ur-monarchischen (hierarchischen) Struktur hin zur feinverteilten Netzwerkstruktur einer freien Marktwirtschaft ohne dominierendes Staatswesen zu reformieren. Ein Beispiel dafür ist die Zurückweisung der monarchischen Staatsform. Nicht weil man dem Monarchen nicht seine Souveränität gönnt, sondern aus dem Grunde, dass die meisten Menschen von Natur aus ebenfalls souverän sind. Zur Auflösung des monarchischen, hierarchischen Staatsverständnisses gehört auch, zentralistisch organisierte Gemeinwesen in feinste Teile zu zerstückeln. Ebenso wie die meisten Einwohner eines Landes nicht aus freiem Willen einen „Gesellschaftsvertrag“ mit einem Staat unterschrieben haben, steht es auch nirgends festgeschrieben, dass die „res publica“ zwangsläufig in ein allumfassendes Staatsmonopol münden muss oder dass der Staat nur als singuläre Einheit Bestand hat. Das politische Modell der Schweiz wird oft als Beispiel für ein geglücktes Alternativmodell zum zentralistischen, hierarchisch organisierten Staat hervorgehoben, denn die Kommunen entscheiden über etwa 50 Prozent der öffentlichen Ausgaben, die Kantone haben große Autonomie, und der Bund hat „nur“ die Kompetenzen, die an ihn delegiert wurden. In der Schweiz gibt es 23 Kantonsparlamente und ebenso viele Staatsverfassungen wie Kantonsregierungen. Die Kantone stehen zueinander im Steuerwettbewerb, und dort, wo es keine Erbschaftssteuer gibt, sprießen die palliativen Vorsorgeeinrichtungen aus dem Boden. Doch auch in der Schweiz werden aus libertärer Sicht untragbare Ungetüme herangezüchtet, wie zum Beispiel die Zwangsfinanzierung der staatlichen Rundfunkgesellschaft. Man ist auch hier sehr weit von einer heterarchischen Nebenordnung aller Rundfunkgesellschaften entfernt, mit allen verknappenden Folgen für die Informationsversorgung.

Um in einer bestehenden Staatsordnung heterarchische Strukturen zu ermöglichen, müssen bestehende Hierarchien in ihrem Machtbereich herabgestuft werden, so dass sie den Heterarchien untergeordnet sind. Hierarchie wird oft fälschlich als „komplementär“ zu Heterarchie dargestellt, obwohl aus der kybernetischen Theorie klar ist, dass eine heterarchische Ordnung keiner Hierarchie unterstellt sein kann, während innerhalb heterarchischer Strukturen Hierarchien vorkommen können, die dann aber ausschließlich nach freier Willensentscheidung der Teilnehmer entstehen, während abweichende, „unwillige“ Akteure sich den Hierarchien der anderen entziehen können. Ich kann zum Beispiel aus der Kirche austreten, wenn sie mir nicht gefällt. Aus der Staatsreligion jedoch könnte man offenbar nach deren selbstgemachten Gesetzen nicht austreten.

Die gewünschte „Zerstückelung“ der Hierarchien in kleine Einheiten geht so weit, bis sie genügend Akteure gefunden hat, die sich mit der hierarchischen Struktur anfreunden können. Es geht darum, die Entscheidungsbefugnisse vom Großkollektiv hin zu einzelnen Individuen zu verschieben und niemanden gegen seinen Willen zur Unterordnung unter ein System zu zwingen. Es bedeutet im Wesentlichen, dass Individuen in Entscheidungsprozesse, die sie betreffen, mit einbezogen werden, das Ende der „Politikverdrossenheit“. Es bedeutet ebenfalls eine weitgehende Trennung der verschiedenen Einflusssphären des Staates.

Funktionelle „kollektive“ Aufgabenbereiche wie Bildung, Gesundheitsvorsorge, Unterstützung von Bedürftigen, Verteidigung, Sicherheit und so weiter können wie Unternehmen unterschiedlichen „Regierungen“ unterworfen werden, die auf verschiedenen Ebenen miteinander in Kontakt stehen. Weshalb müssen wir daran glauben, dass es am effizientesten ist, dies alles einem einzigen Monopolstaat zu überlassen? Es ist ein Trugschluss, dass eine einzige Regierung in allen Aspekten der „res publica“ die ultimative Kompetenz hat. Verteilung von Kompetenzen auf mehrere Entscheidungsträger ist ein Kennzeichen von heterarchisch organisierten Strukturen.

Wenn libertäre Staatsreformen in den heutigen und hiesigen Scheindemokratien auch etwas utopisch klingen (ist doch die demokratische Mehrheit der Bevölkerung oft abhängig vom starken „Vater Staat“), wären solche Reformen nicht unbedingt schädlich oder negativ für die heutigen Nutznießer des Staatswesens. Durch mehr „Konkurrenz“ und bessere Kompetenzverteilung dürfte ein erheblicher Mehrwert geschaffen werden, von dem alle etwas abbekommen würden. Zudem sinkt seit einiger Zeit das Vertrauen der Bevölkerungen in die Institutionen der Versorgungsstaaten kontinuierlich, weshalb der Autor dieses Beitrags etwas optimistischer ist bezüglich der Akzeptanz der Notwendigkeit weitgehender Staatsreformen. Es lohnt sich, den Kampf der Argumente auf politischer Ebene anzugehen und das Feld nicht den Zwangskollektivisten sozialistischer, grüner oder brauner Signatur zu überlassen.

Parallel zum Anstreben von Staatsreformen setzen Libertäre neue Konzepte für alternative Strukturen zum Hochrisikostaat konsequent in die Wirklichkeit um. Der Erfolg einiger dieser Initiativen, zum Beispiel Amazon, Ebay, Airbnb, Uber, Bitcoin und so weiter, verrät die Dringlichkeit: Die Gesellschaft absorbiert sie sofort und heftig.

Sich staatlicher Intervention zu entziehen ist legal möglich durch zum Beispiel: Abmelden des permanenten Domizils in Hochsteuergebieten und Domizilaufnahme in freien Privatstädten beziehungsweise Niedrigsteuergebieten beziehungsweise kontinuierliche Verlegung des Domizils (Personen ohne festen Wohnsitz); privaten Immobilienverkauf an Immobilien-Holdinggesellschaften (zum Beispiel gegen Nutzungsrechte und Anteilsscheine); selbständige Erwerbstätigkeit statt Arbeitnehmerstatus (Arbeitnehmer werden vom Staat mittels der kollektiven Vorsorge vereinnahmt); private Alters‑, Arbeitslosigkeits- und Krankenvorsorge (damit Sie selber Ihr Altersvermögen aufbauen und selber aushandeln, ob von Ihnen abgelehnte Behandlungen mittels Ihrer Grundversicherung mitfinanziert werden); Gründung und Benutzung privater medizinischer Einrichtungen (aus Effizienz- und Vertragserfüllungsgründen); kein unnötiger Konsum (Konsum wird immer stärker besteuert); eigene Erzeugung von elektrischem Strom und Biodiesel für (Auto‑) Mobilität; Wiederbelebung der „grauen“ (nicht staatlich kontrollierten) Wirtschaft bezüglich gegenseitiger Hilfe, Freimärkte, Selbstversorgung und so weiter (mit dem Ziel, Konsumsteuernzu sparen, zudem gibt es nichts besseres für das sogenannte „community building“); Ersatz der „standesamtlichen Heirat“ durch privatrechtliche Verträge (es gibtkeinen Grund, weshalb der Staat sich in private Angelegenheiten einmischen sollte); wo immer möglich Verwendung staatsunabhängiger und nicht-identifizierbarer Tauschmittel (der Staat hat keinen Grund, wissen zu wollen, wie viel Sie wofür ausgeben, außer Fiskalschnüffelei); privatwirtschaftliche Nutzung des eigenen Talents statt es für den Staat einzusetzen (zur Vermeidung von missbräuchlichem „Human Farming“ durch den Monopolstaat); Gründung libertär orientierter Privatschulen und Erarbeiten von geeignetem Homeschooling-Material (die staatliche Ausbildung beruht auf Schulpflicht, libertär orientierte Bildung beruht auf der naturgegebenen Neugier des jungen Menschen); Präferenz für private Beförderungsmittel (zum Beispiel Uber, Blablacar und Flixbus statt subventioniertem Bus und Zug).

Nach heterarchischer Theorie bedienen diese „freien“ Alternativen die Nachfrage einzelner Akteure (sie sind billiger beziehungsweise besser) und könnten im Ernstfall gute Rückfalloptionen werden. Ganz im Einklang mit der Theorie heterarchisch strukturierter Netzwerke erfahren diese Entwicklungen eine große Beschleunigung durch die kostengünstige und praktisch unlimitierte Kommunikation über das Internet und die Smartphone-Technik. Dadurch purzeln viele Preise. Und das Beste: Vieles davon ist ja nicht verboten! Denn das Leben lässt sich nicht verbieten, trotz der abwehrenden Bewilligungs- und Kontrollpsychosen des bürokratischen Staates. Verbote sind „out“, Optionen sind „in“.

Eberhard von Goldammer: „Heterarchie – Hierarchie. Zwei komplementäre Beschreibungskategorien“ (PDF)


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Dossier: Liberalismus

Autor

Edwin J.F. Delsing

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